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Zum Bochumer Tortenprozess

Neues Bil­der­ver­bot durch Bochu­mer Tor­ten­pro­zess:
Ste­hen wir vor einer Ein­schrän­kung der Pressefreiheit?

Autor: Rolf van Raden

Vor dem Bochu­mer Amts­ge­richt hat am Mitt­woch ein Auf­se­hen erre­gen­der Pro­zess statt­ge­fun­den: Der ver­ant­wort­li­che Redak­teur des loka­len Inter­net­por­tals bo-alternativ ist zu einer Strafe von 1.500 Euro ver­ur­teilt wor­den, weil er ein Anti-Nazi-Plakat doku­men­tiert hat. Auf dem Pla­kat ist eine Comic­fi­gur zu sehen, die eine Torte in der Hand hält. In den Augen der Staats­an­walt­schaft und der Rich­te­rin stellt die Abbil­dung auf die­ser Seite aus dem Jahr 2008 einen „Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“ dar.

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Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“? Die doku­men­tie­rende Abbil­dung die­ser Gra­fik soll straf­bar sein.

Es han­delt sich bereits um den drit­ten Pro­zess zum Thema – vor einem Jahr gab es bereits einen Frei­spruch, wor­auf die Staats­an­walt­schaft aller­dings Revi­sion ein­legte. Der beschul­digte Redak­teur hat jetzt ange­kün­digt, gegen das neue Urteil selbst in Beru­fung zu gehen. Sollte die Ver­ur­tei­lung vor wei­te­ren Instan­zen Bestand haben, könnte das die Presse– und Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land emp­find­lich einschränken.

Die Anklage der Bochu­mer Staats­an­walt­schaft (hier im Wort­laut) stand von Anfang an unter mas­si­ver Kri­tik. In einer Soli­da­ri­täts­er­klä­rung bewer­te­ten eine Reihe pro­mi­nen­ter Per­sön­lich­kei­ten den Pro­zess als einen „Affront gegen die Men­schen, die sich am 25. Okto­ber in Bochum und an ande­ren Tagen in ande­ren Städ­ten den Nazi-Aufmärschen ent­ge­gen stell­ten.” Andere Beob­ach­te­rIn­nen wei­sen dar­auf hin, wel­che poli­ti­schen Fol­gen die Ver­ur­tei­lung haben kann: Wenn näm­lich schon die Abbil­dung einer Comic­fi­gur mit einer Torte in der Hand dazu aus­reicht, um das Recht auf Äuße­rungs­frei­heit im Inter­net ein­zu­schrän­ken, dann wäre der behörd­li­chen Will­kür Tür und Tor geöffnet.

Die Anklage hat die Abbil­dung einer Torte zu einer „getarn­ten Bombe“ umge­deu­tet. Damit aber nicht genug. Denn im nächs­ten Schritt erklärte die Staats­an­walt­schaft die angeb­li­che Bombe zu einem ver­bo­te­nen Auf­ruf, „Gegen­stände, die ihrer Art nach zur Ver­let­zung von Per­so­nen oder Beschä­di­gung von Sachen geeig­net und bestimmt sind, ohne behörd­li­che Geneh­mi­gung mit sich zu füh­ren und diese zur Bege­hung von Ver­ge­hen der gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung ein­zu­set­zen“. In ein­fa­che Spra­che über­setzt behaup­tet die Staats­an­walt­schaft: Indem das Inter­net­por­tal das Pla­kat doku­men­tiert, rufe es dazu auf, mit Waf­fen zur Demo zu gehen und diese zu benutzen.

Kommt die Staats­an­walt­schaft mit die­ser obsku­ren Argu­men­ta­tion durch, wäre künf­tig keine gra­fi­sche Ver­öf­fent­li­chung mehr vor solch aggres­si­ver Inter­pre­ta­tion und Umdeu­tung geschützt. Ein Pla­kat mit einer erho­be­nen Faust? Klar, da holt jemand zum Schlag aus. Es droht ein neues Bil­der­ver­bot für poli­ti­sche Publi­ka­tio­nen. Und noch mehr: Die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den bekä­men ein ein­fa­ches wie mäch­ti­ges Instru­ment an die Hand, um poli­tisch miss­lie­bige Äuße­run­gen weit­ge­hend will­kür­lich zu kri­mi­na­li­sie­ren. Das wäre eine mas­sive Ein­schrän­kung des Grund­rechts auf Mei­nungs­frei­heit – und weil es sich bei dem Ange­klag­ten ja nicht ein­mal um den Plakat-Urheber, son­dern ledig­lich um den Redak­teur eines Inter­net­por­tals han­delt, auch um eine Aus­he­be­lung der Pressefreiheit.

