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DESPERATE – Der Tod kam, bevor Menschen starben

 
 

Duis­burg wollte die Love­pa­rade – es gab einen Beschluss des Rates der Stadt und die­ser wurde unter der Ver­ant­wor­tung von Ober­bür­ger­meis­ter Adolf Sau­er­land letzt­lich unterschrieben.

Der Ver­an­stal­ter wollte die Love­pa­rade. Rai­ner Schal­ler, allei­ni­ger Gesell­schaf­ter der Lopa­vent GmbH machte die Love­pa­rade zum Mar­ke­ting­in­stru­ment sei­ner Fitnessstudio-Kette McFit.

Die Lan­des­re­gie­rung wollte die Love­pa­rade – Jür­gen Rütt­gers und Han­ne­lore Kraft setz­ten sich dafür ein.

Die Kul­tur­haupt­stadt wollte die Love­pa­rade in Duis­burg – Fritz Pleit­gen sah die posi­tive Aus­strah­lung für die Ruhrstadt.

Die Love­pa­rade sollte die größte Ver­an­stal­tung im Rah­men der Kul­tur­haupt­stadt 2010 sein, für Europa, Deutsch­land, NRW, das Ruhr­ge­biet und für Duis­burg. Geld dafür gab es nicht aus dem Topf Kul­tur­haupt­stadt. Duis­burg wurde mit sei­nen Ravern allein gelassen.

Und in den Medien wurde begeis­tert die Wer­be­trom­mel gerührt.

In Duis­burg gibt es einen alten Güter­bahn­hof. Der kann schwer­lich als ein siche­res, gut begeh­ba­res Gelände bezeich­net wer­den, auch nicht, nach­dem einige Ton­nen Schot­ter aus­ge­schüt­tet und platt­ge­klopft, die Schie­nen gesi­chert und die Fens­ter der alten Halle eh schon fast keine Glas­schei­ben mehr hatten.

Kos­ten durfte das ganze wenig, brin­gen sollte es viel. Hätte man die Bevöl­ke­rung der angren­zen­den Stadt­teile und die Leute gefragt, die das Gelände von eige­nen Aus­flü­gen ken­nen, so hätte man schwer­lich Begeis­te­rung über den Plan fest­ge­stellt. Über einen Plan, der schwer durch­schau­bar war und bleibt.

Foto: Tunnel Karl-Lehr-Str. 27.7.2010

Tun­nel Karl-Lehr-Straße, 27.7.2010: „Ber­lin = Love / Duis­burg = Kom­merz, Finan­zi­el­ler Gewinn, 19 Tote…“

Zwar hieß es früh, die Love­pa­rade fände auf dem geschlos­se­nen Gelände des alten Bahn­hofs statt. Es gab auch das Gerücht, die A 40 werde für die Floats bereit ste­hen. Im Inter­net war ein Stre­cken­ver­lauf zu sehen, auf dem eine Route durch die Innen­stadt ein­ge­zeich­net war – deut­bar war die­ser Plan als Plan für den Ver­lauf der Parade. Dann gab es wie­der die Mel­dung, dass die Parade nur auf dem abge­schlos­se­nen Gelände statt­fände. Noch am Abend vor­her gab ein Float­be­sit­zer zu ver­ste­hen, es gin­gen Floats durch die Stadt. Die Poli­zei gab wäh­rend der Feier die Aus­kunft, die Parade sei nur im Gelände des alten Güter­bahn­hofs. Gegen 15.15 Uhr fuhr ein Float in Poli­zei­be­glei­tung die Friedrich-Wilhelm-Straße her­un­ter bis zum Friedrich-Wilhelm-Platz und wurde dort von einer jubeln­den Menge umlagert.

