DISS-Neuerscheinung: Nichts gelernt?! – Antiziganismus

Ab sofort lieferbar ist der Band:

NICHTS GELERNT?!
Konstruktion und Kontinuität des Antiziganismus
Katharina Peters / Stefan Vennmann (Hg.)
Situationspresse (Duisburg) 2019
ISBN 978-3-935673-46-4
211 Seiten, 18 Euro

Erhältlich über  den Verband für interkulturelle Arbeit (VIA) und über den Buchhandel (Verlag Situationspresse, Duisburg)

Der Sammelband mit Aufsätzen zum Thema Antiziganismus vereint Beiträge aus der Wissenschaft und der Praxis zur in Deutschland leider immer noch am meisten verbreiteten Form des Rassismus. Er wurde vom Arbeitskreis Antiziganismus im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) erstellt – in Kooperation mit dem Verband für interkulturelle Arbeit (VIA).

Antiziganismus hat Tradition. Er ist trauriges Zeugnis einer Kontinuität von ausgrenzenden und menschenverachtenden Verhältnissen. Die spezifische Form von Rassismus wirkt seit Jahrhunderten in Deutschland und Europa in zahlreichen Variationen der immergleichen Stereotype sowie den damit verbundenen Gedankenmustern und Diskriminierungspraktiken. Dabei zeichnet sich Antiziganismus durch eine enorme Anpassungsfähigkeit und eine hohe Widerständigkeit gegen seine Bekämpfung aus. Welche Wirkmechanismen und Strukturen lassen sich identifizieren? Welche Strategien und Lösungsansätze können diesem Ressentiment entgegengesetzt werden?

 

Aus dem Inhalt:

Dirk Wolff
‚AIDD – Angekommen in Duisburg und Dortmund‘
Ein Projektbericht

Dirk Wolff von VIA e.V. (Verband für interkulturelle Arbeit e.V.) stellt zu Beginn des Sammelbandes das kürzlich abgeschlossene Projekt Angekommen in Duisburg und Dortmund vor. Die sozialen Jugendprojekte mit Rom*nja in ausgewählten Stadtteilen in Dortmund und Duisburg werden beschrieben und zeigen Möglichkeiten gelingender, inklusiver Jugendarbeit auf, während gleichzeitig Schwierigkeiten und Limitierungen benannt werden.

Wibke Kleina
Zwischen Passfähigkeit und Besonderung
Eine Betrachtung der schulischen Situation von Sint*ezza und Rom*nja

Ebenfalls mit Inklusion, allerdings aus schulpädagogischer Sicht, setzt sich Wibke Kleina in ihrem Beitrag auseinander. Anhand der Kriterien Passfähigkeit und Besonderung wird die historische und gegenwärtige Bildungssituation von Sint*ezza und Rom*nja in Deutschland analysiert und herausgearbeitet, welche Faktoren im aktuellen Bildungssystem Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen hervorbringen beziehungsweise begünstigen. Die Autorin zeigt in diesem Zusammenhang auf, dass die Verantwortung inklusiver Schulbildung bei den staatlichen Institutionen und Lehrkräften liegt und eben nicht — entgegen antiziganistischer Zuschreibungen wie einer behaupteten ‚Bildungsferne‘ — bei den Schüler*innen und ihren Familien zu suchen ist.

Katharina Peters
„Sind wir zu intolerant?“
Die mediale Inszenierung von ‚Sinti und Roma‘ in Polit-Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens

Katharina Peters untersucht in ihrem Artikel die mediale Berichterstattung über ‚Sinti und Roma‘ in Polit-Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dabei wird den Fragen nachgegangen, durch welche Strategien und Merkmale die Diskursivierung der Minderheit innerhalb der Diskussionsrunden gekennzeichnet ist, im Rahmen welcher Themenfelder über ‚Sinti und Roma‘ berichtet wird, welche Leerstellen es gibt und welche Kollektivsymbole sich ausmachen lassen. Die Autorin identifiziert und problematisiert in diesem Zusammenhang besonders auch diskursive Kopplungen zwischen nicht-fiktionale Formaten (Polit-Talks) und fiktionalen Sendungen (z.B. Tatort), die sich durch ihre gegenseitige (inhaltliche und bildliche) Bezugnahme in ihren Realitätseffekten bestärken und so maßgeblich zum Fortbestehen antiziganistischer Stereotype in Medien und Gesellschaft beitragen.

Joachim Krauß
Der Zukunft abgewandt
Duisburger Wege der Desintegration

Den realen Auswirkungen dieser Ausgrenzungsphantasien widmet sich Joachim Krauß in seinem Beitrag, der den konkreten Fall der verfehlten Integrationspolitik der Stadt Duisburg in den Blick nimmt. Ausgehend von einer misslungenen Umsetzung des wirtschaftlichen Strukturwandels seit dem zunehmenden Niedergang der Industrie und der damit verbundenen städtischen Krise folgte eine jahrzehntelange Abschottung und Ausgrenzung neuzugezogener Stadtbewohner*innen. In der Gegenwart sind insbesondere Migrant*innen aus Bulgarien und Rumänien von dieser Politik betroffen. Anhand jüngerer Zahlen, Fakten sowie Äußerungen in Lokalmedien und Stadtpolitik wird das Agieren der Stadtverwaltung in Duisburg unter die Lupe genommen. Besondere Beachtung findet die institutionelle Diskriminierung bei der Beantragung von Sozialleistungen, und die zahlreichen Hausräumungen werden als effektive Verhinderung einer inklusiven Stadtpolitik kritisiert.

Sylvia Brennemann und Joachim Krauß
Ein guter Ort wird schlechtgemacht — ein Gespräch zur Situation in Duisburg-Marxloh

Anschließend an diese Ausführungen schildern Sylvia Brennemann und Joachim Krauß im Gespräch mit dem Arbeitskreis Antiziganismus des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung die aktuelle Situation in Duisburg-Marxloh. Sie geben Einblicke in die Entwicklung des Stadtteils, teilen Erfahrungen aus der praktischen Stadtteilarbeit, thematisieren Fälle struktureller Diskriminierung und sprechen politische Zusammenhänge und Agenden an. Dabei kritisieren sie vor allem eine Stadtpolitik, bei der Menschen auf der Strecke bleiben und ein ganzer Stadtteil zur ‚No-Go-Area‘ stilisiert wird.

