Jobst Paul: Unterhaltungswert Homophobie?

In der DISS-Online-Bibliothek publizieren wir einen Vortrag, den DISS-Mitarbeiter Jobst Paul am 11. Juni 2015 in Berlin auf dem Kongress Respekt statt Ressentiment. Strategien gegen die neue Welle von Homo– und Transphobie gehalen hat und der vom  Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) veransaltet wurde.

Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte den ‚Kampf gegen Rechts‘, mit dem sich – wie nie zuvor – nun auch die Regierungen solidarisieren und dabei an bürgerschaftliches Engagement appellieren, nicht in Zweifel ziehen und das Positive und sozial Produktive dieses Kampfs nicht in Frage stellen.

Aber wir müssen uns doch fragen, warum sich trotz dieses Kampfes und trotz zunehmender rechtlicher Errungenschaften die Ausbildung eines populistischen, völkisch-nationalistischen Lagers, warum sich dessen Bewegung in die politische Mitte und warum sich seine ideologische Radikalisierung letztlich ungehindert seit Jahrzehnten vollzieht. Alle Indizien sprechen also – auch wenn Deutschland als ökonomischer Weltmeister (gefühlt) in höchster Sicherheit lebt – für eine zutiefst labile soziale Tektonik. Ich möchte daher einige Schwachstellen und weiße Flecken des Kampf-Szenarios nennen.

Den vollständigen Text lesen Sie bitte hier:
Jobst Paul: Unterhaltungswert Homophobie?

Klare Positionen

Ludwig Philippson, Ausgewählte Werke: Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam. Die Religion der Gesellschaft. Zwei Vorlesungsreihen. Herausgegeben von Andreas Brämer. Böhlau 2015

Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Schriften zur jüdischen Sozialethik. Band 2. Herausgegeben von Michael Brocke und Jobst Paul. Böhlau 2015

Zwei neue Bände der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft sind erschienen.

von Jobst Paul

Mit der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft schufen das DISS in Duisburg und das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Essen) im  Jahr 2010 eine Plattform, auf der sich Schritt für Schritt ein Thema von großer gesellschaftspolitischer Bedeutung entwickeln soll.

Ausgangspunkt ist der Gedanke, wichtigen deutsch-jüdischen Autoren des 19. Jahrhunderts und ihren Werken in der Gegenwart die kulturelle und gesellschaftliche Rezeption zu verschaffen, die ihnen in Deutschland so lange verwehrt war. Gruppiert um die Begriffe Staat, Nation, Gesellschaft skizzierten viele deutsch-jüdische Autoren – als Juden – seit der Aufklärung und während des gesamten 19. Jahrhunderts in beispielloser Breite und Vielfalt die sozialethischen Grundlagen, auf denen ein demokratisches Deutschland erstehen sollte, als Beispiel für Europa und die Welt. Sie bekräftigten damit aber auch das Jahrtausende gewachsene, ethische Erbe des Judentums selbst, das in diesem Deutschland endlich anerkannt und zu neuem Leben erweckt werden sollte, insbesondere die Lehre von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Kern des Judentums.

Dabei hatten sie sich allerdings mit der schillernden, zutiefst unaufrichtigen Haltung der christlichen Kirchen auseinander zu setzen, die diese Lehre nicht nur Juden und dem Judentum aberkannten, sondern sie für sich selbst in Anspruch nahmen. Um dies zu erreichen, schufen sie ein Zerrbild des Judentums, das zur Grundlage für Judenfeindschaft und Antisemitismus wurde.

Die beiden Bände, die nun erschienen sind, positionieren sich in dieser Auseinandersetzung differenziert und mit Umsicht, aber auch mit großer Deutlichkeit.

Der erste Band der Schriften zur jüdischen Sozialethik (erschienen im Jahr 2011) spürte den Ursprüngen der jüdischen Gerechtigkeitslehre im jüdischen Gottesverständnis nach. Im zweiten Band geht es nun um die konkreten Inhalte der ethischen Selbstverpflichtung dem Mitmenschen gegenüber. Damit ist freilich nicht Mitleid gemeint, sondern „das tatsächliche Tun“: „Die Liebe zum Nächsten soll Leidenschaft sein, den Mitmenschen vor Not und Unrecht zu bewahren, d.h. für Gerechtigkeit zu sorgen, Bedürftigen und Hilfesuchenden zur Seite zu stehen und sie mit Würde zu behandeln. Für die Empfangenden wiederum gilt, mit der ihnen zukommenden Mildtätigkeit verantwortlich umzugehen.“
Die Autoren beklagen allerdings nicht nur die judenfeindliche Inanspruchnahme diese Ethik durch die christlichen Kirchen über Jahrhunderte. Sie bedauern auch die christliche Verwässerung der jüdischen Gerechtigkeitslehre zu einer Haltung des Mitleids, das sich zwar den Folgen von Unrecht, weniger aber dem Unrecht selbst in den Weg stellen will.

Auch Ludwig Philippson (1811-1889), ein „Wortführer des religiös-progressiven Judentums und des politisch liberalen jüdischen Bürgertums“ im Deutschland des 19. Jahrhunderts, streitet in seinen Schriften um eine Anerkennung der sozialethischen Botschaft des Judentums und des Judentums selbst als moderner bürgerlicher Konfession.

Doch in den beiden Vorlesungsreihen (Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam und die Religion der Gesellschaft), die im nun vorliegenden Band wieder zugänglich werden, wendet er sich engagiert und in wohltuend verständlicher Sprache eben auch einer „Fundamentalkritik des Christentums“ zu. In einer differenzierten, aber gleichwohl ungeschminkten Analyse spürt er dem epochalen Unrecht der christlichen Diskreditierung des Judentums nach, kommt aber zu dem nüchternen, wie aufregenden Schluss, dass sich die Einfachheit der jüdischen Gerechtigkeitslehre gegen ihre Bekämpfer historisch durchsetzen wird – eine Vision, die heute, fast 70 Jahre nach der Shoa, und angesichts der Verwerfungen einer aus den Fugen laufenden Globalisierung eine unübertroffene Brisanz beinhaltet.

