Klare Positionen

Ludwig Philippson, Ausgewählte Werke: Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam. Die Religion der Gesellschaft. Zwei Vorlesungsreihen. Herausgegeben von Andreas Brämer. Böhlau 2015

Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Schriften zur jüdischen Sozialethik. Band 2. Herausgegeben von Michael Brocke und Jobst Paul. Böhlau 2015

Zwei neue Bände der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft sind erschienen.

von Jobst Paul

Mit der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft schufen das DISS in Duisburg und das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Essen) im  Jahr 2010 eine Plattform, auf der sich Schritt für Schritt ein Thema von großer gesellschaftspolitischer Bedeutung entwickeln soll.

Ausgangspunkt ist der Gedanke, wichtigen deutsch-jüdischen Autoren des 19. Jahrhunderts und ihren Werken in der Gegenwart die kulturelle und gesellschaftliche Rezeption zu verschaffen, die ihnen in Deutschland so lange verwehrt war. Gruppiert um die Begriffe Staat, Nation, Gesellschaft skizzierten viele deutsch-jüdische Autoren – als Juden – seit der Aufklärung und während des gesamten 19. Jahrhunderts in beispielloser Breite und Vielfalt die sozialethischen Grundlagen, auf denen ein demokratisches Deutschland erstehen sollte, als Beispiel für Europa und die Welt. Sie bekräftigten damit aber auch das Jahrtausende gewachsene, ethische Erbe des Judentums selbst, das in diesem Deutschland endlich anerkannt und zu neuem Leben erweckt werden sollte, insbesondere die Lehre von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Kern des Judentums.

Dabei hatten sie sich allerdings mit der schillernden, zutiefst unaufrichtigen Haltung der christlichen Kirchen auseinander zu setzen, die diese Lehre nicht nur Juden und dem Judentum aberkannten, sondern sie für sich selbst in Anspruch nahmen. Um dies zu erreichen, schufen sie ein Zerrbild des Judentums, das zur Grundlage für Judenfeindschaft und Antisemitismus wurde.

Die beiden Bände, die nun erschienen sind, positionieren sich in dieser Auseinandersetzung differenziert und mit Umsicht, aber auch mit großer Deutlichkeit.

Der erste Band der Schriften zur jüdischen Sozialethik (erschienen im Jahr 2011) spürte den Ursprüngen der jüdischen Gerechtigkeitslehre im jüdischen Gottesverständnis nach. Im zweiten Band geht es nun um die konkreten Inhalte der ethischen Selbstverpflichtung dem Mitmenschen gegenüber. Damit ist freilich nicht Mitleid gemeint, sondern „das tatsächliche Tun“: „Die Liebe zum Nächsten soll Leidenschaft sein, den Mitmenschen vor Not und Unrecht zu bewahren, d.h. für Gerechtigkeit zu sorgen, Bedürftigen und Hilfesuchenden zur Seite zu stehen und sie mit Würde zu behandeln. Für die Empfangenden wiederum gilt, mit der ihnen zukommenden Mildtätigkeit verantwortlich umzugehen.“
Die Autoren beklagen allerdings nicht nur die judenfeindliche Inanspruchnahme diese Ethik durch die christlichen Kirchen über Jahrhunderte. Sie bedauern auch die christliche Verwässerung der jüdischen Gerechtigkeitslehre zu einer Haltung des Mitleids, das sich zwar den Folgen von Unrecht, weniger aber dem Unrecht selbst in den Weg stellen will.

Auch Ludwig Philippson (1811-1889), ein „Wortführer des religiös-progressiven Judentums und des politisch liberalen jüdischen Bürgertums“ im Deutschland des 19. Jahrhunderts, streitet in seinen Schriften um eine Anerkennung der sozialethischen Botschaft des Judentums und des Judentums selbst als moderner bürgerlicher Konfession.

Doch in den beiden Vorlesungsreihen (Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam und die Religion der Gesellschaft), die im nun vorliegenden Band wieder zugänglich werden, wendet er sich engagiert und in wohltuend verständlicher Sprache eben auch einer „Fundamentalkritik des Christentums“ zu. In einer differenzierten, aber gleichwohl ungeschminkten Analyse spürt er dem epochalen Unrecht der christlichen Diskreditierung des Judentums nach, kommt aber zu dem nüchternen, wie aufregenden Schluss, dass sich die Einfachheit der jüdischen Gerechtigkeitslehre gegen ihre Bekämpfer historisch durchsetzen wird – eine Vision, die heute, fast 70 Jahre nach der Shoa, und angesichts der Verwerfungen einer aus den Fugen laufenden Globalisierung eine unübertroffene Brisanz beinhaltet.

Der dritte Band der Schriften zur jüdischen Sozialethik soll daher nicht ganz zufällig dem Thema Recht – Soziale und ökonomische Gerechtigkeit gewidmet sein. In ihm sollen übrigens auch deutsch-jüdische, wirtschaftspolitische Wortmeldungen und Entwürfe aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen.