Markus End
Die Dialektik der Aufklärung als Antiziganismuskritik
Thesen zu einer Kritischen Theorie des Antiziganismus

Markus End beschäftigt sich mit den gesellschaftstheoretischen Grundlagen und der Möglichkeit einer Kritik des Antiziganismus. In seinem Beitrag unterzieht er die Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – insbesondere die darin enthaltenen Elemente des Antisemitismus – einer antiziganismuskritischen Lesart und plädiert dafür, dass bereits in diesem zentralen Werk der Kritischen Theorie eine Reflexion auf Antiziganismus angelegt ist. Dabei wird insbesondere auf die Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Antisemitismus eingegangen und thesenhaft angedeutet, welche psychologischen Mechanismen antiziganistische Ressentiments hervorbringen.

Sebastian Winter
‚Femme fatale‘ und ‚Zwangsprostituierte‘
Über den Wandel antiziganistischer Weiblichkeitsbilder

Sebastian Winter setzt sich in seinem Beitrag mit dem Wandel antiziganistischer Weiblichkeitsbilder auseinander und illustriert die Notwendigkeit einer auf die Intersektionalität von Antiziganismus und Sexismus konzentrierten Forschung. Sozialpsychologisch geht er der Dialektik von Faszination und Verachtung nach und hebt diese Parallelität an antiziganistischen Elementen hervor, die den Diskurs um ‚Zwangsprostitution‘, ‚organisierter Kriminalität‘ und ‚Multikulti-Romantik‘ prägen. Dabei wird insbesondere auf die unterschiedlichen, stereotypen Vorstellungen ‚männlicher‘ und ‚weiblicher‘ ‚Zigeuner‘ eingegangen, die die vermeintlich monogam strukturierte Ordnung moderner Gesellschaften durch ihre non-konforme Sexualität in Gefahr bringt.

Rafaela Eulberg
Das Bild der wahrsagenden ‚Zigeunerin‘ als ‚nicht-okzidentale Andere‘
Anmerkungen zum Magie-Diskurs in antiziganistischen Formationen

Diese gendertheoretische Perspektive ergänzt Rafaela Eulberg in ihrem Beitrag mit einem Fokus auf das antiziganistische Stereotyp der ‚wahrsagenden‘, ‚magisch‘ begabten ‚Zigeunerin‘. Aus der Forschungsperspektive des Kritischen Okzidentialismus wird darauf eingegangen, dass sich in der exotisierenden Vorstellung der ‚Zigeunerin‘ nicht nur antiziganistische und sexistische Stereotype reproduzieren, sondern diese sich besonders in der ihnen zugeschriebenen magischen Begabung potenzieren. Der Vorwurf einer vermeintlichen ‚Religionslosigkeit der Zigeuner‘ wird hier zur Legitimationsinstanz der Dominanzgesellschaft erhoben, der das Paradigma des christlich-abendländischen Monotheismus zum Inbegriff religiöser Vernunft erklärt. Die vermeintliche Nutzung von ‚Zigeuner-Magie‘ als Gegenbegriff westlich-religiöser Vernunft rechtfertigt die Ausgrenzung und Verfolgung der stereotyp als unvernünftig, archaisch und primitiv Stigmatisierten.

Merfin Demir
Antiziganismus, Kolonialismus und Neoliberalismus
Eine Analyse aus Sicht einer Selbstorganisation

Merfin Demir geht in seinem Beitrag von einer Vergleichbarkeit von Antiziganismus mit der europäischen Kolonialgeschichte und der damit einhergehenden Entmenschlichungspraxis des Kolonialrassismus aus. Hierbei werden insbesondere das Verhältnis und Parallelen zur Sklaverei sowohl der amerikanischen Indigenen wie auch der durch Zwangsarbeit ausgebeuteten Afrikaner*innen näher betrachtet. Er plädiert dafür, die nahezu unbekannte Geschichte der Versklavung der Rom*nja in Rumänien und die sich später formierende Bürgerrechtsbewegung als maßgeblich durch das afroamerikanische civil rights movement geprägt zu verstehen. Dieser bisher in der Forschung kaum betrachteten Verbindung folgt eine thesenhafte Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Ausgrenzung und Verfolgung von Rom*nja am Beispiel des postsozialistischen Ungarn im Kontext dessen zunehmender Neoliberalisierung.

Astrid Messerschmidt
Antiziganismuskritik in Auseinandersetzung mit Rassismus und Nationalismus
Geschichtsbewusst handeln und Diskriminierung abbauen

Ähnlich wie Markus End geht auch Astrid Messerschmidt auf das Verhältnis von Antiziganismus und Antisemitismus als Element einer nationalbürgerlichen Konstellation ein. Dabei wird das Verhältnis von Antiziganismus und Nationalismus, insbesondere die ‚Arbeit‘ als Motor moderner, nationalstaatlicher Kollektivbildung und die Ausgrenzung von ‚fremd gemachten Anderen‘ reflektiert, die diesem westlichen Arbeitsethos nicht entsprechen und als ‚arbeitsscheu‘ und ‚müßiggängerisch‘ stigmatisiert werden. Im Kontext dieser Ideologisierung der Arbeit werden die Nachwirkungen des NS-Völkermordes thematisiert und die Notwendigkeit dargestellt, sich in antiziganismuskritischer Bildungsarbeit mit antiziganistischer Ausgrenzung im allgemeinen, aber insbesondere mit dem Nationalsozialismus als rassistischer Vernichtungsideologie – von dem neben Juden* – insbesondere als ‚Zigeuner‘ Stigmatisierte betroffen waren.

Stefan Vennmann
Der Nicht-Ort der Vernichtung
Zum Problem einer Analyse von Antiziganismus bei Giorgio Agamben

Stefan Vennmann kritisiert in seinem Beitrag die politische Philosophie Giorgio Agambens, der zwar ‚Zigeuner‘ im Kontext seiner philosophischen Untersuchungen immer wieder als Opfer von Ausgrenzung und Vernichtung versteht, im Kern aber alle Opfer von Ausgrenzung unter seinem Theorem des homo sacer – des straffrei tötbaren, gewissermaßen vogelfreien Lebens – subsumiert. Dies hat zur Folge, dass die von Astrid Messerschmidt als absolut notwendig postulierte Aufarbeitung der antiziganistischen Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus ihres Spezifikums beraubt wird und Agamben spezifische Ausgrenzungsformen, die unterschiedlichen Logiken und Dynamiken folgen, weder erkennen noch erklären kann. Für die theoretische Verortung und Kritik von Antiziganismus wird Agambens Ansatz dahingehend problematisiert, dass er die Kontinuitäten und Diskontinuitäten antiziganistischer Ausgrenzung nur auf Phrasen reduzieren kann und gerade nicht auf spezifische, historische Konstellationen verweist.