Der dritte Band der Schriften zur jüdischen Sozialethik soll daher nicht ganz zufällig dem Thema Recht – Soziale und ökonomische Gerechtigkeit gewidmet sein. In ihm sollen übrigens auch deutsch-jüdische, wirtschaftspolitische Wortmeldungen und Entwürfe aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen.

DISS-Neuerscheinung: Nächstenliebe und Barmherzigkeit

In der Reihe Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Anthologien (herausgegeben von: Michael Brocke, Jobst Paul und Siegfried Jäger) erschien der Band

Nächstenliebe und Barmherzigkeit
Schriften zur jüdischen Sozialethik
Herausgegeben von: Michael Brocke und Jobst Paul.

cover-naechstenliebe-Aus jüdischer Sicht ist Gotteserkenntnis nicht denkbar ohne die ethische Selbstverpflichtung dem Mitmenschen gegenüber. Dabei geht es um mehr als um Gesinnung oder Mitleid, sondern um das tatsächliche Tun, aus Selbstachtung und Pflicht-Empfinden heraus: Die Liebe zum Nächsten soll Leidenschaft sein, den Mitmenschen vor Not und Unrecht zu bewahren, d.h. für Gerechtigkeit zu sorgen, Bedürftigen und Hilfesuchenden zur Seite zu stehen und sie mit Würde zu behandeln. Für die Empfangenden wiederum gilt, mit der ihnen zukommenden Mildtätigkeit verantwortlich umzugehen. 19 deutsch-jüdische Autoren thematisieren im vorliegenden Band die Lehre von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Kern des Judentums. Sie beklagen zugleich, wie das Christentum diese Lehre dem Judentum aberkannte, um sie für sich selbst zu reklamieren, und dazu ein Zerrbild des Judentums schuf, das als Grundlage für Judenfeindschaft und Antisemitismus dient. Die Autoren sind sich gleichwohl gewiss, dass all dies die Geltung der jüdischen Religion nicht treffen kann.

 

Der Band ist erhältlich im Boehlau-Verlag.

Nächstenliebe und Barmherzigkeit
Schriften zur jüdischen Sozialethik
Herausgegeben von: Michael Brocke und Jobst Paul
2015, 295 S.
Preis: € 39.90 [D]  |   € 41.10 [A]
978-3-412-22279-6

 

DISS-Neuerscheinung: Ludwig Philippson

In der Reihe Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Werkausgaben (herausgegeben von: Michael Brocke, Jobst Paul und Siegfried Jäger) erschien der Band mit ausgewählten Werken von Ludwig Philippson.

cover-philippson-Der Rabbiner und Publizist Ludwig Philippson (1811–1889) hat sich als einer der Wortführer des religiös-progressiven Judentums und des politisch liberalen jüdischen Bürgertums einen Namen gemacht. Sowohl mit rhetorischen und schriftstellerischen Talenten gesegnet als auch mit organisatorischem Geschick engagierte er sich für die politische Gleichstellung und gesellschaftliche Integration der Juden in ihrer deutschen Umwelt. Wann immer sich Gelegenheit bot, ergriff er zudem das Wort, um das Judentum als moderne bürgerliche Konfession zu beschreiben. Seine theologische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben lenkte Philippsons Aufmerksamkeit daher aber auch immer wieder auf die christliche Religionsgeschichte sowie auf die jüdisch-christliche Beziehungsgeschichte, die er zum Thema zahlreicher Schriften machte.

 

 

 

 

Der Band ist erhältlich im Boehlau-Verlag.

Ludwig Philippson
Ausgewählte Werke
Herausgegeben von Andreas Brämer
2015, 337 S.
Preis: € 59.90 [D]  |   € 61.60 [A]
978-3-412-22444-8

Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach

Rede von DISS-Mitarbeiter Dr. Jobst Paul auf der Gedenkfeier anläßlich der Pogromnacht vom 9. November 1938 am Donnerstag, 7. November 2013, Ratssitzungssaal des Duisburger Rathauses

 

צדק צדק תרדף
(Dtn 16, 20) –

Zedek zedek tirdof

(…)

 

In diesen Tagen jährt sich die Pogromnacht 1938 zum 75. Mal.

Doch bedeutet diese Zahl, dass es eine besondere, ja eine hervorgehobene Wiederkehr dieses Tages geben könnte? Verhilft uns ein solcher Jahrestag allein schon zu einer inhaltlichen Orientierung? Offenbar ist eher das Gegenteil richtig – ein solcher Tag fordert besonders dazu heraus, die Inhalte von Gedenken und Erinnerung erneut zu bestimmen. Sie fußen in der Vergangenheit, reichen aber in die Zukunft.

Richten wir mit dieser Absicht unsere Vorstellung zunächst auf die Duisburger Novembertage des Jahres 1938, auf das Räderwerk der NS-Partei, auf parteilastige Verwaltungen und Dienste, auf die hier und dort, wie überall in Deutschland, zuschlagenden Trupps kräftiger Männer. Die Frage ist müßig, wie genau oder wie wenig das alles im Einzelnen geplant war. Die materielle Ausstattung der Trupps reichte jedenfalls zum Zerstörungswerk, das am 9. November 1938 um Mitternacht in Duisburg, Ruhrort und Hamborn begann und sich bis zum 11. November hinzog.

Wir sehen das Inferno des Brandes, hören das Klirren von Scheiben, das Zersplittern von Möbeln auf den Straßen der Stadt (einer der Verfolgten wird in dieser Nacht getötet). Und wir ahnen, wie viele Zeugen, Bürgerinnen und Bürger von Duisburg, es gegeben haben muss.