Vortrag: Elias Grünebaum – Glaube, Wahrheit, Wissen

Am 22. September 2011 hielt der Mitarbeiter des DISS, Dr. Jobst Paul, auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Landau/Pfalz einen Vortrag zur Bedeutung des Landauer Rabbiners Elias Grünebaum. Grünebaums Sittenlehre des Judenthums erschien in der vom DISS und dem Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Essen) gemeinsam herausgegebenen Edition Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Jobst Paul wirkt als Koordinator der Gesamtedition. Nachfolgend finden Sie den Wortlaut des Vortrags.

 

Glaube, Wahrheit, Wissen
Der Landauer Rabbiner Elias Grünebaum (1807- 1893) und der deutsch-jüdische Aufbruch im 19. Jahrhundert.
Landau, 22. September 2011
von Jobst Paul

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Dezember 2007, zum 200. Geburtstag von Rabbiner Grünebaum, referierte Prof. Wilke hier in Landau zu Grünebaums großem Werk, der Sittenlehre. Die Schrift konnte im Jahr 2010 im Rahmen unserer Edition Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts: Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft völlig neu erscheinen, wobei Herr Wilke sein Landauer Referat zur Grundlage der umfangreichen Bandeinführung machte.

Vor 120 Jahren, am 25. September 1893, ist Rabbiner Grünebaum gestorben, und heute soll Gelegenheit sein, ihn und sein Werk in einen größeren Rahmen einzuordnen. In meiner Skizze soll von innerjüdischen Kämpfen um Judentum die Rede sein – dafür steht das Stichwort Glauben. Dann auch vom Kampf gegen Judenfeindschaft und Zurücksetzung – dafür steht das Stichwort Wahrheit. Schließlich von einem deutsch-jüdischen Aufbruch, für den ich das Stichwort Wissen gewählt habe, denn es soll nur am Rand vom bürgerlichen Aufbruch die Rede sein.

Zunächst aber herzliche Grüße von Herrn Prof. Brocke und Herrn Prof. Jäger, mit denen zusammen ich die Edition betreue. Ich danke Ihnen, Herr Dr. Pauly, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, und dem Kulturzentrum sehr herzlich für die freundliche Einladung zu Ihnen und in diese wundervolle Landauer Altstadt – die mich bei der Vorbereitung übrigens sehr beschäftigt hat.

Gilt als Altstadt das Rechteck zwischen König- und Waffenstraße oder der Bereich innerhalb der Ringstraßen, die den Verlauf der alten Festung andeuten? Dort entstand eine repräsentative bürgerliche Architektur, aber die neue Raumordnung ermöglichte ja auch erst – an der Ecke Reiterstraße – den Bau der großen Synagoge, die am 5. September 1884, nicht zuletzt durch Grünebaums Energie, eingeweiht werden konnte – übrigens auf einem von der Stadt kostenlos überlassenen Bauplatz. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Rabbiner Einstein blühte das jüdische Gemeindeleben weiter auf, bis die Entrechtung begann. Im Dezember 1932 feierte Einstein noch seinen 70. Geburtstag. Die Feier wurde von der Elias-Grünebaum-Loge, einem 1926 gegründeten Landauer Sozialverein, ausgerichtet. Wenige Monate nach der Feier wurde der Verein schon per Polizeidekret aufgelöst.

Alteingesessene jüdische Familien haben hier in der Mitte der Altstadt gewohnt. Rabbiner Grünebaum mit seiner Familie soll – so die Auskunft von Herrn Dr. Martin – zuletzt in der Langstraße 11 gewohnt haben – und das später dort eröffnete Gasthaus soll es noch heute geben. Von der Langstraße waren es für Grünebaum nur wenige hundert Meter zur Königstraße 23, der städtischen Höheren Töchterschule, wo er ‚israelitische‘ Religion unterrichtete, wie auch an der Königlichen Studienanstalt in der Waffenstraße. Noch 1886, bei seinem 50jährigem Dienstjubiläum (da war er 79) schenkten ihm Schülerinnen der Töchteranstalt einen Rauchtisch und Schüler der Studienanstalt die Kulturgeschichte der neuesten Zeit des Kulturhistorikers Honegger.

Übrigens: Zwei Jahre später, im Jahr 1888, zog die Töchterschule an den Ort des heutigen Slevogt-Gymnasiums. Die Königliche Studienanstalt hieß ihrerseits bis 1872 Königlich Bayerische Lateinische Schule und stand Ecke Königstraße/Martin Luther-Straße. Sie wurde zum heutigen Eduard Spranger Gymnasium (auch für diese Informationen herzlichen Dank an Herrn Dr. Martin).

Grünebaum war ein Kind der Pfalz und er blieb es. Geboren 1806 in Reipoltskirchen, zieht er mit der verwittweten Mutter 1815 nach Münchweiler an der Alsenz, wo sich diese ein zweites Mal, nun mit Isaak Felsenthal, einem Eisenhändler, vermählt. Offenbar wird Felsenthal zur wirklichen Bezugsperson Grünebaums, denn 1838, nach Antritt seines Landauer Rabbinats, wird Grünebaum ihn öffentlich als „geliebten Vater“ ansprechen. Mainz, Mannheim, Frankfurt, Speyer sind schnell aufeinander folgende schulische Stationen einer Doppelausbildung: Elias absolviert gleichzeitig ein Talmudstudium und die gängige Gymnasialausbildung.