Drita Jakupi
Antiziganismus, Romaphobie, Gadje-Rassismus? Kritische Einwände

Den Band schließen kritische Einwände von Drita Jakupi, in denen sie neben Einblicken in ihren Aktivismus auch zur Verwendung des Antiziganismus- Begriffs in der Forschung Position bezieht. Sie klagt die nach wie vor bestehende Ungleichbehandlung von Rom*nja durch die Dominanzgesellschaft an, die sich eben auch in der sprachlichen Weiterverwendung solch problematischer Begriffe wie ‚Antiziganismus’ zeige und attestiert stattdessen eine ‚Romaphobie‘. Diese sicherlich kontroverse These regt zum Weiterdenken an und kann exemplarisch dafür stehen, dass der Prozess der Auseinandersetzung und des Dialogs noch lange nicht beendet ist.

 

 

Zu den Autorinnen und Autoren:

Sylvia Brennemann ist Kinderkrankenschwester und lebt in Duisburg- Marxloh, wo sie sich seit vielen Jahren im Stadtteil engagiert, u.a. im Petershof und in der Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung, die bis 2017 dort angesiedelt war. Mit ihrer Forderung nach gleichen Rechten für alle stößt sie vor allem im örtlichen Rathaus auf großen Widerstand.

Merfin Demir, 1980 als Sohn muslimischer Rom*nja geboren, ist Autodidakt. Sein Schwerpunkt liegt in der rassismuskritischen Empowermentarbeit. Er ist derzeit freier Mitarbeiter der Alice Salomon Hochschule (Berlin).

Markus End ist Fellow und Lehrbeauftragter am Zentrum für Antisemitismusforschung und Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Theorien des Antiziganismus, antiziganismuskritische Bildungsarbeit sowie Antiziganismus in den Medien, bei Polizei- und Sicherheitsbehörden und in der Sozialen Arbeit.

Rafaela Eulberg ist neben ihrer Arbeit als hauptamtliche pädagogische Mitarbeiterin im Bildungswerk interKultur wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Religionsforschung am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn. Promoviert wurde Rafaela Eulberg 2018 an der Universität Luzern im Fach Religionswissenschaft mit der Dissertation Neue Orte für die Götter. Lokalisierungsdynamiken von Hindu-Praxis in der Schweiz im Kontext der sri-lankisch tamilischen Diaspora. Im Juni 2018 erhielt sie für ihre Dissertation den Fritz-Stolz-Preis der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkt sind ‚Religion und Migration‘, Religionsästhetik und gendertheoretische Religionswissenschaft.

Drita Jakupi ist Rom*nja-Aktivistin und hat Politikwissenschaft und Soziologie in Duisburg und Paris studiert. Sie hat als Projektkoordinatorin Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas sowie für die Stiftung Denkmal gearbeitet. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Systemische Traumatherapie und transgenerative Traumata.

Wibke Kleina ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik an der TU Dortmund sowie Mitarbeiterin im Projekt Schul- und Unterrichtsentwicklung im Rahmen von RuhrFutur – 2. Phase und zuständig gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel und Dr. Christiane Ruberg für die wissenschaftliche Begleitforschung. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Inklusion, Bildung im Kontext von Migration und Flucht sowie Lehrer*innenbildung und Professionalisierung.

Joachim Krauß, M. A., Studium Osteuropastudien, Politik und Soziologie, Quartiersmanager in Berlin Marzahn NordWest, davor Bereichsleitung Migration und Integration bei der AWO-Integrations GmbH in Duisburg, Koordination und Durchführung von Forschungsprojekten wie Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien in Duisburg-Marxloh und Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Themenschwerpunkte: Vorurteilsforschung, aktuelle und historische Situation von Sint*ezza und Rom*nja, Neuere und Neueste Geschichte Südosteuropas.

Astrid Messerschmidt ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal. Studium der Pädagogik, Religionspädagogik, Germanistik und Politikwissenschaft; Berufstätigkeiten in der Erwachsenenbildung; Arbeitsschwerpunkte: Erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung, Bildung in der Migrationsgesellschaft, Antisemitismus-, Antiziganismus- und Rassismuskritik, Bildungsarbeit zu Geschichte und Wirkung des Nationalsozialismus, Kritische Bildungstheorie.

Katharina Peters, M.A., Studium der Fächer Germanistik und Anglistik sowie der Angewandten Literatur- und Kulturwissenschaften an der TU Dortmund und der Karlstads Universitet, Schweden (Schwerpunkte: Intercultural Communication und Film Studies), Abschlussarbeit zum Thema Mediale Inszenierungen von ‚Sinti und Roma’ am Beispiel der Krimi-Reihe Tatort und Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Mitarbeiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung, Forschungsschwerpunkte: Rassismus, Antiziganismus, Film- und Medienanalyse, Gender Studies, Kollektivsymbolik.

Stefan Vennmann ist Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, promoviert am Institut für Philosophie der Universität Duisburg-Essen zum Thema Kollektive Schuld. Zur kritischen Theorie eines umkämpften Begriffs und ist seit 2013 Mitarbeiter im AK Antiziganismus des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politische Theorie und Sozialphilosophie, insbesondere Kritische Theorie, Schuld- und Verantwortungstheorien, sowie Nationalsozialismus, Antisemitismus und die Philosophie der ‚Neuen Rechten‘.

Sebastian Winter, Dr. phil, ist Sozialpsychologe, Redaktionsmitglied der Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie, derzeit Verwaltung einer Professur für Heilpädagogik an der Hochschule Hannover, Arbeitsschwerpunkte: Geschlechtertheoretische Sozialisationstheorie, Psychoanalytische Sozialpsychologie von Gemeinschafts- und Feindbildungsprozessen/ Ressentimentforschung, Geschlechter- und Sexualitätsgeschichte der völkischen Bewegung, des NS und der postnationalsozialistischen Gesellschaften, Deutsche Erinnerungskultur bzgl. des Nationalsozialismus.

