Monatliches Archiv für Juni, 2010

DJ19: Einer der letzten NS-Verbrecher-Prozesse

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse in Deutschland

Auto­rin: Regina Wam­per

Mit einem Schuld­spruch ging Ende März 2010 einer der letz­ten NS-Verbrecherprozesse in Deutsch­land vor dem Land­ge­richt Aachen zu Ende. Wegen Mor­des in drei Fäl­len wurde der ehe­ma­lige Waffen-SSler Hein­rich Boere, der Mit­glied im Son­der­kom­mando Feld­mei­jer war, zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt. Das Kom­mando Feld­mei­jer tötete unter dem Code­na­men Sil­ber­tanne mehr als 50 ver­meint­li­che Sym­pa­thi­santinnen der Wider­stands­be­we­gung in den Nie­der­lan­den. Für jeden getö­te­ten Nazi wur­den drei „anti­deutsch ein­ge­stellte oder aber als mit Wider­stands­krei­sen zusam­men­ar­bei­tend bekannte Nie­der­län­der“ ermor­det, so auch Fritz Hubert, Ernst Bick­nese, Frans Wil­lem Kus­ters und Teu­nis de Groot. So sollte Wider­stand unter­bun­den werden.

Juris­ti­sche Vorgeschichte

In den Nie­der­lan­den ver­ur­teilte ein Son­der­ge­richt Hein­rich Boere bereits 1949 zum Tode. Das Urteil wurde spä­ter in lebens­lange Haft umge­wan­delt. Boere konnte jedoch noch vor der Urteils­ver­kün­dung flie­hen und lebte seit­her in Eschwei­ler bei Aachen – von deut­schen Behör­den wei­test­ge­hend unbe­hel­ligt. DJ19: Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse’ weiterlesen …

DJ19: Arenen der Identität

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Are­nen der Identität

Fuß­ball­kul­tur und Rassismus

Autor: Jens Zimmermann

Der 19-jährige Stür­mer von Inter Mai­land Mario Balo­telli ist das größte Talent, das der ita­lie­ni­sche Fuß­ball in den letz­ten Jahr­zehn­ten her­vor­ge­bracht hat. Doch wenn er den Platz betritt, dann dau­ert es meist nicht lang, bis ras­sis­ti­sche Gesänge und Rufe durch das Sta­dion hal­len – auch von den eige­nen Fans. Balo­telli ist der Sohn gha­nai­scher Ein­wan­de­rer und besitzt mitt­ler­weile die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Was die Fans von Juven­tus Turin davon hal­ten, konnte man beim Gast­spiel der Inte­risti laut­stark hören: „Es gibt keine schwar­zen Italiener.“In Ita­lien ist man, was ras­sis­ti­sche Fan-Ausfälle angeht, eini­ges gewohnt. Und auch auf dem Platz liegt die Hemm­schwelle nicht gerade hoch. So ent­bot der Stür­mer Paolo di Canio von Lazio Rom nach Toren regel­mä­ßig den faschis­ti­schen Gruß und zeigte dabei seine „Dux“-Tätowierung – und auch der ehe­ma­lige ita­lie­ni­sche Natio­nal­tor­hü­ter Chris­tian Abbiati plau­derte in der Gaz­zetta dello Sport offen über seine Bewun­de­rung für die faschis­ti­sche Ideologie.

Sol­che offe­nen Bekennt­nisse zu Ras­sis­mus und Faschis­mus kennt man hier­zu­lande von Bun­des­li­ga­stars und Natio­nal­spie­lern nicht. Hier bricht das Res­sen­ti­ment eher abseits der Kame­ras aus. DJ19: Are­nen der Iden­ti­tät’ weiterlesen …

DJ19: Transparenz und Umgestaltung

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Trans­pa­renz und Umgestaltung

Die recht­li­che Auto­no­mie der katho­li­schen Kir­che ist unhalt­bar geworden

Autor: Jobst Paul

In sei­ner Kar­frei­tags­an­spra­che (am 2. April 2010 im Peters­dom) meinte der ‚Pre­di­ger des Päpst­li­chen Hau­ses‘, P. Rani­ero Can­tal­amessa, der Zeit­punkt sei gekom­men, die ‚Ver­ge­bungs­bitte für kol­lek­tive Schuld‘ aus­zu­spre­chen — nicht wegen „der Gewalt gegen Kin­der, mit der sich lei­der auch Ele­mente des Kle­rus befleckt“ hät­ten, denn davon sei „drau­ßen genug die Rede“. Viel­mehr ginge es um die „Gewalt gegen die Frauen“, für die die männ­li­che „Hälfte der Mensch­heit“ um Ver­ge­bung bit­ten solle. In einer wei­te­ren über­ra­schen­den Wen­dung nahm Can­tal­amessa für die Kir­che in Anspruch, in der Nach­folge Christi die Gewalt über­wun­den zu haben: DJ19: Trans­pa­renz und Umge­stal­tung’ weiterlesen …