1831 folgt der Sprung hinaus, zuerst an die Universität Bonn mit den Fächern Philosophie und Arabisch, nach 2 Semestern aber schon an die neu eröffnete Modeuniversität in München, mit Friedrich Wilhelm Schelling als Magnet. Viele junge, jüdische Gelehrte zieht es nach der Juli-Revolution 1830 in Paris, die so viele Hoffnungen weckt, dorthin. Aber viel Zerstreuung gibt es für Grünebaum nicht – „Vortrag: Elias Grünebaum – Glaube, Wahrheit, Wissen“ weiterlesen

„Denn das Reich der Freiheit wird erstehen…“

In der aktuellen Ausgabe 89 (Juli 2011) der österreichischen jüdischen Kuturzeitschrift David erschien fogender Beitrag von DISS-Mitarbeiter Jens Zimmermann, der im Zusammenhang mit unserem Forschungsprojekt zur deutsch-jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts entstand.

 

„Denn das Reich der Freiheit wird erstehen…“ –
Anmerkungen zur politischen Publizistik Leopold Zunz‘

Autor: Jens ZIMMERMANN

Das Emanzipations- und Glücksversprechen, das die bürgerliche Gesellschaft den Individuen in Aussicht gestellt hat, blieb im historischen Verlauf wirkmächtige Fiktion. Nichts gibt darüber mehr Auskunft als der von der deutschen Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts abgelehnte Versuch deutsch-jüdischer Autoren, in die politischen Debatten über Demokratie, Staatsbürgerschaft und Nationalbegriff publizistisch einzugreifen.1 Die an den eigenen Emanzipationswunsch geknüpfte Hoffnung deutscher Juden, einen eigenen Beitrag zur Konstitution eines republikanisch-demokratischen Deutschlands zu leisten2, wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts einerseits durch Ignoranz der politischen Öffentlichkeit, andererseits durch den virulenten Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft zunichte gemacht.

Trotz dieser Ablehnung konstituierte sich im Vor-Kaiserreich eine vitale und umfangreiche Publikationslandschaft deutsch-jüdischer Autoren, in welcher um Staatsbürgerschaft und demokratisch-rechtsstaatliche Ideen aus einer spezifisch deutsch-jüdischen Perspektive diskutiert und gestritten wurde. Leopold Zunz (1794-1886) kann – neben Gabriel Riesser und Johann Jacoby – als einer der engagiertesten Streiter für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie innerhalb dieses Diskurses angesehen werden. Seine Positionierung als „öffentlicher Gelehrter“, der seine Intellektualität als Verantwortung für die Gesellschaft verstand, kann retrospektiv als die charakteristische Facette seines publizistischen Wirkens angesehen werden, was vor allem durch seine zahlreichen öffentlichen Reden und Vorträge unterstrichen wird. Dabei schrieb und redete Zunz als jüdischer Intellektueller – 1819 gründete er in Berlin den Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden, dem auch Heinrich Heine angehörte.

Seine politische Publizistik zwischen den 1840er und 1860er Jahren plädiert für die Realisierung bürgerlicher Freiheit und Gleichheit, an die er gleichzeitig eine jüdische Emanzipationshoffnung knüpft, welche durch das Gesetz gestützt werden soll: „Ein Recht besitzen heisst, die Freiheit es auszuüben haben, und gleiches Recht für Jedermann, demnach gleiche Freiheit: so ist der Rechtsstaat zugleich der Staat der Freiheit. Fort mit eingebildeten Unterschieden!“3 Auch während der revolutionären politischen Wirren der Jahre 1848/49, die Zunz in Berlin erlebte, postulierte er immer wieder die Grundsätze einer demokratisch verfassten politischen Gemeinschaft. In zahlreichen politischen Reden argumentierte Zunz leidenschaftlich für die aus seiner Sicht zwingende Symbiose von Staat, Nation und demokratisch-rechtsstaatlichen Verfassungsnormen: „Denn das Reich der Freiheit wird erstehen: das auf Nationalwillen gegründete Gesetz, die in freiwilligem Gehorsam bestehende Ordnung, die Anerkennung des Menschen unbehelligt vom Unterschiede der Sekten und Stände, die Herrschaft der Liebe als Zeugniss der Erkenntnis Gottes.“4