Dirk Wolff ist mit der Koordinierung des Projekts ‚AIDD – Angekommen in Duisburg und Dortmund‘ am Standort Duisburg betraut. Er realisiert als Medienkompetenz-Trainer an Schulen und in Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen digitale Bildung.

 

Das Projekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! und von der Amadeo Antonio Stiftung.

FGW-Neuerscheinung: #120Dezibel: Frauenrechte oder Antifeminismus?

Neuerscheinung:

Cover-FGW-120dB-Frauenrechte-oder-AntifeminismusMargarete Jäger, Max Kroppenberg, Benno Nothardt, Benno und Regina Wamper
#120Dezibel: Frauenrechte oder Antifeminismus?
Populistische Diskursstrategien der extremen Rechten und Anschlussstellen im politischen Mainstream.

Forschungsgesellschaft für gesellschaftliche Weiterentwicklung, 2019.
86 Seiten, online verfügbar, ISSN 2699-1446.
Lynn Berg, Andreas Zick (Hg.): FGW-Studie Rechtspopulismus, soziale Frage & Demokratie 02.

 

Abstract

2018 riefen Aktivist_innen der Identitären Bewegung die Kampagne #120Dezibel ins Leben, die anschließend an ein Tötungsdelikt in Kandel und abgrenzend zur feministischen #MeToo-Kampagne Gewalt gegen ‚deutsche‘ Frauen durch ‚migrantische‘ Männer thematisiert. In der vorliegenden Studie wird untersucht, ob die Kampagne #120Dezibel der Identitären Bewegung eine spezifische Form des rechten Antisexismus hervorbringt oder ob der völkische Antifeminismus in der extremen Rech-
ten weiter vorherrschend ist. Ferner wird analysiert, ob Leitmedien in Deutschland Anschlussstellen für rechtspopulistische Diskursstrategien bieten, wenn es um Diskursverschränkungen zwischen Geschlecht, Migration und Kriminalität geht. Zu fragen ist, ob durch die Leitmedien Ethnisierungen von Sexismus hervorgebracht werden und wie Leitmedien mit Ethnisierungen umgehen, sofern diese von der extremen Rechten formuliert werden. Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, wurden verschiedene Diskursanalysen unterschiedlicher Leitmedien in Deutschland, aber auch extrem rechter Medien zu unterschiedlichen Ereignissen durchgeführt.

Auf einen Blick

  • Das Verhältnis der extremen Rechten in Deutschland zum Feminismus ist durch einen ausgeprägten völkischen Antifeminismus bestimmt. Das zeigt sich deutlich in deren Rezeption der #MeToo-Kampagne.
  • Durch die Kampagne #120Dezibel der Identitären Bewegung wird keine spezifische Form des rechten Antisexismus hervorgebracht, auch wenn man vordergründig auf Frauenrechte rekurriert. Der völkische Antifeminismus in der extremen Rechten ist weiter vorherrschend. Bei der Kampagne und ihrer Rezeption in der extremen Rechten handelt es sich um eine populistische Diskursstrategie.
  • In der Debatte um ein Tötungsdelikt in Kandel im Jahr 2017 wurden in deutschen Leitmedien Ethnisierungen von Sexismus und von Femiziden vorgenommen. Dies bot Anschlussstellen für rechtspopulistische Interventionen in den Diskurs, wie sie die Kampagne #120Dezibel darstellt.
  • Gleichzeitig grenzen sich deutsche Leitmedien aber von Ethnisierungen ab, wenn diese von der extremen Rechten hervorgebracht werden.

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Das Tötungsdelikt in Kandel in den Leitmedien
  3. Die Kampagne #MeToo in extrem rechten Medien
  4. Die Kampagne #120Dezibel in extrem rechten Medien
  5. Die Kampagne #120Dezibel in den Leitmedien
  6. Resümee: Anschlussstellen und Abgrenzungen

-> FGW-Impuls (Kurzfassung auf 4 Seiten)
-> FGW-Stuide (die ganze Studie)
-> Homepage der FGW
Logo der FGW

DISS-Neuerscheinung: Stolpersteine

In der DISS-Online-Bibliothek erschien die Broschüre

Dreihundert Stolpersteine in Duisburg

Eine Bestandsaufnahme November 2019

Martin Dietzsch

Kostenlose Online-Broschüre, 338 Seiten, DIN-A4

 

Bis November 2019 wurden in Duisburg 300 Stolpersteine verlegt. Die Leserinnen und Leser finden hier erstmals eine ausführliche und vollständige Liste dieser Steine mit Verlegungsort, Fotos des jeweiligen Steines und dessen Umgebung, das Verlegungsdatum, sowie Kurztexte zu den Biografien, die der Literatur und Zeitungsartikeln entnommen sind und Verweise auf weitere Quellen.

 

DISS-Journal 38 erschienen

Die neue Ausgabe unserer Institutszeitschrift DISS-Journal ist erschienen und kostenlos als PDF-Datei abrufbar.

Nach den Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen und unter Berücksichtigung der derzeitigen Wahlprognosen bezüglich Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt muss man feststellen, dass sich die AfD in Ostdeutschland als zweitstärkste Partei etabliert hat. Das gilt mit Einschränkung: Der Organisationsgrad der AfD ist relativ niedrig und der Anteil der Protestwähler vor allem aus dem Sektor der bisherigen Nichtwähler_innen recht groß. In Thüringen gaben laut Infratest dimap rund 50 Prozent der AfD-Wähler_innen an, dass sie die Partei aus Überzeugung gewählt hätten, was die FAZ zu dem Schluss kommen lässt, dass „in diesen Kreisen ein mehr oder weniger geschlossenes rechtsextremes Weltbild zu vermuten“ sei (FAZ v. 29.10.2019, S. 8). Das ist beängstigend, zeigt aber, dass mit Blick auf die andere Hälfte der dort zu vermutenden Unzufriedenheit durchaus noch mit einer überzeugenden Politik begegnet werden kann, zumal die Linke in Thüringen gezeigt hat, dass auch sie in der Lage ist, Nichtwähler_innen für sich zu gewinnen. Sie hat aber auch Wechselwähler_innen von den anderen Parteien angezogen, am meisten sogar von der CDU. Das zeigt, dass ein konservativeres Auftreten, wie es durch Bodo Ramelow verkörpert wird, durchaus nicht von Schaden sein muss. [H.K.]