DISS-Journal 19 erschienen

DISS-Journal 19 — Juni 2010

Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Aus dem Inhalt:

Trans­pa­renz und Umge­stal­tung
Die recht­li­che Auto­no­mie der katho­li­schen Kir­che ist unhalt­bar gewor­den
(Jobst Paul)

Well­ness­dis­kurs und neo­li­be­rale Ratio­na­li­tät
All­tags­be­wäl­ti­gung im Zeit­al­ter neo­li­be­ra­ler Ratio­na­li­tät
(Daniel Alings, Jonas Barth, Mathis Eckel­mann, Imo­gen Feld, Phil­ipp Höfe­ner, Mar­tin Hüne­mann, David Kowal­ski und Marina Mohr)

Das Wahr­heits­re­gime pre­kä­rer Ver­hält­nisse
(Niels Spilker)

Are­nen der Iden­ti­tät
Fuß­ball­kul­tur und Ras­sis­mus
(Jens Zimmermann)

Die „Irrun­gen“ eines „Fehl­ge­lei­te­ten“
Der His­to­ri­ker Theo­dor Schie­der und der Natio­nal­so­zia­lis­mus
(Michael Lausberg)

Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse in Deutsch­land
(Regina Wamper)

Exit(us)-Strategie“ in Afgha­nis­tan?
Unser Appell wird täg­lich aktu­el­ler!
(Jür­gen Link)

Kosovo – war da was? Ist da was?
(Eck­art Spoo)

Leben in Viel­falt:
Für eine Poli­tik der Hoff­nung ohne Angst
Ein Mani­fest für ein ande­res Europa

Absage an die Poli­tik der Angst — Inter­view mit Teun A. van Dijk

medico inter­na­tio­nal
Hilfe, die auf Ver­än­de­rung drängt
Inter­view mit Tho­mas Gebauer

Rezen­sio­nen

Ein­bli­cke. Fou­cault­sche und sprach­wis­sen­schaft­li­che Dis­kurs­ana­lyse
(Sieg­fried Jäger)


Netzfundstück: Hymnen, Flaggen, Fangesänge

Der Internet-Sender detektor.fm aus leip­zig sen­dete heute ein Inter­view mit DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zum Thema »Hym­nen, Flag­gen, Fan­ge­sänge — wie weit ist es zur Menschenfeindlichkeit?«.

Anmo­de­ra­tion:

Fuß­ball ver­bin­det. Doch lei­der sind oft­mals auch Ras­sis­mus, Homo­pho­bie und Men­schen­feind­lich­keit mit im Sta­dion. Ein Inter­view über Flag­gen, Hym­nen und die Gret­chen­frage, wie­viel unbe­schwer­tes Fei­ern erlaubt ist.

Eigent­lich ist es ja das nor­malste der Welt: die Flag­gen und Fah­nen, die zur WM über­all auf­tau­chen. Natür­lich drückt man sei­nem Hei­mat­land die Dau­men – und warum sollte man das nicht auch zei­gen. Das Ganze hat aber manch­mal auch eine Kehr­seite – und die ist für die, die im Fei­er­tau­mel sind, nur schwer zu erken­nen: Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit im Sport. Wäh­rend eines sol­chen Groß­er­eig­nis­ses wie der WM tref­fen ver­schie­denste Natio­nen auf­ein­an­der. Die Frage ist also: baut sowas Vor­ur­teile ab? Oder bre­chen sie dadurch erst recht auf?

Dar­über spre­chen wir jetzt mit einem Exper­ten vom  Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung, kurz DISS. Dort wird seit 1987 beob­ach­tet und erforscht, wie sich Rechts­ex­tre­mis­mus, Ras­sis­mus und sozia­ler Aus­gren­zung in der Gesell­schaft ent­wi­ckeln, wie dar­über debat­tiert wird, wo es sich fest­setzt. Die For­scher spre­chen dabei von Dis­kur­sen. Und wie prä­sent sol­che men­schen­feind­li­chen Dis­kurse im Fuß­ball sind, das fra­gen wir Jens Zim­mer­mann vom DISS.