Auch nach dem Scheitern der Revolution, dem Rückzug vieler Juden aus dem öffentlich-politischen Bereich und der daran anschliessenden autoritären Restauration wird Leopold Zunz nicht müde, von der Souveränität des politischen Volkes zu reden und sich dabei auf den in Deutschland so verhassten Jean-Jacques Rousseau und dessen contract social zu beziehen. „Fortschritt, Freiheit und Wahrheit“ bilden dabei für Zunz den unhintergehbaren Kern der „Verfassungsseele“, den er auch gegen die politische Restauration in Deutschland verteidigte, die statt eines bürgerlichen Nationalverständnisses die Nation als genealogische Abstammungs- und kulturelle Exklusionsgemeinschaft definierte. Mit diesem aufklärerischen Impetus polemisierte er in einer Wahlrede in Berlin 1861 gegen die mächtigen Institutionen des Militärs und der Kirche: „Das Wesen beider, als altererbter Einrichtungen, sträubt sich noch in mehr als einer Richtung gegen das constitutionelle Gesetz.“5

Die Konsequenzen, die Zunz aus dieser Feststellung zog, war die Forderung nach einer Trennung zwischen Staat und Kirche sowie nach der politisch-rechtsstaatlichen Einhegung des Militärs. Zunz erkannte die gesellschaftspolitische Sprengkraft, die von einem militärischen Apparat ausgehen konnte, der „ausserhalb der Verfassung“ steht, und sah auch den im Kaiserreich aufkeimenden Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem preussischen Staat voraus.

Das politisch-publizistische Wirken Leopold Zunz‘ schöpft seine Überzeugungskraft aus dem bedingungslosen Eintreten für eine universalistische politische Ethik und Staatskonzeption, in der keine konfessionellen und sozialen Schranken das gesellschaftliche Zusammenleben reglementieren sollen – Staatsbürgerschaft und moderne Rechtsstaatlichkeit verkörpern für ihn politischen Fortschritt. Seine vielleicht radikalste Idee ist die der politischen Demokratie:

„Demokratie, d.h. das zur Geltungbringen des allgemein Menschlichen, damit der ganze Staat, die ganze Nation das Bewusstsein von sich bekomme, dass nur durch die gegenseitige Gerechtigkeit, durch die Gleichheit, also durch die gleiche Berechtigung der Freiheit bestehe, und dass die Freiheit das Mittel werde, dass die Nation, d.i. der Staat, Niemanden anders gehorcht, als sich selbst, weil sie selbst den sittlichen Gesamtwillen hat.“6

Schon 1849 formuliert Zunz die politisch-theoretischen Kernelemente demokratischer Verfassungen, wie sie für Deutschland erst genau hundert Jahre später, im Grundgesetz, festgehalten werden sollten. Das politische Denken Leopold Zunz‘, geprägt durch die Französische Revolution und die Amerikanische Verfassung, steht dabei zugleich für die Verschränkung von politischer und jüdischer Ethik. Der innerjüdische Diskurs des 19. Jahrhunderts deckte ein breites Spektrum an politischen und zivilgesellschaftlichen Problemfeldern ab, so etwa die Themen der bürgerlichen Gleichstellung, des Zusammenlebens zwischen Juden und Christen, aber auch von Regierungsformen und den damit verbundenen universalistisch-kosmopolitischen Souveränitätskonzeptionen. Dieser Diskurs, an den auch die vielfältigen Emanzipationshoffnungen der deutschen Juden geknüpft waren, wurde allerdings konsequent ignoriert und letztlich im Deutschen Kaiserreich durch den sich formierenden politischen und weltanschaulichen Antisemitismus diffamiert.

Es ist kein Zufall, dass mit der Verweigerung dieses Dialogs und der damit verbundenen kulturellen und politischen Exklusion des deutschen Judentums auch die zaghaften Bestrebungen nach einer demokratischer Regierungsform und einem universalistischem Staatsbürgerverständnis in Deutschland kein Gehör mehr fanden und die politische Kultur des Kaiserreichs zunehmend autoritäre Züge annahm.

Leopold Zunz, Gründungsvater der „Wissenschaft des Judentums“, ist einer der exponiertesten Vertreter deutsch-jüdischer Publizistik des 19. Jahrhunderts, welche die jüdischen Emanzipationsbestrebungen, die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Grundlagen des Judentums sowie die Propagierung republikanischer Politikformen in Einklang brachten.

1  Vgl. Brocke, Michael/Jäger, Margarete/Jäger, Siegfried/Paul, Jobst/Tonks, Iris (2009): Visionen der gerechten Gesellschaft. Der Diskurs der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert, Köln u.a.: Böhlau.

2  Zahlreiche Texte dieser Autoren sind online unter http://www.deutsch-juedische-publizistik.de/ abrufbar.

3  Zunz, Leopold (1976): Gesammelte Schriften, 3 Bände in einem Band, Hildesheim/New York: Olms, 320.

4  Zunz, 302.

5  Zunz, 322.

6  Zunz, 303.

21.2.2011 – Grußwort von Professor Dr. Andreas Schlüter

Grußwort von Professor Dr. Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft
aus Anlass der Präsentation der Edition „Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ – 21. Februar 2011 in der „Alten Synagoge“, Haus Jüdischer Kultur, Essen

 

Sehr verehrte Frau Minsterin, sehr geehrter Herr Professor Brocke, sehr geehrter Herr Professor Jäger, sehr geehrter Herr Dr. Paul, meine Damen und Herren, 

als der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft am 4. Oktober 2006 dem Salomon Ludwig Steinheim Institut an der Universität Duisburg-Essen in einem Bewilligungsbescheid mitteilte, eine Anschubfinanzierung für das Vorhaben „Staat, Nation, Gesellschaft – Jüdische Autoren zum Projekt der Aufklärung“ – wie es damals im Antrag hieß – zu bewilligen, stand uns sicherlich nicht vor Augen, heute an diesem angemessenen Ort und in diesem Rahmen an der Präsentation der Arbeitsergebnisse beteiligt zu werden.