 

Inhalt:

Der „Flügel“ steht auf
Programmatische Vorstöße in Björn Höckes Kyffhäuserrede 2019
Stefan Rath

Der Verfall des Bildungssystems als Chiffre für den Untergang der Nation
Anmerkungen zur Bildungskritik von Josef Kraus
Kim Kemner

Fachwerkromantik aus Stahlbeton
Zum Architekturverständnis der Neuen Rechten am Beispiel der Zeitschrift CATO
Dirk Dieluweit

Neoliberalismus und rechtspopulistische Ideologie am Beispiel Alice Weidels
Markus Gante

Gemeinwohlorientierung
Das Dilemma der Kommunen am Beispiel von Mülheim an der Ruhr
Peter Höhmann

Fukuyama über Identitätspolitik:
Sehnsucht nach Anerkennung
Rezension von Wolfgang Kastrup

„Was ist Emanzipation?“
Zur Geschichte und Aktualität eines politischen Begriffs
Rezension von Wolfgang Kastrup

Die Gesellschaft des Zorns
Rezension von Dirk Diluweit

Kunst und Holocaust – als deutsches und angelsächsisches Thema
Rezensionen von Jobst Paul

Das kolonialistische Narrativ und die NS-Propaganda
Rezension von Jobst Paul

Fundstück: Wohnungsnot

Buchvorstellungen (So, 3.11.) – Edition DISS auf der Linken Literaturmesse Nürnberg

Freitag, 1.11.2019 – Sonntag, 3.11.2019
Die Edition-DISS findet sich während der ganzen Linken Literaturmesse Nürnberg am Stand des Unrast-Verlages.

Sonntag 3.11.
Wir stellen unsere Neuerscheinungen vor…

Sonntag, 3.11., 13:00 Uhr, Freiraum
Benno Nothardt und Helmut Kellershohn stellen vor:
Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien
Im Spannungsfeld von Hate Speech, Fake News und Algorithmen
Die politische Kultur ist in einen Kampf um Meinungsfreiheit und mediale Wahrheit verwickelt. Während die einen den Medien weiterhin Unabhängigkeit und Objektivität bescheinigen, wird ihnen von anderen »Lügenpresse«, »Political Correctness« und »Fake News« entgegengeschleudert. Die Autor*innen dieses Bandes untersuchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln den umkämpften Begriff im Spannungsfeld von extremer Rechten, Leitmedien und Digitalisierung.

-> Linke Literaturmesse  Nürnberg

Sonntag, 3.11., 14:00 Uhr, Freiraum
Helmut Kellershohn stellt vor:
Zwischen Neoliberalismus und völkischem ‚Antikapitalismus‘
Sozial- und wirtschaftspolitische Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der neuen Rechten.
Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der sozial- und wirtschaftspolitischen Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten und unterzieht diese einer kritischen Analyse. Die Beiträge berücksichtigen dabei drei Dimensionen: die Ebene der Akteure, die die Debatte bestimmen; konkrete Themenfelder, in die mit Konzepten interveniert wird; und die jeweiligen ideologiepolitischen Perspektiven und deren Verortung im Spannungsfeld zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹.

-> Linke Literaturmesse  Nürnberg

Buchvorstellung (Berlin 4.+7.10.): Wie sozial ist die AfD?

Wie sozial ist die AfD?
Buchvorstellung & Diskussionsveranstaltung

Nicht erst nach den jüngsten Wahlerfolgen der AfD bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen stellt sich die Frage, warum auch Arbeitnehmer* innen, Arbeitslose und ALGII- Empfänger* innen diese Partei wählen? Welche wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen vertritt diese neue Rechtsaußenpartei eigentlich? Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der sozialund wirtschaftspolitischen Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten. Mitherausgeber Helmut Kellershohn, Historiker und Rechtsextremismusexperte vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS), wird das Buch vorstellen und die wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen einer kritischen Analyse unterziehen.

Freitag, 4.10. 2019 19.00 Uhr
Buchladen & Antiquariat Fürstenwerder
Berliner Straße 4, 17291 NWU

Montag, 7.10. 2019 20.00 Uhr
Cafe Morgenrot
Berlin- Prenzlauer Berg
Kastanienallee 85, 10435 Berlin

DISS-Neuerscheinung: Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien

Ab sofort lieferbar ist die DISS-Neuerscheinung:

Paul Bey, Benno Nothardt (Hg.)
Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien
Im Spannungsfeld von Hate Speech, Fake News und Algorithmen

160 Seiten, 16 EUR, ISBN 978-3-89771-773-2
Edition DISS im Unrast-Verlag, Band: 44

 

 

 

 

Die politische Kultur ist aktuell in einen Kampf um Meinungsfreiheit und mediale Wahrheit verwickelt. Während die einen den Medien weiterhin Unabhängigkeit und Objektivität bescheinigen, wird ihnen von der anderen Seite »Lügenpresse«, »Political Correctness« und »Fake News« entgegengeschleudert. Die Autor*innen dieses Bandes untersuchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln den umkämpften Begriff im Spannungsfeld von extremer Rechten, Leitmedien und Digitalisierung. Sie zeigen auf, mit welchen Strategien extreme Rechte Diskurse und digitale Algorithmen in sozialen Medien manipulieren, während sie gleichzeitig Meinungsfreiheit als Kampfbegriff nutzen, um Kritik an diskriminierenden Aussagen als vermeintliche Zensur abzuwehren. Gezeigt wird auch, wie sich der umkämpfte Begriff der Politischen Korrektheit verändert hat und Provokationen ein Teil des Erfolgsrezeptes für den Aufstieg der AfD sind.

