Rezension: Kritische Reflektion über Bilder

Kritische Reflektion über Bilder in Themenausstellungen zu Migration

Rezension von Michael Lausberg

In seiner Dissertation an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln untersucht Tim Wolfgarten 814 Ausstellungen zum Thema Migration zwischen 1974 und 2013 und deren Vermittlung auf bildlicher Ebene. Dabei stehen die inhaltliche Vermittlung und die Affekte über die formale Bildgestaltung hinaus im Mittelpunkt.

Zunächst geht es um die Beschreibung der Untersuchung: Es werden Rahmenbedingungen skizziert, wie die Ausstellungen erhoben und welche Kriterien dafür herangezogen wurden. Anschließend geht es um das Bildkorpus: Es wird beschrieben, welche Bilder in den medialen Diskurs eingegangen sind und was sie transportieren. Der Stand der Praxis, Forschung und Theoriebildung zum Themenkomplex Bild, Bildung, Migration und Museum kommen danach zur Sprache. Es wird auch auf die Bildungstheorie von Hans-Christoph Koller, diskurstheoretische Schriften und auf die Konzeption von Aby Warburg zum Nachleben von Bildern eingegangen. Danach folgt die methodische Aufbereitung des Bildkorpus. Weiterhin geht es um die Darstellung der Ergebnisse der analytischen und interpretativen Verfahrensweisen und die Rekonstruktion der diskursiven Ausrichtung der Bildangebote. Am Ende werden die wichtigsten Gesichtspunkte der Studie nochmals zusammengefasst.

Wolfgartens Erkenntnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Eine faktische Migration wird über verhältnismäßig wenig Bilder referenziert, obwohl dies das übergeordnete Thema der Ausstellungen war. Das jeweilige Thema wird selten gesamtgesellschaftlich repräsentiert, und personenzentrierte Darstellungen stehen im Mittelpunkt. In vielen Fällen werden rassistische Konstruktionen transportiert, und es werden idealtypische Körperdarstellungen und stereotype Geschlechterbilder reproduziert. Die Struktur der rekonstruierten Affekterfahrungen ist ebenfalls selektiv als ein Ausdruck freundlicher Zugewandtheit. Es sind hauptsächlich zwei Gruppen kategorisierbarer Bilder zu sehen: Die Gruppe der sinnlichen Bilder und die der vertraut wirkenden. Neben dieser Kritik schlägt Tim Wolfgarten Wege einer weniger selektiven Ausstellungspraxis und Möglichkeiten heterogener Zugänge vor.

Es wird eindrücklich gezeigt, wie wichtig Bilder im Erziehungs- und Bildungsprozess für die Konstruktion von Welt- und Selbstkonstruktionen sind. Ein so sensibles Thema wie Migration ist immer mit bestimmten Bildern verbunden, die Gefühle auslösen und rationales Handeln oft ausblenden. Dabei bleibt es nicht: Es werden Schlussfolgerungen für die kuratorische Praxis und die pädagogische Vermittlung gezogen, an denen sich künftige Ausstellungsprojekte orientieren können.

Tim Wolfgarten: Zur Repräsentation des Anderen. Eine Untersuchung von Bildern in Themenausstellungen zu Migration seit 1974, transcript, Bielefeld 2019, ISBN: 978-3-8376-4618-4, 44,99 EURO (D)

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4618-4/zur-repraesentation-des-anderen/

Rezension: Joseph Beuys

Braune Schattenseiten.
Joseph Beuys und seine fehlende Distanz zu rechtem Gedankengut

Eine Rezension von Michael Lausberg

Die Beuys Biographie von Hans Peter Riegel erschien 2013 in ihrer ersten Fassung, die kontrovers diskutiert wurde. Nun liegt sie aktualisiert und mit neuen Recherchen ergänzt in drei Bänden vor. Die Bände 1 (1921-1964) und 2 (1964-1986) sind biographische Darstellung. Band 3 ist eine Sammlung von überwiegend bislang unveröffentlichten Dokumenten und Fotografien.

Diese Rezension bezieht sich auf den zweiten Band. Dort wird Beuys‘ Aufstieg zum weltweit anerkannten und gefragten Künstler und sein Privatleben thematisiert. Einen breiten Raum nimmt auch Beuys‘ Lehrtätigkeit ein. Riegel schildert die politischen Aktivitäten von Beuys und geht dabei auf die Schattenseiten ein, die es im Leben des großen Künstlers leider auch gegeben hat.

Er weist nach, dass Beuys in seinem persönlichen Umfeld intensiven Kontakt und Austausch mit ehemaligen Nationalsozialisten, völkischen Nationalisten, Holocaustleugnern und Vertretern des rechten Flügels der Anthroposophie pflegte, die ihre Denkmuster zum Teil offensiv und öffentlich vertraten.

Dazu einige Beispiele: Karl Fastabend, Beuys Sekretär, der in den 1970er fast alle politischen Texte für Beuys formulierte, war ein überzeugter Altnazi.