Es ist eines der eher seltenen Ereignisse, in denen sich Projekte der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung einer größeren Öffentlichkeit zeigen und so auf ihre Leistungen aufmerksam machen. Ich freue mich, dass dies in dieser Form geschieht. Hier geht es ja auch darum, die von Gershom Scholem behauptete und vehement verfochtene Dialogverweigerung in Deutschland gegenüber seiner jüdischen Minderheit zu überwinden.1 Und auch deshalb habe ich es gern übernommen, dieses Fördervorhaben im Kontext heutiger privater Wissenschaftsförderung zu verorten. „21.2.2011 – Grußwort von Professor Dr. Andreas Schlüter“ weiterlesen

  1. vgl. Scholem, Gershom, Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch. Offener Brief an Manfred Schlösser, den Herausgeber von „Auf gespaltenem Pfad. Zum neunzigsten Geburtstag von Margarete Susman“. Jerusalem, den 18. Dezember 1962, in: Bulletin des Leo Baeck Institute 7 (1964), S. 278-281, und in: Scholem, Gershom, Judaica II, Frankfurt a. M. 1970, S. 7-12. []

21.2.2011 – Kurzreferat von Dr. Jobst Paul

Kurzreferat von Dr. Jobst Paul
aus Anlass der Präsentation der Edition „Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ – 21. Februar 2011 in der „Alten Synagoge“, Haus Jüdischer Kultur, Essen

Ein so vielschichtiges Projekt wie jenes, das wir Ihnen heute vorstellen, hat seine Vorgeschichte – und es eröffnet neue Einsichten, die unversehens auch den Blick auf die Gegenwart und die Zukunft verändern.

Für mich beginnt das Projekt mit einem schmalen Bändchen aus dem Jahr 1965, des Literaturkritikers, Übersetzers und Herausgebers Walther Boehlich – mit dem Titel: Der Berliner Antisemitismusstreit. Das Bändchen dokumentiert einen Teil der publizistischen Reaktionen im Anschluss an den skandalösen Artikel des Historikers Heinrich von Treitschke Unsere Aussichten (1879), in dem dieser der Gleichberechtigung der deutschen Juden den Kampf ansagt.

Boehlich öffnete in dieser knappen Textsammlung allerdings auch eine Tür hinaus, weg von der nur peinlichen Selbstinszenierung Treitschkes und seiner Unterstützer: Er druckte Texte, die empörten Antworten, jüdischer Kollegen Treitschkes ab, wie die des Historikers Heinrich Bresslau, eines Nationalliberalen wie Treitschke, dem allerdings, weil er Jude war, eine ordentliche Professur versperrt war und der – durch seine entschiedene Entgegnung – alle weiteren Chancen preisgab.

Bresslaus Entgegnung enthält aber nicht nur eine treffende, entlarvende Analyse. Sie vermittelt auch – bei aller Empörung – unausgesprochen, aber eben doch ganz präsent, das historische Wissen um Jahrzehnte zuvor, in denen dergleichen Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren.

Folgt man dann tatsächlich dem wissenschaftlichen Impuls, die Perspektive zu weiten, letztlich auf den gesamten Zeitraum seit Moses Mendelssohn bis in die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, so entdeckt man – wie bei der Entwicklung eines Fotos – zuerst langsam und in Umrissen, dann immer detaillierter eine Landkarte einer kontinuierlichen, breit und engagiert geführten publizistischen Auseinandersetzung, „21.2.2011 – Kurzreferat von Dr. Jobst Paul“ weiterlesen

21.2.2011 – Rede von Frau Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren

Rede von Frau Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren
aus Anlass der Präsentation der EditionSchriften deutsch-jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts zu den Themen Staat, Nation, Gesellschaft“ (21. Februar 2011, Alte Synagoge Essen)
Es gilt das gesprochene Wort!
I. 