Ihnen gegenüber steht die nur noch kleine jüdische Gemeinschaft Duisburgs. Viele sind bereits geflohen oder emigriert. Und erst Tage zuvor ist die gesamte Gemeinde der jüdisch-osteuropäischen Einwanderer aus der Stadt deportiert worden. Der Terror vom 9. November zielt also auf die letzte Demütigung der verbliebenen Gruppe.

Und während die Synagoge an der Junkernstraße niederbrennt, drängen sich Mitglieder der restlichen Gemeinde um Rabbiner Neumark in dessen Wohnung in der Fuldastraße, um dort einen Gottesdienst zu halten. So beschreibt es später der Sohn Jehoschua Amir aus der Erinnerung.

Doch die Pogromnacht – das waren zwei Tage und Nächte. Da war die Entrechtung, der Entzug der Existenzgrundlagen der deutschen Juden schon fünf Jahre lang im Gang, Schritt für Schritt. Und die Transport- und Tötungsmaschinerie des NS-Staats sollte erst noch anlaufen.

Und doch beginnt hier nicht die Vergangenheit, die es zu erinnern gilt. Denken wir zum Beispiel an die besorgten Diskussionen in den Duisburger jüdischen Vereinen und Gemeinden schon 30 Jahre zuvor, etwa um 1904, als Mannaß Neumark hier in Duisburg sein Amt antrat, oder lesen wir in den Reden des Mülheimer Predigers Otto Kaiser zwischen 1901 und 1907: Ständiges Thema sind die immer neuen, nicht enden wollenden antisemitischen Kampagnen, die die Mitglieder der jüdischen Gemeinden und Vereine so schwer belasten.

Ja, sogar die Wahnvorstellung vom ‘Ritualmord’ ist um 1900 noch aktuell, die Beschuldigung nämlich, Juden raubten Christenkinder oder christliche Frauen, um an deren Blut zu kommen – fürs Pessach-Fest.

Oder gehen wir weitere 30 Jahre zurück, in die Jahre nach der Reichsgründung, nach dem Börsenkrach des Jahres 1873. Es sind keine verrückten Außenseiter, sondern politische, bürgerliche und wissenschaftliche Eliten, die sich in antisemitischen Parteien organisieren, um nun ‘den Juden’ den Kampf anzusagen. Verlage in Westfalen verschicken 100 000de antisemitischer Hetzbroschüren kostenlos nach Osteuropa, nach Ungarn und ins Österreichische. Die Namen August Rohling und Wilhelm Marr werden zum Synonym für den christlichen und den völkischen Vernichtungswillen dem Judentum gegenüber.

Blicken wir noch weiter zurück, stellen wir uns der deutschen Judenfeindschaft in und nach der deutschen Aufklärung, die in Gesetze und Verordnungen Dutzender deutscher Staaten gegossen war, eine Feindschaft, die Wissenschaft, Philosophie und Künste, ja die Alltagskultur beherrschte. Seit 1804 kommt es regelmäßig zu antijüdischen Hetz-Kampagnen, losgetreten von Literaten, Kirchenvertretern oder Staatsbeamten.

Aber nicht nur das – wir sehen eine jüdische Minderheit in Deutschland, die man seit 1800 – Generation um Generation – bis 1869 – um ihre Würde und rechtliche und politische Gleichberechtigung kämpfen lässt, um sie ihr – eigentlich immer – doch wieder vorzuenthalten. Es ist ein sehr, sehr böses Spiel über viele Jahrzehnte, meist im Namen der Doktrin vom christlichen Staat und aus Motiven, die oft genug auch ausgesprochen wurden, Neid und Habsucht.

All dies ist unserer Erinnerungsarbeit anheim gegeben, die tief eingeschriebene Judenfeindschaft in der Mitte der deutschen Gesellschaft – über einen Zeitraum von 1 ½ Jahrhunderten, vor der Pogromnacht 1938, vor der Shoah (von Mittelalter, Reformation und Gegenreformation ganz zu schweigen).

Dies ist die erste Form, wie wir das Wort aus der hebräischen Bibel Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach beherzigen und beglaubigen sollten: Gerechtigkeit den, d.h. allen Verfolgten gegenüber.

Aber dies ist nicht alles. Es ist nur die Hälfte. Die zweite Hälfte ist die Frage, wie man dieses unermessliche Unrecht Menschen deshalb antun konnte, weil sie sich zum Judentum bekannten.

Die einfache Antwort haben deutsche Juden im 19. Jahrhundert hundert- und tausendfach zu Papier gebracht: Nur dort, wo Lügen über das Judentum eine Chance haben, weil die Unkenntnis des Judentums kultiviert und die Kenntnis des Judentums diskreditiert wird, sind Judenfeindschaft und Antisemitismus möglich, oder sogar programmiert. Und tatsächlich gehörte es 150 Jahre lang – vor der Shoah, vor der Pogromnacht 1938 – zum kulturellen Selbstverständnis der Deutschen, in Schulen, Kirchen und Universitäten die herabsetzendsten Dinge über das Judentum zu lehren, – und darauf zu achten, dass deutsch-jüdische Sprecher und Autoren möglichst nicht zu Wort kamen oder gehört werden konnten.

Gerechtigkeit dem Judentum gegenüber, das ist daher die zweite Form, in der das Bibelwort zum Appell wird – Gerechtigkeit einer ‘Religion der Gerechtigkeit’ gegenüber, die seit über 3000 Jahren von jedem Einzelnen, er sei an hoher oder tiefer Stelle, Liebe, Achtung und Respekt für den Nebenmenschen fordert. Einer Religion gegenüber, die es jedem zur Pflicht macht, für die friedliche Weltgesellschaft, für soziale und ökonomische Gerechtigkeit innerhalb der menschlichen Geschichte, also hier und jetzt, zu arbeiten.