Es habe deut­li­che Sicher­heits­be­den­ken gege­ben, von der Poli­zei, von der Feu­er­wehr, diese seien in Gut­ach­ten for­mu­liert und den Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­legt wor­den. Weder die Stadt, noch der Ver­an­stal­ter Rai­ner Schal­ler hät­ten dar­auf ange­mes­sen rea­giert. Sicher­heits­vor­schrif­ten seien umgan­gen, mit Son­der­ge­neh­mi­gun­gen abge­än­dert und auch schlicht nicht ein­ge­hal­ten wor­den. Und trotz­dem fand sie statt – die Love­pa­rade –und alle, alle kamen:

Der Ver­an­stal­ter, die Poli­zei und die Stadt­spitze und die 250.000 Besu­cher, für die das Gelände frei gege­ben war und die ca. 1,2 Mil­lio­nen, für die kein Platz auf dem Gelände vor­ge­se­hen war (105.000 kamen offen­bar mit der Bahn und die Zahl der ver­kauf­ten Tickets ist zur­zeit die ein­zige Zahl auf die objek­tiv zurück­ge­grif­fen wer­den kann — Offen­bar lie­gen weder Aus­wer­tun­gen von Zäh­lun­gen der Fuß­gän­ger­ströme, der Kraft­fahr­zeuge, der Busse, der Rad­fah­rern etc. vor – Luft­bil­der­aus­wer­tun­gen sind bis heute nicht bekannt).

Rich­tungs­wei­send ist jedoch, dass auf den letz­ten Loveparade-Veranstaltungen in ande­ren Städ­ten mehr als 1,3 Mil­lio­nen Men­schen waren – und auch das Event „Still-Leben“ auf der A-40 am 18. Juli 2010 hatte mit ca. 3 Mio. Besu­chern mehr Inter­es­sierte als erwar­tet. Der Unter­schied war: Es ging gut – es gab 60 km Auto­bahn, Auf– und Abfahr­ten, Zugänge und nur Leit­plan­ken, über die man gut sprin­gen und sich ins Umland hätte ret­ten kön­nen, wäre dies denn not­wen­dig gewesen.

Foto: Tunnel Karl-Lehr-Straße, 27.7.2010

Tun­nel Karl-Lehr-Straße, 27.7.2010: „Das kon­ser­va­tive Bür­ger­tum hat die Sub­kul­tur, aus der die Love­pa­rade ent­stan­den ist, zu kei­ner Zeit akzep­tie­ren, geschweige denn ver­ste­hen wollen.“

Ver­folgte die Love­pa­rade bei ihrer Grün­dung keine kom­mer­zi­el­len oder prestige-geleiteten Ideen, so bil­det sie im Jahre 2010 mit ihren Pro­fit– und Mar­ke­tin­gin­ter­es­sen einen Teil der viel zitier­ten Dienstleistungsgesellschaft.

Die Situa­tion stellt sich dar wie folgt. Duis­burg lädt ein zu einer Love­pa­rade. Das ist ein Musik­fes­ti­val mit sog. Floats, das sind rie­sige Last­wa­gen, die bis zu 200 Raver fas­sen, die auf den Wagen tan­zen zu den Tönen, die ver­schie­dene gefei­erte DJs auf­le­gen. Die Musik ist nicht jeder­manns Sache; doch wel­che Musik ist das schon? Fest steht jedoch, dass man auf Techno gut tan­zen kann. Viele Men­schen ver­klei­den sich, es wird Alko­hol getrun­ken und es wer­den auch Dro­gen genommen.

Es wird viel gere­det über die Men­schen, die auf diese größte Party der Welt gehen. Sie sind eher jung, jedoch nicht alle – wir waren z.B. auch da – man­che sagen, sie sind dumpf, sogar dumm, ent­hemmt, lüs­tern, gewalt­tä­tig etc. Auf jeden Fall machen sie Dreck und irgendwo in einer ande­ren Stadt haben sie angeb­lich in einem Park alle Bäume und Pflan­zen tot gepin­kelt. Des­halb haben wir in Duis­burg viele Rei­hen Dixi-Klos, den Kant-Park haben wir sicher­heits­hal­ber gesperrt und in Folie gepackt, damit ihn kei­ner sieht. Der Besitz­stand der bedroh­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wird gewahrt, indem die Fei­ern­den — fein ein­ge­zäunt nach links und rechts — durch von der Poli­zei bediente Schleu­sen gelei­tet wer­den, damit sie nicht ins offene Ter­rain aus­bre­chen und die Land­schaft ver­un­stal­ten kön­nen. Klein­bür­ger­li­che Kon­zepte las­sen kein freies Den­ken, Han­deln und auch keine freie Bewe­gung zu; Pro­fit– und Pres­ti­ge­den­ken aber las­sen sie zu — und ebenso Besitz­stands­wah­rung in jeder Beziehung.

