9. November. Trauer- und Freudentag

9. November. Trauer- und Freudentag

von Anton Maegerle

Der 9. November gilt als „Schicksalstag“ in der deutschen Geschichte. Er markiert den Beginn der ersten deutschen Republik, den Versuch eines rechtsextremen Umsturzes, das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung und den Fall der Berliner Mauer. Weitgehend in Vergessenheit ist geraten, dass – auch an einem 9. November (1848) – ein Vorkämpfer der Demokratie ermordet wurde: Robert Blum.

Am 7. November 1938 verübte der in Deutschland aufgewachsene Hershel Grynszpan, ein siebzehnjähriger Jude polnischer Nationalität, in den Räumen der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den Legationssekretär Ernst von Rath. Der deutsche Diplomat, seit 1932 Mitglied der NSDAP und der SA, erlag seinen Schußverletzungen am 9. November 1938. Vorangegangen war dem Anschlag die gewaltsame Abschiebung von mehr als 12.000 polnischen Juden aus dem Reichsgebiet an die deutsch-polnische Grenze. Die NS-Machthaber nahmen das Attentat zum Anlass, ein als „Sühneakt“ getarntes Pogrom gegen die angebliche „Verschwörung des Weltjudentums“ zu inszenieren.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ließ verkünden: „Der Jude Grynszpan war Vertreter des Judentums, der Deutsche von Rath war Vertreter des deutschen Volkes. Das Judentum hat also in Paris auf das deutsche Volk geschossen.“ Goebbels rief am Abend des 9. November 1938 im Alten Münchner Rathaussaal vor „Alten Kämpfern“ der NSDAP, die sich zum alljährlichen Gedenken an Hitlers gescheiterten Putsch am 8. und 9. November 1923 versammelt hatten, zu „Vergeltungsmaßnahmen“ und „Aktionen gegen die Juden“ auf. Der Auftakt zu Plünderung und Mord an Juden im ganzen Deutschen Reich war getan.

In einem Fernschreiben teilte die Berliner Gestapo „allen Stapo-Stellen und Stapo-Leitstellen“ mit: „Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören.“ SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich fügte in einem Fernschreiben am Folgetag hinzu: „Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist).“ Dem organisierten Wüten von SA, SS, HJ und anderen NSDAP-Angehörigen fielen – unter offener Duldung der Polizei – insgesamt etwa 100 Juden zum Opfer. Ca. 30.000 Juden wurden in Konzentrationslagern interniert. Rund 9.000 jüdische Einrichtungen wurden zerstört. Schlägertrupps zündeten in vielen deutschen Städten Hunderte Synagogen an.

Abgefackelt wurde auch die Synagoge im badischen Bretten, der Geburtsstadt des bekannten Humanisten Philipp Melanchthon. Der Nachwelt erhalten blieb die Rechnung der lokalen Tankstelle an die Gemeinde Bretten über die Benzinkosten für den Synagogenbrand. 50 Liter Benzin (Shell) hatte die Brettener Freiwillige Feuerwehr zum Brand der Synagoge benötigt. Kosten: 19,50 Reichsmark. Die Synagoge ging, so ein Schreiben des örtlichen SS-Führers an die 62. SS-Standarte vom 11. November 1938, in Flammen auf. Zuvor wurden 29 Juden verhaftet. Noch in der Nacht zum 10. November wurden diese in einen Extra-Zug verfrachtet, welcher bereits von der Universitätsstadt Freiburg kam und nur badische und württembergische Juden ins Konzentrationslager Dachau brachte. Ab Juli 1938 waren die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen darauf vorbereitet worden, eine noch größere Zahl von Juden aufzunehmen.

Die Reichspogromnacht war das größte Pogrom der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter, der erste Schritt zur „Endlösung“, doch der Protest in der deutschen Öffentlichkeit richtete sich nur noch gegen die „Form des Kampfes gegen das Judentum“, wie die Kölner Gestapo notierte. Im Vordergrund der Kritik stand die mutwillige Zerstörung von Sachwerten, weniger die Sympathie mit den Juden. „Insgesamt gesehen“, so das Fazit des ausgewiesenen NS- und Holocaust-Forschers Peter Longerich, „konnte das Regime die weitgehend passive Haltung, in der die meisten Deutschen während der Ausschreitungen verharrten, jedoch als Erfolg bewerten.“ Noch am 1. April 1933, als die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, kam es vor Läden zu Diskussionen und sogar Schlägereien, weil viele Nichtjuden sich empörten. In der Zeit zwischen 1933 und 1938 hatte die NS-Propaganda unablässig Juden als „Untermenschen“ und Gefahr für die „Volksgemeinschaft stigmatisiert. Sie mussten Sportvereine verlassen und riskierten Gefängnisstrafen, wenn sie mit Nichtjuden schliefen; sie hatten den Staatsdienst zu verlassen, und es war ihnen verboten, die deutsche Flagge zu hissen. Weitere antijüdische Rechtsvorschriften verboten Juden, als Ärzte zu praktizieren und befahlen jüdischen Männern, den Namen Israel, und jüdischen Frauen, den Namen Sara anzunehmen. Pässe wurden mit einem großen J gekennzeichnet.

Den Opfern der Reichspogromnacht wurde die sofortige Beseitigung der Schäden, insbesondere der zerschlagenen Schaufenster jüdischer Läden, auf die sich die sarkastische zeitgenössische Formulierung von der „Reichskristallnacht“ bezog, auf eigene Kosten auferlegt, während der Staat nicht nur die entsprechende Versicherungssumme kassierte, sondern der Gesamtheit der Juden auch noch eine angebliche „Sühne“-Zahlung von einer Milliarde Reichsmark auferlegte. Vater dieser am 12. November 1938 erlassenen Verordnungen war Hermann Göring, Beauftragter für den Vierjahresplan. Die Reichspogromnacht beschleunigte die Vernichtung der ökonomischen Existenz der Juden. In dem Fernschreiben von Heydrich hieß es: In „allen Bezirken“ sind „so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den Hafträumen untergebracht werden können.“

Der von den NS-Machthabern seit Jahren vorangetriebene Prozess der Vertreibung der Juden aus der Wirtschaft und Gesellschaft wurde durch den inszenierten Pogrom zum Abschluss gebracht. Zusammen mit der Einführung des Gelben Sterns im Herbst 1941 wurde schließlich ein totales Kontaktverbot zu jüdischen BürgerInnen verhängt.

„Wir sind wieder da!“

Der 9. November ist der Schicksalstag der Deutschen.

1918 wurde an diesem Tag in Berlin die Republik ausgerufen. In rechtsextremen Kreisen gilt dieser Tag als „Verrat an einer ungeschlagenen Armee“, da angeblich das Kaiserreich durch einen „Dolchstoß“ von innen gefallen war.

1923 fand der so genannte Hitler-Putsch in München statt. Hitlers „Marsch zur Feldherrnhalle“ wird in rechtsextremen Kreisen zu einer Tat „junger deutscher Idealisten“ verklärt, „welche, von flammendem Gerechtigkeitsempfinden und Liebe zu ihrem Volk beseelt, die Ehre ihres Vaterlandes wiederherzustellen trachteten.“

Am 9. November 1925 wurde die SS gegründet. Ein Tag, der heute selbst in rechtsextremen Kreisen in Vergessenheit geraten ist.

Die Reichspogromnacht 1938 fand, so die Propaganda rechtsextremer Kreise, für „die Reichsführung völlig überraschend“ statt: „Niemand konnte – trotz der allgemeinen Unbeliebtheit der Juden im Deutschen Volk – zu jenem Zeitpunkt weniger Interesse an einem solchen Ausbruch des Volkszorns gegen diejenigen haben, aus deren Reihen bereits am 24. März 1933 eine haßerfüllte Kriegserklärung an Deutschland erging, als die politische Führung des Deutschen Reiches. Wieder wurde Deutschland Opfer einer Intrige, deren Hintermänner der Erkenntnislage nach offensichtlich in eben den Kreisen zu suchen sind, welche schon für besagte Kriegserklärung vom 24. März 1933 verantwortlich zeichneten.“

Am 9. November 1989 schließlich fiel die Mauer. Dieses Datum gilt heute in rechtsextremen Kreisen als Tag der Gründung der „Groß-BRD: noch immer ohne Friedensvertrag (den ohnehin nur das Deutsche Reich schließen kann) unter Aufrechterhaltung der Feindstaatenklauseln und unter andauernder Kuratel USraels mit erheblichem jüdischen Einfluß auf die als Marionettenregierung eingesetzten Vasallen der Siegermächte.“ (Zitate: Gerd Ittner, selbsternannter Reichsbürger, Hitler-Verehrer, Ex-Mitglied der DVU und der NPD)

Weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dass – auch an einem 9. November – ein Vorkämpfer der Demokratie ermordet wurde. Im Morgengrauen des 9. November 1848 wurde Robert Blum (Jg. 1807), Demokrat und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, in der Brigittenau (20. Gemeindebezirk) in Wien von Soldaten des kaiserlichen Militärs standrechtlich erschossen. Zuvor hatte sich der Revolutionär im Herbst 1848 entschieden, in Wien auf die Barrikaden zu gehen, um mit der Waffe Widerstand gegen Willkür und Unterdrückung zu leisten. Seit November 2021 wird Robert Blum mit einer neuen Briefmarke geehrt. Bei der Präsentation der Robert-Blum-Briefmarke charakterisierte Bundespräsident Steinmeier Blum als Person, die „wie kaum ein anderer für den politischen Aufbruch im Vormärz und in der Revolution von 1848/49 steht“.

In rechtsextremen Kreisen ist der 9. November ein wichtiger Jahres- und Gedenktag. Einerseits wird von Rechtsextremisten bei konspirativ durchgeführten Veranstaltungen der „Gefallenen der Bewegung“ des Jahres 1923 gedacht. Andererseits wird von Rechtsextremisten dem staatlichen und zivilgesellschaftlichen Erinnern an die Reichspogromnacht in vielfältiger Form aktionistisch begegnet. So rufen Rechtsextremisten um Rüdiger Hoffmann, Ex-NPD-Kader und Kopf hinter der Reichsbürger-Gruppierung „staatenlos.info“, auch in diesem Jahr zu einer Demonstration vor dem Berliner Reichstag auf. Jahres- und Gedenktage wie der 9. November sind sowohl politische Symbole als auch Gegenstand symbolischer Politik: ein Ausdruck der Bedeutung eines bestimmten Geschichtsbewußtseins ebenso wie ein Handlungsfeld für aktualisierende historische Rückgriffe.

Rechtsextremisten haben sich ihre eigene Symbolsprache geschaffen. Wenn Rechtsextremisten an Tagen um den 9. November aufmarschieren, führen sie ihren „Kampf der Symbole“. Das Beschmieren oder Zerstören von Gedenkstätten und die Schändung von Jüdischen Friedhöfen am Jahrestag der Reichspogromnacht ist eine Form des militant ausgetragenen Kampfes um Symbole. Eine geschändete Gedenkstätte erinnert nicht mehr an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern an die Bedrohung durch den heutigen Rechtsextremismus. Das aufgesprühte Hakenkreuz verschiebt die Zeitkoordinate des Gedenkens. Nicht die Vergangenheit mahnt die Heutigen, sondern die Gegenwart besetzt ein Symbol dieser Vergangenheit. Aus dem „Nie wieder!“ wird ein „Wir sind wieder da!“.

Aktionistisch gegen das Gedenken und Erinnern an die Reichspogromnacht

Im Tagungshaus des antisemitischen und Holocaust leugnenden „Collegium Humanum“ (CH) im nordrhein-westfälischen Vlotho wurde am 9. November 2003 der „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ (VRHV) gegründet. Der auf Initiative des notorischen Antisemiten Horst Mahler ins Leben gerufene Verein führte einen „Feldzug gegen die Offenkundigkeit des Holocaust“. Ziel war es, holocaustleugnende Ansichten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und Holocaustleugnern bei allfälligen Strafverfahren oder Verurteilungen rechtlich und finanziell beizustehen. Zu den Gründungsmitgliedern zählen international bekannte Rechtsextremisten wie Ernst Zündel, Germar Rudolf, Manfred Roeder, Frank Rennicke und Robert Faurisson. Bei der Gründungsversammlung bezeichnete die CH-Leiterin Ursula Haverbeck die Reichspogromnacht als den „Beginn der großen Lüge, die endgültig zu Fall zu bringen Anliegen unseres Vereins sein wird: Die Auschwitz-Lüge“. Haverbeck, wegen Volksverhetzung vorbestraft, war die Ehefrau des 1999 verstorbenen Werner Georg Haverbeck, der 1933 den „Reichsbund Volkstum und Heimat“ begründete. Im April 2008 wurde das gemeinnützige (!!) „Collegium Humanum“ und dessen Ableger, der „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“, vom Bundesinnenminister Schäuble verboten.

Ebenfalls am 9. November 2003 hätte in Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau, Ministerpräsident Edmund Stoiber und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel bei der feierlichen Grundsteinlegung des Jüdischen Gemeindezentrums in München eine Bombe explodieren sollen. Neonazis der „Schutzgruppe“ der „Kameradschaft Süd“ um ihren Führer Martin Wiese wollten einen Anschlag verüben, der jedoch frühzeitig von den Sicherheitsbehörden aufgedeckt wurde. Wiese erhielt im Mai 2005 als Rädelsführer sowie unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffen- und das Sprengstoffgesetz eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Vom Knast aus meldete sich Wiese immer wieder in den „Nachrichten“ der erst 2012 rechtskräftig verbotenen Neonazi-Truppe „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG), der damals mitgliederstärksten Neonazi-Vereinigung in der Bundesrepublik, zu Wort.

Mit Datum vom 9. November 1999 verfasste das zeitweilige NPD-Mitglied Horst Mahler einen Offenen Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder. In dem Schreiben an den „Lieben Gerhard Schröder“ behauptete Mahler, dass dieser eine „Vasallenregierung“ führe, die „den Befehlen der US-Regierung zu gehorchen“ habe. Schröder müsse deshalb „das Lügengespinst, mit dem die Feinde Deutschlands unser Volk niederhalten und aussaugen“, zerreisen. Mahler rief den Bundeskanzler dazu auf: „Tritt zurück und mache deutlich, dass DU nicht länger bereit bist, der Diener fremder Mächte zu sein! Gehe ins Exil und organisiere von dort aus den Aufstand des Deutschen Volkes gegen die Fremdherrschaft“. Mahler beendete den mehrseitigen Offenen Brief an den Bundeskanzler mit den Worten „Ich schließe in Sorge um unser Volk und in wehmütigen Gedanken an einen Freund. Dein Horst Mahler.“ Nachgedruckt wurde der Offene Brief unter anderem in der damals zweimonatlich erscheinenden Postille „Euro-Kurier“ aus dem Hause des NS-apologetischen Tübinger Grabert-Verlages. Gemeinsam mit dem Rechtsextremisten Reinhold Oberlercher, zeitweise „Wirtschaftsexperte“ der NPD, führte Mahler am 9. November 1999 in der sächsischen Stadt Leipzig eine konspirativ organisierte „Reichsproklamation“ durch. Diskutiert wurden vor Ort so genannte „Reichsverfassungsentwürfe“. Mahler verkündete in seinem dort vorgetragenen Grundsatzpapier „Thesen zur Reichsstatthalterschaft“: „Das Deutsche Reich besteht. Es ist aber handlungsunfähig“. Sobald das „Deutsche Reich“ wieder handlungsfähig sei, müsse es die Bundesrepublik „abwickeln“.

Rechtsextreme Standardwerke zur Reichspogromnacht sind die Bücher „’Reichskristallnacht‘ 9. November 1938. Hintermänner und Hintergründe“ und „Feuerzeichen – Die Reichskristallnacht. Anstifter und Brandstifter – Opfer und Nutzniesser“. Als ein „Forschungsbericht“, der mit „zahlreichen historischen Legenden“ aufräumen und zeigen will, „wie es wirklich war“, wurde das 1988 im rechtsextremen Türmer-Verlag erschienene Buch „’Reichskristallnacht‘ 9. November 1938. Hintermänner und Hintergründe“ von Nikolaus von Preradovich (1917 – 2004) deklariert. Preradovich, von 1972 bis 1974 Chef der Geschichtsredaktion des Schroedel-Schulbuch-Verlages, beharrt darauf, dass sich an der Reichspogromnacht „Teile des deutschen Volkes ’spontan‘ an den ihnen bekannten Juden vergriffen haben und die Führung der NSDAP sei sodann gewissermaßen als Trittbrettfahrer auf den bereits in Bewegung befindlichen Zug gesprungen“. 1999 wurde Preradovich, langjähriger Mitarbeiter des DVU-Sprachrohrs „National-Zeitung“ und Unterzeichner des Holocaust leugnenden „Appells der 100“, mit der „Ulrich-von-Hutten-Medaille“ der „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GFP) ausgezeichnet. Die von SS-Offizieren und NSDAP-Funktionären 1960 in Frankfurt gegründete GFP ist die größte rechtsextreme kulturpolitische Vereinigung in der Bundesrepublik.

Ingrid Weckert ist Autorin des 1981 beim Grabert-Verlag erschienenen Buches „Feuerzeichen – Die Reichskristallnacht. Anstifter und Brandstifter – Opfer und Nutzniesser“, das von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert wurde. Weckert schreibt in ihrem Machwerk, dass die Reichspogromnacht von jüdischer Seite angestiftet worden sei, um die Auswanderung der Juden nach Palästina zu fördern. Die Juden, so Weckert, „waren so wenig Opfer eines geplanten Genocids wie andere Völker.“ Ein Vorwort dazu steuerte Wilfred von Oven, letzter persönlicher Pressereferent (1943 – 1945) von NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, bei. Oven, der Zeit seines Lebens Goebbels als „faszinierendste Persönlichkeit der NS-Führung“ verehrte, sprach Weckert „für diesen Mut zur historischen Wahrheit“ seinen „ganz besonderen persönlichen Dank“ aus. Die Holocaustleugnerin Weckert (alias Hugo Rauschke) war einst Gefolgsfrau des 1991 an Aids verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen.

Seine Sicht zur Reichspogromnacht schilderte Willi Krämer in dem Buch „Vom Stab Heß zu Dr. Goebbels“, das 1979 im Holocaust leugnenden Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung (Vlotho, Nordrhein-Westfalen) des NPD-Gründungsmitglieds Udo Walendy erschien. Krämer, ehemaliger Angehöriger des „Stabes Heß“ und der NS-Reichspropagandaleitung, ortet als Ursächer der Reichspogromnacht „Rabauken niederer Chargen“ der NSDAP, die den Nationalsozialismus bekämpfen wollten. Goebbels, so Krämer dagegen, sei unschuldig: „Da Dr. Goebbels an jenem Abend weder seinen Nachrichtenapparat im Propagandaministerium noch sonst einer Dienststelle eine Brandanweisung gegeben hat oder hätte geben können, gibt es nicht einmal einen Indizienbeweis, der ihn belasten könnte.“ Nach 1945 war Krämer Funktionär der Sozialistischen Reichspartei (SRP) und der Deutschen Reichspartei (DRP). In den 80er Jahren galt Krämer in rechtsextremen Kreisen als „Freund und Förderer“ von Kühnen. Kühnen ernannte Krämer zum Ehrenmitglied seiner „Aktionsfront Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten“ (ANS/NA).

Weißwäscherei konnte Fritz Hippler, vormals NS-Filmintendant, einer der Organisatoren der „Verbrennung undeutschen Schrifttums“ und verantwortlich für die Gestaltung des antisemitischen Hetzwerkes „Der ewige Jude“, in der ARD-Sendung „Die Reichskristallnacht“ vom November 1988 betreiben. Hippler gab Poesie zum besten. Er zeigte sich entrüstet darüber, dass die Tür zu einer Wohnung eingetreten wurde und dahinter eine jüdische Großfamilie eng zusammengekauert vor Angst zitterte. Er habe seinen SS-Ausweis gezeigt und nach der Polizei gesucht.

Im voluminösen „Volkslexikon Drittes Reich“, 1994 beim Grabert-Verlag erschienen, werden die antisemitischen Übergriffe bei der Reichpogromnacht als „teilweise noch ungeklärte, angeordnete und gesteuerte, teilweise spontan eingeleitete Maßnahmen“ beschrieben, die „das Ansehen Deutschlands in jenen Jahren zweifellos beträchtlich“ schädigten. Das Buch deutet auf 950 Seiten Episoden und Figuren „jener zwölf Jahre“ (Vorwort, gemeint ist die Hitler-Zeit) um. Ausführlich werden einzelne militärische Personen und Operationen behandelt, dazu NS-Filme und untergegangene Schiffe, Dienstgrade und Abkürzungen, Aufmarschstellungen und Landser-Jargon. Unter dem Stichwort „Auschwitz“, das nur wenig länger ausfällt als die benachbarten „Ausbürgerung“ und „Auslandsdeutsche“, ist von 74.000 Häftlingen die Rede, die dort zu Tode kamen, und nicht einmal alles Juden. Die Absicht ist klar: Die Zahl der vom NS-Regime industriell ermordeter Juden soll runtergerechnet werden.

Berühmt-berüchtigt in Neonazi-Kreisen war die 1996 gegründete und 2002 aufgelöste französische NS-Black-Metal-Band (NSBM) „Kristallnacht“ aus Toulon. „Kristallnacht ist voll Antisemitismus, deswegen ist das der richtige Name für meine Band“, erläuterte der Bandleader Laurent Franchet die Stoßrichtung. Schlagzeuger von „Kristallnacht“ war der Friedhofsschänder Cyril Dieupart. Eine CD dieser Band wurde am 20. April (!) 1999 von dem Erfurter Plattenlabel Darker Than Black (DTB) der Gebrüder Hendrik und Ronald Möbus verlegt. Das Coverbild der CD, das eine halbzerstörte Kirche zeigt, ist eine Zeichnung Hitlers, die dieser während des Ersten Weltkrieges anfertigte. Hendrik Möbus genießt in Teilen der Neonazi-Szene Kultstatus. Mit zwei Komplizen beging Möbus am 29. April 1993 einen satanistisch motivierten Mord an einem 15-jährigen Mitschüler.

Es ist den Rechtsextremisten nur innerhalb ihrer eigenen Szene gelungen, das Symbol „9. November“ mit ihren eigenen Inhalten zu besetzen. Aber jeder, der heute dieses Datums gedenkt, sollte sich dessen Ambivalenz bewusst sein, denn es ist nicht zu leugnen: Auch für Hitler war es ein Gedenktag.

 

 

 

Literatur

Döscher, Hans-Jürgen: „Reichskristallnacht“. Die Novemberpogrome 1938 im Spiegel ausgewählter Quellen. Bonn 1988

Jäckel, Eberhard / Longerich, Peter / Schoeps, Julius (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. München – Zürich. 1993

Longerich, Peter: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 – 1945. Bonn 2006

NSU. Thesen zum Polizistenmord in Heilbronn

Heute jährt sich zum zehnten mal die Selbstenttarnung des NSU. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir einen Gastbeitrag unseres Autoren Anton Maegerle.

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn ist nach wie vor nicht wirklich aufgeklärt, und es ranken sich zahlreiche Spekulationen und Verschwörungsmythen um diese Tat.

Anton Maegerle beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem NSU-Komplex und hat als Journalist und Experte für die extreme Rechte das untergetauchte Trio und die damit verbundenen rechtsterroristischen Strukturen schon lange vor dem Auffliegen des NSU thematisiert.

In seinem Artikel präsentiert er eine mögliche Deutung des Mordes in Heilbronn, die in vielerlei Hinsicht plausibel erscheint, sie ist aber selbstverständlich nicht das letzte Wort zu diesem Komplex.

 

 

NSU. Thesen zum Polizistenmord in Heilbronn

von Anton Maegerle

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) war am 4. November 2011 aufgeflogen, mit dem Tod der Terroristen Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos. Auf das Konto der Neonazis gehen auch der Mord an der Polizeivollzugsbeamtin Michèle Kiesewetter und der Mordversuch an ihrem Kollegen Martin A. am 25. April 2007 auf der Theresienwiese im baden-württembergischen Heilbronn.

TATORT THERESIENWIESE

Mit dem Tatort Theresienweise knüpft der NSU symbolisch an den bislang folgenschwersten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik an: das Attentat auf das Münchener Oktoberfest auf der Theresienweise am 26. September 1980. Bei dem Attentat gab es dreizehn Tote und 211 zum Teil Schwerverletzte. Unter den Toten war auch der mutmaßliche Attentäter Gundolf Köhler aus dem Umfeld der rechtsterroristischen WSG Hoffmann und der Wiking-Jugend (WJ). Wolfram Nahrath, Ex-„Bundesführer“ der 1994 wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus vom BMI verbotenen WJ, war einer der drei Pflichtverteidiger von Ralf Wohlleben, dem wichtigsten NSU-Unterstützer und Ceska-Mordwaffe-Beschaffer. Heilbronn war für den NSU ausschließlich aufgrund der Symbolik Theresienweise interessant und war den Tätern aufgrund ihrer Kontakte zu Gleichgesinnten in Baden-Württemberg bekannt.

TATTAG

Gedenktage (z.B. Geburtstag) sind sowohl politische Symbole als auch Gegenstand symbolischer Politik: ein Ausdruck der Bedeutung eines bestimmten Geschichtsbewußtseins ebenso wie ein Handlungsfeld für aktualisierende historische Rückgriffe. KIesewetter und ihr Kollege haben um 13:45h das Polizeirevier Heilbronn verlassen. Um 13:58h fielen die tödlichen Schüsse. Ihnen folgte nachweislich kein PKW. Der NSU war vor den Polizeibeamten vor Ort und kundschaftete die Gegend aus. Als die beiden Polizisten auf der Theresienweise eintrafen, erschien dem NSU die Gelegenheit günstig für die Tatausführung. Genau um 13:58h waren keine Zeugen in mittelbarer Nähe des Streifenwagens. Der Mordanschlag auf x-beliebige Polizeibeamte selbst war erst für den Folgetag, den Geburtstag von Rudolf Heß (Jg. 1894), gedacht. Aber bereits am 25.04./13:58h war die Gelegenheit zur Tatausführung perfekt und wurde deshalb ausgeübt. Führer-Stellvertreter Heß avancierte nach seinem Freitod im alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau am 17. August 1987 zur Kult- und Identifikationsfigur der Neonazi-Szene. Der „Hitler-Ersatz“ wurde nach Auffassung der Neonazi-Szene von einem britischen Geheimdienst ermordet. Heß war nachweislich auch für den NSU „das Idol“. So fand am 17. August 1996 im rheinland-pfälzischen Worms ein illegales Heß-Gedenken statt. Unter den Aufmarschierenden waren Mundlos, Zschäpe und Wohlleben.

POLIZEI

Die Bundesrepublik, dem ewiggestrigen Mief der Adenauer-Zeit entwachsen, wird in rechtsextremen Kreisen einhellig als Polizei- oder Überwachungsstaat diffamiert, den es zu bekämpfen gilt. Seit den frühen 1990er-Jahren existiert in der rechtsextremen Szene das „Feindbild Polizei“ („brd-Polizisten“). Polizisten gelten als „Büttel des Systems“ und „Handlanger der Besatzer“. Mordaufrufe gegen Polizisten finden sich in der Neonazi-Musik. Neben Kiesewetter erschossen Neonazis seit 1997 vier weitere Polizeibeamte.

ZUFALLSOPFER KIESEWETTER / A.

Eine Woche vor dem Tattag fuhren die Polizisten D. W. und Kiesewetter (Beifahrerin) erstmals bei ihrer gemeinsamen Streifenfahrt auf die Theresienwiese, da Kiesewetter – der Streifenwagen befand sich zum Zeitpunkt ihres Wunsches in der Nähe des Bahnhofs – in Ruhe telefonieren wollte. W. war nicht bekannt, dass das Gelände als Pausenplatz genutzt wird.

A. war am Tattag erstmals auf Streife in Heilbronn; ebenso war es die erste gemeinsame Fahrt von Kiesewetter und A.

Der NSU wollte Polizisten töten – aber er wollte keine breite Panzerspur zu sich selbst legen. Kiesewetter und A. waren Zufallsopfer. Mit dem Opfer Kiesewetter legte der NSU unbewusst die Spur auf sich selbst. Kiesewetter stammt aus Oberweißbach und hatte bis zu ihrem Tod ihren Zweitwohnsitz bei den dort lebenden Großeltern. 500 Meter Luftlinie entfernt vom Haus der Großeltern wohnte seit dem 10. April 2007 der zeitweilig als Rechtsextremist aktive David F.. F. betrieb von Ende 2005 bis Anfang 2007 in Lichtenhain, einem Ortsteil ( 1km entfernt) von Oberweißbach, die Kneipe „Zur Bergbahn“. F. ist der Schwager von Ralf Wohlleben, der dem NSU seinen PKW als Fluchtwagen überließ und die Mordwaffe Ceska hat liefern lassen. Wohlleben war zuständig für den Internetauftritt von „Zur Bergbahn“. F. war einst Freund von Böhnhardt und Mundlos und zeitweilig Partner von Zschäpe. In der Pachtzeit fanden in der Gaststätte rechtsextreme Veranstaltungen statt.

Bekannt ist eine Saalveranstaltung des „Nationalen und Sozialen Aktionsbündnisses Westthüringen“ vom 18.03.2006 (Anmieter: Patrick Wieschke, später NPD-Bundesvorstandsmitglied und NPD-Landesvorsitzender Thüringen). 100 Personen waren vor Ort. Die musikalische Gestaltung machte der lange im schwäbischen Ehningen wohnhafte Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (NPD, WJ). F. kannte die Familie Kiesewetter. So hatte Ralf Kiesewetter, Stiefvater von M.K., selbst Interesse an einer Pacht 1996/97 der Kneipe „Zur Bergbahn“ gehabt. Wohlleben hat F. ca. 4-5 Mal mit Jacqueline Wohlleben (geb. Feiler) und den Kindern in „Zur Bergbahn“ besucht.

Der NSU war nach dem Mord an Kiesewetter entsetzt, dass sie eine Person aus ihrem „mittelbaren“ Umfeld getötet hatten – wobei die Person Kiesewetter an sich nicht betrauert wurde. Aber die Tatsache, dass der Tatkomplex Heilbronn die Spur ins vermeintlich weit entfernte Oberweißbach und damit den Weg zu Wohlleben, dem wichtigsten NSU-Unterstützer weist, der das Trio auch maßgeblich in deren Jugendjahren politisch und ideologisch prägte, hat die Täter verunsichert und letztlich zum Stop der rassistischen Mordserie geführt.

Rechtsterroristen: Gestern und Heute

Rechtsterroristen: Gestern und Heute. Der Mord an Matthias Erzberger

Anton Maegerle, August 2021

Am 26. August 1921 wurde der 45-jährige katholische Zentrumspolitiker Matthias Erzberger im Schwarzwald bei einem Spaziergang mit dem Reichstagsabgeordneten Carl Diez am Kniebis, der Bergkuppe nordöstlich von Griesbach, ermordet.

Der gebürtige Schwabe Erzberger war der Politiker, der den Ersten Weltkrieg durch seine Unterschrift unter den Waffenstillstandsvertrag beendete und und sich danach für die Annahme des Versailler Vertrags vehement einsetzte. Der Finanzminister und Vizekanzler der Weimarer Republik war der erste Repräsentant der ersten deutschen Demokratie, der einem politischen Mord zum Opfer fiel. 376 politische Morde wurden zwischen Januar 1919 und Juni 1922 reichsweit gezählt, davon wurden 354 durch rechtsextreme Täter ausgeübt.

Erzbergers Körper wurde von sieben Schüssen durchbohrt, von denen zwei Kopfschüsse mit 7,65-Millimeter-Kaliber tödlich gewesen waren. Die Mörder, der Student Heinrich Tillessen (Jg. 1894) und der Kaufmann Heinrich Schulz (Jg. 1893), gehörten der rechtsterroristischen Organisation Consul (OC) an. Deren Zentrale verbarg sich in einem Reihenhaus in Schwabing hinter dem Decknamen „Bayrische Holzverwertungs-GmbH“. Dort hatte Manfred Killinger, der militärische Leiter der O.C., Schulz und Tillessen im Juli 1921 einen Umschlag in die Hand gedrückt, in dem sich der Auftrag befand, Erzberger zu beseitigen. Killinger amtierte später zeitweilig als NS-Ministerpräsident von Sachsen. Die ehemaligen Offiziere Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen gingen nach dem Mord ins Ausland und kehrten erst nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nach Deutschland zurück. Nach 1945 wurden die beiden Rechtsterroristen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, jedoch 1952 vorzeitig entlassen.

Terror von Rechts auch heute

Gebetsmühlenartig verkündeten Verfassungsschützer und Sicherheitsbehörden bis zum Auffliegen der Terroristenbande des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im November 2011, es seien „keine rechtsterroristischen Strukturen feststellbar“. „Wir haben keine Erkenntnisse, dass es aktuell rechtsterroristische Strukturen in Deutschland gibt“, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke 2004 im Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Hansjörg Geiger, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, führte 1995 in einem Interview mit der Illustrierten Focus aus: „Die Rechtsextremisten haben keine Sympathisantenszene, in der braune Terroristen schwimmen können wie die Fische im Wasser.“

Fakt ist, dass die Gefährlichkeit eines zunehmend gewaltbereiter gewordenen Rechtsextremismus lange Zeit massiv unterschätzt wurde. Die Sicherheitsbehörden konnten und wollten sich nicht vorstellen, dass es in der Bundesrepublik organisierten Rechtsterrorismus geben könnte, obwohl es dafür in der Vergangenheit durchaus Anhaltspunkte gab.

Das Leugnen oder Kleinreden von rechtsterroristischen Ansätzen und Strukturen -wider besseres Wissen- hat langjährige Tradition. Denn: Immer wieder gab es in der Geschichte der Bundesrepublik Gruppierungen und so genannte Einzeltäter aus rechtsextremen Strukturen, die gewalttätige Anschläge mit Sprengstoff und Waffen planten und umsetzten. Gewaltbejahung und Gewalttätigkeiten sind wesentliche Merkmale des Rechtsextremismus, ebenso wie die ausgeprägte Affinität zu Waffen und der Hang zum Militärfetischismus. Aus rechtsterroristischen Zusammenhängen heraus wurden schwere Straftaten wie Morde, Überfälle zur Beschaffung von Waffen und Geld nach Vorbild der Roten Armee Fraktion (RAF) sowie Brand- und Sprengstoffanschläge verübt. Dabei wandten rechtsextreme Gewalttäter konspirative Techniken an und knüpften internationale Verbindungen. Erste rechtsterroristische Tendenzen bildeten sich Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre heraus. Vor allem jüngere Aktivisten plädierten für eine Abkehr vom Legalitätskurs der NPD und traten für eine strategische Kurskorrektur ein. Rechts von der NPD bildeten sich Gruppen, die zahlenmäßig nur gering ins Gewicht fielen, aber aktionsorientierter und militanter ausgerichtet waren. Eine rechtsextreme Szene mit offenem Bekenntnis zum Nationalsozialismus bildete sich. Dabei dienten der NS-Renaissancebewegung vielfach Wehrsportgruppen als Durchlaufstation für Gewalttäter. Die Neugründungen, denen sich auch (ehemalige) NPD-Anhänger anschlossen, standen im Zusammenhang mit dem unerwarteteten parlamentarischen Scheitern der NPD bei der Bundestagswahl 1969 (4,3 Prozent) und in Folge der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der damaligen Altherrenpartei. Retroperspektiv fällt auf, dass Fahndungen gegen rechtsextreme Gewalttäter und Rechtsterroristen im Berichtszeitraum oft nur schleppend in Gang und entsprechende Prozesse erst gar nicht zustande kamen. Kam es dann tatsächlich zum Prozess herrschte zwischen Angeklagten und Rechtssprechenden häufig ein seltsames Kumpaneiverhältnis, wurden Gewalttäter als geistig verwirrte Einzeltäter und Wirrköpfe verharmlost oder ihnen attestiert aus Vaterlandsliebe gehandelt zu haben, nur geringfügige Gefängnisstrafen (oft auf Bewährung) im Vergleich zu linken Aktivisten ausgesprochen und Inhaftierte oftmals vorzeitig wegen „guter Führung“ entlassen. Neonazistische Gewalttäter haben im Laufe der Jahrzehnte eine größere Blutspur als die RAF hinterlassen. Im Gegensatz zu den Aktionen der RAF ist der Terror von rechts jedoch kaum im kollektiven Gedächtnis der bundesdeutschen Bevölkerung präsent. Die Opfer der Hasskriminalität sind weithin in Vergessenheit geraten.

 

Historische Attentate von Rechts

Der Mord an Erzberger vor 100 Jahren steht stellvertretend für historische Attentate von Rechts. Die Geschichte des Rechtsterrorismus begann am 21. Februar 1919. An diesem Freitag wurde der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) in München von Anton Graf Arco auf Valley (Jg. 1897), einem Leutnant der Infanterie und Jurastudenten, mit zwei Schüssen in den Hinterkopf ermordet. Arco gehörte zum Umfeld der antisemitischen Thule-Gesellschaft, einer Vorläuferorganisation der NSDAP. Am 15. Januar waren zuvor bereits die KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Mitgliedern der im Frühjahr 1918 als Großverband der Preußischen Armee gebildeten „Garde-Kavallerie-Schützen-Division“ ermordet worden. Exzessive politische Gewalt war für die extreme Rechte der Weimarer Republik typisch. In den Freikorps der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre wie dem Freikorps Roßbach oder der Organisation Consul um den antisemitischen Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt (Jg. 1881) fand dieser Stil im politischen Mord seinen Ausdruck. Höhepunkte dieses Terrors bildeten die Ermordung von Erzberger und des Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922 durch den ehemaligen Offizier Erwin Kern und den Maschinenbauingenieur Hermann Fischer. Mehrfach hat die extreme Rechte gewaltsame Umsturzversuche vorbereitet und teilweise – wie 1920 unter Wolfgang Kapp (Jg. 1858), Ende des 1. Weltkrieges einer der Führer der antisemitischen Deutschen Vaterlandspartei, oder 1923 unter Adolf Hitler (Jg. 1889)- in Angriff genommen. An die Stelle des Attentats traten in der späten Weimarer Republik Straßenkampf und Überfälle auf politische Gegner. Ihre extremste Ausprägung erfuhren rechtsextreme Gewalttaten mit den Verbrechen in der NS-Zeit. Mit der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 wurde brauner Terror offizielle Regierungspolitik.

Der Mathematiker Emil Julius Gumbel (Jg. 1891) belegt in seiner 1924 veröffentlichten Schrift „Vier Jahre politischer Mord“, dass zwischen 1919 und 1922 von 376 politisch motivierten Morden in Deutschland 354 von rechts begangen wurden. Dabei hat Gumbel, Pazifist jüdischer Abstammung, nur die Fälle aufgenommen, die er bis in Details belegen konnte. Die linken Mörder wurden mit hohen Zuchthausstrafen und zehn Hinrichtungen, die rechten Mörder mit durchschnittlich vier Monaten Haft pro Mord bestraft. Dem Eisner-Mörder Arco wurde 1920 vom Gericht attestiert, seine Tat sei „nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühendsten Liebe zu seinem Volke und Vaterlande“ entsprungen. Einen Tag nach der Urteilsverkündung wurde das Todesurteil gegen Arco vom bayerischen Ministerrat in eine lebenslange Haft umgewandelt. 1924 kam der Mörder frei. Kapitänleutnant Manfred von Killinger (Jg. 1886), der als Führungsmitglied der Organisation Consul (OC) den Mord an Erzberger angeordnet hatte, wurde trotz belastender Beweismittel freigelassen. Ehrhardt ließ man nach Ungarn entkommen. Weite Teile der Weimarer Justiz haben durch ihre Milde gegenüber rechtsextremen Gewalttaten wesentlich dazu beigetragen, die Bedingungen zu schaffen, unter denen die Nazis ihr Terrorregime errichten konnten.

Lesenswerte Lektüre: Benjamin Dürr: Erzberger. Der gehasste Versöhner. Berlin 2021

Rezension: Musiker mit völkischem Heimatverständnis

Timo Büchner
Der Begriff „Heimat“ in rechter Musik
Analysen – Hintergründe – Zusammenhänge
Wochenschau Verlag Frankfurt/M. 2020, 173 Seiten; 12,90 Euro
ISBN 9783734408991

 

 

 

 

 

Eine Rezension von Anton Maegerle

Der Kampf um die Deutungshoheit des Begriffs Heimat wird auch in der Musik geführt. In einer fundierten Analyse gibt der Wissenschaftler Timo Büchner Einblick in verschiedene Spektren der rechten Musik und konstatiert: Die vermeintlich unpolitische Deutschrockband Frei.Wild, die neurechten Rapper Komplott und Chris Ares sowie der NPD-Liederbarde Frank Rennicke verbindet ein völkisches Heimatverständnis.

Büchners detaillierte Untersuchung der Liedtexte dokumentiert, dass diese Musiker Heimat völkisch aufladen und den Begriff für ihre politische Agenda instrumentalisieren. Die politische Rechte instrumentalisiert Heimat zur Unterscheidung zwischen Autochthonen und allen, die durch ihre Herkunft oder Religion den Fortbestand des Volkes gefährden würden. Damit steht sie „ohne Zweifel in völkischer Tradition; die Blut- und-Boden-Ideologie lebt fort“, so Büchner. Der Antagonismus zwischen „Wir“ und den „Anderen“ zieht sich durch eine Vielzahl an Liedtexten rechter Musik. Heimat bedeutet Exklusion. So spricht das völkische Heimatverständnis, das die im Netzwerk der Identitären Bewegung und des Kampagneprojekts Ein Prozent agierenden Rapper Komplott und Ares in ihren Songs transportieren, all denjenigen eine Heimat in der Bundesrepublik ab, die aus Sicht der Neuen Rechten eine Bedrohung für die ethnische Homogenität des deutschen Volkes darstellen.
Der Autor zeigt auf, dass sich in verschiedenen Spektren der rechten Musik das Fortleben völkischer Tradition zeigt. In den Liedtexten von Frei.Wild, Komplott, Ares und von Rennicke ist Heimat stets eine nationale Frage. Rennicke besingt Großdeutschland in den Grenzen von 1939 einschließlich Österreich, Südtirol und weiten Teilen Polens, Komplott rappt über Deutschland und Frei.Wild verklärt die Geschichte Tirols. Die Art und Weise wie sich Frei.Wild, deren Wurzeln in der Rechtsrock-Band „Kaiserjäger“ liegen, in ihren Texten mit Identität, Heimat und Volk beschäftigen, ist für die extreme Rechte anschlussfähig. Denn, so Büchner, das Heimatverständnis wird mit der Verachtung derjenigen verknüpft, die die Band und dessen Heimatverständnis kritisieren. Das Bedrohungsszenario des „Volkstodes““ ist der Grundbaustein dieses Gegensatzes. Der Kampf um die Deutungshoheit des Heimatbegriffs ist der Versuch, völkisches Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren.

Anton Maegerle: Antisemitismus. Gedankensplitter aus aktuellem Anlass

In der DISS-Online-Bibliothek erschien der Text von Anton Maegerle „Antisemitismus. Gedankensplitter aus aktuellem Anlass“ in ungekürzter Fassung.

In Baden-Württemberg ist die Anzahl antisemitischer Straftaten von 99 (2017) auf 136 im Jahr 2018 gestiegen. Die Steigerung entspricht 37,37 Prozent. Die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Barbara Traub, spricht „von einer alarmierenden Zunahme antisemitischer Straftaten in unserem Bundesland“.
Es gebe allen Anlass, sich zu fragen, „ob Deutschland sich wirklich von seiner schwierigen Vergangenheit gelöst hat“, so Ronald S. Lauder. Der in Deutschland und Europa wieder zu Tage tretende Antisemitismus hat ein Maß erreicht, das Lauder nicht mehr schweigen lassen mag: „75 Jahre nach den Gaskammern von Auschwitz und Treblinka, erhebt der Jahrhunderte alte Hass gegen die Juden wieder sein Haupt“, sagt der WJC-Präsident. Einen „neuen Höhepunkt“ des Antisemitismus sieht der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Klein sagte, dass der Antisemitismus in bürgerlichen Kreisen immer vorhanden gewesen sei. „Doch heute äußern sich die Menschen offener. Die Hemmschwellen sind gesunken, zum Beispiel durch die Verbreitung von Hass und die Verrohung im Internet.“

Lesen Sie den vollständigen Text in der DISS-Online-Bibliothek: Anton Maegerle: Antisemitismus. Gedankensplitter aus aktuellem Anlass

DISS-Online-Bibliothek: Wernher von Braun

In der DISS-Online-Bibliothek erschien ein neuer Artikel von Anton Maegerle zu Wernher von Braun.

Nazi-Raketenbauer und die US-Mondlandung

Der als „Vater der Raumfahrt“ glorifizierte Wernher von Braun gilt noch heute vielen als großer Wissenschaftler und Visionär, sein Name steht für die Eroberung des Weltraums durch den Menschen. Bis zu seinem Tod galt Braun als unpolitischer Fachmann. Erst nach seinem Tod gab es öffentlich Zweifel an seinem Ruhm und das geschönte Bild des nur der Wissenschaft ergebenen Physikers begann aufgrund immer neuer Indizien zu bröckeln. Denn: Der Ritterkreuzträger verkörperte auch das Bündnis von Wissenschaft und Diktatur, die moderne Technik im Dienst des Nationalsozialismus.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der DISS-Online-Bibliothek: Nazi-Raketenbauer und die US-Mondlandung

Vor 25 Jahren: Der Brandanschlag in Solingen

Vor 25 Jahren: Der Brandanschlag in Solingen.
Der V-Mann und die Neonazis

Von Anton Maegerle

Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hünxe, Solingen – in einer Serie von Anschlägen gegen AusländerInnen und AsylbewerberInnen zu Beginn der 90er Jahre wurde die Stadt im Bergischen Land  zum Tatort. Der Bundestag hatte im Mai 1993 nach jahrelangem Streit eine Verschärfung des Asylrechts beschlossen. Drei Tage später schlugen die fremdenfeindlichen Mörder in Solingen zu.

In der Nacht zum 29. Mai 1993, gegen 01.49 Uhr, verübten Neonazis einen Brandanschlag auf das Wohnhaus der türkischen Familie Genc, die vor 23 Jahren in die Bundesrepublik gekommen war. In deren Haus in der Unteren Wernerstraße 81 in Solingen starben fünf Frauen und Kinder: Gülüstan Öztürk (12) und Gürsün Ince (27) sowie Saime Genc (4), Hülya Genc (9) und Hatice Genc (18). Gut sechs Monate zuvor starben bei einem ebenfalls fremdenfeindlich motivierten Anschlag im schleswig-holsteinischen Mölln die Türkinnen Bahide Arslan (51), Ayse Yilmaz (14) und Yeliz Arslan (10).


Als im Mai 2008 an den tödlichen Brandanschlag von Solingen vor 15 Jahren erinnert wurde, sagte der damalige NRW-Integrationsminister und heutige NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU): „Wir erinnern an diese Mordtat, weil sie nicht vergessen werden darf. Der Brandanschlag von Solingen war der schlimmste fremdenfeindliche Anschlag in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen“. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Drei der Solinger Attentäter gingen in der Kampfsportschule „Hak Pao“ (Schwarzer Panther) von Bernd Schmitt (Jg. 1944), einem Fachmann für den Kampf Mann gegen Mann, ein und aus. Nach dem Anschlag wurden zentnerweise Unterlagen aus der Solinger Kampfsportschule geschleppt und in einen Mercedes-Lieferwagen gepackt. Der Wagen wurde von der Polizei zwar gestoppt, durfte dann aber weiterfahren. Erst einen Monat später wurde das geheime Archiv der „Hak Pao“, 55.000 Blatt, gehoben. Dabei stießen die Ermittler auf Lageskizzen von Wohnungen ausländischer Bürger und Anleitungen zum Bau von Molotow Cocktails.

Im Juni 1994, dreizehn Monate nach dem Brandanschlag in Solingen, wurde Bernd Schmitt als V-Mann enttarnt. Schmitt war nach offizieller Darstellung seit dem 3. April 1992 als V-Mann für das Landesamt für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Zuvor war er ab dem 25. März Gelegenheitsinformant.

Der diplomierte Sportlehrer war Inhaber der 1987 gegründeten Kampfsportschule „Hak Pao“ mit Sitz in der Straße In der Freiheit 22 in Solingen. Vor Ort betrieb Schmitt einen „Deutschen Hochleistungs-Kampfkunstverband“ (DHKKV), eine Vorfeldorganisation der bundesweit aktiven Neonazi-Truppe „Nationalistische Front“ (NF). Die NF und deren Planungen zum Aufbau eines militanten „Nationalen Einsatzkommandos“ (NEK) waren Zielobjekte des V-Mannes. Die 1985 gegründete NF wurde zwar im November 1992 vom Bundesminister des Innern wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus als verfassungswidrige Organisation verboten, führte ihre Untergrundstrukturen nach dem Verbot jedoch weiter. Führer der NF vor und nach dem Verbot war der Neonazi Meinolf Schönborn. Schönborn referierte selbst am 7. März 1992 in den mit einem Hakenkreuz geschmückten Räumen von „Hak Pao“ über „nationale Fragen“.

Förderer des DHKKV war der Altnazi Otto-Ernst Remer. Remer war Kommandeur beim Wachbataillon „Großdeutschland“, das den Aufstand gegen Hitler am 20. Juli 1944 blutig niederschlug. In einem Werbeflugblatt des DHKKV hieß es: „Leider sind die meisten Deutschen zu bequem geworden, sich einem intensiven sportlichen Training zu unterziehen. In den meisten Clubs und Schulen in Deutschland liegt der Ausländeranteil bei über 80%. Sollte dies nicht zu denken geben? Wir wollen keine Schläger ausbilden, aber hart trainieren“. Beim DHKKV ließen sich Neonazis beim „kanackenfreien Training“ für den Straßenkampf schulen. Nach erfolgreichem Training fungierten die ausgebildeten Schläger als Ordner und Personenschützer bei Neonazi-Veranstaltungen. So bewachte Schmitt mit acht kampferprobten Kameraden den damals international bekannten und eigens aus Kanada angereisten deutschen Holocaustleugner Ernst Zündel bei einer rechtsextremen Veranstaltung des „Förderkreises Freies Deutschland“ und des NF-Stützpunktes Rhein-Sieg am 5. Juni 1992 in Bonn. In einem Veranstaltungsbericht der Organisatoren wird der DHKKV für sein Auftreten bei der Zündel-Veranstaltung gelobt: „Jeder von ihnen ist ein Meister seines Faches. Ihr diszipliniertes … Auftreten imponierte so manchen. Auch an sie ein dickes Dankeschön, die sie ihre Kampfkunst und auch Gesundheit im Ernstfall, der zum Glück nicht eintraf, selbstlos zum Einsatz gebracht hätten.“

Im direkten Umfeld des DHKKV existierte noch eine weitere braune Handkantentruppe: die „Deutsche Kampfsportinitiative“ (DKI). Bei dieser arbeitete Schmitt als Trainer. Die DKI verstand sich als „Zusammenschluss patriotisch denkender Kampfsportler, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Sport bzw. Kampfkünste im Nationalen Lager bundesweit zu fördern“. Werbeanzeigen der DKI wurden unter anderem im NPD-Bundesorgan „Deutsche Stimme“ oder der „Deutschen Rundschau“, dem Sprachrohr der NPD-Abspaltung „Deutsche Liga für Volk und Heimat“ (DLVH), platziert. Für einen DKI-Lehrgang am 5. Juni 1993 war neben dem bis heute bundesweit bekannten Neonazi Christian Worch auch Markus G. vorgemerkt. Zum Termin des Lehrgangs konnte dieser nicht erscheinen, da er kurz zuvor wegen Beteiligung an dem Solinger Brandanschlag festgenommen worden war.

Der damalige Innenminister Herbert Schnoor (SPD) erklärte nach dem Outing des Spitzels, dass Schmitt „sein Vorgehen immer mit dem Verfassungsschutz abgestimmt“ hat. Dem Verfassungsschutz habe Schmidt den Namen eines der Attentäters des Brandanschlags geliefert. Auch soll mit Schmitts Hilfe ein Anschlag von Skinheads auf ein Asylbewerberheim verhindert werden worden sein, so Schnoor. Andererseits musste der Minister eingestehen, dass V-Mann Schmitt einige Mitglieder von „Hak Pao“ nach dem Brandanschlag vor Hausdurchsuchungen gewarnt hatte. Seine V-Mann-Dienste soll Schmidt aus finanziellen Interessen geleistet haben. Die Bezüge verglich Schnoor mit dem Lohn eines „Arbeiters, der am Hochofen steht“.

Der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Düsseldorf hat am 13. Oktober 1995 alle vier Angeklagten des Solinger Brandanschlags wegen Mordes an fünf Menschen, wegen versuchten Mordes an 14 Menschen und wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Die Attentäter sind heute wieder auf freiem Fuß. Das ausgebrannte Haus der Familie Genc wurde im August 1993 abgerissen.
Einer der vier Brandstifter war im September 2005 vom Landgericht Dortmund zu einer Haftstrafe von vier Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Christian R. bei einer Neonazi-Demonstration in Hamm zweimal den Hitlergruß gezeigt hatte.

Vor 50 Jahren: Attentat auf Rudi Dutschke

Der Schütze und sein politisches Umfeld.

von Anton Maegerle

In den frühen Jahren der Bundesrepublik führten Neonazis antisemitische Schmieraktionen auf Jüdische Friedhöfe und Synagogen durch. Höhepunkt war die Synagogen-Schändung Weihnachten 1959 in der Dom-Metropole Köln. Noch blieb die Bundesrepublik von Mord und Terror von rechts verschont. Das sollte sich Ende der 1960 Jahre ändern.

Der 23-jährige Anstreicher Josef Bachmann (Jg. 1944), ein Leser der „Deutschen National-Zeitung“, schoss am Gründonnerstag, dem 11. April 1968, den Studentenführer Rudi Dutschke (Jg. 1940) vor der Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm in Berlin auf offener Straße nieder. Zum Zeitpunkt des Attentates hatte Bachmann, der mit zwölf Jahren aus der DDR in den Westen kam, ein selbstgemaltes Hitler-Porträt an seine Wohnungswand gepinnt und Hitlers „Mein Kampf“ ins Bücherregal gestellt. Im Februar 1970 beging „Seppl“, der bis heute als Einzelgänger gilt, Selbstmord in seiner Zelle.

Vor dem Anschlag auf Dutschke war Bachmann jedoch in der militanten Neonazi-Szene seines niedersächsischen Wohnorts Peine aktiv. Schon als 17-Jähriger hatte er Kontakte zu Rechtsextremisten geknüpft. 1961 traf er in Peine auf Wolfgang Sachse, der örtliche Anhänger der braunen Szene mit Waffen und Munition versorgte. Sachse wusste 2012 dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel zu erzählen, dass Bachmann etliche Waffen besessen und diese bei ihm, einem ehrenamtlichen Schießwart auf dem Schießplatz in Peine, ausprobiert hatte.

Zur rechten Schießplatz-Allianz gehörten neben örtlichen Polizisten auch Paul Otte (Jg. 1924) und Hans-Dieter Lepzien (Jg. 1943), beide NPD-Männer. Jahre nach dem Attentat auf Dutschke avancierte Otte, der in seiner Jugend der Reiter-Hitler-Jugend (Reiter-HJ) angehörte und bis zum Verbot in der Sozialistischen Reichspartei (SRP) aktiv war, zum Führer der „Braunschweiger Gruppe“ der NSDAP/AO. Als Sprengstoffbeschaffer der Gruppe galt Lepzien, der wie erst beim Prozess bekannt wurde, seit 1976 V-Mann (Deckname: „Otto Folkmann“) des niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz war. In einem Interview mit „Monitor“ sprach der Bonner Strafrechtslehrer Gerald Grünwald hinsichtlich der Aktivitäten von Lepzien ausdrücklich von „Anstiftung zu Straftaten durch Behörden“. Im „Braunschweiger Prozess“ wurden durch Urteil des 3. Strafsenats des Oberlandgerichtes Celle vom 19. Februar 1981 Otte, Lepzien, Sachse, Volker Heidel (Jg. 1954), Oliver Schreiber (Jg. 1958), zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Otte wurde wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung als Rädelsführer, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, Vorbereitung von zwei Explosionsverbrechen und Verstößen gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Lepzien wurde nach Verbüßung eines Teils der Haft vom Bundespräsidenten Karl Carstens (CDU) begnadigt.

Im August 1981 überraschte die „Deutsche National-Zeitung“ ihre Leser mit folgender Anzeige: „Ich möchte mich bei allen nationaldenkenden Männern und Frauen, die durch meine Spitzeltätigkeit für den >Verfassungsschutz< in Verruf kamen, ausdrücklich entschuldigen und bitte alle um Verzeihung. Hans-Dieter Lepzien“.

Verfahrensgegenstand des Braunschweiger Prozesses waren neben der Beteiligung in der terroristischen Vereinigung Sprengstoffanschläge gegen Justizgebäude, die mit selbstgebastelten Rohrbomben ausgeführt worden waren, sowie Waffengeschäfte, durch die Neonazis mit Handfeuerwaffen versorgt worden waren. Der erste Anschlag richtete sich am 2. September 1977 gegen die Amtsanwaltschaft Flensburg, die drei Monate vorher eine Anklage gegen Manfred Roeder, den Kopf der rechtsextremen „Deutschen Bürgerinitiative“ (DBI), vertreten hatte. Eine zweite Bombe ging am Hannoverschen Amtsgericht hoch. Die besondere Gefährlichkeit des Hauptangeklagten und NSDAP/AO-Aktivisten Otte lag nach Auffassung des Gerichts darin, dass er junge Menschen für seine Organisation zu gewinnen verstand. So führte Otte die späteren Rechtsterroristen Kurt Wolfgram sowie das Ehepaar Christine und Klaus-Dieter Hewicker dem Terrorismus zu. Ottes Planungen sahen für seine „Braunschweiger Gruppe“ neben einem Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in Hannover auch Anschläge auf DDR-Grenzanlagen, Attentate auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und politisch motivierte Banküberfällen zur Beschaffung von Geld für den NS-Untergrundkampf vor. 1961 hatte Otte bereits erstmals erfolglos versucht, in Braunschweig eine Bank auszurauben. Erfolgreicher bei Banküberfällen war Jahrzehnte später der rechtsterroristische NSU.

Kameraden im Osten

Gastbeitrag von Anton Maegerle

Die NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) hat im März
gleichgesinnte Gruppierungen in Osteuropa besucht.

Vom 13. bis zum 15. März hielt sich eine achtköpfige Delegation der
Jungen Nationaldemokraten in der Slowakei und Tschechien auf. Eingeladen
in die Slowakei wurde der NPD-Nachwuchs von „Slovenská Pospolitost“
(Slowakische Gemeinschaft) und deren parteipolitischen Arm „Ludova
strana Nase Slovensko“ (Volkspartei – unsere Slowakei). Die
Neonazi-Gespräche in dem mitteleuropäischen Binnenstadt fanden in den
Städten Bratislava und Nitra statt. Die slowakischen Neonazis wollen die
„Tradition des Slawentums“ verteidigen. Regelmäßig marschieren sie gegen
„Zigeunerkriminalität“ auf. Sie bekennen sich zum Vermächtnis des
klerikal-faschistischen Tiso-Staates. Der katholische Priester Jozef
Tiso hatte 1939 einen Marionetten-Staat von Hitlers Gnaden gegründet.
Bei Teilen der slowakischen Landbevölkerung gilt der 1947 hingerichtete
Tiso bis zum heutigen Tag als Märtyrer. Führer der nicht im Parlament
vertretenen „Volkspartei – unsere Slowakei“ ist  Marian Kotleba (Jg.
1977). Der Roma-Hasser hetzt seit den neunziger Jahren gegen
„Zigeunerparasiten“, gegen Linke, Homosexuelle und Israel. Der Neonazi
wurde im November 2013 überraschend zum Regionalpräsidenten des
Landesbezirks Banská Bystrica gewählt. Das Amt ist vergleichbar mit dem
eines deutschen Ministerpräsidenten, jedoch mit wesentlich weniger
Kompetenzen. Kotlebas Wahlsieg schockierte das Land.
Neben den Treffen mit Gleichgesinnten in der Slowakei besuchten die JN
auch „einige Aktivisten“ der tschechischen „De(lnická mládež“ (DM;
Arbeiterjugend) in Brno, dem einstigen Brünn. DM ist die
Jugendorganisation der Neonazi-Partei „De(lnická strana sociální
spravedlnosti“ (DSSS; Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit). DM und
DSSS pflegen bereits seit Jahren intensive Kontakte zu
nationaldemokratischen Kreisen.
Einig sind sich deutsche, slowakische und tschechische Neonazis im Kampf
gegen das „eurokratische Zwangskorsett“, den Würgegriff der Eurokrake
und der internationalen Hochfinanz“ gegen Kapitalismus und für
Nationalismus.

Unverbesserlicher Rechtsextremist

Gastbeitrag von Anton Maegerle

Vor 50 Jahren, am 31. März 1965, fand in der österreichischen Landeshauptstadt Wien eine Demonstration gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz statt. Im Verlauf der Demonstration versetzte der Neonazi Günther Kümel dem Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger (Jg. 1898) einen Faustschlag. Das Opfer starb kurz darauf an den Folgen.

Ex-NSDAP-Mitglied Borodajkewycz hatte in seinen Vorlesungen Rosa Luxemburg als „jüdische Massenaufpeitscherin“ denunziert, deutsche Freikorps verherrlicht und Hitlers Heldenplatz-Rede zu seinem glücklichsten Tag gekürt. Ein Wiener Geschworenengericht verurteilte Kümel, Mitglied rechtsextremer Studentenzirkel um den Ring Freiheitlicher Studenten (RFS),  am 25. Oktober 1965 wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Landes zu einer 10-monatigen Haftstrafe. Nach fünf Monaten Gefängnisaufenthalt wurde Kümel vorzeitig entlassen. Kümel, früher Mitglied des in Österreich verbotenen „Bundes Heimattreuer Jugend“ (BHJ), versicherte vor Gericht, er habe in Notwehr gehandelt. Der deutsche BHJ berichtete über den Vorgang: „Ein angetrunkener Kommunist und ehemaliger KZ-Häftling wurde bei einem Handgemenge so unglücklich durch die Abwehrmaßnahmen des Studenten Kümel getroffen, daß er kurz darauf verstarb.“ Kirchweger war das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik.

Günther Kümel verschwand nach seiner Haftentlassung aus Österreich. Seit ca. 2000 ist der im hessischen wohnhafte Virologe als Gunther Kümel in einschlägigen Foren aktiv und greift für Szene-Publikationen zur Feder. Schriftverkehr mit dem Holocaust-Leugner Horst Mahler („Lieber Herr Mahler!“) pflegte Kümel vor Jahren mit dem Gruß „Für unser Volk und unser Recht!“ zu beenden. In einem Schreiben an Mahler vom 5. Mai 2003 schwadronierte Kümel über „opferbereite Revolutionäre, die Deutschland, die das Volk, die das Heilige Deutsche Reich brauchen.“ Nach dem Unfalltod des sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Uwe Leichsenring 2006 orakelte Kümel in der NS-apologetischen Postille „Recht und Wahrheit“ über ein „Attentat“ („ob der Mossad mal wieder ein Zeichen setzen wollte“). 2010 bezog Kümel im antisemitischen Blatt „Phoenix“ (Österreich) Stellung zum „’Ketzer‘-Prozess“ gegen den Holocaust-Leugner Gerd Honsik. In jüngster Zeit tummelt sich Kümel, der Eigenbekunden zufolge in seiner Familie „seit vielen Jahren“ das Fernsehen abgeschafft hat, „da die Berichterstattung langweilig und ideologiebelastet ist“, als Schreiber in verschwörungstheoretischen Kreisen wie „Elsässers Blog“.