Der Dis­kurs­ana­ly­ti­ker und Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift kul­tuR­Re­vo­lu­tion Jür­gen Link ging noch einen Schritt wei­ter. Bereits anläss­lich des ers­ten Tor­ten­pro­zes­ses vor einem Jahr ver­öf­fent­lichte er eine „Dis­kurs­ana­ly­ti­sche Wort­mel­dung“, in wel­cher er deut­lich machte: Selbst, wenn auf dem Pla­kat tat­säch­lich eine Bombe zu sehen wäre, würde es sich dadurch nicht um einen Auf­ruf zu Gewalt han­deln – weil bei einer Inter­pre­ta­tion immer Kol­lek­tivsym­bo­li­ken und dis­kur­sive Kon­texte zu berück­sich­ti­gen sind. Um das zu ver­deut­li­chen, über­trägt Link das Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter der Staats­an­walt­schaft pro­be­weise auf eine Kari­ka­tur, wel­che die WAZ elf Jahre zuvor ver­öf­fent­licht hatte. In der Gra­fik ist der dama­lige Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Vol­ker Rühe zu sehen, der den im Roll­stuhl sit­zen­den Wolf­gang Schäu­ble mit einem Pan­zer bedroht. Folge man der Logik der Bochu­mer Staats­an­walt­schaft, stelle diese Ver­öf­fent­li­chung „zwei­fels­frei sogar einen Auf­ruf zum Mord dar.“ Jür­gen Link wei­ter: „Staats­an­wäl­tin W. weiß nicht, dass Kari­ka­tu­ren Kon­flikte sym­bo­lisch dar­stel­len und dazu gro­teske Über­trei­bun­gen als ihr wesent­li­ches Mit­tel ein­set­zen müs­sen. ‚Pan­zer’ bedeu­tet sym­bo­lisch ‚große Entschlossenheit’ (und nicht: rea­ler Pan­zer­ein­satz!!!) – Torte mit Lunte bedeu­tet sym­bo­lisch ‚Ent­schlos­sen­heit mit Spaß’ (erheb­lich klei­nere als Pan­zer!!!), und nicht rea­len Ter­ro­ris­mus! Man muss schon nicht bloß völ­lig humor­los, son­dern außer­dem dis­kurs­ana­ly­tisch eine Null sein, um der­art dane­ben­hauen (keine Unter­stel­lung, Staats­an­wäl­tin W. habe wirk­lich zuge­schla­gen!!!) zu kön­nen.” Zum voll­stän­di­gen Text von Jür­gen Link.

Ob die Staats­an­walt­schaft und die vor­sit­zende Rich­te­rin tat­säch­lich dis­kurs­ana­ly­ti­sche Nul­len sind, oder ob es andere Gründe dafür gibt, dass sie eine Inter­pre­ta­tion des Pla­kats für gül­tig erklä­ren, die über­haupt nichts mit der tat­säch­li­chen dis­kur­si­ven Wir­kung der Ver­öf­fent­li­chung zu tun hat, das kann an die­ser Stelle nicht geklärt wer­den. Fest steht jeden­falls, dass die Demons­tra­tion, zu der das Pla­kat auf­rief, selbst in den Augen der Poli­zei völ­lig fried­lich ver­lau­fen ist. Und obwohl die Poli­zei – wie zu sol­chen Anläs­sen üblich – umfang­rei­che Taschen­kon­trol­len durch­führte, konnte sie nicht einen ein­zi­gen „gefähr­li­chen Gegen­stand“ fin­den – weder als Tor­ten getarnte Bom­ben, noch andere Gegen­stände, die zur Beschlag­nahme geeig­net waren. Dar­über hin­aus ist der jetzt wegen „Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“ ver­ur­teilte Redak­teur seit Jahr­zehn­ten ein akti­ves Mit­glied der Frie­dens­be­we­gung und für seine kom­pro­miss­los gewalt­freie poli­ti­sche Linie bekannt.