Eine alte Dame spricht zu ihrem Mann: „Da kannst du nichts mehr zu sagen.“ Er sagt auch gar nichts. er schaut nur inter­es­siert einer auf­rei­zend ange­zo­ge­nen Rave­rin hinterher.

Und die Dienst­leis­tung? Der Platz liegt ca. 300 Meter weg vom Bahn­hof. Die Leute wer­den jedoch auf vor­ge­zeich­ne­ten Wegen ca. 2 Kilo­me­ter durch die Stadt gelei­tet – östlich und west­lich vom Bahn­hof. Ich sehe keine Hin­weis­schil­der, jeder folgt dem ande­ren in die Bewe­gungs­rich­tung des unüber­schau­ba­ren Men­schen­stroms. Einige Fress­bu­den bie­ten ihre Dinge an. Aus einem Poli­zei­wa­gen dröhnt ein Mega­phon – zu ver­ste­hen ist kein Wort. Warum eigent­lich nicht?

Denn Musik gibt es nicht; es gibt keine Groß­bild­schirme (bei der WM hat­ten wir doch genug), es gibt keine Laut­spre­cher aus denen Techno tönt, es gibt keine Büh­nen, auf denen Musik gemacht wird und – es gibt keine Floats (bis auf den einen, eben erwähn­ten – später).

Doch die Leute sind noch ganz gut drauf und fei­ern sich selbst mit Freun­den, mit Frem­den, mit den Leu­ten, die aus den Fens­tern hän­gen und Party in der eige­nen Woh­nung machen. Dann wird es eng und enger. Am Poli­zei­prä­si­dium sehen die Ein­satz­kräfte noch ganz ent­spannt aus. Erste Schleu­sen wer­den geschlos­sen — man ver­engt, wie ein Beam­ter erklärt. Warum die Leute denn jetzt alle hier ste­hen, wird gefragt. Weil es hier so schön ist, lau­tet die poli­zei­li­che Ant­wort. Mit den Poli­zei­kräf­ten über die Lage in der Stadt, über Wege und Anrei­sen zu spre­chen ist hoff­nungs­los. Es kom­men Ant­wor­ten wie: „Ich hab keine Ahnung“; „ich bin nicht von hier“; „die Straße kenne ich nicht“ oder „ich hab doch keine Zeit, Wege zu erklären“.

Es ver­dich­tet sich mehr und mehr. Leute sind auf die Stra­ßen­bahn­häus­chen, auf Later­nen, Lam­pen, Ver­tei­ler­häus­chen, Haus­dä­cher, Imbiss­bu­den geklet­tert. Um bes­ser sehen zu kön­nen. Was? Es pas­siert nichts, keine Musik, keine Floats und — keine Bewe­gung mehr. Es ist 15 Uhr und links geht es in den Tun­nel an der Karl-Lehr-Straße.

Wir dre­hen um. Wir sind ver­ab­re­det um 17 Uhr in der Alt­stadt. Durch Sei­ten­stra­ßen gehen wir heim. Mit uns sind tau­sende Men­schen, die alle in die fal­sche Rich­tung lau­fen, ent­täuscht, fra­gend, suchend. Tele­fo­nisch tei­len sie Freun­den mit: „Ich bin in Duis­burg, auf einer Poli­zei­pa­rade.“ Oder: „Wir sind 2,5 Stun­den gefah­ren, dann fah­ren wir eben wie­der nach Hause – hier ist ja sonst gar nichts los.“ Oder: „Wo ist denn das Gelände?“ Oder: „Gibt es einen Plan?“

Ja, wie war das gleich mit dem Plan?