Und was Deutschland betrifft: Wir sollten in uns aufnehmen, dass Immanuel Kants Kategorischer Imperativ, seine Vorstellung von der Pflicht dem Nächsten gegenüber, nicht ohne das Denken eines großen jüdischen Lehrers in Berlin möglich gewesen ist. Gemeint ist Moses Mendelssohn, der 1763 den 1. Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften gewann – mit der Schrift Über die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften.

Kant, der übrigens mit Sprüchen gegen ‘die Juden’ nicht geizte, erhielt damals nur den zweiten Preis. Danach faszinierte ihn Mendelssohns Selbstständigkeit, insbesondere seine naturrechtliche Begründung der Gewissensfreiheit, so sehr, dass er sogar auf eine Zusammenarbeit hoffte. Mendelssohns Werk ‘Jerusalem’ feiert er 1783 – Mendelssohn selbst gegenüber – als “Verkündigung einer großen bevorstehenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird.”

Das alles mitzubedenken ist wichtig, beim Blick auf Deutschland nach der Shoah, als eine ‘deutsche Kultur’ zu existieren aufgehört hatte, als kein Werte-Kompass fürs neue deutsche Grundgesetz mehr überdauert hatte – bis auf die Kant’sche Philosophie, d.h. bis auf ihr, von der deutsch-jüdischen Aufklärung inspiriertes Gleichheits-Ethos.

Denken wir auch daran, wie sehr sich die deutsche Tradition des Wohlfahrtsstaats der Energie verdankt, mit der viele starke, jüdische Frauen zu Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland für soziale Gerechtigkeit kämpften. Sie halfen, dem Bismarck-Reich etwas abzutrotzen, das ebenfalls seinen Weg ins deutsche Grundgesetz fand – als Sozialstaatsgebot. Und erinnern wir uns schließlich auch daran, wie sehr Ludwig Erhardts Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft von dessen jüdischem Lehrer, Franz Oppenheimer, inspiriert war.

Ich denke, diese wenigen Streiflichter genügen, um uns von unserer zweiten Deutung des Bibelworts, nämlich als Appell zur Gerechtigkeit dem Judentum gegenüber, zu einer dritten Deutung zu führen, nämlich zur Forderung, Gerechtigkeit zu üben unserer heutigen kulturellen Identität gegenüber.

Manche werden darin eine Forderung sehen, die erneut eine bloße Last beinhalten soll. Tatsächlich kann es für uns keine Identität geben, die nicht durch Verantwortung für die Vergangenheit geprägt bleibt.

Es gibt allerdings noch eine zusätzliche – und überraschende Antwort. Sie findet sich schon in den Aufsätzen, Predigten und Büchern deutsch-jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts wie Abraham Geiger, Ludwig Philippson, Gabriel Riesser oder Leopold Stein. Diese litten nicht nur unter ihrer unduldsamen Umwelt, sondern sie beklagten auch das Leiden, das sich diese Umwelt durch ihre eigene Unduldsamkeit selbst zufügte und damit ihre eigene intellektuelle und kulturelle Entwicklung blockierte – oder genauer: das Leiden, das sich diese Umwelt durch ihre Weigerung zufügte, sich zu einem Teil der eigenen Identität zu bekennen, nämlich zum jüdischen Teil ihrer christlichen Identität.

Die Lehre daraus für uns heute ist: Wir können der Verantwortung für die Vergangenheit gar nicht gerecht werden, wenn wir uns nicht zur eigenen Identität bekennen, und das heißt – übrigens für Christen und Muslime – zu einer im Judentum wurzelnden Identität.

Oder umgekehrt: Wenn dieser Akt des Erkennens, der An-Erkennung des Judentums weiterhin vertagt und wenn das ‘Jüdische’ in der beliebten Formel von der christlich-jüdischen Tradition ein unverstandenes oder gar – dem Christlichen gegenüber – ein zu vernachlässigendes Anhängsel bleibt, bleiben alle Gefahren latent, denen Juden und Judentum durch nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaften bisher ausgesetzt waren.

Es ist dieser Zusammenhang zwischen dem Nicht-Kennen und Nicht-Anerkennen des Judentums durch die nicht-jüdische Umwelt einerseits und Antisemitismus und Gewalt andererseits, der Generationen deutscher Juden seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1938 umtrieb. Nicht wenige sahen schon im frühen 19. Jahrhundert Tod und Vertreibung voraus, sollte es bei der Leugnung bleiben. Alle aber hofften auf die Zeit, da die christliche Kultur endlich von der Übertrumpfungshaltung ablassen und stattdessen das Judentum als ihre ethische Grundlage anerkennen würde. Dann würde sich diese Kultur sozusagen mit sich selbst versöhnen und könnte ‘heil’ werden und dann würde ein ungeahnter Aufbruch in der Menschheit möglich.

Wie gehen wir an diesem Tag damit um? Entscheiden wir uns dafür, vor allem die dunkle Mentalität der Antisemiten, die Macht der Gewalt zu beklagen, oder gedenken wir des Leidens der Verfolgten, indem wir den, allem zum Trotz, ungebrochenen Optimismus des Judentums in uns aufnehmen, die jüdische Friedens- und Gerechtigkeitsvision, die von der Gewalt vernichtet werden sollte?

In seinem großen Werk Das Wesen des Judentums, das er 1905 in Düsseldorf abschloss, schreibt Leo Baeck, der Gedanke der Zukunft sei ein “Eigenes der jüdischen Religiosität”. Eine “Spannung mit all ihrer Tragik” zwischen einem “Menschendasein” und der Ferne des Ziels. Diese Spannung, aber auch die Einheit von beiden, “das ist die Zukunft, wie sie im Judentum erfahren wird, das Messianische, das ihm eigen ist”. Es ist die Sehnsucht nach der “Einheit der Nationen” und der “Einheit der Zeiten”.