Diese Tat­sa­chen ver­wei­sen auf eine Fra­ge­stel­lung, um die es bei der Beru­fungs­ver­hand­lung zumin­dest impli­zit auch gehen wird: Wenn Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Gerichte über die Straf­bar­keit einer Publi­ka­tion befin­den, dür­fen sie dann ein­fach eine Inter­pre­ta­tion zur Grund­lage machen, die weder vom Publi­zis­ten selbst, noch von der Ziel­gruppe der Publi­ka­tion, und noch nicht ein­mal im Rah­men des Hege­mo­ni­al­dis­kur­ses als nahe­lie­gend oder gar zwin­gend ange­se­hen wird? Oder ver­let­zen die Behör­den viel­leicht sogar ihre Sorg­falts­pflicht, wenn sie sich auf eine Inter­pre­ta­tion beru­fen, die nichts mit den dis­kur­si­ven Ver­hält­nis­sen zu tun hat, in denen die Publi­ka­tion ver­öf­fent­licht wor­den ist?

Diese Fra­gen sind aus einer dis­kurs– und macht­ana­ly­ti­schen Per­spek­tive inter­es­sant. In der poli­ti­schen Dimen­sion wird in der Beru­fungs­ver­hand­lung aller­dings nicht weni­ger ver­han­delt als die Reich­weite der Grund­rechte auf Presse– und Äuße­rungs­frei­heit. Des­we­gen ist sicher, dass wei­ter­hin viele Augen auf den Bochu­mer Tor­ten­pro­zess gerich­tet sein werden.

Zum Wei­ter­le­sen: Alle Stel­lung­nah­men und Berichte zum Bochu­mer Tor­ten­pro­zess auf bo-alternativ.de

Wortmeldung

Netzfundstück: Hymnen, Flaggen, Fangesänge

Der Internet-Sender detektor.fm aus leip­zig sen­dete heute ein Inter­view mit DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zum Thema »Hym­nen, Flag­gen, Fan­ge­sänge — wie weit ist es zur Menschenfeindlichkeit?«.

Anmo­de­ra­tion:

Fuß­ball ver­bin­det. Doch lei­der sind oft­mals auch Ras­sis­mus, Homo­pho­bie und Men­schen­feind­lich­keit mit im Sta­dion. Ein Inter­view über Flag­gen, Hym­nen und die Gret­chen­frage, wie­viel unbe­schwer­tes Fei­ern erlaubt ist.

Eigent­lich ist es ja das nor­malste der Welt: die Flag­gen und Fah­nen, die zur WM über­all auf­tau­chen. Natür­lich drückt man sei­nem Hei­mat­land die Dau­men – und warum sollte man das nicht auch zei­gen. Das Ganze hat aber manch­mal auch eine Kehr­seite – und die ist für die, die im Fei­er­tau­mel sind, nur schwer zu erken­nen: Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit im Sport. Wäh­rend eines sol­chen Groß­er­eig­nis­ses wie der WM tref­fen ver­schie­denste Natio­nen auf­ein­an­der. Die Frage ist also: baut sowas Vor­ur­teile ab? Oder bre­chen sie dadurch erst recht auf?

Dar­über spre­chen wir jetzt mit einem Exper­ten vom  Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung, kurz DISS. Dort wird seit 1987 beob­ach­tet und erforscht, wie sich Rechts­ex­tre­mis­mus, Ras­sis­mus und sozia­ler Aus­gren­zung in der Gesell­schaft ent­wi­ckeln, wie dar­über debat­tiert wird, wo es sich fest­setzt. Die For­scher spre­chen dabei von Dis­kur­sen. Und wie prä­sent sol­che men­schen­feind­li­chen Dis­kurse im Fuß­ball sind, das fra­gen wir Jens Zim­mer­mann vom DISS.

Das Inter­view kön­nen Sie als mp3-Audio-Datei von der Web­site von detektor.fm her­un­ter­la­den (8:20 Minu­ten, 8 MB):

http://detektor.fm/download/?file=/images/uploads/mp3/Jens_Zimmermann_ber_Rassismus_und_Fremdenfeindlichkeit_im_Fuball_WEBSITE_1.mp3

Netzfundstück: Politologentrug

Auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist ein Text von Prof. Wolf­gang Wip­per­mann abruf­bar, der auf einem Vor­trag beruht, den er im März 2010 in Duis­burg gehal­ten hat:

Poli­to­lo­gen­trug
Ideo­lo­gie­kri­tik der Extremismus-Legende

Her­aus­ge­ber Fried­rich Bur­schel schreibt in sei­ner Ein­lei­tung u.a.:

Dem Text «Poli­to­lo­gen­trug» von Wolf­gang Wip­per­mann liegt sein Vor­trag beim Gesprächs­kreis «Rechts­ex­tre­mis­mus» der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ber­lin in Duis­burg am 19. März 2010 zugrunde. In Koope­ra­tion mit dem Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung (DISS) stell­ten drei Wis­sen­schaft­ler ihre The­sen zum «Extremismus»-Begriff zur Dis­kus­sion. Neben Pro­fes­sor Wip­per­mann spra­chen Ste­fan Kausch (Forum Kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung, Leip­zig) zu «Ordnung.Macht.Extremismus. Das Kon­strukt der ‹guten Mitte› und alter­na­tive Per­spek­ti­ven» sowie der DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zu «Wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Ele­men­ten einer Kri­tik der Extre­mis­mus­for­schung und Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse als alter­na­tive Per­spek­tive für eine kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung». Dem Gesprächs­kreis ging es um die Pro­ble­ma­tik des Extre­mis­mus­be­griffs und seine poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung. In den zurück­lie­gen­den Mona­ten konnte beob­ach­tet wer­den, wie der seit Jah­ren umstrit­tene und wis­sen­schaft­lich eigent­lich ver­wor­fene Begriff des Extre­mis­mus fröh­li­che Urstände fei­ert und in durch­sich­ti­ger Weise instru­men­tell in Dienst genom­men wird.

Den voll­stän­di­gen Text fin­den Sie HIER.

Fratzen des Antisemitismus

Facebook-NutzerInnen pro­pa­gie­ren radi­kale Juden­feind­schaft auf neuem Niveau

Autor: Jona­than Messer

Die Mel­dung war am 31. Mai kaum aus dem Nach­rich­ten­ti­cker, da kom­men­tier­ten eif­rige Facebook-NutzerInnen schon den israe­li­schen Mili­tär­ein­satz gegen eine Schiffs­flotte mit Hilfs­gü­tern für den abge­rie­gel­ten Gaza-Streifen. Dass ein poli­ti­sches Ereig­nis in die Auf­merk­sam­keits­sphäre des inter­ak­ti­ven „sozia­len Netz­wer­kes“ gerät, ist schon eine Beson­der­heit. Zu Selbst­be­züg­lich agie­ren sol­che Grup­pen sonst. Die­ses mal jedoch gab es kein Hal­ten mehr – schließ­lich ging es um Israel. Und so ver­schlug es selbst den hart­ge­sot­te­nen Lese­rIn­nen den Atem, was dort auf den per­sön­li­chen Pro­fi­len der Nut­ze­rIn­nen gepos­tet wurde.

Gro­ßer Beliebt­heit erfreu­ten sich krude und ver­fälschte Hitler-Zitate. Dazu kamen unzäh­lige wei­tere Refe­ren­zen, die kei­nen Hehl dar­aus mach­ten, dass es der ein­zige Feh­ler Hit­lers war, nicht alle Juden umge­bracht zu haben. Das alles passte gut zur Über­zeu­gung man­cher Nut­ze­rIn­nen, dass der Holo­caust sicher keine unbe­grün­dete Sache gewe­sen sei, wie man an den aktu­el­len Ereig­nis­sen sehen könne, und er es im Grunde ver­diene, fort­ge­führt zu wer­den.1 Solch’ unver­blümte Affir­ma­tion von offe­nem Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­tis­mus würde an sich rei­chen, um vor Scham den Brow­ser zu schlie­ßen. Es grenzt so schon ans Uner­träg­li­che. Doch wenn es um Israel und Juden geht – das ist für die alle Prot­ago­nis­tInn­nen der Hetze selbst­re­dend das­selbe –, kennt der Wahn­sinn keine Gren­zen. In mus­kel­be­ton­ter Pose, locke­rem Out­fit oder flan­kiert vom Hoch­zeits­bild geben die selbst­er­klär­ten Exper­tIn­nen für Nah­ost­po­li­tik ihre Juden­feind­schaft zum Besten.