 

Sehr geehrter Herr Professor Jäger,
sehr geehrter Herr Professor Brocke,
sehr geehrter Herr Dr. Paul,
sehr geehrter Herr Professor Schlüter,
sehr geehrte Damen und Herren,
zur Vorbereitung auf die heutige Veranstaltung wurde ich auf ein kleines Bändchen aufmerksam gemacht. Ein Bericht von einer Tagung. Genauer gesagt: Von einem Vortrag bei dieser Tagung. Thema: „Jüdische Identität und jüdisches Schicksal.“ – Das war interessant, weil Ende der 90er Jahre alle Welt darüber diskutierte, wann Menschen sich als „Gemeinschaft“ empfinden. Wann – so das Schlagwort in der Wissenschaft – von einer „kollektiven Identität“ gesprochen werden kann.
Sie können sich vorstellen: Eine solche Debatte ist immer spannend. Denn da geht es ja nie nur um die Frage: Wer gehört dazu? Sondern da geht es immer auch darum: Wer soll nicht dazugehören? Wer soll draußen bleiben? Oder ausgestoßen werden? „21.2.2011 – Rede von Frau Ministerin Dr. Angelica Schwall-Düren“ weiterlesen

Landesregierung und Stifterverband unterstützen Dialog zwischen Judentum und Öffentlichkeit

Pressemitteilung zum Symposium „Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ am 21.02.2011 in der „Alten Synagoge“ Essen

Duisburger Institute legen Grundlagenwerke zur jüdischen Sozialethik vor: „Grundlage für die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit“.

Im Rahmen der Projektkooperation zwischen dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und dem Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Duisburg) fand am 21.02.2011 in der Alten Synagoge Essen ein Symposium zur Edition Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation und Gesellschaft statt.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Dr. Angelica Schwall-Düren, Prof. Dr. Siegfried Jäger, Prof. Dr. Michael Brocke, D. Jobst Paul

Dr. Angelica Schwall-Düren (Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes NRW) hob in ihrem Geleitwort die Bedeutung des Projekts für die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten hervor. Die sozialethischen Grundpfeiler des Judentums, ohne die auch das Christentum nicht denkbar wäre, seien eine „das Humanum in den Blick nehmende Vorstellung von unschätzbarem Wert.“ Gerade jene Traditionen des Judentums, welche die Fähigkeit zur Selbstkritik und intellektuellen Freiheit gestärkt haben, können heute als Vorbild für gesellschaftliches Engagement gelten. Die Edition könne auch der Beginn des so lange verweigerten Dialogs zwischen der christlichen Mehrheitsgesellschaft und ihren jüdischen Mitbürgern sein.

Prof. Dr. Andreas Schlüter (Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft) betonte, wie wichtig es für private Stiftungen sei, gerade transdisziplinäre Projekte aus dem Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu fördern und so eine für die Gesamtgesellschaft wichtige Transferleistung von Wissen zu ermöglichen. Die Arbeiten der beiden Institute zur deutsch-jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts stünden für diese Bemühungen. Die Publikationen könnten als Impulsgeber für neue Forschungsräume und auch als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und Selbstpositionierung sowie für die „deutsch-jüdische Zukunft“ stehen.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Dr. Jobst Paul, Dr. Angelica Schwall-Düren, Prof. Dr. Siegfried Jäger

Prof. Dr. Michael Brocke (Steinheim-Institut) und Prof. Dr. Siegfried Jäger (DISS), die Leiter der kooperierenden Institute, würdigten die intensiven Analysen der Mitarbeiter-Teams und deren Begeisterung bei der anspruchsvollen Textarbeit. Prof. Brocke unterstrich die Dringlichkeit, den Blick auf das Judentum und die Analyse des Antisemitismus zu trennen. Prof. Dr. Siegfried Jäger wies insbesondere auf den Zusammenhang von Judaistik und Diskurstheorie hin. Über die vollständige Erfassung des Kerns des Diskurses der deutschjüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert könnten über Analysen weit reichende Akzente für vielfältige gegenwärtige Forschungen gesetzt werden.

Dr. Jobst Paul, der wissenschaftliche Koordinator des Gesamtprojekts, skizzierte anschließend die „Landkarte einer kontinuierlichen, breit und engagiert geführten publizistischen Auseinandersetzung“ deutscher Juden im 19. Jahrhundert zu Recht, Politik und Kultur. Das interdisziplinär angelegte Projekt erlaube einen ganz neuen, innovativen Blick auf diese Landkarte. Viele deutsch-jüdische Autoren hätten die künftige Bedeutung des Judentums in Deutschland und Europa in seiner Rolle „als Moderator und als Bewahrer der den drei monotheistischen Religionen gemeinsamen Ethik“ gesehen und große Hoffnungen in die Zukunft gesetzt.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Podium

Ein Podium erörterte danach die Frage, welche Bedeutung die deutsch-jüdisch Debatte des 19. Jahrhunderts um Sozialethik und Gerechtigkeit für heutige Gesellschaftsentwürfe hat und welchen Beitrag das Projekt zu gegenwärtigen Debatten um Mehrheit und Minderheit, zu Diskriminierung und Integration leisten könne.

Prof. Dr. Dr. Daniel Krochmalnik (Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg) wies darauf hin, dass die vorliegende Edition neue Perspektiven auf die insgesamt 150jährige Geschichte des deutschen Judentums (1783-1933) zuließe und so eine Gedankenwelt erschließe, die noch in der ganzen Breite erst ausgelegt werden muss.

