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Christian Malcocis Dienstbefehle an „Autonome Nationalisten“

 
 

Autorin: Amelie Feron

Die „vierte Nummer“ der Zeitschrift „Die Schwarze Fahne“ wurde Anfang Januar 2010 von Neonazis aus NRW via Internet verbreitet. Jetzt endlich, nach 22 Jahren autonomer nationalistischer Bewegung sei es „dringend notwendig, auch auf theoretischer und grundsatzpolitischer Ebene ein hohes Niveau zu erreichen, um unsere Bewegung besser weiterbringen zu können“. Autor dieser Zeilen ist „Nosferatu“, ein von Christian Malcoci in der Vergangenheit oft verwendetes Pseudonym. In dem sechsseitigen Blättchen ist allerdings weder ein „theoretisches“ oder „grundsatzpolitisch“ hohes Niveau zu finden, noch politische Qualität. Ein Artikel berichtet über das befürchtete Verbotsverfahren gegen die HNG, ein anderer beklagt – ebenfalls unter dem Namen Nosferatu – sowohl der rechte Publizist Werner Bräuninger als auch Alain de Benoist hätten keine Ahnung vom wahren Nationalsozialismus.

Tatsächlich aufschlussreich ist der Artikel „22 Jahre freie Autonome Nationale Sozialisten. Die Strömung ist älter als gedacht“, geschrieben von Malcoci. Er führt uns zu den Ausgaben der „Schwarzen Fahne“ von 1988 und darüber hinaus zu Malcocis Motivation für eine Neuaufnahme dieses Zeitungsprojektes: „Mit der Verbreitung der ersten Ausgabe der ‚Schwarzen Fahne’ im Juni 1988 fiel der Startschuß zur systematischen Ausbreitung der Autonomen Nationalen Sozialisten“. Damit stellt Malcoci die heutigen „Autonomen Nationalisten“ (AN) in eine direkte Tradition der ANS/NA („Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“), aus deren Kreis die „Schwarze Fahne“ 1988 entstand und ordnet die heutigen AN einem „umfassenden Gesamtkonzept“ unter, dem Konzept der ANS/NA, die, 1977 von Michael Kühnen gegründet, sich selbst als neue SA und als legaler Flügel der NSDAP verstand. Die ANS/NA wurde 1983 verboten, ihre Strukturen bestanden aber weiterhin.

Die ANS/NA war in den frühen 80er Jahren die größte neofaschistische Organisation in der Bundesrepublik. Sie war offen nationalsozialistisch ausgerichtet und trat für die Wiederzulassung der NSDAP ein. In der Führungsebene der strikt hierarchisch strukturierten Organisation bewegten sich Michael Kühnen, Thomas Brehl, Christian Worch, Jürgen Mosler und Christian Malcoci. Die ANS/NA war in über 30 Kameradschaften in die Bereiche Nord, Süd, West und Mitte gegliedert. Von den Bereichsleitern wurden die jeweiligen Kameradschaftsführer per „Dienstvorschrift“ instruiert, letztere wiederum befehligten ihre Kameradschaften per „Dienstbefehl“. Als legale Organisation fungierte später die FAP, in die ein Großteil des ANS/ NA Personals eintrat.

In der aktuellen „Schwarzen Fahne“ behauptet Malcoci nun, es gebe eine ungebrochene Traditionslinie bis heute. Er druckt einen Abschnitt aus der ersten Ausgabe von 1988 nach, in dem zu lesen ist, dass die Bewegung aus „selbstständigen und selbstverwalteten Gruppen Autonomer Nationaler Sozialisten [bestehe], die in Übereinstimmung mit Kern und Sinn unserer Weltanschauung und der Dienstvorschrift“ handeln. Ob es den heutigen „Autonomen Nationalisten“, die sehr bemüht um ihre „Autonomie“ sind (was auch immer sie darunter verstehen), gefallen würde, unter einer „Dienstvorschrift“ agieren zu müssen, sei dahingestellt.