Auch das ansons­ten sehr beliebte Anony­mi­sie­ren durch Nick­na­mes ist des­halb nicht nötig: man bürgt mit sei­nem Namen. Die Daten­schutz­po­li­tik von Face­book, wel­che in den letz­ten Jah­ren immer mehr in die Kri­tik gera­ten ist, tut hier ihr übri­ges, um die Pos­tings öffent­lich zu machen.2 Viele Nut­ze­rIn­nen wer­den nicht wis­sen, dass ihr Pro­fil auch von Nicht-Mitgliedern ein­seh­bar ist und nicht nur „Freunde“ die Pos­tings lesen kön­nen. So reicht ein Such­ein­trag auf der Seite you­ro­pen­book, um die juden­feind­li­chen Äuße­run­gen auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert zu bekommen.

Blan­ker Hass scheint in Tei­len der Facebook-Gemeinschaft kein Tabu mehr zu sein – bewusst und offen ver­schafft man sei­nem Ver­nich­tungs­wunsch Luft. Auch aktu­ell reißt die Flut an anti­se­mi­ti­schen Pos­tings nicht ab – davon kann man sich leicht im Netz über­zeu­gen. Mitt­ler­weile – nach­dem unter ande­rem der öster­rei­chi­sche Stan­dard3 über die Vor­fälle berich­tete - mehrt sich jedoch auch die Gegen­wehr ande­rer Nut­ze­rIn­nen, die sich mit der Hetze nicht abfin­den wol­len. Doch als Mit­tel ste­hen ihnen kaum mehr als Gegen­pos­tings und Lösch­an­träge4 zur Ver­fü­gung, die anschlie­ßend von den Betrei­bern geprüft wer­den. Ein ins­ge­samt zeit­auf­wän­di­ges und müh­se­li­ges Ver­fah­ren, denn für bestän­di­gen Nach­schub an Ein­trä­gen scheint gesorgt zu sein. Die Aus­sicht auf Erfolg ist klein. Und so wird sich das per­pe­tuum mobile auf Face­book wei­ter dre­hen, zumal ver­mehrt anti­ara­bi­sche und anti­is­la­mi­sche Pos­tings als Kri­tik am Anti­se­mi­tis­mus miss­ver­stan­den werden.

Die aktu­el­len juden­feind­li­chen Aus­wüchse sind nicht als iso­lier­tes Phä­no­men miss­zu­ver­ste­hen. Ins­ge­samt scheint es sich um eine Ent­gren­zung des Anti­se­mi­tis­mus im Netz zu han­deln. Dafür spricht auch, dass ange­sichts der Finanz­krise im Jahr 2008 „jüdi­sche Spe­ku­lan­ten“ in zahl­rei­chen Inter­net­fo­ren als Ver­ant­wort­li­che für den Crash aus­ge­macht wur­den.5 Und auch im Zuge der israe­li­schen Kata­stro­phen­hilfe für die Erd­be­ben­op­fer auf Haiti kur­sierte das Gerücht, jüdi­sche Ärzte wür­den dort den Opfern Organe für den israe­li­schen Schwarz­markt ent­neh­men6. Das alles sind moder­ni­sierte Remakes klas­si­scher anti­se­mi­ti­scher Kli­schees, die auch in Zukunft das Inter­net zu genüge bevöl­kern werden.

  1. Ich ver­zichte bewusst auf eine Zita­tion und Ver­lin­kung der Aus­sa­gen, da ich ansons­ten direkt auf die Pro­file der Nut­ze­rIn­nen ver­wei­sen würde. Wer den­noch die Ori­gi­nal­zi­tate haben möchte, kann sie beim Autor anfra­gen. []
  2. Mehr Kon­trolle übers eigene Pro­fil, 27.5.2010 http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/mehr-kontrolle-bei-persoenlichen-daten/ []
  3. Gaza-Hilfsflotte: User toben sich auf Face­book anti­se­mi­tisch aus, 01. Juni 2010 http://derstandard.at/1271377916109/Gaza-Hilfsflotte-User-toben-sich-auf-Facebook-antisemitisch-aus []
  4. Lösch­an­träge müs­sen auf Face­book für jeden ein­zel­nen Ein­trag (!) ver­fasst wer­den. []
  5. vgl. DISS-Journal 18, 7 http://www.diss-duisburg.de/DISS-Journale/diss-journal-18–2009.pdf []
  6. Haiti und das anti­se­mi­ti­sche Nach­be­ben im Web http://www.hagalil.com/archiv/2010/01/20/haiti-2/ []

Pro NRW: Der Kreuzzug wird vertagt

Autor: Michael Lausberg

Ein „poli­ti­sches Erd­be­ben an Rhein und Ruhr“ und einen Tag der Abrech­nung“ hatte die Par­tei Pro NRW ange­kün­digt. Bei der Land­tags­wahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai ver­fehlte sie deut­lich ihr selbst gesteck­tes Ziel von 5%+x. Trotz­dem redet sie sich das Ergeb­nis schön.