 

Inhalt

Helmut Kellershohn
Vom kalkulierten Tabubruch zum Appell an die Meinungsfreiheit.
Wie die Rechte das Gespräch über sie und mit ihr erzwingen will

Andrea Becker
Trolling, Memes, strategische Verstärkung.
Zum rechten »Kampf um die Algorithmen«

Marc Fabian Erdl
»Gefahr erkannt, davongerannt«.
Wie die Linken in den Neunzigerjahren den Kairos verpassten, den Mythos der Politischen Korrektheit zu versittlichen

Jobst Paul
»Truth isn’t Truth« – Fake News und Real News
in der Ära Trump

capulcu redaktionskollektiv
Autonomie und Herrschaft in digitalisierter Fremdbestimmung.
Technologiekritik als Herrschafts- und Zivilisationskritik

Jennifer Eickelmann
Ab- und Ausgrenzungspolitiken im Netz.
Ein Vortrag zur Notwendigkeit einer dualismuskritischen Perspektivierung

 

Das Vorwort finden Sie hier als PDF-Datei.
Bitte bestellen Sie das Buch beim Unrast-Verlag, Münster.

DISS-Neuerscheinung zur AfD-Sozial- und Wirtschaftspolitik

Ab sofort lieferbar ist die DISS-Neuerscheinung:

Andrea Becker, Simon Eberhardt, Helmut Kellershohn (Hg.)
Zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹
Sozial- und wirtschaftspolitische Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten

272 Seiten, 24 EUR, ISBN 978-3-89771-772-5
Edition DISS im Unrast-Verlag, Band: 43

 

 

Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der sozial- und wirtschaftspolitischen Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten und unterzieht diese einer kritischen Analyse. Die Beiträge berücksichtigen dabei drei Dimensionen: erstens die Ebene der Akteure, also der Kräfte, die die Debatte bestimmen; zweitens geht es um konkrete Themenfelder, in die mit Konzepten,  Thesenpapieren etc. interveniert wird; und drittens geht es um die jeweiligen ideologiepolitischen Perspektiven und deren Verortung im Spannungsfeld zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹, sowohl unter dem Blickwinkel der innerparteilichen Auseinandersetzungen als auch unter dem der Relevanz für die von der AfD angesprochene Wählerkoalition. Darüber hinaus spannt das Buch einen ideengeschichtlichen Bogen zurück zur sogenannten ›Konservativen Revolution‹, die der Neuen Rechten als eine Art Steinbruch von Ideen und Argumenten dient, die je nach Lage und Intention aktualisiert und angepasst werden.

 

Inhalt

Teil I
Zwischen »nationalem Sozialismus« und »autoritärem Liberalismus«.
Ideengeschichtliche Bausteine für die heutige Rechte in der ›Konservativen Revolution‹

Michael Lausberg
Oswald Spenglers »Preußentum und Sozialismus«

Volker Weiß
»Sozialismus« bei Arthur Moeller van den Bruck

Simon Eberhardt
Sozialismus von Rechts? Wirtschaftspolitische Konzepte der Zeitschrift »Die Tat«

Helmut Kellershohn
Autoritärer Liberalismus. Zum Zusammenhang von Neoliberalismus und ›Konservativer Revolution‹

Teil II
Aktuelle wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte der Rechten zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹

Gideon Botsch / Christoph Kopke
Zwischen »Raumorientierter Volkswirtschaft« und »Antikapitalismus-Kampagne«. Die sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen der NPD in der ›Ära Voigt‹ (1996 bis 2011)

Helmut Kellershohn
Nationaler Wettbewerbsstaat auf völkischer Basis in einem »Europa der Nationen«. Die Programmatik der AfD seit 2016

Simon Eberhardt / Sebastian Friedrich
Der Kampf zweier Linien. Wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte im rechten Projekt

Helmut Kellershohn
Mit Marx für einen ›Antikapitalismus‹ von rechts?
Über das wundersame Interesse neurechter Vordenker an Marx

Michael Barthel/Anna-Lena Herkenhoff
Die Zeitschrift »Compact« und die Soziale Frage

Lucius Teidelbaum
Die »Denkfabrik für Wirtschaftskultur«: Think national, act local

Clemens Hötzel
Antiamerikanische und antisemitische Denkfiguren im ›Antikapitalismus‹ von rechts

Teil III
Wirtschafts- und sozialpolitische Themen- und Kampffelder

Gerd Wiegel
Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD im Bundestag

Tim Ackermann/Mark Haarfeldt
Die Rentenpolitik der AfD zwischen neoliberaler Privatisierung und völkischer Sozialdemagogie

Eddy Scholz
Richtungsstreit innerhalb der AfD am Beispiel der Bundestagsdebatte um befristete Beschäftigungen

Nicole Gohlke/Christian Schaft
Völkisch, reaktionär und elitär. Das Hochschul- und Wissenschaftsprogramm der AfD

Tim Ackermann/Mark Haarfeldt
Angriff auf die Gewerkschaften: Eine ›alternative‹ Gewerkschaft für Deutschland?

Andrea Becker
Gravitationskräfte. Eine akteurbasierte empirische Netzwerkanalyse
wirtschaftspolitischer Einflussbeziehungen in der AfD

 

Das Vorwort finden Sie hier als PDF-Datei.
Bitte bestellen Sie das Buch beim Unrast-Verlag, Münster.

DISS-Neuerscheinung: Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe

Cover Handbuch Kampfbegriffe
Cover Handbuch Kampfbegriffe

Ab sofort ist die zweite, komplett überarbeitete und erweiterte Auflage des Handbuchs rechtsextremer Kampfbegriffe lieferbar.

 

Das Buch ist erhältlich beim Wochenschau-Verlag.

 

 

Bente Gießelmann, Benjamin Kerst, Robin Richterich, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hg.)
Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe
Wochenschau-Verlag (Frankfurt/M.) 2019
424 Seiten, 29,80 EUR
ISBN: 978-3-7344-0819-9 (Print) / 978-3-7344-0820-5 (PDF)

 

Was meinen Rechtsextreme, wenn sie von Islamisierung, Kameradschaft oder Schuld-Kult sprechen? Dieses Hand­wörterbuch zeigt, wie die extreme Rechte mit Begriffs(um)deutungen und Wortneuschöpfungen Bausteine ihrer Welt­anschauung über die Sprache zu vermitteln und zu verankern versucht.

Das Buch wendet sich insbesondere an Multiplikator_in­nen aus Schule, Medien, Sozialarbeit und Gewerkschaft. Der Band ist Ergebnis eines Kooperationsprojekts zwischen dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung und dem Forschungs­schwer­punkt Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf.