Auf dem Boden kle­ben nun schon viele Sti­cker: Dance or die! Get no sleep!

Das sind die Slo­gans der Love­pa­rade – die sich auf ver­häng­nis­volle Weise verwirklichten.

Gegen 17 Uhr brach im Tun­nel auf der Karl-Lehr-Straße eine Mas­sen­pa­nik aus – in dem Tun­nel, der als ein­zige Zugangs­mög­lich­keit zum Festival-Gelände geöff­net war. Jeden­falls als ein­zige Zugangs­mög­lich­keit für die Gäste – der VIP-Eingang war in Bahn­hof­nähe – von der A 59 gab es groß­zü­gige Zugangs­mög­lich­kei­ten – doch die waren gesperrt – für den Not­fall, wie die Not­fall­tü­ren. Not­fall­wege im Tun­nel, eine Regu­lie­rung der ankom­men­den und das Gelände ver­las­sen­den Besu­cher­ströme, Über­wa­chungs­ka­me­ras und genug Luft gab es im Tun­nel nicht.

Das Desas­ter war vor­pro­gram­miert und – ich kann es immer noch nicht wirk­lich glau­ben – es gab nur die­sen einen Tun­nel – Gel­ber Bogen genannt – der zum Fes­ti­val­ge­lände führte. Ein Tun­nel, 40 m breit und 200 m lang, der schon an nor­ma­len Tagen irgend­wie gru­se­lig ist, voll gedrängt mit Men­schen, die in alle Rich­tun­gen drän­gen, deren Zugang — aus wel­chen Grün­den auch immer — nun nicht mehr kon­trol­liert wird; ein Nadel­öhr wird zur Todesfalle.

16 Men­schen ster­ben vor Ort, 21 bis jetzt, über 500 wer­den ver­letzt. Es spie­len sich unglaub­li­che Sze­nen ab (es gibt Videos im Netz, wel­che in kei­ner Nach­rich­ten­sen­dung lie­fen). Die Toten wer­den unter Pla­nen gesta­pelt. Schuld­zu­wei­sun­gen zer­rei­ßen die poli­ti­sche Land­schaft, Ver­schleie­rung herrscht neben blin­dem Aktionismus.

Die Love­pa­rade glich einem Vieh­trans­port. Nicht stär­ker hätte die Ziel­gruppe dis­kri­mi­niert und degra­diert wer­den kön­nen, nicht stär­ker hätte bewusste Fehl­in­for­ma­tion statt­fin­den kön­nen und nicht geschick­ter hätte die Ziel­gruppe um ihr eigent­li­ches Ver­gnü­gen gebracht wer­den kön­nen. In der Hoff­nung, dass die Men­schen das Fes­ti­val­ge­lände nicht errei­chen, weil sie schon zu müde oder zu betrun­ken sind oder weil sie etwas ande­res abge­lenkt hat, wur­den sie durch die Stadt geschleust. Nicht ernst­ge­nom­men wur­den sie, men­schen­ver­ach­tend behan­delt. Dies wäre nie­mals bei einer Sport­ver­an­stal­tung in Duis­burg mit inter­na­tio­na­lem Flair pas­siert – und, dies wäre auch nicht bei einem Kar­ne­vals­um­zug passiert.

In Duis­burg kam der Tod schon, bevor Men­schen star­ben. Der Tod eines Trau­mes, eines Kon­zep­tes von Frei­heit, Feier und Liebe. Der Tod der Dienst­leis­tung, der Tod der Kul­tur­haupt­stadt, der Ver­ant­wor­tung und der Tod des Ernst­neh­mens der Ziel­gruppe, für die man arbei­tet — und daran haben alle mitgewirkt:

Der Ver­an­stal­ter, die Stadt­ver­wal­tung und die Poli­zei und auch die Medien.

Ent­schul­di­gun­gen und Aus­re­den sind nicht mög­lich. Es ist vor­bei und nicht wie­der gut zu machen – nir­gendwo, zu kei­ner Zeit und mit kei­nen ver­füg­ba­ren Mitteln.

Liz Henry

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