Auf dem „Pro­gramm­par­tei­tag“ von Pro NRW am 19.2.2010 im „Forum Lever­ku­sen“ ver­kün­dete ihr Vor­sit­zen­der Mar­kus Bei­sicht den Ein­zug in den Land­tag als leicht erreich­ba­res Ziel:

Eine Rüttgers-CDU, die schon Plan­spiele für eine schwarz-grüne Koali­tion macht, kann keine Alter­na­tive für kon­ser­va­tive und patrio­ti­sche Bür­ger die­ses Bun­des­lan­des mehr sein. Wir dage­gen fül­len das Vakuum zwi­schen den prin­zi­pi­en­lo­sen Alt­par­teien in der Mitte und abge­half­ter­ten Split­ter­grup­pie­run­gen im Rechts­au­ßen­be­reich. Wir machen eine Poli­tik für die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung im Stile unse­rer Part­ner­par­teien FPÖ und Vlaams Belang, die dafür in ihren Hei­mat­län­dern Wahl­er­geb­nisse von 20 % und mehr der Stim­men errei­chen. ‚Pro NRW: Der Kreuz­zug wird ver­tagt’ weiterlesen …

1. Mai: PRO-Zirkus in Solingen

Autor: Mar­tin Dietzsch

Wir wer­den die letzte Wahl­kampf­wo­che mit einem Pau­ken­schlag in der Klin­gen­stadt Solin­gen eröff­nen.“ Die „zen­trale Wahl­kampf­kund­ge­bung von pro NRW“ sollte am 1. Mai in Solin­gen statt­fin­den und „die letzte und alles ent­schei­dende Woche des Land­tags­wahl­kamp­fes“ ein­läu­ten. Glaubt man den Ver­laut­ba­run­gen der Bewe­gung im Inter­net, schrei­tet sie von Erfolg zu Erfolg voran zum „Tag der Abrech­nung“, umju­belt von der begeis­ter­ten Bevölkerung.

Foto: 1.5.2010, Bus mit Aufschrift "Kreuzzug für das Abendland"

Mit einem „Keuz­zug für das Abend­land“ droht der Pro-Brinkmann-Bus. Für Juden und alle ande­ren Gott­lo­sen und Ket­zer hat diese Parole einen ganz beson­de­ren Klang. Im Heck­fens­ter: Rechts­ra­di­kale, die sich hin­ter einer Israel-Fahne verstecken.

Foto: 1.5.2010 PRO Solingen - Totale

Höhe­punkt des „ful­mi­nan­ten“ (M. Bei­sicht) Land­tags­wahl­kamp­fes. Die Poli­zei will 70 Teil­neh­mer gezählt haben, rea­lis­tisch wäre wohl eher die Zahl 40. PRO machte dar­aus beschei­den 150.

Foto: 1.5.2010 Solingen, Rouhs verteilt JF

Es ist genug für alle da! Der Vor­sit­zende von „Pro Deutsch­land“, Man­fred Rouhs (ex-JU, ex-JN/NPD, ex-REP, ex-DLVH), ver­teilt Frei­ex­em­plare der „Jun­gen Frei­heit“ an die Teilnehmer.


Foto: Solingen 1.5.2010

Patrik Brink­mann sitzt in sei­ner alber­nen Brinkmann-Jacke mit Brinkmann-Aufschrift auf einer Bank. Im Hin­ter­grund: Gegen­de­mons­tran­ten. Im Vor­der­grund: ein alter Bekann­ter, mal wie­der auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld.

Pro NRW“ ist wahr­lich eine Rechts­par­tei Neuen Typs. Die gesamte Par­tei passt in einen ein­zi­gen Rei­se­bus. Und die Gegen­de­mons­tran­ten wer­den genial zer­mürbt durch geringe eigene Teil­neh­mer­zah­len. In einem Punkt hat die vir­tu­elle PRO-Erfolgsberichterstattung aller­dings Recht. Die Solin­ger Bevöl­ke­rung beglei­tete den Abzug der PRO­ler mit fröh­li­chem, spon­ta­nem Bei­fall. Aller­dings erklang dabei im Chor der Ruf „Auf Nimmer-Wiedersehen!“

Am 9. Mai wer­den wir sehen, ob der „rechts­po­pu­lis­ti­sche“ Dum­men­fang und der Appell an die nied­rigs­ten Instinkte Erfolg hat und die PRO-Schulden aus Steu­er­mit­teln begli­chen wer­den müssen.