Und der Mülheimer Prediger Otto Kaiser fragt im gleichen Jahr 1905, warum wir die Hoffnung auf die “Vervollkommnung der Menschheit” aufgeben sollten? Das Vertrauen auf die Zukunft sei “das Lebenselixier” Israels – “weil das Judentum ohne den Mut der Zukunft, ohne das Vertrauen auf die Erhebung der Menschheit längst ein Raub der Zeiten, ein Raub der Verfolgungen, ein Raub des Elends, des Drucks und der Verachtung geworden wäre”.

Und 70 Jahre später, nach dem Völkermord, 1975 hier an dieser Stelle in Duisburg, sprach Yehoshua Amir, der Sohn Mannas Neumarks, vom “sengenden Feuer der Verwüstung”, das sich ins Gedächtnis dieser Stadt und dieses Landes eingeätzt habe. Doch zugleich möge auch die “göttliche Gegenwart” nicht verlöschen, in der “Menschen und Völker zu Brüdern werden”. Und ein Jahr später, in der Synagoge in Düsseldorf spricht er die Hoffnung aus, die Deutschen mögen die Fähigkeit wiedererlangen, ihres Volkes froh zu werden, denn nur “aus heilen Völkern” erbaue sich die “heilige Menschheit”.

Das ‘Heil-Werden’ aber – soviel wissen wir nun – führt über die Hinwendung zum jüdischen Teil unserer Identität. Versuchen wir daher, am heutigen Tag, beim Gang zur Gedenkstätte am Rabbiner-Neumark-Weg, neben der Trauer das Messianische zuzulassen, die lebendige Vision der Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach der “Einheit der Nationen” und nach der “Einheit der Zeiten”.

DISS-Neuerscheinung: Gabriel Riesser

Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts: Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft.

Der erste Band mit Ausgewählten Werken des deutsch-jüdischen Bürgerrechtlers Gabriel Riesser ist im Böhlau-Verlag in Köln erschienen.

Abbildung Cover Gabriel Riesser Bd. 1

Der Band umfasst die politische Erstlingsschrift Riessers Ueber die Stellung der Bekenner des Mosaischen Glaubens in Deutschland (1831) und seine Jüdischen Briefe. Zur Abwehr und Verständigung (1838-1841).

Gabriel Riesser (1806–1863) wuchs in Hamburg in einer religiösen jüdischen Familie auf. Er wurde in Heidelberg zur Zeit der Restauration promoviert, als die Diskriminierungen gegen Juden einen neuen Höhepunkt erreichten. Zwei Universitäten verweigerten ihm die Habilitation, seine Heimatstadt Hamburg die Anstellung als Advokat. Danach wuchs Riesser in die Rolle eines Bürgerrechtlers hinein und wurde dadurch berühmt. 1848 wählten ihn christliche Wahlmänner in die Paulskirchen-Versammlung. Er wurde 1860 der erste jüdische Richter Deutschlands. Seine vielfältigen, rhetorisch brillanten Schriften spiegeln die Kultur des Vormärz und die Entwicklung des deutschen Parlamentarismus.

Mit seiner politischen Erstlingsschrift Ueber die Stellung der Bekenner des Mosaischen Glaubens in Deutschland (1831) zielte Riesser – kurz nach der Juli-Revolution in Paris – in die Mitte der deutschen Öffentlichkeit, d. h. in einen Raum, in dem man – bis dahin – die Schriften deutscher Juden weitgehend unbeachtet gelassen hatte.

Während frühere Schriften der Vertreter des Judentums meist durch ein defensives Bit­ten um vorenthaltenes Recht geprägt waren, forderte Riesser nun Gerechtigkeit, statt „Rechtfertigungen oder Zugeständ­nissen“, die „die alte Schmach nur durch neue Demüthigung erneuern und verlängern“ würden.

Wie ein „elektrischer Funke“, so schildert ein Rezensent, habe diese Schrift in weiten Kreisen gewirkt: „fast erschreckend, so kühn erschien die Sprache des lang ge­kränkten Rechts“. Von da an habe Riesser „die Aufmerksamkeit nicht bloß seiner Glaubensgenos­sen, sondern aller Freisinnigen, aller Denker, aber auch aller Gegner auf sich“ gezogen. Wie zeitgleich Giuseppe Mazzini (1805-1872) in Italien ging es Riesser darum, über die „persönlich Betheiligten“ hinaus „Menschenfreunde aller Confessionen“ zum gemeinsamen Kampf für die Menschen- und Bürgerrechte zu bewegen. Damit warf er – so ein Zeitgenosse – „deutschen Staaten und Kammern den Fehdehandschuh hin, trat mit Argumenten auf, die seine Ebenbürtigkeit erkennen ließen. Diese Schrift erregte großes Aufsehen, und es richteten sich die Blicke Vieler achtungsvoll auf den Verfasser.“

In seinen Jüdischen Briefen (1838/41) ging Riesser einen Schritt weiter: Angesichts der Masse der zeitgenössischen judenfeindlichen Angriffe auf Juden und Ju­dentum versuchte er mit hoher Konzentration und Disziplin, eine konstruktive Wendung heraus aus bloßer Empörung und Erschöpfung zu finden.

Vielleicht überhaupt zum ersten Mal in deutscher Sprache erarbeitete er exempla­rische Argumentations- und Diskursanalysen zu antisemitischen Texten und legte assozia­tive und konnotative Techniken offen, die für die gegen Juden und Judentum gerichtete Rhetorik der Herabsetzung und Ausgrenzung typisch sind, aber auch darüber hinaus. Passagen des außerordentlich behutsamen Vortastens und Auslotens, in denen sich Riesser den antisemitischen Kernbotschaften und Bilderwelten nähert, wechseln sich ab mit diachronen Einordnungen, aber auch mit Ausbrüchen der Empörung, der öffent­lichen Abrechnung oder der autobiographischen Ansprache. Unabhängig von Verleger­interessen, Terminzwängen und politischen Nötigungen schuf Riesser in den Jüdischen Briefen ein Experimentierfeld für sprachkritische Strategien gegen eine Kultur der Her­absetzung und Ausgrenzung.