Prof. Dr. Christian Wiese (Martin-Buber-Professor für Jüdische Religionsphilosophie, Frankfurt) machte in seinem Redebeitrag zwei wichtige Impulse des Projektes aus. Der deutsch-jüdische Diskurs des 19. Jahrhunderts sei alleine durch eine Fokussierung auf religiöse Dimensionen nicht begreifbar, sondern müsse durch machtanalytische Elemente erweitert werden. So können dann auch in interreligiösen Diskursen spezifische Sprecherpositionen und Machtgefälle in der öffentlichen Diskussion ausgemacht werden. Die Dialogverweigerung der christlichen Mehrheitsgesellschaft gegenüber der deutsch-jüdischen Minderheit sei dafür ein Beispiel. Als zweite Perspektive schlug Wiese vor, die Texte deutsch-jüdischer Autoren als Selbstbehauptungsversuche einer Minderheit zu lesen, die um kulturelle und gesellschaftliche Emanzipation rang. In diesen Versuchen verschränken sich sowohl die Forderung nach Akzeptanz der kulturellen und religiösen Eigenständigkeit als auch der Wunsch nach Integration unter dem Begriff des Pluralismus.

Prof. Dr. Itta Shedletzky (Hebrew University of Jerusalem) wies darauf hin, dass das Judentum im 19. Jahrhundert jenseits des Religionsunterrichts Zugänge zur nicht-jüdischen Öffentlichkeit suchte. Da der Mainstream der Juden in Deutschland sich als deutsch und jüdisch verstand, könne in Bezug auf das Judentum nicht von Assimilation gesprochen werden. Diese Aspekte zeigten, dass es letztlich um die Fragen ging und geht, wie Mehrheit und Minderheit in einen Dialog kommen.

PD Dr. Dirk Halm (Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, Essen) fragte, was aus den Texten der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert über interreligiöse Debatten gelernt werden könne. Bei der Übertragung der Konzepte und Lösungen aus den Texten auf die in Deutschland lebenden Muslime heute sei jedoch größte Vorsicht geboten, da zum einen die Shoa unvergleichbar sei und es sozialstrukturelle Unterschiede gebe. Trotzdem gebe es bei Fragen der Integration Parallelen zwischen der Situation der Jüdinnen und Juden im 19. Jahrhundert und Muslimen gegenwärtig. Diese Gemeinsamkeiten tauchten beim Umgang mit Minderheiten insgesamt, den Machtpositionen einzelner Sprecher, der Ähnlichkeit der zugeschriebenen Fremdbilder und Überlegenheitsgefühlen auf.

Prof. Dr. Michael Brocke (Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Duisburg) verwies auf die jüngste Debatte um das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und den Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie und meinte, dass der Vergleich trotz aller Unvergleichbarkeit nützlich sein könnte, um Differenzen und Überschneidungen zum Verhältnis der Mehrheits- und der Minderheitsgesellschaft herausarbeiten zu können. Auch die zurückliegende Integrationsdebatte mit dem Begriff der deutsch-jüdischen Tradition belege die Notwendigkeit, sich einerseits gegen den Ausschluss des Islam und andererseits gegen das Herausdrängen des Jüdischen zu wehren.

Einig waren sich die anwesenden Vertreterinnen aus Politik und Wissenschaft, dass die begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung unbedingt fortgesetzt werden müsse.

Arbeitsschritte einer Edition

Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts.
Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft.

Was technisch dahinter steckt … Arbeitsschritte einer Edition

Autor: Jobst Paul
Deutsch-jüdische Autoren haben sich seit der Aufklärung und während des gesamten 19. Jahrhunderts zu zentralen politischen und ethischen Themenfeldern an die deutsche Mehrheitsgesellschaft gewandt. In der Tradition des Judentums skizzierten sie die sozialethischen Grundlagen, auf denen ein europäisches, weltoffenes Deutschland erstehen sollte. Ihre Bemühungen waren jedoch nahezu erfolglos.
Mit der Edition „Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ wollen die Herausgeber daher wichtige deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen lassen, in der Hoffnung auf eine heutige kulturelle und gesellschaftliche Aufnahme. Die Edition wird durch eine Online-Edition ergänzt, in der parallel wichtige kleinere Schriften veröffentlicht werden.
Die Edition basiert auf der interdisziplinären Kooperation zwischen dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen und dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Beide Institute werden bei der Auswahl der Texte von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat unterstützt.
Die Umsetzung des Vorhabens ist auch technisch eine Herausforderung, da die Werke in der Regel aus Frakturschrift in die heute übliche Antiqua-Schrift umgewandelt werden müssen. Um zum neuen „Arbeitsschritte einer Edition“ weiterlesen

DJ20: Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts

DISS und Steinheim-Institut
Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts zu Staat, Nation, Gesellschaft

Autor: Jobst Paul

Für die Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft (im Böhlau-Verlag, Köln) konnten nun die endgültigen Zusagen wichtiger Herausgeber und Herausgeberinnen gewonnen werden. So wird Frau Uta Lohmann, Hamburg, einige zentrale, bisher aber kaum zugängliche Schriften des Berliner Aufklärers David Friedländer (1750-1834) edieren. Besonders bekannt wurde Friedländer durch sein (zunächst anonymes) Sendschreiben von einigen Hausvätern jüdischer Religion an den protestantischen Theologen Wilhelm Abraham Teller. Darin deutete Friedländer eine Form der „Glaubensvereinigung“ des Protestantismus und des Judentums an, was ihm heftige Kritik einbrachte. Frau Lohmann ist Judaistin und Germanistin und promoviert derzeit über David Friedländer und dessen Konzept von Bildung und bürgerlicher Gesellschaft.