Aber was ist das überhaupt? Exemplarisch findet man das in der „Dienstvorschrift“ der Kameradschaft Lippe Detmold vom September 1984, die trotz des Stempelaufdrucks „Streng geheim!“ an die Öffentlichkeit gelangt ist. Ihr ist neben dem Bekenntnis zum Führerprinzip, zum Nationalsozialismus und zu Adolf Hitler zu entnehmen, dass in dieser Kameradschaft nur „echte Kerle“ was zu suchen haben, die ihre „ganze Kampfbereitschaft“ mitbringen und sich „der Gemeinschaft, der Bewegung und deren Zielen bedingungslos“ unterordnen. Denn nur durch „bedingungslosen Willen und Unterordnung unter die uns tragende Idee“ ist „in der Stunde höchster Bedrängnis für Volk und Vaterland“ der Kampf „für das von allen Seiten bedrohte[…] Volk[…]“ zu gewinnen. Bis hierhin würde wahrscheinlich jeder „Autonome Nationalist“ mitgehen. Im Folgenden ist zu lesen, bei der Kameradschaft Detmold handele es sich nicht um einen „Debattierclub“, in dem sich „Freizeit Nazis ausruhen“ können, sondern es herrsche Disziplin und Gehorsam. Und in diesem Sinne erlässt der Kameradschaftsführer eine Reihe von Verordnungen und Befehlen. Das fängt bei den „Dienstkordeln“ an, die dem „Dienstgrad“ entsprechend in rot, grün, blau oder schwarz ausgegeben werden. Schwarz markiert übrigens den niedrigsten „Dienstgrad“. Folgend wird die Durchführung wöchentlicher Kameradschaftstreffen befohlen. „Unentschuldigtes Fehlen zieht harte erzieherische Maßnahmen mit sich“. Auch die einheitliche Uniformierung auf ebendiesen Treffen wird angeordnet. Jeder Kamerad ist zudem „zu Gehorsam, Verschwiegenheit und Disziplin verpflichtet“. Auch der Alkoholkonsum wird vom Kameradschaftsführer „per Anordnung oder Befehl“ reglementiert. „Innere Zerstrittenheit“ ist ebenso untersagt wie Maßnahmen, die die Autorität des Kameradschaftsführers untergraben. Dieser beschließt den Befehlskanon fast humorvoll mit den Worten: „Ein guter Soldat der Detmolder Kameradschaft hat also viele Chancen und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung!“.

Die gegenwärtigen Gruppierungen der „Autonomen Nationalisten“ sind zwar aufgrund ihrer streng hierarchischen Binnenstruktur unfähig, den Autonomiebegriff der originären autonomen Bewegung auch nur zu begreifen, geschweige denn zu adaptieren. Einer bestehenden Partei oder übergeordneten Organisation bedingungslos zu unterstehen, dürften die AN aber dennoch momentan ablehnen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Malcoci in seinem Verweis auf die Schwarze Fahne Nr.1 von 1988 diese Passage auslässt:

„Auf regionaler Ebene kennen sich die örtlichen Führer der einzelnen Gruppen sowieso und können ihre Aktionen, Veranstaltungen und Vorgehensweisen absprechen. Auf Landes- und Bundesebene wird die Koordination und Vorbereitung der Aktionen von einer politischen Partei/Vereinigung durchgeführt, die durch ihre legale Grundlage vom Staat nicht direkt angegriffen werden kann“.

1988, beim Erscheinen der ersten „Schwarzen Fahne“ wurde die „Freiheitliche Deutsche Arbeiter-Partei“ (FAP) als überregionale Struktur genutzt, auch wenn in der ersten Ausgabe der „Schwarzen Fahne“ noch zu lesen ist, dass Nationalisten sich zwar theoretisch mit „allen Mitteln – von der Handgranate bis zum Stimmzettel – gegen die Besatzer und die von ihnen eingesetzten Knechte in Bonn“ wehren können, aber eine „’demokratische’ Vorgehensweise“ auf der Ebene des parlamentarischen Systems wie sie von NPD, DVU und Republikanern praktiziert würde, nicht in Frage komme. Denn dies „würde die Rechtmäßigkeit des Terrors der Besatzer und ihrer Bonner Knechte anerkennen“.

In der dritten Ausgabe der „Schwarzen Fahne“ vom November 1988 wird der Begriff und die Aufgabe der „Autonomen Nationalen Sozialisten“ erneut umrissen. Vorausgesetzt wird nun: „Eine legale Partei und die Mitarbeit darin bietet riesige Vorteile“. Weil dieser aber manchmal die Hände gebunden seien, bedürfe es „Autonomer Nationaler Sozialisten“ um quasi die Drecksarbeit zu machen. „Die Autonomen Nationalen Sozialisten bilden jetzt schon die letzte Rückzugslinie im Fall des Scheiterns der parteipolitischen Arbeit, wo dann in Übereinstimmung mit der Dienstvorschrift […] neue praktisch-politische Versuche gestartet werden können“, so der Autor. Die parteipolitische Arbeit stehe aber jetzt im Vordergrund. Und in diesem Sinne wird in der Ausgabe drei bereits Werbung für das Organ „FAP-Intern“ gemacht.

Christian Malcoci, vom ANS/NA Kader zum FAP Parteiaktivisten, vom freien Kameradschafter zum NPD Kandidat und Parteisekretär der Nederlandse Volks-Unie (NVU), vom Verfechter einer ‚Bewegung in Waffen’ zum Aktivisten einer Bewegung in Parteistuben, versucht mit der Neuauflage der „Schwarzen Fahne“ nichts anderes, als eine Traditionslinie zu konstruieren, die es so direkt nicht gibt. Zu den „Autonomen Nationalisten“ stellt er fest: „[d]iese Ausführungen zeigen auch, daß es sich bei den heutigen Autonomen Nationalisten keineswegs um eine neumodische vergängliche Erscheinung handelt, sondern um eine traditionsreiche Strömung“ mit einem „umfassenden Gesamtkonzept“. Der einzige Sinn, den er einer „freieren“ Assoziation als der Parteistruktur zugesteht, ist der, von Repression und Verbot nicht in dem Maße wie Parteien betroffen zu sein. Das ändert aber nichts an der Logik von Unterordnung, Führerprinzip, Pflicht, Befehl und Gehorsam. Christian Malcoci will mit der Proklamation einer Traditionslinie den Bezug von Bewegung zur Partei oder übergeordneten Struktur herstellen.

Im Laufe der 80er Jahre wurden von militanten Neonazis etliche Label ausprobiert, um den Kreis der ANS/NA zu bestimmen. Eines von ihnen war das der „autonomen nationalen Sozialisten“. Dies als Vorlage der „Autonomen Nationalisten“ zu verkaufen, ist nicht mehr, als ein plumpes Manöver Malcocis, der mit der „Dienstvorschrift“ wedelnd, einen Führungsanspruch anmelden will. Ganz nach dem Motto: Wer hat’s erfunden? und ganz so, als wären die AN-Neonazis auf die ANS/NA vereidigt.

Von den AN gibt es noch keine diesbezüglich abwehrenden Stellungnahmen auf Malcocis Provokation. Kritisiert wird die neue Zeitung auf „altermedia“ allenfalls wegen ihrer theoretischen Schwäche und dem mageren Umfang, die Idee an sich sei aber super. In einem anderen Neonazi-Forum wurde von einem „Autonomen Nationalisten“ „die Idee einer neuen theoretischen Zeitschrift“ ebenfalls „wunderbar“ gefunden, die hochauflösende Abbildung von Kameraden auf dem Titelblatt aber zum „[K]otzen“. Entweder – so bleibt zu konstatieren – wird Malcocis strategischer Versuch nicht durchschaut, oder die nationale „Autonomie“ ist eben doch vereinbar mit der „Dienstvorschrift“ und Malcoci der lang ersehnte starke Mann, dem man so gerne gehorchen möchte.

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