Wei­tere Berichte aus Solin­gen fin­den Sie hier: Mit Deutsch­land­flagge und Wurst­stulle auf Kreuz­zug für das Abend­land und hier: Brau­nes Kurz­gast­spiel im bun­ten Solin­gen.

Brau­nes Kurz­gast­spiel im bun­ten Solingen

Die Deutsche Gildenschaft und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus

Im „Dienst an der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Revo­lu­tion“
Die Deut­sche Gil­den­schaft und ihr Ver­hält­nis zum Natio­nal­so­zia­lis­mus

Autor: Hel­mut Kellershohn

[Bitte beach­ten Sie den Link zum Down­load des kom­plet­ten Tex­tes am Ende die­ses Blog­ein­trags]

Die Geschichte der Deut­schen Gil­den­schaft (DG), einer aka­de­mi­schen Kor­po­ra­tion, die mitt­ler­weile auf eine rund acht­zig­jäh­rige Tra­di­tion zurück­bli­cken kann, ist aufs engste mit der Geschichte der deut­schen Jugend­be­we­gung, ins­be­son­dere mit der der Bün­di­schen Jugend ver­bun­den. Frei­lich ist selbst die Exis­tenz die­ser Kor­po­ra­tion einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit im all­ge­mei­nen nicht bekannt, so daß es sinn­voll erschei­nen mag, zunächst ein Kurz­por­trät der Gil­den­schaft vor­an­zu­schi­cken, um von dort aus die Fra­ge­stel­lung nach dem Ver­hält­nis der Gil­den­schaft zum Natio­nal­so­zia­lis­mus auf­zu­wer­fen. ‚Die Deut­sche Gil­den­schaft und ihr Ver­hält­nis zum Natio­nal­so­zia­lis­mus’ weiterlesen …

Pro NRW und Die Reise nach Absurdistan

Autor: Michael Lausberg

Die Merkez-Moschee in Duis­burg der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Reli­gion“ (DITIB) ist eine isla­mi­sche Gebets­stätte im Stadt­teil Duisburg-Marxloh. Im Jahre 2004 wurde beschlos­sen, die pro­vi­so­ri­sche Moschee in einer frü­he­ren Zechen­kan­tine durch einen Moschee­neu­bau zu erset­zen. In einem eigens dafür gebil­de­ten Bei­rat saßen Ver­tre­te­rIn­nen der christ­li­chen Kir­chen, der Par­teien und aller rele­van­ten gesell­schaft­li­chen Grup­pen Marx­lohs. Die Moschee, die am 26.10.2008 eröff­net wurde, ist eine der größ­ten in der Bun­des­re­pu­blik. An der offi­zi­el­len Ein­wei­hung nah­men der katho­li­sche Bischof von Essen, Felix Genn, der Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land, Niko­laus Schnei­der, Minis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers und der Prä­si­dent des Amtes für reli­giöse Ange­le­gen­hei­ten der Tür­kei, Ali Barda­koglu, teil.1

In das Gebäude ist eine Begeg­nungs­stätte mit einer Islam-Bibliothek/Islam-Archiv, einem Bis­tro und meh­re­ren Semi­nar­räu­men inte­griert. Die Moschee mit einer inter­re­li­giö­sen und inter­kul­tu­rel­len Begeg­nungs­stätte steht unter dem Motto „Dia­log unter der Kup­pel“, das ein Mit­ein­an­der der Kul­tu­ren und Reli­gio­nen ermög­li­chen soll.2

Kurz nach der Eröff­nung der Merkez-Moschee hetzte Pro NRW gegen den Neu­bau, der „als Sym­bol der schlei­chen­den Isla­mi­sie­rung“ bezeich­net wurde.3 Ver­schwie­gen wurde von Pro NRW jedoch, das Pro NRW-Mitglied Gün­ther Kis­sel die Roh­bau­ar­bei­ten der Moschee durch­führte.4 ‚Pro NRW und Die Reise nach Absur­dis­tan’ weiterlesen …