Das Handwörterbuch erschließt das begriffliche Kontinuum der extremen Rechten und bietet eine Grundlage für die fundierte Auseinandersetzung damit. Für diese Neuauflage wurde es komplett überarbeitet und um mehrere Stichworte, wie z.B. Identität oder Lügenpresse, ergänzt.

Inhalt:

68er
von Fabian Virchow
Abendland
von Jespa J. Kleinfeld
Dekadenz
von Felix Kronau
Demokratie
von Robin Richterich
Deutschenfeindlichkeit
von Bernhard Steinke
Flüchtling
von Michael Lausberg
Freiheit
von Fabian Virchow
Gemeinschaft
von Leroy Böthel
Gender-Ideologie
von Regina Wamper
Heldengedenken
von Robin Richterich und David Freydank
Identität
von Kathrin Glösel, Natascha Strobl und Julian Bruns
Islamisierung
von Benjamin Kerst
Jude
von Stefan Vennmann und Frank Lattrich
Kameradschaft
von Christoph Schulze
Kapitalismus
von Fabian Virchow
Lügenpresse
von Jan Rathje
Nation
von Alexander Häusler
Nationaler Sozialismus
von Mark Haarfeldt
Natur
von Fabian Virchow
Political Correctness
von Bente Gießelmann
Rasse
von Sebastian Friedrich
Raum
von Mark Haarfeldt
Schuld-Kult
von Lenard Suermann
Staatsversagen
von Helmut Kellershohn
Umvolkung
von Helmut Kellershohn
USA
von Tim Ackermann
Zigeuner
von Alexandra Graevskaia

DISS-Neuerscheinung: Das Gesicht des völkischen Populismus

Ab sofort lieferbar:

Helmut Kellershohn, Alexander Häusler (Hg.)
Das Gesicht des völkischen Populismus
Neue Herausforderungen für eine kritische Rechtsextremismusforschung

Unrast-Verlag, Münster. Edition DISS Band 41
216 Seiten, 19,80 EUR
ISBN 978-3-89771-770-1

Bitte bestellen Sie beim Unrast-Verlag (hier klicken)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angesichts des Einzugs der AfD in den Bundestag ist es angebracht, einmal grundsätzlich über Konzepte der Rechtsextremismusforschung nachzudenken. Dabei wird die grundsätzliche Kritik am dominanten Typus der Rechtsextremismusforschung und an dessen normativer Gebundenheit an staatspolitische Vorgaben geteilt. Alternative Forschungsansätze müssen sich in einem doppelten Sinne als kritisch verstehen: einerseits als Kritik der Rechtsextremismusforschung im herkömmlichen Sinne, andererseits als gesellschaftskritische Aufarbeitung der Phänomene, um die es in dieser Forschung geht.

Die Aufgabe kritischer Rechtsextremismusforschung ist es, die aktuellen Entwicklungen der populistischen und extremen Rechten in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche im gesellschaftlichen und politischen System des neoliberalen Kapitalismus zu untersuchen. Die komplexen synchronen und diachronen Verschränkungen machen es erforderlich, unterschiedliche kritische Ansätze und Perspektiven und deren jeweiligen Vorzüge zu berücksichtigen und miteinander zu vermitteln. Die Intention, mit der dies erfolgen sollte, ist keine rein wissenschafts- und theorieimmanente, sondern zielt auf eine vernünftige und solidarische Gestaltung der Gesellschaft.

 

Inhalt:

Teil I
Erkundungen zur Lage: Rechtspopulismus in der Kritik

Ralf Ptak
Menage-à-trois: Neoliberalismus, Krise(n) und Rechtspopulismus

Richard Gebhardt
Der Kulturkampf des autoritären Populismus gegen die (Neo-)Liberalisierung der Bundesrepublik oder: Was ist der ‚Rechtsruck‘?

Helmut Kellershohn
»Deutschland den Deutschen«. Ideologiegeschichtliche Anmerkungen zur Renaissance völkischer Ideologie

Alexander Häusler
Völkisch-autoritärer Populismus. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem neuen regressiven Aufbegehren gegen die parlamentarische Demokratie

Helmut Kellershohn
Die ‚Generallinie‘ der Jungen Freiheit

Christoph Kopke
Die neonationalsozialistische Rechte nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Verbotsverfahren gegen die NPD 2017

Teil II
Kritische Rechtsextremismusforschung: Methodische Ansätze, Forschungsfelder, Aufgaben und Perspektiven

Beate Küpper
Eine sozialpsychologische Sicht auf den Rechtsextremismus

Juliane Lang
Alles beim Alten?! Überlegungen zur anhaltenden Relevanz von Geschlechterpolitik in der extremen Rechten

Andreas Kemper
Diskursatlas Antifeminismus. Möglichkeit und Relevanz eines internetgestützten Diskursatlanten in der Auseinandersetzung mit Antifeminismus

Fabian Virchow
Überlegungen zu den Aufgaben einer gegenwartsbezogenen gesellschaftskritischen Faschismusforschung

Ursula Birsl
Für eine reflexive Rechtsextremismusforschung

Ina Pallinger
Perspektiven kritischer Rechtsextremismusforschung im Kontext von Drittmittelfinanzierung

Regina Wamper
Aufgabe und Perspektive kritischer Rechtsextremismusforschung

 

Vorwort

Alexander Häusler und Helmut Kellershohn
Einleitung der Herausgeber

Anmerkungen zur Lage

Der nachkriegsdeutsche Rechtsextremismus galt in der öffentlichen Debatte in Deutschland viele Jahrzehnte lang als Randerscheinungen bzw. als »’normale‘ Pathologie von freiheitlichen Industriegesellschaften« (Scheuch/Klingemann 1967, 13). Bis vor wenigen Jahren noch war der Blick der Öffentlichkeit weitestgehend auf die Wahlerfolge von herkömmlichen Rechtsaußenparteien wie der NPD, die Aufmärsche der neonazistischen Kameradschaftsnetzwerke und deren Gewalttaten sowie die teils öffentlichkeitswirksame Entfaltung rechtsextremer Jugendsubkulturen beschränkt gewesen: Das Bild der »Gefahr von rechts« prägten spektakuläre Ereignisse am politischen rechten Rand. Dadurch gerieten politische Querverbindungen zwischen Konservatismus, Nationalliberalismus und Rechtsextremismus aus dem Blickwinkel: Die Grauzone der Neuen Rechten (vgl. u.a. Langebach/ Raabe 2016) führte in Deutschland jahrzehntelang ein häufig vernachlässigtes Nischendasein im vorpolitischen Raum.