Johannes Stüttgen, Beuys Adlatus, schrieb Beiträge in der nationalrevolutionären Zeitschrift „wir selbst“. Dort propagierte er einen „Befreiungsnationalismus“ und die Hervorhebung der „deutschen Identität“. (S. 323)

Beuys pflegte eine intensive Beziehung zum Ehepaar Haverbeck. Werner Haverbeck gründete 1963 die „Heimvolkshochschule für Umwelt und Lebensschutz“ des Collegium Humanum in Vlotho. Die „Heimvolkshochschule“ wurde für viereinhalb Jahrzehnte viel besuchter Tagungsort der extremen Rechten. Seine Frau Ursula Haverbeck ist bekennende Rassistin und mehrmals verurteilte Holocaustleugnerin. An den Veranstaltungen des Ehepaars Haverbeck nahmen friedensbewegte Linke und Atomkraftgegner ebenso teil wie völkische Nationalisten und rechte Anhänger einer neuen Querfront.

Bei den Bundestagswahlen 1976 in Nordrhein-Westfalen kandidierte Beuys als parteiloser Spitzenkandidat für die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) und erhielt in seinem Wahlkreis Düsseldorf-Oberkassel 598 Stimmen (3 %).

Riegel beschreibt die AUD zu Recht als eine rechte Partei, zwischen 1965 und 1980 mit national-neutralistischer Ausrichtung und einem völkischen Nationalismus. In der Partei waren ein rigider Antiamerikanismus und die Ablehnung der Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO und in der westlichen Wertegemeinschaft vorherrschend. Die Person August Haußleiter, der einen Kurs Richtung brauner Ökologie predigte, prägte die AUD als Vorsitzender maßgeblich und bestimmte in weiten Teilen auch den politischen Kurs der Partei.

Beuys distanzierte sich nie von seiner Mitgliedschaft in der HJ und seiner Zeit als Stuka Pilot im 2. Weltkrieg unter den Nationalsozialisten. Spätestens 1936 ist für Riegel die Mitgliedschaft des 15-jährigen Beuys in der Hitler-Jugend belegt, als er am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm. Im Frühjahr 1941 meldete sich Beuys freiwillig zur Luftwaffe, wobei er sich für zwölf Jahre verpflichtete. Ab Dezember 1943 wurde er in Königgrätz im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren als Bordschütze und Funker in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) ausgebildet. Nach der Verlegung zum Luftwaffenstab Kroatien im Sommer 1943 war er bis Oktober 1943 an der östlichen Adria stationiert und Ende November auf die Krim verlegt. Während eines Einsatzes im März 1944 bekam Beuys’ Stuka Bodenkontakt und zerschellte auf dem Boden. Beuys wurde bei diesem Unfall verletzt, und wurde von Russen gefunden. Er wurde in ein mobiles Militärlazarett eingeliefert. Nach dem Krieg nahm er an „Kameradschaftsabenden“ seiner Stuka-Einheit teil.

Beuys beschäftigte sich intensiv mit dem Gedankengut des Anthroposophen Rudolf Steiner. Walter Kugler, einer der besten Kenner Steiners, beschreibt ihn folgendermaßen: Steiner benutze eine Rassensystematik, die sich auf die Hautfarben bezieht und diesen bestimmte Eigenschaften zuschreibt. So werde etwa die „weiße Rasse“ explizit mit dem „Denkleben“, die „schwarze Rasse“ mit dem „Triebleben“ und die „gelbe Rasse“ mit dem „Gefühlsleben“ assoziiert. Weiterhin würden geschlechtsspezifische Muster bedient, etwa wenn Steiner den nicht-europäischen Völkern eine „weibliche Passivität“ zuschreibt. Seine antisemitischen Denkmuster waren ebenfalls stark ausgeprägt.1

Dies schlug sich laut Riegel in einem Germanenkult an der Akademie in den 1960er Jahren nieder, gegen den es öffentliche Proteste gab. Inwiefern einzelne Werke von Beuys Elemente der Rassenlehre Steiners enthalten, wird in dem Band nicht explizit nachgewiesen und wären Desiderata für intensivere Forschungen.

Diese von Riegel gut herausgearbeiteten Tatsachen verdunkeln das Lebenswerk eines der besten und bekanntesten Künstler der deutschen Nachkriegszeit. Intensivere Forschungen zu diesem Thema werden hoffentlich folgen.

Hans Peter Riegel: BEUYS: Die Biographie Band 2 – Erweiterte Neuausgabe, Riverside Publishing, Zürich 2018, 28,50 EURO (D)

1 Walter Kugler: Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Eine Einführung in sein Lebenswerk. DuMont, Köln 2010, S. 16

Rezension: Der faustische Pakt der Goethe-Gesellschaft

Eine Rezension von Michael Lausberg

W. Daniel Wilson: Der faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich, dtv, München 2018, ISBN: 978-3-423-28166-9, 28 EURO (D)

W. Daniel Wilson, Professor of German an der University of London, analysiert die Goethe-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus und stellt dar, wie diese das Bild eines „braunen“ Goethes vorantrieb und für sich nutzbringend einsetzte.

Zu Beginn stellt der Autor „Goethes Janusgesicht“, also die vielschichtige Interpretation seines Lebens und seiner Werke je nach politischer und weltanschaulicher Motivation dar. In seinen Werken und Aussagen bot der Dichter Anknüpfungspunkte für Interpretationen jedweder Couleur.

In der Weimarer Republik wurde Goethe vom damaligen Reichspräsident Friedrich Ebert 1919 als geistige Grundlage des neuen Staates beschworen. Der „Geist von Weimar“ wurde als Kontrapunkt zum überwunden geglaubten „Geist von Potsdam“ gesetzt.

Die Nationalsozialisten schufen das Bild des „deutschen Goethe“: „Die Nationalsozialisten und andere Verfechter des ‚Deutschen Goethe konnten aus dem ‚Judenfeind‘ Goethe leicht einen modernen, ‚rassisch‘ motivierten Antisemiten konstruieren, wenn sie Goethes freundschaftliche Beziehungen zu Juden und seine (allerdings wenigen, widersprüchlichen) judenfreundlichen Äußerungen ausblendeten.“ (S. 11)

Die Goethe-Gesellschaft wurde 1885 auf Anregung von Großherzogin Sophie unter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach gegründet und hatte seinen Sitz in Weimar. Es bildeten sich schnell Ortsgruppen heraus, die auch politisch in die Gesellschaft hineinwirkten und auch Spiegelbild der Verhältnisse waren.

Gustav Roethe, Präsident von 1922 bis 1926, war offener Antisemit und Antidemokrat, ein Vorgeschmack der Zeit nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933. Bedingt durch die rassistisch motivierten Berufsverbote waren viele jüdische Mitglieder gzwungen, aus der Goethe-Gesellschaft auszutreten. Die Leitung der Gesellschaft biederte sich dem herrschenden System und der Weltdeutung der Nazis immer mehr an und begann eine Umdeutung Goethes in Forschung und Rezeption. Die Gesellschaft lavierte zwischen Privilegien, Anpassung und Verstrickungen in die Kulturpolitik der Nazis. Nach der „Reichspogromnacht“ 1938 kam es dann zum Ausschluss aller jüdischen Mitglieder. Goethe wurde nicht nur in der Innenpolitik zu einem völkischen Nationalisten umgedeutet, um als Bannerträger der nationalsozialistischen Rassen- und Kulturpolitik zu gelten. Genauso wie Schiller, Kleist, Hölderlin und viele andere wurde er für die Ideologie des NS-Regimes auch außenpolitisch in Anspruch genommen. Die wichtigsten NS-Schriften zum Goethebild dieser dunklen Zeit sind von August Raabe „Goethes Sendung im Dritten Reich“ 1934 und von Wilhelm Fehse „Goethe im Lichte des neuen Werdens“ ein Jahr später. Faust wurde als eine „Leitfigur des neuen nationalsozialistischen Menschentypus“ entfremdet und aus dem Zusammenhang gerissen. Baldur von Schirach zitierte daraus in seiner Rede zur Eröffnung der Weimarer Festspiele der Jugend von 1937, die offizielle Vereinnahmung eines großen Dichters und Denkers war vollzogen. In der Zeitschrift der Gesellschaft erschienen in den Kriegsjahren Artikel, die Durchhalteparolen und die angebliche Überlegenheit des „Deutschtums“ proklamierten und in mystischer Sprache die geistige Kraft Goethes missbrauchten. Noch bis in die letzten Tage eines sinnlosen Krieges gab es propagandistische Unterstützung für das Regime.

Nach einem kurzen Abriss der Geschichte der Goethe-Gesellschaft nach 1945 bilanziert Wilson: „Helles steht neben Dunklem, ein Janus-Gesicht wie bei Goethe auch. Zwar blieb sie (…) relativ selbständig. Aber diese verhältnismäßige Autonomie war Teil eines perfiden Faustischen Paktes: Die Gesellschaft wurde in die Ideologie, Kulturpolitik und Propaganda des Regimes eingebunden.“ (S. 246)

Die Geschichte der Goethe-Gesellschaft ist ein Zeichen des Zivilisationsbruches in der Nazi-Zeit, deren Anfänge jedoch schon früheren Ursprung haben. Sie zeigt auch, dass bildungsbürgerliche Eliten keinesfalls weniger immun gegenüber der Nazi-Propaganda waren, im Gegenteil. Menschen, die die Abwägung verschiedener Sichtweisen in ihrer wissenschaftlichen Karriere anwandten, scheuten diese in der politischen Tagespolitik. In detaillierter Quellenarbeit zeichnet Wilson die Pervertierung Goethes in der Weimarer Goethe-Gesellschaft, der wichtigsten deutschen Literaturgesellschaft ihrer Zeit, oft wider besseres Wissen. Eine Bankrotterklärung des deutschen Bildungsbürgertums. Relativierungsversuche und Verharmlosung der Schuld sowie direkte Kritik an einem (amerikanischen) Autor als Nestbeschmutzer sind in diesem Zusammenhang fehl am Platze.

Einige Kritikpunkte gibt es schon: Es wäre eine Vorlaufzeit der Rezeption Goethes Ende des Kaiserreiches in Deutschland und der Weimarer Republik nötig gewesen, da dort schon Verbindungslinien der Vereinnahmung Goethes z.B. von monarchistischer Seite existierten, die der des Nazi-Regimes ähnelten. Auch die unrühmliche Rolle von Gustav Roethe und seiner Seilschaften sollte nicht unterschätzt werden: Antisemitismus war schon in der Weimarer Republik ein ideologisches Muster auch bei scheinbar gebildeten Menschen.

Ein wenig ärgerlich ist auch die distanzlose Verwendung des Begriffes „Drittes Reich“ ohne Verwendung von Anführungszeichen, obwohl diese Bezeichnung aus dem nationalsozialistischen Jargon stammte.

Netzfundstücke: Rezension in der SZ

cover-kampfbegriffeAuch in der Süddeutschen Zeitung erschien nun eine Rezension des Handwörterbuchs rechter Kampfbegriffe. Robert Probst schreibt:

Das Spektrum reicht dabei von offensichtlichen Kampfbegriffen wie „Schuld-Kult“ und „Umvolkung“ über „Islamisierung“ und „Dekadenz“ bis hin zu vermeintlich aufs Gemeinwohl zielenden Wörtern wie „Demokratie“ oder „Freiheit“. Gerade diesen ummantelten Begriffen die Tarnung zu entreißen – darin besteht das Verdienst dieses Wörterbuchs. Etwa beim üppig in Gebrauch stehenden „Abendland“ lässt sich studieren, wie ein offenbar harmloser Begriff für Partikularinteressen und gegen bestimmte Menschengruppen eingesetzt wird. Auf knappem Raum, aber erstaunlich differenziert und gut lesbar, werden die Begriffe auf Entstehung, Kontext und Ziele der Rechten abgeklopft und analysiert. Ein Nachschlagewerk für alle, die nicht schweigen wollen.

Bitte lesen Sie den vollständigen Text auf der Website der SZ – Roland Probst: Enttarnt

Netzfundstücke: Zwei neue Rezensionen

cover-kampfbegriffeZwei neue Rezensionen des „Handwörterbuchs rechtsextremer Kampfbegriffe“ sind im Netz verfügbar.

Auf socialnet erschien die Rezension von Dr. Andreas Siegert. Ausführlich widmet er sich den Handbuchartikeln „Abendland“, „Political Correctness“ und „Vertriebene“. In seinem Fazit heißt es u.a.:

[…] Das Ziel des Buches, die Bedeutung von Sprache für Deutungen und im gesellschaftlichen Diskurs darzustellen, wird erreicht. In einer klaren und faktenbasierten Argumentation werden Abwertungen und Diskriminierungen von tatsächlichen oder vermeintlichen Minderheiten herausgearbeitet. Damit wird denjenigen Wissen an die Hand gegeben, die sich gesellschaftlichen Diskussionen stellen. Sie können mit diesem Wissen Gegenstrategien entwickeln und umsetzen.

Erreicht werden darüber allerdings nur die, die sich für Argumente öffnen wollen. Aber auch das ist schon ein Erfolg. Zu den Umsetzungsstrategien, für die eine sensible Sprache unabdingbar ist, gehören Fragen danach, wie mehr Menschen erreicht werden können oder wie das gegenseitige Ausspielen von Minderheiten oder Schwachen einer Gesellschaft vermieden werden kann.

[…] Sprache ist sowohl Ergebnis gesellschaftlicher Werte, als sie diese auch mitgestaltet. Das Buch liefert eine sehr detaillierte Handreichung zum Verständnis komplexer Wirkungen einer ideologisierten Sprache. Es macht deutlich, wie wichtig es ist, die momentane gesellschaftspolitische Diskussion aktiv mitzugestalten. […]

Den vollständigen Text der Rezension von Dr. Andreas Siegert finden Sie hier auf socialnet.

Der Journalist Peter Novak veröffentlichte seine Rezension unter dem Titel Aufklärung über rechte Ideologie in der Sprache auf der Seite des Magazins „M – Menschen machen Medien“, das vom Bundesvorstand der Gewerkschaft verdi herausgegeben wird.

Wahlerfolge der AFD, Blockade-Aktionen vor Flüchtlingsunterkünften, Pegida- und „Nein zum Heim!“-Demonstrationen in vielen Städten. Kein Zweifel, die rechte Bewegung erlebt in den letzten Monaten auch in Deutschland einen  Aufschwung. Dabei ist ihr es gelungen, über ihre kleinen rechten Zirkel hinaus auch in Bevölkerungskreise einzuwirken, die sich nicht zur Rechten zählen würden. Das wird deutlich, wenn sich Menschen mit Schildern „Wir sind besorgte Bürger und keine Nazis“ an Demonstrationen beteiligen, die von extremen Rechten organisiert werden. Doch der rechte Einfluss zeigt sich nicht nur auf der Straße, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs.

Auf die bisher zu wenig beachteten rechten Erfolge auf der Ebene der Sprache und der öffentlichen Debatte macht das „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“ aufmerksam. […]

Den vollständigen Text der Rezension von Peter Nowak finden Sie hier: Aufklärung über rechte Ideologie in der Sprache oder auf dem Blog des Autoren.

 

 

Worte wie Stacheln (Rezension)

Im Rundbrief der BAG Antifaschismus der Partei DIE LINKE erschien eine ausführliche Rezension von Anke Hoffstadt zum in der Edition DISS erschienenen Band:
Helmut Kellershohn, Hrsg., Die »Deutsche Stimme« der »Jungen Freiheit«. Lesarten des völkischen Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten, Edition DISS, Unrast Verlag, Münster 2013, 330 Seiten.

 

Erschienen in: Rundbrief der BAG Antifaschismus der Partei DIE LINKE 3-4/2013, S. 77-78

Worte wie Stacheln

Von Anke Hoffstadt1

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) legt mit einem Sammelband zum Vergleich der »Jungen Freiheit« und der »Deutschen Stimme« – den »beiden wichtigsten Leitorganen der extremen Rechten« – eine gründliche Tiefenbohrung in Sachen rechter Propaganda und ihrer Themen vor.

Als »Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte« liegt die »Junge Freiheit« beim Bahnhofs-Pressefachhändler auf dem Tisch für wöchentlich erscheinende Zeitungen zwischen der Jüdischen Allgemeinen und der Jungle World. Eine schlichte Beobachtung zur Alphabet-Reihenfolge am Zeitungsstand, über die nur zürnen und kaum lachen kann, wer sich ab und an die Mühe macht, die »Junge Freiheit« (JF) zu lesen. 1986 als Schüler- und Studentenzeitung gegründet und rasch in burschenschaftlichen Kreisen an bundesdeutschen Universitäten angekommen, verkauft sich das in Berlin erscheinende Rechtsaußen-Blatt mit intellektuell-konservativem Anstrich heute im Durchschnitt wöchentlich über 21.000 mal, Auflage steigend. Der Anblick der »Deutschen Stimme« (DS), die seit 1976 als Partei-Organ der NPD monatlich erscheint, dürfte an Kiosken, in Pressezentren und Supermärkten (so zum Beispiel in manchen Geschäften der Lebensmittelkette REWE oder in einzelnen Filialen der toom-Baumärkte) dagegen künftig stetig seltener werden. Denn trotz wiederholter Sanierungsbemühungen sehen die Bilanzen der NPD-»Monatszeitung für Politik und Kultur« für den DS-Verlag nicht gut aus.

Beide Zeitungen einer vergleichenden Analyse zu unterziehen, das haben sich die acht Autorinnen und Autoren um Helmut Kellershohn als Herausgeber des Sammelbandes »Die ›Deutsche Stimme‹ der ›Jungen Freiheit‹« zur Aufgabe gemacht. Mit Blick auf die aktuellen ›Erfolgslagen‹ scheint dieser Vergleich zwischen der JF als dem »publizistischen ›Flaggschiff‹ der jungkonservativen Neuen Rechten« in Deutschland (S. 5) und der DS als scheinbar rostigem ›Kanonenboot‹ der Neonazi-Partei NPD zwei durchaus sehr unterschiedliche Propaganda-Stimmen des radikal rechten Lagers zusammenzubringen. Und auch in ihrer Programmatik und Zielgruppen-Orientierung verbindet beide Blätter auf den ersten Blick „Worte wie Stacheln (Rezension)“ weiterlesen

  1. Anke Hoffstadt ist als Historikerin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zusammen mit Peter Bathke gab sie 2013 den Band „Die neuen Rechten in Europa. Zwischen Neoliberalismus und Rassismus“ (Köln: PapyRossa) heraus. []

Netzfundstück: FQS-Rezension der Kritischen Diskursanalyse

In der Online-Zeitschrift Forum: Qualitative Sozialforschung (FQS) erschien im September 2013 eine ausführliche Rezension von Tobias Philipp zur 2012 erschienenen völlig überarbeiteten 6. Auflage von Siegfried Jägers Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung.

In der Zusammenfassung heißt es:

Die vorliegende sechste Auflage der „Kritischen Diskursanalyse“ stellt als vollständige Überarbeitung einen erheblichen Fortschritt zu früheren Auflagen dar. Die Aufnahme des Dispositivkonzepts ermöglicht eine theoretische Straffung des sich jetzt auf Diskurs- und Dispositivanalyse beziehenden Ansatzes. Der jeher besonders prominente Methodenteil wurde der theoretischen Weiterentwicklung entsprechend angepasst, verschlankt und anwendungsorientiert umgestellt sowie um Vorschläge zur Durchführung praktischer Dispositivanalysen erweitert. Das Buch ist sowohl ein geeigneter Einstieg in die diskurstheoretischen Arbeiten Michel FOUCAULTs als auch eine pragmatische Gebrauchsanweisung für die Durchführung von Diskursanalysen. Die spezifische Perspektive kritischer Diskursanalyse trägt dabei zum wissenschaftstheoretischen Diskurs über Werturteile, Normativität und Reflexivität in der Forschung bei. Insgesamt ist das Buch in der vorliegenden Auflage wesentlich handlicher geworden und konnte seinen theoretischen wie methodischen Gebrauchswert deutlich steigern.

Lesen Sie bitte die vollständige Rezension auf der Website des FQS:

Philipp, Tobias (2013). Rezension: Siegfried Jäger (2012). Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(3), Art. 16,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1303160.

 

 

Rezensionen: Die „Deutsche Stimme“ der „Jungen Freiheit“

Zur DISS-Neuerscheinung
Helmut Kellershohn (Hg.)
Die deutsche Stimme der jungen Freiheit
Lesarten des völkischen Nationalismus in Publikationen der extremen Rechten
erschienen vier neue Rezensionen.

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der rechte rand
magazin von und für antifaschistInnen
Nummer 143, Juli/August 2013, S. 37

>Lesarten<
von Jens Breuer

Ein anspruchsvolles Unterfangen ist es, die »Junge Freiheit« (JF) mit der Monatszeitung »Deutsche Stimme« (DS) zu vergleichen: Die 1986 gegründete JF erscheint seit 1994 wöchentlich. Derzeit hat sie einen Umfang von 24 Seiten, in den letzten zwanzig Jahren sind so mehr als 20.000 Seiten bedruckt worden. Die DS besteht seit 1976, sie erscheint monatlich. Das heutige Format ist jedoch nicht mit dem von früher vergleichbar. In der >Ära< von Parteichef Udo Voigt ist sie kontinuierlich ausgebaut worden und umfasst heute 28 Seiten – das macht seit 1996 rund 5.000 Seiten. Hinzu kommt, dass beide Blätter einer unterschiedlichen politischen Ausrichtung folgen. Die JF möchte ein konservatives Medium sein, das Organ einer gemäßigten Rechten. Die DS indes ist die Parteizeitung der NPD und steht politisch im offen neonazistischen Milieu. Trotzdem betont Helmut Kellershohn, der Herausgeber des Sammelbands »Die >Deutsche Stimme< der >Jungen Freiheit<«, haben beide Zeitungen eine gemeinsame politische Basis, den völkischen Nationalismus. Neun Beiträge umfasst das Buch, ergänzt um biographische Angaben zu den rechten Publizistinnen. Inhaltlich wenden sich die Aufsätze Einzelfragen zu, fünf vergleichen beide Medien entlang der Diskursfelder Migration, Gender, Geschichtspolitik und Parteien(-kritik) sowie hinsichtlich ihres Antisemitismus. Auch die anderen Texte nehmen Einzelfragestellungen auf, die Grundzüge der NPD-Programmatik, Agitation gegen die EU-Freizügigkeit und Positionen zur deutschen Außenpolitik. Ihre Qualität ist unterschiedlich, das Niveau in der Regel hoch. Allerdings wäre ein weiterer Beitrag zu den gegensätzlichsten Positionen zwischen beiden Zeitungen interessant gewesen. Zwar sind alle Beiträge differenziert, dennoch besteht die Gefahr, die beiden Zeitungen für >eine Soße< zu halten.

Insgesamt ist der Band interessant. Allein die Einleitung von Kellershohn sowie sein Beitrag zum Konservativismusverständnis der JF sind lesenswert. Vergleichbares schreibt derzeit niemand. Das Geld für die Anschaffung des Buches ist gut investiert.

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junge welt
Die Tageszeitung
30.7.2013, Feuilleton, S. 12

Buchrezension
Ineinandergreifende Strategien
Das Duisburger Institut für Sozialforschung seziert den völkischen Nationalismus der Rechtspresse
Von Phillip Becher

Seit vielen Jahren kann die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) ohne Zweifel als das publizistische Flaggschiff der Neuen Rechten in Deutschland betrachtet werden. Nun hat das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung in dem Buch »Die Deutsche Stimme der Jungen Freiheit« den ideologischen Kern dieses Zeitungsprojekts unter die Lupe genommen: den »völkischen Nationalismus«. Dabei erweitert das Team um Herausgeber Helmut Kellershohn die Analyse mittels einer vergleichenden Perspektive, die die Deutsche Stimme (DS) als Organ der NPD mit einschließt. Dem liegt die theoretische Prämisse zugrunde, daß sich der völkische Nationalismus der Untersuchungsobjekte aus zwei unterschiedlichen Quellen speist, namentlich einer »jungkonservativen« im Falle der JF und einer »nationalsozialistischen« auf seiten der DS. Diesen Strömungen entsprechen divergierende Strategieoptionen (eine »Strategie der kleinen Schritte« versus rechter »Fundamentalopposition«), deren Verhältnis zueinander als »Gleichzeitigkeit von Konkurrenz und Konsens« bezeichnet wird. Mit der vergleichenden Betrachtung der Themenfelder Antisemitismus, Migration, Geschlechterdiskurse, Geschichtspolitik, Parteienkritik und Außenpolitik haben die Autorinnen und Autoren ein umfassendes Bild der Motivwahl in extrem rechter Publizistik gezeichnet. Insbesondere der von Regina Wamper durchleuchtete Antisemitismus veranschaulicht das Ineinandergreifen der von JF und DS verfolgten Strate­gien: Während die »Jungkonservativen« unter dem Motto einer angeblichen Verteidigung der Meinungsfreiheit die strafrechtliche Verfolgung der Leugnung des Völkermords an den europäischen Juden inkriminieren, ohne den Holocaust selbst zu leugnen, läßt die neofaschistische Presse geschichtsrevisionistische Stimmen zu Wort kommen. Wo die JF einen Kult um rechtsgerichtete Hitler-Gegner wie Stauffenberg pflegt und eine totalitarismustheoretische Distanz zum historischen Faschismus aufbaut, um an hegemoniale Diskurse anzudocken, widmen sich die Schreiber der DS unter anderem der journalistischen Pflege des Mythos eines angeblichen »Bombenholocaust«. Von unmittelbar praktisch-politischem Interesse ist vor allem die Kritik der extremen Rechten am »Parteienstaat«, die sich Kellershohn gemeinsam mit Giesbert Hunold unter Rückgriff auf Nicos Poulantzas angesehen hat. Die in beiden Zeitungen vorgebrachten Forderungen nach mehr »direkter Demokratie« sind Teil der rechten Strategie. Wiederholt tauchen Namen wie Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck oder Armin Mohler als Referenzen auf, die als Stichwortgeber für unterschiedliche Teile der deutschen Rechten im letzten Jahrhundert wirkungsmächtig wurden. Eine von Michael Lausberg besorgte biographische Übersicht im Anhang erleichtert die Zuordnung der wichtigsten rechten Autorennamen. Leider verzichtet der Band, dem in großer Zahl Leser zu wünschen sind, auf ein Fazit, das die verschiedenen Themen und Argumentationsfäden wieder zusammenführt.

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Lotta
Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen
Heft 52, Sommer 2013

Die „Deutsche Stimme“ der „Jungen Freiheit“
Von Verena Grün

Die Texte des Sammelbands untersuchen diskursanalytisch die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) und die monatlich erscheinende Deutsche Stimme (DS). Während erstere sich in einer jungkonservativen Tradition sieht und eine Zurechnung zum Spektrum der extremen Rechten von sich weist, stellt letztere das Parteiorgan der NPD dar. Dennoch, so die Analyse der Autor_innen, eint beide die Grundlage eines „völkischen Nationalismus“ – allerdings in einer je unterschiedlichen Lesart.

Die beiden ersten Beiträge des Buchs widmen sich der Ideologie der NPD bzw. der DS. Diverse Programme bzw. ausgewählte Artikel werden auf den völkischen Nationalismus hin untersucht. Ein langer Text des Herausgebers über den „’wahren‘ Konservatismus der Jungen Freiheit“ arbeitet die christlichen wie auch völkischen Grundlagen heraus und nimmt eine Positionsbestimmung des Blattes im konservativen Spektrum vor. Es schließen sich vergleichende Untersuchungen zu den Themenfeldern Antisemitismus, Migration, Geschlechterbilder, Geschichtspolitik, Parteienkritik und Außenpolitik an. Den Abschluss bilden Kurzdarstellungen zentraler Autorinnen der JF und der DS.

Die Methode erfordert eine umfassende Arbeit mit Zitaten. Daher findet stets eine enge Verknüpfung von Material und Analyse statt. Die Sprache ist allerdings eher universitär geprägt. Wer sich von Formulierungen wie „Resultat einer Applikation der Kernideologeme“ nicht abschrecken lässt, erhält bei der Lektüre einen breiten Überblick, wie in den Zeitungen einzelne Themen verhandelt werden und wie diese ideologisch fundiert sind.

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Portal für Politikwissenschaft
Die Annotierte Bibliografie der Politikwissenschaft

Dirk Burmester, Rezension zu: Helmut Kellershohn: Die „Deutsche Stimme“ der „Jungen Freiheit“

Erstmals werden die Zentralorgane der extremen Rechten, „Junge Freiheit“ und „Deutsche Stimme“, vergleichend untersucht. Die Beiträge (allesamt entstanden am Duisburger Institut für Sprach‑ und Sozialforschung) sind indes meist schon einige Jahre alt und werden in diesem Band zusammengeführt. Die inhaltliche Auseinandersetzung ergänzt Michael Lausberg durch eine biografische Darstellung der wichtigsten Publizisten beider Medien. Insgesamt scheinen die Gemeinsamkeiten gegenüber den Unterschieden zu überwiegen – der Herausgeber schreibt von einem „Kontinuum mit Brüchen“ (7). Die intellektuell geprägte Bewegung der Neuen Rechten („Junge Freiheit“) teilt demnach mit der NPD (Parteizeitung „Deutsche Stimme“) einen völkischen Nationalismus und ist sich auch sonst über viele Inhalte mit ihr einig. Sie wählt aber eine Strategie der kleinen Schritte hin zu einer neuen rechtspopulistischen Bewegung oder Partei. Die NPD geriert sich als Fundamentalopposition, experimentiert aber auch mit gemäßigtem Auftreten und aktuellen Themen, die ihrer Ansicht nach potenzielle Wähler umtreiben. Um ihr Ziel der Anschlussfähigkeit an konservativ‑bürgerliche Diskurse zu erreichen, bemüht sich die „Junge Freiheit“ um eine eindeutige Abgrenzung zur NPD. Neben den verschiedenen Zielgruppen und Strategien bestehen auch einige inhaltliche Unterschiede, etwa in Bezug auf die Judenfeindlichkeit. Regina Wamper zufolge diskreditiert die „Junge Freiheit“ die Kritik am Antisemitismus und verschafft diesem einen diskursiven Raum, während die „Deutsche Stimme“ offen antisemitische Inhalte verbreitet. Die „Junge Freiheit“ vertritt „konservativ‑christliche Positionen mit einer traditionalistischen bis fundamentalistischen Prägung“ (120), während der klassische Rechtsextremismus eine Art Neuheidentum propagiert. Der Band führt tief in die Ideologiewelten des deutschen Rechtsextremismus ein. Es wird deutlich, wo und warum sich Neonazis von Neuen Rechten unterscheiden, aus welchen geistigen Traditionen heraus sie argumentieren und welche Strategien sie wählen. Da gerade Letztere mitunter schwer zu enttarnen sind, ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Sensibilisierung und politischen Bildung.

 

Dirk Burmester (DB)
Dr., Politikwissenschaftler, wissenschaftlicher Angestellter der Freien und Hansestadt Hamburg.

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Helmut Kellershohn (Hg.) Die „Deutsche Stimme“ der Jungen Freiheit“. Lesarten des völkischen Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten Unrast-Verlag, Münster 2013 329 Seiten, 28 Euro ISBN 978-3-89771-752-7

Rezensionen

Auf zwei neue Rezensionen von DISS-Publikationen möchten wir hinweisen: Auf dem PW-Portal (Portal für Politikwissenschaften) erschien eine Rezension von Christoph Busch zum Buch Rechte Diskurspiraterien.

Diese Diskurspiraterie wurde bereits in mehreren Aufsätzen an einzelnen Beispielen analysiert, allerdings gelingt es hier erstmals, das Thema hinsichtlich mehrerer Dimensionen in einem größeren Kontext zu bearbeiten. Aufschlussreich sind unter anderem die Artikel zu den Themenfeldern Antikapitalismus, Feminismus und Pazifismus. Sie verdeutlichen, wie die radikale Rechte diese aufgreift, völkisch-nationalistisch umdeutet und damit Anschlüsse an die Diskurse der „Mitte“ sucht. Interessant ist insbesondere der Beitrag von Lenard Suermann zu den Autonomen Nationalisten. Er arbeitet überzeugend am Material „ein vielschichtiges Bild des Phänomens ‚AN‘“ (188) heraus, das eben auch die Widersprüche und Spannungsfelder akzentuiert und in den Kontext der gesamten Neonaziszene setzt. Dabei wird auch deutlich, dass die AN keine Entwicklung nach einem Masterplan nehmen, sondern dass es sich vielmehr um eine tentative Suchbewegung handelt, die vor allem jugendkulturelle Praxen erfolgreich integrieren konnte.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie bitte hier: Rezension Christoph Busch

Michael Lausberg beschäftigt sich in TABULA RASA – Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur mit dem DISS-Titel zu den Anschlägen in Norwegen Das hat doch nichts mit uns zu tun.

Als Untersuchungsergebnis wurde festgehalten, dass alle untersuchten Medien eine Externalisierungen des Täters und der Tat betrieben: „Während zu Recht konstatiert wird, dass Breivik sich in rechten Milieus bewegt hat und offenkundig deren Ideologien vertritt, wird eine Auseinandersetzung mit zentralen Aussagen Breiviks Ideologie im je eigenen Spektrum abgewehrt.“
Die Morde Breiviks wurden vor allem in rechten Medien als Reaktion auf „islamistischen Terror“ gewertet, auf diese Weise wurde eine Schuldumkehr betrieben. Bei der Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen kam es selbst zu rassistischen Argumentationsmustern; die Ursachen für (antimuslimischen) Rassismus wurden oft in der Migration selbst und bei den Migranten gesucht. Das Denken und Handeln Breiviks wurde in den Bereich des Pathologischen verschoben. Die These des „Einzeltäters“ wurde gebetsmühlenartig wiederholt. Diese Argumentationsmuster dienten auch der Abwehr der eigenen Verantwortung für die entsprechenden Diskurse.
Es wurde festgestellt, dass „rassistische Implikationen in Islam- und Migrationsdiskursen so fest verankert sind, dass dieses Ereignis nicht bewirkte, diese grundlegend zu hinterfragen.“ Eine Selbstreflexion über eigene Schuld und Mitverantwortung fand in den seltensten Fällen statt. Viele bürgerliche Medien betonten eine Mitschuld der extremen Rechten, die – gemäß der Extremismustheorie – am Rand der Gesellschaft verortet werden. Der alltägliche Rassismus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft spielte eine bei der Berichterstattung nur eine marginale Rolle, Verweise auf die so genannte Sarrazindebatte gab es kaum. Margarete Jäger konstatierte: „Dabei hätte die mediale Verarbeitung der Anschläge in Norwegen den Journalistinnen die Augen öffnen können. Sie hätten ein Lehrstück darüber werden können, was die Diskurse mit uns machen und wie stark wir in diese verstrickt sind. Dazu wäre allerdings eine kritische Hinterfragung der jeweiligen Perspektiven notwendig gewesen. Diese hat jedoch nur zaghaft stattgefunden und betraf auch nur die Notwendigkeit der anderen Kontextualisierung. (…) Aber vielleicht sind die Ereignisse in Norwegen ja dazu geeignet, die Diskurse in Deutschland auf mittlere Sicht durcheinander zu wirbeln und die reflexartige Reaktion der Medien zu korrigieren.“

Den vollständigen Artikel von Michael Lausberg lesen Sie hier: Tabula Rasa No 74 (4/2012)

 

Netzfundstück: „In seiner Dringlichkeit kaum zu überbieten“

Auf der Plattform „Kritisch Lesen“ erschien eine ausführliche Rezension unseres Buches zur Rezeption der Anschläge in Norwegen.

Jorane Anders schreibt, der Band sei „in seiner Dringlichkeit kaum zu überbieten“:

Kaum einmal ein halbes Jahr ist vergangen, seit im Anschluss an eine Bombenexplosion in Oslo und einen „Amoklauf“ auf der Insel Utøya die Welt der diskursiven Selbstverständlichkeiten über das Thema Terrorismus und Co ein kleines bisschen zu wanken begann, nur um sich fast im gleichen Augenblick neu zu erfinden. Der Band „,Das hat doch nichts mit uns zu tun!‘ Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien“ liefert in beeindruckender Aktualität politische Analysen und Kontextualisierungen der Diskurse rund um die Anschläge vom 22. Juli 2011. Die Beiträge durchzieht eine Offenlegung der spezifischen Sagbarkeitsräume, die die Verschiebung von einer Interpretation der Ereignisse als „Machwerk des internationalen islamistischen Terrorismus“ hin zur entpolitisierten Tat des extrem rechten und/oder geistig verwirrten Einzeltäters Anders Behring Breivik bedingen.

Die vollständige Rezension lesen Sie bitte hier: http://www.kritisch-lesen.de/2012/03/gegen-entpolitisierung-und-extremismustheorie/

Das Buch erhalten Sie in jeder guten Buchhandlung:
Regina Wamper / Ekaterina Jadtschenko / Marc Jacobsen 2011: „Das hat doch nichts mit uns zu tun!”. Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien. Unrast Verlag, Münster. ISBN: 978-3-89771-759-6. 184 Seiten. 18 Euro.