  1. Frank­fur­ter All­ge­meine Zei­tung vom 25. Okto­ber 2008 []
  2. www.ditip-du.de/index.php?option=com_content&view=frontpage&Itemid=61 []
  3. Laus­berg, M.: Die Pro-Bewegung. Geschichte, Inhalte, Stra­te­gien der „Bür­ger­be­we­gung Pro Köln“ und der „Bür­ger­be­we­gung Pro NRW“, Müns­ter 2010, S. 68 []
  4. Köl­ner Stadt-Anzeiger vom 27.11.2007 []

Schulungsmaterial für den Nachwuchs

Das „Insti­tut für Staats­po­li­tik“ setzt auf Elitenbildung

Autor: Hel­mut Kellershohn

Unlängst ver­öf­fent­lichte das „Insti­tut für Staats­po­li­tik“ den ers­ten Band ihres „Staatspolitische(n) Handbuch(s)“ mit dem Titel „Leit­be­griffe“: Ein „Wör­ter­buch“ zum leich­te­ren Gebrauch kon­ser­va­ti­ver Welt­an­schau­ung für die zukünf­tige jung­kon­ser­va­tive Elite.

Jede poli­ti­sche Bewe­gung kennt ihre ‚Klas­si­ker’, um deren Exegese und aktua­li­sie­rende Inter­pre­ta­tion sie sich immer und immer wie­der bemüht; sie ver­fügt zumeist über eine reich­hal­tige Lite­ra­tur, in der die ver­schie­de­nen Ver­äs­te­lun­gen ihres Welt­bil­des und die bren­nen­den Fra­gen des poli­ti­schen Tages­kamp­fes in immer neuen Spe­zi­al­stu­dien aus­ge­leuch­tet wer­den. Und sie kennt ihre ‚Kom­pen­dien’, in denen das „Grund­wis­sen“ lehr­buch– oder lexi­kon­ar­tig zusam­men­ge­fasst und für die Anhän­ger der Bewe­gung mehr oder weni­ger leicht ver­dau­lich auf­be­rei­tet wird.

Um ein sol­ches Kom­pen­dium han­delt es sich bei dem kürz­lich im Ver­lag „Edi­tion Antaios“ erschie­ne­nen ers­ten Band des „Staats­po­li­ti­schen Hand­buchs“ des „Insti­tuts für Staats­po­li­tik“ (IfS), bekannt­lich die Denk­fa­brik des jung­kon­ser­va­ti­ven Flü­gels der Neuen Rech­ten. In der Form eines „Wör­ter­buchs“ hat hier der Autor Karl­heinz Weiß­mann an die hun­dert „Leit­be­griffe“ zusam­men­ge­tra­gen, von denen er annimmt, dass sie zum Kanon „der kon­ser­va­ti­ven Welt­an­schau­ung“ gehö­ren. ‚Schu­lungs­ma­te­rial für den Nach­wuchs’ weiterlesen …

Konservative Reconquista?

Aus dem Umkreis der Jun­gen Frei­heit wird eine erneute Atta­cke gegen die CDU-Führung vorgetragen.

Autor: Hel­mut Kellershohn

Wir erin­nern uns: Als der Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete Mar­tin Hoh­mann wegen sei­ner mit anti­se­mi­ti­schen Anspie­lun­gen gespick­ten Rede aus der CDU aus­ge­schlos­sen wer­den sollte, orga­ni­sierte ein Sym­pa­thi­san­ten­kreis einen Auf­ruf zu Guns­ten Hoh­manns. Damals fiel auf, dass ein Groß­teil der Erst­un­ter­zeich­ner mit der jung­kon­ser­va­ti­ven Wochen­zei­tung „Junge Frei­heit“ (JF) in Ver­bin­dung gebracht wer­den konnte. Zur­zeit wie­der­holt sich die­ses Schau­spiel, dies­mal jedoch im Rah­men einer neuen Kon­stel­la­tion und – vor allem – auf einer brei­te­ren Basis.

Am 13. Februar ver­öf­fent­lichte eine Gruppe von kon­ser­va­ti­ven Zeit­ge­nos­sen auf Initia­tive des Rechts­an­walts Friedrich-Wilhelm Sie­be­cke ein „Mani­fest gegen den Link­s­trend“ in der CDU. ‚Kon­ser­va­tive Recon­quista?’ weiterlesen …