Das Inter­view kön­nen Sie als mp3-Audio-Datei von der Web­site von detektor.fm her­un­ter­la­den (8:20 Minu­ten, 8 MB):

http://detektor.fm/download/?file=/images/uploads/mp3/Jens_Zimmermann_ber_Rassismus_und_Fremdenfeindlichkeit_im_Fuball_WEBSITE_1.mp3

Johann Jacoby, Bürgerrechtler

DISS-Vortrag in Hattingen

Fast auf den Tag zum 205. Geburts­tag, am 2. Mai 2010, erin­nerte Jobst Paul (DISS) in einem Vor­trag in Hat­tin­gen an die denk­wür­dige Bio­gra­phie des Königs­ber­ger Arz­tes, Publi­zis­ten und Bür­ger­recht­lers Johann Jacoby (1805–1877). Jacoby, der zwi­schen 1840 und 1870, also über Jahr­zehnte für soziale Gerech­tig­keit, aber auch für Frei­heits­rechte kämpfte und zeit­weise zum per­sön­li­chen Gegen­spie­ler Bis­marcks wurde, wollte zwar als nicht-religiöser Jude ver­stan­den wer­den, ori­en­tierte sich aber gleich­wohl an den kon­se­quen­ten Gleich­heits­theo­re­men der jüdi­schen Sozi­al­ethik. Ruth Jacoby, die schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin in Ber­lin und Ver­wandte Johann Jaco­bys, war in Hat­tin­gen anwe­send.1

Johann Jacoby – Bürgerrechtler

Johann Jacoby hat sich zeit­le­bens extreme mensch­li­che und poli­ti­sche Span­nun­gen zuge­mu­tet, oder bes­ser: er hat sich oft kom­pro­miss­los in die Span­nun­gen sei­ner Zeit hin­ein­ge­wor­fen. Es ist des­halb kein Wun­der, wenn diese Span­nun­gen auch noch ganz am Schluss, näm­lich bei Jaco­bys Begräb­nis am 11. März 1877, aufbrachen:

Schon Mit­tags – so ein Augen­zeuge — war das Volk von Königs­berg auf dem Uni­ver­si­täts­platze und in den umlie­gen­den Stra­ßen in unzäh­li­gen Mas­sen erschie­nen; Deputa­tionen der socia­lis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, der Arbei­ter Ber­lins, Bres­laus, Ham­burgs, Cölns, Braun­schweigs und ande­rer Städte, der Arbeiter­frauen Ber­lins, der „Ber­li­ner Freien Presse“, der „Frank­fur­ter Zei­tung“, sowie Abge­sandte der demo­kratischen Ver­eine von Ber­lin und von Frank­furt a. M., vom Königs­ber­ger Hand­wer­ker­ver­ein, von der schwäbi­schen Volks­par­tei u. s. w., u. s. w. hat­ten sich vor dem Hause Jacoby’s auf­ge­stellt und hiel­ten rie­sige Lor­beer­kränze in den Händen.“

Berich­tet wird von 5000 Trau­er­gäs­ten allein in Königs­berg (Gedenk­ver­an­stal­tun­gen gab es auch in ande­ren deut­schen Städ­ten). Ursprüng­lich plan­ten die Ver­tre­ter der „Fort­schritts­par­tei“ eine Art Kund­ge­bung am Grab. Da aber die jüdi­sche Gemeinde dort nur kurze Erklä­run­gen dul­dete, dräng­ten sie sich schon zuvor, näm­lich „hin­ter dem Lei­chen­wa­gen mög­lichst auf­fäl­lig in den Vordergrund.“

Die jüdi­sche Gemeinde befürch­tete aber auch eine innere Zer­reiß­probe. Jacoby hatte sich stets als nicht-religiös posi­tio­niert. Wie sollte sich Rab­bi­ner Isaac Bam­ber­ger in sei­ner Anspra­che dazu stel­len? ‚Johann Jacoby, Bür­ger­recht­ler’ weiterlesen …

  1. Vgl. auch: Der Westen: Johannes-Gemeinde.  Schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin zu Besuch, Hat­tin­gen, 03.05.2010, Hen­drik Stei­mann []

Netzfundstück: Politologentrug

Auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist ein Text von Prof. Wolf­gang Wip­per­mann abruf­bar, der auf einem Vor­trag beruht, den er im März 2010 in Duis­burg gehal­ten hat:

Poli­to­lo­gen­trug
Ideo­lo­gie­kri­tik der Extremismus-Legende

Her­aus­ge­ber Fried­rich Bur­schel schreibt in sei­ner Ein­lei­tung u.a.:

Dem Text «Poli­to­lo­gen­trug» von Wolf­gang Wip­per­mann liegt sein Vor­trag beim Gesprächs­kreis «Rechts­ex­tre­mis­mus» der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ber­lin in Duis­burg am 19. März 2010 zugrunde. In Koope­ra­tion mit dem Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung (DISS) stell­ten drei Wis­sen­schaft­ler ihre The­sen zum «Extremismus»-Begriff zur Dis­kus­sion. Neben Pro­fes­sor Wip­per­mann spra­chen Ste­fan Kausch (Forum Kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung, Leip­zig) zu «Ordnung.Macht.Extremismus. Das Kon­strukt der ‹guten Mitte› und alter­na­tive Per­spek­ti­ven» sowie der DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zu «Wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Ele­men­ten einer Kri­tik der Extre­mis­mus­for­schung und Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse als alter­na­tive Per­spek­tive für eine kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung». Dem Gesprächs­kreis ging es um die Pro­ble­ma­tik des Extre­mis­mus­be­griffs und seine poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung. In den zurück­lie­gen­den Mona­ten konnte beob­ach­tet wer­den, wie der seit Jah­ren umstrit­tene und wis­sen­schaft­lich eigent­lich ver­wor­fene Begriff des Extre­mis­mus fröh­li­che Urstände fei­ert und in durch­sich­ti­ger Weise instru­men­tell in Dienst genom­men wird.

Den voll­stän­di­gen Text fin­den Sie HIER.

Netzfundstück: Jürgen Link über das Ruhrgebiet

In der Bochu­mer Stadt– und Stu­die­ren­den­zei­tung (bsz) erschien ein Inter­view mit Jür­gen Link. In dem Gespräch erklärt Jür­gen Link, warum die Kul­tur­haupt­stadt schei­tert, wieso das Ruhr­ge­biet keine Metro­pole ist, und wie Wider­stand unter die­sen Ver­hält­nis­sen denk­bar ist.

:bsz — Online­aus­gabe der Bochu­mer Stadt– &  Studierendenzeitung

Ruhr­ge­biet: Keine Metro­pole
Jür­gen Link über Kul­tur und Widerstand

für die Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (bsz) habe ich Jürgen Link interviewt. In dem Gespräch erklärt Jürgen Link, warum die Kulturhauptstadt scheitert, wieso das Ruhrgebiet keine Metropole ist, und wie Widerstand unter diesen Verhältnissen denkbar ist.

Fratzen des Antisemitismus

Facebook-NutzerInnen pro­pa­gie­ren radi­kale Juden­feind­schaft auf neuem Niveau

Autor: Jona­than Messer

Die Mel­dung war am 31. Mai kaum aus dem Nach­rich­ten­ti­cker, da kom­men­tier­ten eif­rige Facebook-NutzerInnen schon den israe­li­schen Mili­tär­ein­satz gegen eine Schiffs­flotte mit Hilfs­gü­tern für den abge­rie­gel­ten Gaza-Streifen. Dass ein poli­ti­sches Ereig­nis in die Auf­merk­sam­keits­sphäre des inter­ak­ti­ven „sozia­len Netz­wer­kes“ gerät, ist schon eine Beson­der­heit. Zu Selbst­be­züg­lich agie­ren sol­che Grup­pen sonst. Die­ses mal jedoch gab es kein Hal­ten mehr – schließ­lich ging es um Israel. Und so ver­schlug es selbst den hart­ge­sot­te­nen Lese­rIn­nen den Atem, was dort auf den per­sön­li­chen Pro­fi­len der Nut­ze­rIn­nen gepos­tet wurde.

Gro­ßer Beliebt­heit erfreu­ten sich krude und ver­fälschte Hitler-Zitate. Dazu kamen unzäh­lige wei­tere Refe­ren­zen, die kei­nen Hehl dar­aus mach­ten, dass es der ein­zige Feh­ler Hit­lers war, nicht alle Juden umge­bracht zu haben. Das alles passte gut zur Über­zeu­gung man­cher Nut­ze­rIn­nen, dass der Holo­caust sicher keine unbe­grün­dete Sache gewe­sen sei, wie man an den aktu­el­len Ereig­nis­sen sehen könne, und er es im Grunde ver­diene, fort­ge­führt zu wer­den.1 Solch’ unver­blümte Affir­ma­tion von offe­nem Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­tis­mus würde an sich rei­chen, um vor Scham den Brow­ser zu schlie­ßen. Es grenzt so schon ans Uner­träg­li­che. Doch wenn es um Israel und Juden geht – das ist für die alle Prot­ago­nis­tInn­nen der Hetze selbst­re­dend das­selbe –, kennt der Wahn­sinn keine Gren­zen. In mus­kel­be­ton­ter Pose, locke­rem Out­fit oder flan­kiert vom Hoch­zeits­bild geben die selbst­er­klär­ten Exper­tIn­nen für Nah­ost­po­li­tik ihre Juden­feind­schaft zum Besten.

Auch das ansons­ten sehr beliebte Anony­mi­sie­ren durch Nick­na­mes ist des­halb nicht nötig: man bürgt mit sei­nem Namen. Die Daten­schutz­po­li­tik von Face­book, wel­che in den letz­ten Jah­ren immer mehr in die Kri­tik gera­ten ist, tut hier ihr übri­ges, um die Pos­tings öffent­lich zu machen.2 Viele Nut­ze­rIn­nen wer­den nicht wis­sen, dass ihr Pro­fil auch von Nicht-Mitgliedern ein­seh­bar ist und nicht nur „Freunde“ die Pos­tings lesen kön­nen. So reicht ein Such­ein­trag auf der Seite you­ro­pen­book, um die juden­feind­li­chen Äuße­run­gen auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert zu bekommen.

Blan­ker Hass scheint in Tei­len der Facebook-Gemeinschaft kein Tabu mehr zu sein – bewusst und offen ver­schafft man sei­nem Ver­nich­tungs­wunsch Luft. Auch aktu­ell reißt die Flut an anti­se­mi­ti­schen Pos­tings nicht ab – davon kann man sich leicht im Netz über­zeu­gen. Mitt­ler­weile – nach­dem unter ande­rem der öster­rei­chi­sche Stan­dard3 über die Vor­fälle berich­tete - mehrt sich jedoch auch die Gegen­wehr ande­rer Nut­ze­rIn­nen, die sich mit der Hetze nicht abfin­den wol­len. Doch als Mit­tel ste­hen ihnen kaum mehr als Gegen­pos­tings und Lösch­an­träge4 zur Ver­fü­gung, die anschlie­ßend von den Betrei­bern geprüft wer­den. Ein ins­ge­samt zeit­auf­wän­di­ges und müh­se­li­ges Ver­fah­ren, denn für bestän­di­gen Nach­schub an Ein­trä­gen scheint gesorgt zu sein. Die Aus­sicht auf Erfolg ist klein. Und so wird sich das per­pe­tuum mobile auf Face­book wei­ter dre­hen, zumal ver­mehrt anti­ara­bi­sche und anti­is­la­mi­sche Pos­tings als Kri­tik am Anti­se­mi­tis­mus miss­ver­stan­den werden.

Die aktu­el­len juden­feind­li­chen Aus­wüchse sind nicht als iso­lier­tes Phä­no­men miss­zu­ver­ste­hen. Ins­ge­samt scheint es sich um eine Ent­gren­zung des Anti­se­mi­tis­mus im Netz zu han­deln. Dafür spricht auch, dass ange­sichts der Finanz­krise im Jahr 2008 „jüdi­sche Spe­ku­lan­ten“ in zahl­rei­chen Inter­net­fo­ren als Ver­ant­wort­li­che für den Crash aus­ge­macht wur­den.5 Und auch im Zuge der israe­li­schen Kata­stro­phen­hilfe für die Erd­be­ben­op­fer auf Haiti kur­sierte das Gerücht, jüdi­sche Ärzte wür­den dort den Opfern Organe für den israe­li­schen Schwarz­markt ent­neh­men6. Das alles sind moder­ni­sierte Remakes klas­si­scher anti­se­mi­ti­scher Kli­schees, die auch in Zukunft das Inter­net zu genüge bevöl­kern werden.

  1. Ich ver­zichte bewusst auf eine Zita­tion und Ver­lin­kung der Aus­sa­gen, da ich ansons­ten direkt auf die Pro­file der Nut­ze­rIn­nen ver­wei­sen würde. Wer den­noch die Ori­gi­nal­zi­tate haben möchte, kann sie beim Autor anfra­gen. []
  2. Mehr Kon­trolle übers eigene Pro­fil, 27.5.2010 http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/mehr-kontrolle-bei-persoenlichen-daten/ []
  3. Gaza-Hilfsflotte: User toben sich auf Face­book anti­se­mi­tisch aus, 01. Juni 2010 http://derstandard.at/1271377916109/Gaza-Hilfsflotte-User-toben-sich-auf-Facebook-antisemitisch-aus []
  4. Lösch­an­träge müs­sen auf Face­book für jeden ein­zel­nen Ein­trag (!) ver­fasst wer­den. []
  5. vgl. DISS-Journal 18, 7 http://www.diss-duisburg.de/DISS-Journale/diss-journal-18–2009.pdf []
  6. Haiti und das anti­se­mi­ti­sche Nach­be­ben im Web http://www.hagalil.com/archiv/2010/01/20/haiti-2/ []