PD Dr. Andreas Brämer, stellvertretender Direktor am Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ), wird darüber hinaus den Band: Ausgewählte Werke von Ludwig Philippson (1811-1889) betreuen. Philippson kann als einer der vielseitigsten deutsch-jüdischen Autoren und als wichtiger Sprecher des deutschen Judentums des 19. Jahrhunderts gelten. Neben vielem anderen veröffentlichte er theologische Werke, aber auch Sammlungen von politischen Kommentaren. Seine Schrift Die Religion der Gesellschaft und die Entwickelung der Menschheit zu ihr, dargestellt in zehn Vorlesungen (1848) skizziert, wie in einem Sozialwesen das Ethos der Gleichheit realisiert werden kann. Soeben publizierte Dr. Brämer den Band Deutsch-jüdische Geschichte ‚von innen’. Kontinuität und Wandel in den jüdischen Gemeinden und Institutionen (1800–1914).

Derweil ist der erste Band der Anthologie Schriften zur Jüdischen Sozialethik im Druck. Unter dem Titel Gotteserkenntnis und Menschenbild umreißen darin deutsch-jüdische (aber auch zwei amerikanische) Autoren des 19. Jahrhunderts in insgesamt 29 Einzelbeiträgen die Grundlagen der jüdischen Lehre von der menschlichen Gleichheit. Weitere Bänder zur Nächstenliebe, zur sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit und zum Verhältnis von Staat und Religion sollen folgen. Den Abschluss bildet ein Band, in dem es um den jüdischen Universalismus und Messianismus gehen soll.

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 20 des DISS-Journal, die im November 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 20 als PDF-Datei.

Neuerscheinung: Saul Ascher

Der zweite Band der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft ist erschienen:

Saul Ascher: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Renate Best. Köln: Böhlau 2010, 326 S., 39.90 €.

[Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Werkausgaben. Herausgegeben von: Michael Brocke, Siegfried Jäger und Jobst Paul, Band 2]

Link zum Verlag:

http://www.boehlau.at/978-3-412-20451-8.html

Der Philosoph und Schriftsteller Saul Ascher (1767-1822) gehört zum Berliner Kreis der jüdischen Aufklärung, der Haskala, in der Epoche von Moses Mendelssohn und Immanuel Kant. Als jüdischer Intellektueller in Preußen kritisierte er innerjüdische Zustände, aber auch gefährliche Tendenzen der Gesellschaft allgemein: Ascher reagierte als einer der ersten mit scharfen, ironischen Essays auf die neue, in Sprache und Haltung bis dato beispiellose Judenfeindschaft, die sich unter jungen christlichen Intellektuellen in Berlin ausbildete und die sich bald in der völkischen Bewegung fortsetzte.

Doch auch in Richtung der Berliner Jüdischen Gemeinde entwickelte Ascher unabhängige Vorstellungen von jüdischer Integration, er war einer der ersten Reform-Theoretiker des Judentums und er veröffentlichte seine originellen politischen Vorstellungen über Judentum, Christentum und Deutschtum in diversen Zeitschriften.

Der Band zeigt Aschers Haltung des unerschrockenen freien Schriftstellers schon anhand seiner ersten Schrift. In seinem Essay Bemerkungen über die bürgerliche Verbesserung der Juden, veranlaßt bei der Frage: Soll der Jude Soldat werden? (1788) bestreitet Ascher dem österreichischen Kaiser Joseph II. kurzerhand das Recht, von Juden Militärdienste zu fordern, solange ihnen bürgerliche und politische Rechte vorenthalten werden.

In den drei weiteren, im Band neu abgedruckten Schriften aus den Jahren 1792, 1802, und 1818 wendet Ascher seinen politologischen Scharfsinn auf die künftige Rolle des Judentums und des Christentum und auf die Frage einer wirklichen Revolution der politischen Verhältnisse.

Obwohl Ascher durch seine publizistischen Interventionen stets Aufsehen erregte (er saß sogar im Gefängnis), blieb seine Biographie bisher nur in Bruchstücken bekannt. Der Herausgeberin Renate Best ist es gelungen, über die Auswertung neuer Quellen und eines umfangreichen Archivs völlig neue Aspekte der Biographie Aschers herauszuarbeiten. So ist nun die enge Bekanntschaft zwischen Ascher und Heinrich Heine zwischen 1821 und 1823 gesichert.

Die Herausgeberin Renate Best ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Historikerin mit dem Forschungsschwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte.

Die Edition basiert auf der interdisziplinären Kooperation zwischen dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen und dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung.