DISS-Journal 36 erschienen

Die neue Ausgabe unserer Institutszeitschrift DISS-Journal ist erschienen und kostenlos als PDF-Datei abrufbar.

Nach Chemnitz:

Die Ereignisse von Chemnitz sind ein Signal. Sie verweisen auf die spektren- und milieuübergreifende Mobilisierungsfähigkeit der rechtspopulistischen und extrem rechten Kräfte in diesem Lande. Sie demonstrierten den Schulterschluss zwischen ‚besorgten‘ Bürgern, Anhängern und Mitgliedern von AfD, NPD, den Republikanern, Neonazis aus der Kameradschaftszene, aus den Parteien „Die Rechte“ und „Der dritte Weg“, aus dem Kreis rechtsextremer Hooligans und der Rechtsrock- und Kampfsportszene sowie Pegida-Anhängern und Aktivisten der Identitären Bewegung. Und sie zeugten ein weiteres Mal von der Halbherzigkeit der staatlichen Organe, von der Polizeiführung bis hin zu Teilen der sächsischen Landesregierung, im Umgang mit extrem rechten Auftritten und Artikulationen.

 

 

Inhalt:

Nach Chemnitz: Gaulands Visionen
Von Helmut Kellershohn

Hütchenspiele der AfD im NRW-Landtag
Eine DISS-Arbeitsgruppe untersucht rhetorische Strategien von AfD-RednerInnen.
Von Jobst Paul

Anmerkungen zur Kulturpolitik der AfD
Von Sandra Schaffarczik

Humanitärer Schiffbruch
Mit der »Aquarius« ist das letzte zivile Rettungsschiff vom Mittelmeer verschwunden. Erleben wir das Ende der Seenotrettung?
Von Fabian Hillebrand

»…niemand soll es mitbekommen«
Die Abwesenheit von Rettern könnte für geringere Todeszahlen sorgen – in der Statistik
Von Fabian Hillebrand

Fünf Jahre nach Lampedusa: Liquidation der Seenotrettung
Von Heiko Kauffmann

Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute
Bericht über eine Veranstaltungsreihe des DISS-Arbeitskreises Antiziganismus (Teil2)
Von Stefan Vennmann

Biografie und Werkentwicklung
Michael Heinrichs erster Band seiner Karl-Marx-Biografie
Eine Rezension von Wolfgang Kastrup

Eliten gefährden Demokratie
„Die Abgehobenen“ – ein neues Buch des Elitenforschers Michael Hartmann
Eine Rezension von Wolfgang Kastrup

Wie funktioniert das Soziale?
Eine Einführung in die Sozialphilosophie von Rahel Jaeggi und Robin Celikates
Eine Rezension von Wolfgang Kastrup

Der NS – ein Kulturbruch? Eine weiterhin bange Frage
Eine Rezension von Jobst Paul

Moralische Verletzung als moralische Macht
Eine Rezension von Jobst Paul

Terrorismus und Gehorsam
Eine Rezension von Jobst Paul

Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne
Von Jürgen Link

Handlungsfähigkeit zurückgewinnen
Jobst Paul legt Leitfaden zur Analyse der Rhetorik der Herabsetzung vor

Rezension: Der faustische Pakt der Goethe-Gesellschaft

Eine Rezension von Michael Lausberg

W. Daniel Wilson: Der faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich, dtv, München 2018, ISBN: 978-3-423-28166-9, 28 EURO (D)

W. Daniel Wilson, Professor of German an der University of London, analysiert die Goethe-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus und stellt dar, wie diese das Bild eines „braunen“ Goethes vorantrieb und für sich nutzbringend einsetzte.

Zu Beginn stellt der Autor „Goethes Janusgesicht“, also die vielschichtige Interpretation seines Lebens und seiner Werke je nach politischer und weltanschaulicher Motivation dar. In seinen Werken und Aussagen bot der Dichter Anknüpfungspunkte für Interpretationen jedweder Couleur.

In der Weimarer Republik wurde Goethe vom damaligen Reichspräsident Friedrich Ebert 1919 als geistige Grundlage des neuen Staates beschworen. Der „Geist von Weimar“ wurde als Kontrapunkt zum überwunden geglaubten „Geist von Potsdam“ gesetzt.