Riesser hat ein umfangreiches Werk bürgerrechtlicher Schriften geschaffen, das an analytischer Intensität und historiographischer Authentizität unübertroffen geblieben ist. In einem zweiten Band der Ausgewählten Werke sollen u.a. Riessers Analysen der bürgerlichen Verhältnisse der Hamburgischen Israeliten (1834), Analysen zu den Verhandlungen der Holsteinischen Provinzialstände (1840/41), der Verhandlungen der 2ten Kammer des Großherzogthums Baden (1831/1832) und der Verhandlungen der Badischen Ständeversammlung über die Emancipation der Juden (1833) neu ediert werden.

 

 

Bestellen Sie den Titel bitte in Ihrer Buchhandlung oder direkt beim Böhlau-Verlag: http://www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20864-6.html

Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Werkausgaben
Herausgegeben von: Michael Brocke, Siegfried Jäger und Jobst Paul
Band 3,1
Gabriel Riesser
Ausgewählte Werke
Teilband 1
Herausgegeben von: Jobst Paul und Uri R. Kaufmann
2012, 280 S.
Preis: € 39.90 [D] | € 41.10 [A]
ISBN 978-3-412-20864-6

 

 

 

DISS Online-Text zur christlichen Judenfeindschaft

In der DISS Online-Bibliothek können Sie ab sofort einen Aufsatz von Jobst Paul abrufen, der bereits 2001 entstand. Thematisiert werden verschiedene Varianten christlicher, insbesondere calvinistisch-reformierter und angelsächsischer Judenfeindschaft, u.a. die Legenden, die an die Existenz des Chasaren-Reiches im 8. Jahrhundert anknüpfen.

Von Anglo-Israelismus zu Christian Identity
Entwicklungslinien calvinistisch-reformierter und angelsächsischer Judenfeindschaft
Autor: Jobst Paul

Lutherische und katholische Regionen entwickelten oft militant-abweisende Formen der Judenfeindschaft. Dagegen bildeten die calvinistisch-reformierten Regionen Europas, vor allem England und die Niederlande, in der Folge auch die amerikanischen Staaten und der Staat der Voortrekkers, der burischen Pioniere Südafrikas, paternalistische Formen der Judenfeindschaft aus. Insbesondere das Bewusstsein, die Juden als herrschendes Geschlecht bereits abgelöst und von ihnen die jüdisch-alttestamentarische Identität übernommen zu haben, beherrschte bereits die Millennialisten im Gefolge Cromwells, aber auch die niederländischen Eliten des 17. Jahrhunderts. Hinzu kam der reformierte Glaube an eine Wiederkunft des Messias in Jerusalem, wenn sich dort die inzwischen zerstreuten Juden zur Bekehrung zum Christentum versammelten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verbanden sich damit sektiererische Theorien, die sich – meist von Großbritannien ausgehend – in den USA unter kontinental-europäischem Einfluss zu rechtsextrem-antisemitischen Lehren radikalisierten und seitdem nach Europa zurückwirken.

Lesen Sie den Text von Jobst Paul in der DISS-Online-Bibliothek. Sie können ihn hier als PDF-Datei abrufen (57 Seiten):
Jobst Paul: Von Anglo-Israelismus zu Christian Identity

Für den Hessischen Rundfunk fällt Rassismus unter die ‚Narrenfreiheit‘

Autor: Jobst Paul

Ungerührt von der Bekanntgabe des Unworts des Jahres 2011 Döner-Morde am 17. Januar 2012 unterstrich ein Sprecher des Hessischen Rundfunks am 9. Februar 2012, es gehöre zur „sprichwörtlichen Narrenfreiheit“, wenn in einer Fastnachtssendung „Klischees bemüht“ werden.1

Damit meinte er den medialen Auftritt der Zahnärztin Patricia Lowini2 als Büttenrednerin3 in der Rolle der Chefmoderatorin Asye von Döner TV bei der Inthronisation des Frankfurter Prinzenpaares 2011/2012 – Marcus I. und Prinzessin Ingrid II., aufgezeichnet im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, ausgestrahlt am 2. Februar in der ARD und trotz massiver Proteste wiederholt am 19. Februar 2012 im Hessischen Fernsehen.

Gehüllt „in Strapse, Dirndl und Kopftuch“ 4 tänzelt die Frau „in Stöckelschuhen auf die Bühne. Ein glitzerndes Tuch auf dem Kopf, vor dem Körper eine Kreuzung aus einer türkischen und einer deutschen Nationalflagge. „Ja, guten Abänd, liebe Zuschauer, hier bei Döner TV zeig isch Eusch heute, was ist Integration“, sagt die Frau und lässt die Fahne fallen. Ein türkisfarbenes Mini-Dirndl kommt zum Vorschein. „Das ist Integration!“ ruft sie in jenem Akzent, der unter Sprachwissenschaftlern als „Kiezdeutsch“ anerkannt ist, und wirbt für den fiktiven Sender „Döner TV“.“ 5

Die Stereotypik der ‚Rede‘ hält sich an die Motive der Ausgrenzungserzählung: Neben das durchgängige Döner-Motiv (Fressen)6 tritt das komplementäre Motiv der Dummheit7. Ebenso münden Minirock-Kostümierung und ein Versprecher (Fas- nackter) in die weitere Sex- und Fortpflanzungsmetaphorik (Gebärmutter8 , Verhütungsmittel, Babywindel).

In Richtung der Sarrazin’schen Kopftuch-Mädchen weist aber auch der Hinweis auf eine Art ‚Nummerierung‘ von Kindern („meine Schwestern heißen Buche, Birke und Kastanie“). Ein ’sexualisierter Islamismus‘, Germany’s next Burka Model, signalisiert dann wohl den Abschluss der türkischen Okkupation Deutschlands.

Auch die Fäkalabteilung (Babywindel, Güllehülle, Toilette, bescheißen) mit angeschlossener Krankheits- und Erregermetaphorik (Gammelfleisch9 , keine Toiletten) fehlt selbstverständlich nicht, auch nicht der Hinweis auf den ‚außerzivilisatorischen‘ Kampf aller gegen alle (auf Basar bescheißt jeder jeden).

Während die Stereotypik bei eher sinnlosen Wortspielen (Anne-Will-Döner) zurücktritt, ergeben sich an anderer Stelle Verschränkungen und Zuspitzungen. Die deutsche Nationalhymne als Einigkeit und Recht und Döner gelernt zu haben, soll wohl nicht nur Dummheit, sondern potenziell auch Distanzierung von und Verspottung der deutschen Nation andeuten.

Ähnlich stellt die Wendung nicht getauft, aber geimpft der Nicht-Zugehörigkeit zum Christentum die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen gegenüber. Auch die Stereotype der Kriminalität (geschlossene Sendeanstalt=JVA Weiterstadt) verbindet den Aspekt von Gier, Raub, Gewalt und Gefahr mit dem des Aufwands des Staats für die Betroffenen.

Auch wenn der Text durchgehend aus groben, rassistisch, bzw. sexistisch herabsetzenden Kurzepisoden besteht, hat die Büttenrednerin doch auch politische Spuren gelegt. So legt einerseits eine Schul-Szene (Brunhilde) die These nahe, ‚Integration‘ sei eine Sackgasse und würde auf dem Rücken von (vermutlich ‚wie Ayse‘: dummen, nicht bildungsfähigen) Kindern ausgetragen, während andererseits die Signalworte Müsli und Gesamtschule auf die linken bzw. grünen Urheber zeigen. Tatsächlich bringt die Büttenrednerin diesen Aspekt vollends ‚auf den Punkt‘ und lässt dazu zwei bekannte Grünen-Politikerinnen für 2 Millionen Jahre in einem Castor-Behälter ‚endlagern‘.10

Der Pressesprecher des Hessischen Rundfunk hat es – angesichts dieses Textes – nicht nur fertig gebracht, von ‚Narrenfreiheit‘ zu sprechen und die Zweitausstrahlung zu verteidigen, sondern mit der Aussage zu verbinden, „als öffentlich-rechtlicher Sender sehe es der HR als seine Aufgabe an, gesellschaftliche Integration und ein gutes Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in Hessen zu fördern.“ Es ist umgekehrt: Der Hessische Rundfunk hat sich außerhalb dieses Miteinander gestellt und sich als Akteur der gesellschaftlichen Integration disqualifiziert.

 

  1. Deutsch-Türkische Nachrichten vom 11.2.2012. []
  2. Vgl den Auftritt unter http://www.youtube.com/watch?v=mM2Rz0_OTTU&feature=related. []
  3. Vgl. Frankfurt: Helau! – Die Inthronisation des Prinzenpaares. 2.12.2012. In: http://programm.daserste.de/pages/programm/detailArch.aspx?id=BB2ECED9A512D47862263544878C8496. – – Frankfurt: Helau! – die Inthronisation des Prinzenpaares. 19.2.2012. In: http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=62359&key=standard_document_43651135&xtcr=3&xtmc=frankfurt%20helau. []
  4. Website des Mainzer Carneval-Vereins. Dort findet sich auch eine inhaltliche Zusammenfassung der ‚Büttenrede‘, in der offenbar frühere Bestandteile des Sketches wiedergegeben werden, die beim neuerlichen Auftritt gestrichen wurden. Vgl. Die MCV-Redner – eine Klasse für sich! Website des Mainzer Carneval-Vereins 1838 e.V. []
  5. Karnevalssendung „Frankfurt Helau“. Empörung über Türken-Witze in der ARD. In: Süddeutsche Zeitung vom 10.02.2012. Dagmar Schatz erinnerte an die antisemitischen Praktiken der rheinischen Karnevals im NS-Staat: „(…) schon damals gehörte es zum Repertoire vieler „Humoristen“, die tatsächliche oder vermeintliche Sprache des „Anderen“ nachzuäffen.“ Die Herabsetzung von Juden in dieser Weise reicht allerdings erheblich weiter zurück. Vgl. Dagmar Schatz, Witz, Macht und schöne Zähne. In: Der Freitag vom 11.02.2012. []
  6. Hierzu gehören die Signalworte: Döner-Büde, Integrationsdöner-Büde, Türk-Döner, Currywurst-Döner, Schweinshaxen-Döner, Sauerbraten-Döner, Handkäs-Döner, aber auch Knoblauch-Fleischwurst, Fladenbrot, und – nach Mitteilung des Mainzer Carneval-Vereins – ganz frisches Gammelfleisch. Ebenso Döner for One, Anne-Will-Döner, Döner in Tirol. []
  7. Vgl. Putzfrau, auf integrierter Gesamtschule, Allgemein-Bildung. Hinzu kommt die Gleichung ‚Ayse‘ = ‚Eiche‘ durch die Sprecherin. []
  8. Beim Auftritt am 02.Febr. 2012 gestrichen: „Gebärmutter“. []
  9. Beim Auftritt am 02.Febr. 2012 gestrichen: „Onkel Izmir Übel verkauft ganz frisches Gammelfleisch“. []
  10. Vgl. auch Öffentlich-rechtlicher Rassismus zur besten Sendezeit. In: Migazin vom 10.2.2012 [http://www.migazin.de/2012/02/10/frankfurt-hellau-rassismus-zur-besten-sendezeit-tuerken/]; HR will „Frankfurt Helau“ erneut ausstrahlen. In: FR vom 10.2.2012 [http://www.fr-online.de/fastnacht-frankfurt-rhein-main/verdacht-auf-rassismus-hr-will—frankfurt-helau–erneut-ausstrahlen,11603612,11606226.html]; Eklat um Türken-Witze beim Karneval. In: BILD vom 9.02.2012 [http://www.bild.de/politik/inland/integration/karneval-eklat-bei-narrensitzung-schlechte-witze-auf-kosten-von-migranten-22550008.bild.html?wtmc=fb.off.share]; Diskriminierung kann niemals mit Narrenfreiheit gerechtfertigt werden. In: Familien-Blickpunkt. Ihr Familien-Portal für Stadt und Kreis Offenbach. [http://www.familien-blickpunkt.de/magazin/diskriminierung-kann-niemals-mit-narrenfreiheit-gerechtfertigt-werden.html]; PRO ASYL fordert Absetzung der Ausstrahlung des rassistischen Fernsehspots. Presseerklärung von pro asyl vom 17.02.2012: [http://www.proasyl.de/de/presse/detail/news/pro_asyl_fordert_absetzung_der_ausstrahlung_des_rassistischen_fernsehspots/]; Werner Wenzel, Rassismus oder Kokolores? Eklat um Mainzer Rednerin nach ARD-Sendung. In: Wiesbadener Kurier vom 11.02.2012 [http://www.wiesbadener-kurier.de/fastnacht/wiesbaden/11654113.htm]; Karnevalssendung „Frankfurt Helau“. Empörung über Türken-Witze in der ARD. In: Süddeutsche Zeitung vom 10.02.2012 [http://www.sueddeutsche.de/medien/karnevalssendung-frankfurt-helau-empoerung-ueber-tuerken-witze-in-der-ard-1.1280508]; Türkische Medien kritisieren „Frankfurt Helau“Karnevalssendung in der ARD „rassistisch“. In: Focus online vom 09.02.2012 [ http://www.focus.de/kultur/medien/kritik-an-karnevalssendung-tuerkische-medien-werfen-tv-rassismus-vor_aid_712483.html] und andere. []