Die Nationalsozialisten schufen das Bild des „deutschen Goethe“: „Die Nationalsozialisten und andere Verfechter des ‚Deutschen Goethe konnten aus dem ‚Judenfeind‘ Goethe leicht einen modernen, ‚rassisch‘ motivierten Antisemiten konstruieren, wenn sie Goethes freundschaftliche Beziehungen zu Juden und seine (allerdings wenigen, widersprüchlichen) judenfreundlichen Äußerungen ausblendeten.“ (S. 11)

Die Goethe-Gesellschaft wurde 1885 auf Anregung von Großherzogin Sophie unter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach gegründet und hatte seinen Sitz in Weimar. Es bildeten sich schnell Ortsgruppen heraus, die auch politisch in die Gesellschaft hineinwirkten und auch Spiegelbild der Verhältnisse waren.

Gustav Roethe, Präsident von 1922 bis 1926, war offener Antisemit und Antidemokrat, ein Vorgeschmack der Zeit nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933. Bedingt durch die rassistisch motivierten Berufsverbote waren viele jüdische Mitglieder gzwungen, aus der Goethe-Gesellschaft auszutreten. Die Leitung der Gesellschaft biederte sich dem herrschenden System und der Weltdeutung der Nazis immer mehr an und begann eine Umdeutung Goethes in Forschung und Rezeption. Die Gesellschaft lavierte zwischen Privilegien, Anpassung und Verstrickungen in die Kulturpolitik der Nazis. Nach der „Reichspogromnacht“ 1938 kam es dann zum Ausschluss aller jüdischen Mitglieder. Goethe wurde nicht nur in der Innenpolitik zu einem völkischen Nationalisten umgedeutet, um als Bannerträger der nationalsozialistischen Rassen- und Kulturpolitik zu gelten. Genauso wie Schiller, Kleist, Hölderlin und viele andere wurde er für die Ideologie des NS-Regimes auch außenpolitisch in Anspruch genommen. Die wichtigsten NS-Schriften zum Goethebild dieser dunklen Zeit sind von August Raabe „Goethes Sendung im Dritten Reich“ 1934 und von Wilhelm Fehse „Goethe im Lichte des neuen Werdens“ ein Jahr später. Faust wurde als eine „Leitfigur des neuen nationalsozialistischen Menschentypus“ entfremdet und aus dem Zusammenhang gerissen. Baldur von Schirach zitierte daraus in seiner Rede zur Eröffnung der Weimarer Festspiele der Jugend von 1937, die offizielle Vereinnahmung eines großen Dichters und Denkers war vollzogen. In der Zeitschrift der Gesellschaft erschienen in den Kriegsjahren Artikel, die Durchhalteparolen und die angebliche Überlegenheit des „Deutschtums“ proklamierten und in mystischer Sprache die geistige Kraft Goethes missbrauchten. Noch bis in die letzten Tage eines sinnlosen Krieges gab es propagandistische Unterstützung für das Regime.

Nach einem kurzen Abriss der Geschichte der Goethe-Gesellschaft nach 1945 bilanziert Wilson: „Helles steht neben Dunklem, ein Janus-Gesicht wie bei Goethe auch. Zwar blieb sie (…) relativ selbständig. Aber diese verhältnismäßige Autonomie war Teil eines perfiden Faustischen Paktes: Die Gesellschaft wurde in die Ideologie, Kulturpolitik und Propaganda des Regimes eingebunden.“ (S. 246)

Die Geschichte der Goethe-Gesellschaft ist ein Zeichen des Zivilisationsbruches in der Nazi-Zeit, deren Anfänge jedoch schon früheren Ursprung haben. Sie zeigt auch, dass bildungsbürgerliche Eliten keinesfalls weniger immun gegenüber der Nazi-Propaganda waren, im Gegenteil. Menschen, die die Abwägung verschiedener Sichtweisen in ihrer wissenschaftlichen Karriere anwandten, scheuten diese in der politischen Tagespolitik. In detaillierter Quellenarbeit zeichnet Wilson die Pervertierung Goethes in der Weimarer Goethe-Gesellschaft, der wichtigsten deutschen Literaturgesellschaft ihrer Zeit, oft wider besseres Wissen. Eine Bankrotterklärung des deutschen Bildungsbürgertums. Relativierungsversuche und Verharmlosung der Schuld sowie direkte Kritik an einem (amerikanischen) Autor als Nestbeschmutzer sind in diesem Zusammenhang fehl am Platze.

Einige Kritikpunkte gibt es schon: Es wäre eine Vorlaufzeit der Rezeption Goethes Ende des Kaiserreiches in Deutschland und der Weimarer Republik nötig gewesen, da dort schon Verbindungslinien der Vereinnahmung Goethes z.B. von monarchistischer Seite existierten, die der des Nazi-Regimes ähnelten. Auch die unrühmliche Rolle von Gustav Roethe und seiner Seilschaften sollte nicht unterschätzt werden: Antisemitismus war schon in der Weimarer Republik ein ideologisches Muster auch bei scheinbar gebildeten Menschen.

Ein wenig ärgerlich ist auch die distanzlose Verwendung des Begriffes „Drittes Reich“ ohne Verwendung von Anführungszeichen, obwohl diese Bezeichnung aus dem nationalsozialistischen Jargon stammte.

DISS Colloquium 23.-25.11.2018 in Würzburg

23.-25.11.2018 in der Akademie Frankenwarte in Würzburg

Colloquium 2018: Öffentliche Debatten um Meinungsfreiheit und Medien in Deutschland

Die deutsche politische Kultur ist aktuell in einen Kampf um Meinungsfreiheit, bzw. um mediale Wahrheit verwickelt. Auffallend ist dabei, dass die Debatten mit einem hohen Maß an Binarität geführt werden.

Vor allem aus politisch rechten Spektren werden hegemonialen Medien politische Weisungen durch ein politisch linkes Establishment unterstellt. Diese Medien verzerrten die Wahrheit, beschwiegen oder entstellten sie mit Mechanismen der Zensur, mit Instrumenten der Politischen Korrektheit und der Lüge. Demgegenüber wähnt sich die rechte Presse auf der Seite der Aufklärung, der Wahrheit, der Freiheit, vor allem der Meinungsfreiheit.

Auf der anderen Seite wird formuliert, dass v.a. in Sozialen Medien Fake News zur gezielten Fehlinformation mit politischem Motiv entstehen. Diesen Fake News werden dann Real News entgegengestellt. Real News seien dementsprechend wahre Nachrichten ohne politisches Motiv, sie dienten der Aufklärung und reinen Information, seien weitgehend objektiv und neutral.

Einerseits drohen angesichts dieser binären Inszenierung tatsächliche Probleme der Medien unter den Tisch zu fallen. Wie z.B. ist es um die Sagbarkeitsräume in den Medien derzeit bestellt? Gibt es Prozeduren oder gar Routinen von Selbstzensur? Welche Effekte haben die digitalen Umstrukturierungsprozesse in der Medienlandschaft auf die Berichterstattung? Andererseits sind es genau diese Probleme, die genutzt werden, um mit dem Schlachtruf der Meinungsfreiheit reaktionäre politische Ideen durchzusetzen.

Das Colloquium wird vor diesem Hintergrund sowohl nach den Angriffen gegen hegemoniale Medien fragen, als auch die Reaktionen auf diese Angriffe analysieren. Es sollen Analysen des Status Quo und zugleich Wege eines kritischen Umgangs mit der heutigen Medienberichterstattung erarbeitet werden.

 

 

Freitag, 23.11.2018

Einführung und Problemaufriss (Regina Wamper)

1: Meinungsfreiheit als Argument der Rechten (Helmut Kellershohn)

Samstag, 24.11.2018

2: Trolling, Memes, strategische Verstärkung – Zum rechten „Kampf um die Algorithmen“ (Andrea Becker)

3: Political Correctness: Die Genese des Begriffs in Deutschland (Marc Fabian Erdl)

4: Grenzen der Kritik: Wie mediales Storytelling Gesellschaftsanalyse und-kritik erschwert (Sebastian Friedrich)

5: Debatten um Meinungsfreiheit und Medien in Deutschland oder: Fake News und Real News in Deutschland (NN)

6: Fake News und Real News in den USA (Jobst Paul)

7: Manipulationen in Zeiten der Digitalisierung. Facebook und Co. (Lars Wehring)

8: Free Speech als gesellschaftlicher Wert (Regina Wamper)

Sonntag, 25.11.2018

9: Hate Speech und die Notwendigkeit einer dualismuskritischen Perspektivverschiebung (Jennifer Eickelmann)

Podium und Plenum

Abschlussdiskussion

 

Das Seminar wird vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung gemeinsam mit der Akademie Frankenwarte in Würzburg durchgeführt. Die Teilnahmepauschale beträgt 125,00 €.

Verbindliche Anmeldung bei der Akademie Frankenwarte unter: https://www.frankenwarte.de/unser-bildungsangebot/veranstaltung.html?id=843

 

DISS-Journal 35 erschienen

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Stell dir vor, es ist Heimat und keiner kommt rein

Nur nicht nostalgisch werden! Ganz kurz könnte der Gedanke kommen: Was waren das für Zeiten, als die CSU-Granden noch mit „Laptop und Lederhose“ Wahlen gewinnen wollten – und nicht mit offen praktizierter Menschenfeindlichkeit.

Das wäre freilich eine romantisierende Zuschreibung. Bereits bei Strauß sollte ja rechts nur noch die Wand kommen, und Analysen zu Flucht und Asyl in den 1990er Jahren zeigten auch schon damals Zusammenhänge zwischen den Verschärfungen des Asylrechts, rassistischen Sagbarkeitsfeld- Erweiterungen sowie den Pogromen von Rostock, Mölln und Solingen.

Also alles nichts Neues? Sind Söders „Asyl-Tourismus“, Seehofers Geburtstagsfreude über Abschiebungen in Terror und Krieg, sind die Leichenberge im Mittelmeer, die durch die Kriminalisierung der Seenotrettung noch schneller wachsen, nur ein aktualisierter Ausdruck der gleichen Politik, die schon in den 1990ern die Unterkünfte brennen lies?

So einfach wollen wir es uns nicht machen. Stattdessen werfen wir u.a. einen genauen Blick auf die Kontinuitäten und Vorbilder für Alexander Dobrindts Forderung nach einer neuen „konservativen Revolution“, widmen uns den Strategien und Kämpfen in der AfD, beschäftigen uns mit den neuen deutschen Lager-Plänen und mit den Irrfahrten der zivilen Rettungsschiffe, die nicht nur bei uns ein Déjà-vu der Schande auslösen.

Die Redaktion

Inhalt:

Dobrindt, die Achtundsechziger und die neue „konservative Revolution“. Von Helmut Kellershohn.

Die Sozial- und wirtschaftspolitische Debatte innerhalb der AfD und der Neuen Rechten. Von Helmut Kellershohn.

Der Richtungsstreit innerhalb der AfD am Beispiel der Bundestagsdebatte um befristete Beschäftigung. Von Eddy Scholz.

„Den sozialistischen Auftrag übernehmen, den die Linke verraten hat“. Sozialpopulismus und völkischer ‚Antikapitalismus‘: Rechte Angriffe auf die Gewerkschaften bei der Betriebsratswahl 2018. Von Tim Ackermann.

AnkER-Zentren: „Normalfall“ Lager? Die Institutionalisierung der Abgrenzung. Von Sascha Schießl, Flüchtlingsrat Niedersachsen.

Ein Déjà-vu der Schande: Evian 1938 – Brüssel 2018. Von Heiko Kauffmann.

Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute: Bericht über eine Veranstaltungsreihe des DISS-Arbeitskreises Antiziganismus (Teil1). Von Stefan Vennmann.

Antigenderismus und antimuslimischer Rassismus in rechten Diskursen. Von Matthias Hogrefe.

Diskursatlas Antifeminismus. Von Andreas Kemper.

Unsichere Lebenslagen, Unsicherheitsbewältigung und Einstellung zu den Zuwanderungen nach Deutschland. Von Peter Höhmann.

Totgesagte leben länger. Zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Von Wolfgang Kastrup.

Stigmatisierung als flexible ökonomische Ressource. (Flora Cassen, Marking the Jews in Renaissance Italy). Rezension von Jobst Paul

Restriktion, Abwehr, Umschreiben: Kohls Angst vor der Geschichte. (Jacob S. Eder, Holocaust Angst) Rezension von Jobst Paul.

Die USA als carcereal state – oder: Rassismus als flexible diskursive Ressource.
(James Forman Jr., Locking Up Our Own). Rezension von Jobst Paul.

Christliche Männlichkeit und jüdische Erfahrung. (Sarah Imhoff, Masculinity and the Making of American Judaism) Rezension von Jobst Paul.

Öffentliche Debatten um Meinungsfreiheit und Medien in Deutschland. Anmerkungen zum kommenden DISS-Colloquium (23.-25.11.2018). Von Regina Wamper.

Neu: DISSLit

 

Audiomitschnitt: Anne Ley-Schalles, Nicolás Brochhagen, Wolfgang Esch und Robin Richterich

Vortragsreihe: Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute

Den Audiomitschnitt des Vortrags von Anne Ley-Schalles, Nicolás Brochhagen, Wolfgang Esch und Robin Richterich können Sie ab sofort auf youtube hören.

 

Vortragsreihe: Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung lädt gemeinsam mit dem Zentrum für Erinnerungskultur der Stadt Duisburg ein zu einer Vortragsreihe zum Thema

Zur Bekämpfung des Antiziganismus heute.

In der Zeit vom April bis zum Juli 2018 werden acht Vorträge stattfinden. Referentinnen und Referenten sind Nicolás Brochhagen und Wolfgang Esch, Dr. Markus End, Dr. Sebastian Winter, Dr. Rafaela Eulberg, Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Joachim Krauß, Sylvia Brennemann und Merfin Demir.

Die Vortragsreihe wird in Kooperation mit dem Zentrum für  Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie durchgeführt und gefördert durch die Amadeu Antonio Stiftung und durch den AStA der Uni Duisburg/Essen.

Falls Sie eine Teilnahmebestätigung benötigen, sprechen Sie uns bitte während der jeweiligen Veranstaltung an.

Die Informationen auf dieser Seite werden laufend ergänzt und aktualisiert.

 

 

 

Feindseligkeit, stereotype Wahrnehmung und Vorurteile werden wach, wenn von „Zigeunern“ gesprochen wird. Bei diesen Ressentiments handelt es sich um Projektionen, die mit der Realität oder den realen Personen nichts zu tun haben. Sie existieren bereits seit Jahrhunderten und werden in der Wissenschaft als Antiziganismus bezeichnet. Im Nationalsozialismus wurden Sinti*ze und Rom*nija Opfer eines systematischen Völkermords. Trotzdem ist in der Gegenwart der Antiziganismus die am meisten akzeptierte Form des Rassismus. Sie trifft aktuell insbesondere Zuwander*innen aus Südosteuropa.

Welche Möglichkeiten gibt es, sich mit Antiziganismus zu beschäftigen? Wie lässt sich die historische Entstehung philosophisch, sozialpsychologisch und geschlechtertheoretisch rahmen? Kann Bildung zur Aufklärung beitragen? Fördern oder verhindern behördliche Maßnahmen die Ausgrenzung? Welche Perspektive entwickelt eine Rom*nija-Selbstorganisation?

Die Vortragsreihe zielt auf eine Verbindung von Theorie und Praxis. Sie wendet sich nicht nur an Vertreter*innen aus Wissenschaft und Politik, sondern auch an Interessierte, die in Beruf und Alltag mit Antiziganismus konfrontiert sind.

 

 

 

Programm

 

Sonntag, 8.04.2018, 15 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Duisburger Geschichte(n):
Die Bürgerrechtlerin Hildegard Lagrenne und der Polizeisekretär Wilhelm Helten. Forschungsbericht
Anne Ley-Schalles, Nicolás Brochhagen, Wolfgang Esch und Robin Richterich

Eine Veranstaltung des Zentrums für Erinnerungskultur.

Anlässlich des Welt-Roma-Tags lädt das Zentrum für Erinnerungskultur (ZfE) am Sonntag, den 8. April um 15 Uhr zu einem spannenden biografischen Forschungsbericht ein. Im Zentrum der Veranstaltung stehen die Bürgerrechtlerin Hildegard Lagrenne und der Duisburger Polizeisekretär Wilhelm Helten. Im Mai 1940 wurde die 19- Jährige Sinteza Hildegard Lagrenne von Duisburg aus in das besetzte Polen deportiert. Für die Verfolgung der Duisburger Sinti und Roma waren Wilhelm Helten und seine Kollegen von der Kriminalpolizei verantwortlich. Hildegard Lagrenne überlebte die NS-Verfolgung und Zwangsarbeit und kehrte 1945 nach Duisburg zurück, wo ihr derselbe Kriminalpolizist eine „Wiedergutmachung“ versprach….
Wie die Geschichte dieser Begegnung anfing und endet präsentieren Wolfgang Esch und der Historiker Dr. des. Nicolás Brochhagen gemeinsam mit Anne Ley-Schalles, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfE, als Rezitatorin. Die Veranstaltung präsentiert die neusten Rechercheergebnisse aus dem „Arbeitskreis Geschichte der Duisburger Sinti und Roma“ des ZfE.

 

Freitag, 13.04.2018, 14 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Dialektik der Aufklärung als Antiziganismuskritik
Dr. Markus End, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V.

Die deutschsprachige Antisemitismusforschung wie auch die Antisemitismuskritik eines Teils der deutschen Linken sind maßgeblich geprägt durch die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno, insbesondere durch die Thesen zum Antisemitismus. Kaum lässt sich ein Text zum Thema finden, der sich nicht implizit oder explizit auf diese Thesen bezieht. Die sehr viel jüngere deutschsprachige Antiziganismusforschung wie auch die sich entwickelnde Antiziganismuskritik in der Linken haben sich häufig an diesen Vorannahmen und Thesen orientiert, sich auf sie bezogen oder sie modifiziert.

Im Vortrag soll diese Perspektive der Antiziganismuskritik erweitert werden, indem aufgezeigt wird, inwiefern im Text der „Dialektik der Aufklärung“ selbst, insbesondere im Kapitel zum „Begriff der Aufklärung“, bereits der Kern einer materialistischen Theorie des Antiziganismus formuliert ist. Daraus ergeben sich im Anschluss an diese Rekonstruktion weiterführende Thesen zum Verhältnis von Antisemitismus, Antiziganismus und (post-)kolonialem Rassismus.

 

Freitag, 27.04.2018, 14 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Verachtung und Romantisierung
Zur Sozialpsychologie der Roma-Feindlichkeit
Dr. Sebastian Winter, Inhaber der Gastprofessur für kritische Gesellschaftstheorie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Zwei Merkmale, die alle Ressentiments gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit teilen, treten an der Roma-Feindlichkeit in besonderer Deutlichkeit hervor: Erstens die Ambivalenz von Verachtung und Romantisierung gegenüber der stigmatisierten Gruppe und zweitens die Aktivität „von unten“, welche den Staat drängt, institutionelle und rechtliche Diskriminierungen auszuweiten. In der kapitalistischen Leistungsgesellschaft werden Parias benötigt, die als exkludierte „homines sacri“ verkörpern, was allen droht, wenn sie nicht selbstdiszipliniert und arbeitsam genug sind. Umgekehrt können diese als nicht-bürgerliche „Outlaws“ dadurch aber auch zum Stellvertreter eines Glücksversprechens werden. Innere und äußere Exklusionen sind homolog: Die psychoanalytische Sozialpsychologie untersucht, wie der gesellschaftliche Ausschluss sich innerpsychisch über projektive Abwehrprozessen als Gefühlsambivalenz niederschlägt und in einem Verfolgungsdrang mündet.

 

Dienstag, 15.05.2018, 17 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Das Bild der „Zigeunerin“ als Potenzierung von Stereotypen
Anmerkungen zum Wechselverhältnis von Geschlecht und Ethnie
Dr. Rafaela Eulberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Religionswissenschaft des Forums Internationale Wissenschaft der Universität Bonn.

Der Vortrag zeigt Parallelen in der diskursiven Konstruktion einer weiblichen Identität und einer spezifischen „Zigeuneridentität“ auf, als von der Norm abweichende Gruppen.
Die Konstruktion einer spezifisch weiblichen „Zigeuneridentität“ beinhaltet dabei vielfach eine Potenzierung der Konstruktion eines „zigeunerischen“ wie auch eines spezifisch weiblichen Wesens. Exemplarisch werden verschiedene Topoi der parallelen Konstruktion vorgestellt, wie die Gegenüberstellungen „saubere Kulturmenschen vs. schmutzige Naturkinder“ (Zigeuner und Frauen als naturnahe Wesen) und „religiöse Vernunft vs. magische Irrationalität“ (Zigeuner und Frauen als übersinnlich Begabte). Gemeinsam ist diesen konstruierten Gegensätzen ein gleichzeitiges Exotisieren wie auch Dämonisieren der als minderwertig angesehenen Gruppe. Die Potenzierung der Konstruktionen wird im Bild der wahrsagenden Zigeunerin wie auch der Zigeunerin als erotische femme fatale deutlich.

 

Freitag, 25.05.2018, 14 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Antiziganismuskritische Bildung in der national-bürgerlichen Konstellation
Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal.

Der Vortrag skizziert Konturen für eine historisch reflexive Auseinandersetzung mit Antiziganismus und verortet diesen in der Geschichte der Herausbildung von bürgerlichen Nationalstaaten. Der Antiziganismus stabilisiert sich im Kontext der Nationenbildung im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert in Europa. Bürgerlichkeit und nationale Identität gehen ein Bündnis ein und grenzen diejenigen aus, die als Fremde und Abweichende adressiert werden können. Nationalismus und Rassismus verschränken sich zu einer Konstellation der Ausgrenzung und Abwertung. Parallelen und Unterschiede zum Antisemitismus lassen sich feststellen. Die Wirkung und Bedeutung der Verfolgungsgeschichte bis zum NS-Völkermord ist für ein antiziganismuskritisches Geschichtsbewusstsein zu berücksichtigen. Wie die Mechanismen des Fremdmachens bis in die Gegenwart hinein funktionieren, ist Thema des Vortrags, wobei insbesondere Bildungsinstitutionen und Integrationsmaßnahmen kritisch betrachtet werden.

 

Freitag, 08.06.2018, 14 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Ordnungsrecht und/oder Integration
Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien seit 2011
Joachim Krauß, AWO-Integrations gGmbH,
Arbeitsgruppenleitung Migration und Integration

Joachim Krauß wird über die aktuelle Lage der Stadt Duisburg als Brandherd antiziganistischer Stimmungsmache sprechen und dabei insbesondere die Perspektive institutioneller Integrationsangebote berücksichtigen.

 

Freitag, 22.06.2018, 14 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Ausgrenzung und Antiziganismus in Duisburg-Marxloh
Sylvia Brennemann, Kinderkrankenschwester, engagiert sich seit Jahren in ihrem Stadtteil Duisburg-Marxloh.

Der sogenannte Problemstadtteil Duisburg Marxloh landet in den letzten Jahren immer wieder in die Schlagzeilen, wenn es darum geht, mit der Zuwanderung von Romafamilien mediale Stimmungsmache gegen selbige zu produzieren. Aus Sicht der Referentin handelt es sich um ein klares Ablenkungsmanöver, um von den eigentlichen Problemen, wachsende Armut, Ausgrenzung und Rassismus abzulenken. Die Referentin beschreibt in ihrem Vortrag die alltäglichen Probleme der betroffenen Romafamilien, denn noch immer ist ein Großteil der Betroffenen von staatlich existentiellen Leistungen ausgeschlossen, Tausenden fehlt noch immer der Zugang zu einer Krankenversicherung und somit zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung. Menschenwürdiger und bezahlbarer Wohnraum steht ihnen zumeist nicht zur Verfügung, noch immer fehlen hunderte Schulplätze.
Die Kinderkrankenschwester Sylvia Brennemann lebt in Marxloh und engagiert sich seit Jahren im Stadtteil u.a. im Petershof und in der Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung, die im Petershof angesiedelt war. Ihre politische Forderung nach gleichen Rechten für alle stösst vor allem im örtlichen Rathaus auf großen Widerstand. Sylvia Brennemann dazu: „Die Vertreibungs- und Verdrängungsversuche seitens der Stadt zementieren eine humanitäre Katastrophe, der soziale Frieden im Stadtteil ist massiv gefährdet.“

 

Donnerstag, 05.07.2018, 18 Uhr, DenkStätte im Stadtarchiv Duisburg, Karmelplatz 5
Antiziganismus, Kolonialismus, Neoliberalismus – eine Analyse aus Sicht einer Selbstorganisation
Merfin Demir, Vorsitzender der interkulturellen Jugendselbstorganisation von Roma und Nichtroma in Nordrhein-Westfalen Terno Drom e. V.

Im Rahmen des Vortages wird der Rassismus gegen Sinti und Roma als ein historisch gewachsener Rassismus gegenüber als archaisch markierten Menschen dargelegt. Es wird auf die Wechselwirkung und die Abgrenzung gegenüber dem Kolonialrassismus und auch gegenüber dem Antisemitismus eingegangen. Besondere Bedeutung hat der Rassismus gegenüber Sinti und Roma im Zusammenhang der Leistungsgesellschaft als Teil des Neoliberalismus. Mit der Finanzkrise hat sich der Rassismus gegenüber Roma in Osteuropa verstärkt. Nicht zuletzt ist diese Analyse wichtig, um daraus Rückschlüsse, Konzepte und Handlungen zu folgern. Das gilt insbesondere für eine Gesellschaft, die auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung beruht und somit auch für eine demokratische Stadtgesellschaft. Daraus ergibt sich insbesondere, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden müssen, obwohl diese Erkenntnisse oft als zu theoretisch diskreditiert werden.

 

Kooperationspartner und Förderer

Die Veranstaltungsreihe wird vom Arbeitskreis Antiziganismus im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung durchgeführt in Kooperation mit dem Zentrum für  Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie.

Sie wird gefördert durch die Amadeu Antonio Stiftung und durch den AStA der Uni Duisburg/Essen.

 

 

 

 

 

 

 

Zum Download:

Plakat der Veranstaltungsreihe als PDF-Datei
Flyer der Veranstaltungsreihe als PDF-Datei

Vortrag: Der Islam – Dogma oder Vielfalt. Teil 2 – 15.12.2017

Ein Vortrag des Juristen und Islamrechtlers Dr. Cefli Ademi (Zentrum für islamische Theologie der Uni Münster) im DISS (Siegstraße 15, 47051 Duisburg) am 15.12.2017, um 19:00 Uhr

 

Eine Veranstaltung des DISS in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

 

Seit über einem Jahrzehnt ist der Islam in der deutschsprachigen Medien- und Kulturlandschaft ein dominantes Thema. Dabei werden Begriffe wie Scharia und Dschihad häufig synonym verwendet und mit Gewalt, Unterdrückung und Ausgrenzung in Zusammenhang gebracht. Vor dem Hintergrund einer solch stereotypen Wahrnehmung wird die islamische Religionsgemeinschaft als monolithischer Block wahrgenommen und die islamische Glaubenspraxis als eine von Dogmen gesteuerte Lebensweise missverstanden. Im Rahmen dieser Vortragsreihe möchten wir den Blick von diesen Stereotypen lösen und einen Zugang zu einem differenzierteren Verständnis des Islams ermöglichen.

Im zweiten Teil dieser Vortragsreihe sollen die Herausforderungen für den Islam in Europa erörtert werden. Dabei soll insbesondere im Vordergrund stehen, entlang welcher Leitlinien diese Herausforderungen zukunftsträchtig im Rahmen der Gesamtgesellschaft gelöst werden könnten. Umgekehrt wäre die Frage von Interesse, welchen konstruktiven Beitrag der Islam und die islamische Gemeinschaft in Europa leisten können.

Vortrag von Dr. Cefli Ademi im DISS, 27.10.2017

Der Islam: Dogma oder Vielfalt?

(Teil 1)

Ein Vortrag des Juristen und Islamrechtlers Dr. Cefli Ademi (Zentrum für islamische Theologie der Uni Münster) im DISS (Siegstraße 15, 47051 Duisburg) am 27.10.2017, um 19:00 Uhr

Eine Veranstaltung des DISS in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

 

Seit über einem Jahrzehnt ist der Islam in der deutschsprachigen Medien- und Kulturlandschaft ein dominantes Thema. Dabei werden Begriffe wie Scharia und Dschihad häufig synonym verwendet und mit Gewalt, Unterdrückung und Ausgrenzung in Zusammenhang gebracht. Vor dem Hintergrund einer solch stereotypen Wahrnehmung wird die islamische Religionsgemeinschaft als monolithischer Block wahrgenommen und die islamische Glaubenspraxis als eine von Dogmen gesteuerte Lebensweise missverstanden. Im Rahmen dieser Vortragsreihe möchten wir den Blick von diesen Stereotypen lösen und einen Zugang zu einem differenzierteren Verständnis des Islams ermöglichen.

Im ersten Teil dieser Vortragsreihe soll dargelegt werden, warum der Islam kein starres Konstrukt diverser Dogmen darstellt bzw. darstellen sollte. Thematisiert werden soll, in welchem Rahmen eine zeitgemäße und interpretationsoffene Auslegung der Glaubenspraxis zu den fundamentalen Prinzipen des Islams gehört. In diesem Zusammenhang soll die Rolle und die Bedeutung der Scharia näher bestimmt werden.