Christlich-islamische Realpolitik

Unter dem Motto: Freiheit ja! – Gerechtigkeit nein! kommentierte Jobst Paul im DISS-Journal Nr. 22 (18. November 2011) kritisch den vorhersehbaren Sieg kulturkonservativer islamischer Parteien in einigen arabischen Ländern, ihre mögliche Allianz mit der westlichen Großindustrie (Beispiel DESERTEC) und die diesbezügliche Analogie zwischen kulturkonservativen islamischen Parteien und kulturkonservativen christlichen Parteien insbesondere in Deutschland:

„Man wird es dem Mittelstand der arabischen Staaten nicht verdenken dürfen, in die Fußstapfen anderer, z.B. europäisch-kulturkonservativer, hierzulande z.B. christlicher Parteien zu treten, deren Leitidee in der Regel der eigene Wohlstand und damit auch der Pakt mit Großindustrie und Finanzmärkten war. Anders würde sich nicht erschließen, was christliche Parteien hierzulande über Jahrzehnte hinweg an der Atomenergie fanden. Und so scheinen die arabischen Revolutionen ganz in abendländischer Logik auf die Gewährung bürgerlicher Freiheiten, aber auf die Vertagung der gerechten Gesellschaft hinauszulaufen.“

Tatsächlich hat Bundesaußenminister Westerwelle während seiner kürzlichen Arabien-Reise nun einerseits die Bedeutung des DESERTEC-Projekts bestätigt:

„Auch in Algier warb Westerwelle für eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Als herausragendes Beispiel dafür nannte er Desertec, eine Initiative zur Erzeugung von Ökostrom in Wüsten und zur Weiterleitung nach Europa. „Das könnte ein Meilenstein für die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Regionen werden“, sagte der Außenminister.“ (Der Stern, 8.1.2012)

Darüber hinaus machte sich Westerwelle die Gleichung zwischen christlich-konservativen und islamisch-konservativen Parteien zu eigen:

„Europa müsse sich daran gewöhnen, dass es „islamisch-demokratische Parteien gibt, wie es in Europa christdemokratische Parteien gibt“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Montag bei einem Besuch in Tunis. … Die Europäer müssten verstehen, dass „es große Unterschiede gibt auch in den politischen Orientierungen islamischer Parteien“, sagte Westerwelle. Islamisch-demokratische Strömungen hätten das Recht, „von uns als vollständig respektierte Partner angenommen zu werden“ … (Focus, 9.1.2012)

Schon zuvor (20.11.2011) hatte Rachid Ghanouchi, der Chef der siegreichen, tunesischen Partei En-Nahda die Gleichung in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung aufgegriffen:

„Wir wollen ein demokratisches System einführen, das die Regeln der Demokratie und die islamischen Werte berücksichtigt. Das wird ähnlich aussehen wie bei den christdemokratischen Parteien in Europa.“ (Süddeutsche Zeitung, 20. 11. 2011)

Ghanouchis und Westerwelles Stellungnahmen deuten auf den aktuell offenbar rasanten Brückenbau zwischen christlich-konservativen und islam-konservativen Politikentwürfen in Europa und Arabien zugunsten einer neoliberalen Realpolitik mit völlig neuen Abmessungen. Diese Entwicklung wirft nicht nur die Frage auf, welche Folgen die abrupte Verabschiedung der Gerechtigkeitsfrage, die der eigentlich Ausgangspunkt und Antrieb der Revolutionen war, in den Nationen des arabischen Frühlings haben wird. Es wird auch spannend sein zu beobachten, wie die christlich-konservative Parteienlandschaft in Deutschland (und Europa) mit den Geistern umgehen wird, die sie mit ihrem jahrelangen, populistisch aufgeheizten Anti-Islamismus gerufen und deren Radikalisierung sie damit ermutigt hat.