Mit dem Aufkommen der AfD und anderer neuer rechter Bewegungsakteure erweiterte sich die realpolitische Einflussnahme dieser neuen Akteure und führte zur Verbreiterung des rechten Bewegungsfeldes. Die zunehmende öffentliche Wirkung erzeugte eine Veränderung in der Zusammensetzung einer neuen, rechten Protestkultur, die unter anderem von einer sozialen und organisatorischen Durchmischung vormals getrennt voneinander agierender Protestmilieus gekennzeichnet ist. Das rechte Feld politischer Akteure ist hierbei geprägt von einem anlassbezogenen Zusammenwachsen unterschiedlicher Milieus und Organisationen der extremen, populistischen und Neuen Rechten, die jenseits ihrer Heterogenität in der Ablehnung von Einwanderung ein verbindend mobilisierendes Element erkennen lassen und sich zu einer neuen sozialen Bewegung von rechts (vgl. Häusler/Virchow 2016) formieren, deren völkische Züge unübersehbar sind. Die Pegida-Aufmärsche, die Ereignisse von Chemnitz und die rechtspopulistischen Wahlerfolge symbolisieren die öffentliche und politische Wirkmächtigkeit der Bewegung.

Rechte Kampagnen gegen Einwanderung stellen an sich keine Besonderheit dar, weil der proklamierte »Kampf gegen Überfremdung« ein identitätsstiftendes Basisideologem (extrem) rechter Weltanschauung darstellt. Kontextabhängig hingegen sind die propagandistischen Anschlussmöglichkeiten derartiger Kampagnen. Diese richten sich nach politisch günstigen Gelegenheitsstrukturen, in denen solche ausgrenzenden, rassistischen Forderungen über das rechte ‚Lager‘ hinaus Einfluss gewinnen können. Seit dem Sommer des Jahres 2015 hat sich im Kontext eines rapiden Anstiegs von Asylanträgen das Flüchtlingsthema zu einem zentralen Debattenthema herauskristallisiert, das zu einer starken Polarisierung im öffentlichen Diskurs geführt hat. Der Islam sowie transnationale Formen politischer Regulation in Form der Europäischen Union dienen als weitere wirkmächtige Feindbilder rechter Agitation. Im Zuge staatspolitischer Legitimationsverluste findet eine neue »nationale Opposition« Zustimmung in konservativen sowie sozial deklassierten Milieus und beeinflusst politisch-administrative Entscheidungsprozesse und Machtkonstellationen.

Der zunehmende rechte Einfluss auf den öffentlichen Diskurs geht einher mit einem massiven Anstieg rassistisch motivierter Gewalt. Laut Aussagen des Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, droht in diesem Zusammenhang sogar die Herausbildung einer neuen Form rechten Terrors (vgl. Honnigfort 2016). NPD, neonazistische Kameradschafts-Strukturen und Kleinparteien und Organisationen wie Die Rechte und Der III. Weg erproben die aggressive und auf Konfrontation auch mit der Staatsgewalt setzende Zuspitzung der Spannungslagen und Konflikte. Die Blockade von Reisebussen, die Geflüchtete in ihre Unterkünfte bringen sollen, oder die Selbstermächtigung als »Grenzschützer« sind Ausdruck einer Strategie der Spannung, die den behaupteten »Staatsnotstand« herbeiführen und für möglichst viele Beteiligte erlebbar machen soll – um dann noch drastischere Maßnahmen als einzig plausible Handlungsoption erscheinen zu lassen. Hunderte von Kundgebungen und Demonstrationen – häufig in kleinen Orten und Städten – werden denjenigen als öffentliche Plattformen angeboten, die ihrer Verunsicherung, ihrer Ablehnung oder ihrem Hass Ausdruck verleihen wollen. Hierbei stellen sich extrem rechte Organisatoren als »besorgte Bürger« vor und versuchen dann, die Stimmung rassistisch aufzuladen. Zunehmend nimmt die AfD bei diesen Protesten, wie unlängst in Chemnitz, die Rolle als deren parteipolitisches Dach ein.

Kulturkampf von rechts

Innenpolitisch führt die AfD einen regelrechten Kulturkampf gegen erkämpfte Rechte emanzipativer sozialer Bewegungen: Dieser rechte Kulturkampf (vgl. Kellershohn/Kastrup 2016) lässt sich als politischer Kampf um Ordnungsvorstellungen und als reaktionäre Kampfansage an gesellschaftliche Demokratisierungs- und Anerkennungsprozesse deuten, die nicht zuletzt auch antifeministische, homophobe und rassistische Stoßrichtungen beinhalten. So resultiert die Kampfansage der AfD gegen das Gender-Mainstreaming sowie die Ablehnung pluralisierter sexueller Lebens- und Familienformen und entsprechender sexueller Frühaufklärung aus einem patriarchalen Gesellschaftsbild und Geschlechterverständnis und aus der Behauptung einer angeblich ’natürlichen‘ gesellschaftlichen Ungleichheit. Das Verständnis von menschlicher und sozialer Ungleichheit als Ausdruck einer »natürlichen Ordnung« ist ideologischer Kern im »biologistischen Menschenbild« der Neuen Rechten (Feit 1897,73). In der Tat kann das Rekurrieren der AfD auf ein ’natürliches‘ Menschen- und Familienbild und die damit einhergehende Ablehnung von Feminismus und pluralisierten sexuellen und alltäglichen Lebensformen als verbindende Klammer ihrer unterschiedlichen politischen Strömungen verstanden werden. Beispielhaft hierzu wird in der Erfurter Resolution des AfD-Rechtsaußenflügels gefordert, dass die AfD sich »als Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte (Gender Mainstreaming, Multikulturalismus, Erziehungsbeliebigkeit usf.)« sowie »als Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands« verstehen solle.

Die Verursacher der bestehenden, angeblich ‚unnatürlichen‘ Ordnung werden in emanzipativen sozialen Bewegungen gesehen: So erklärte der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen auf dem AfD-Bundesparteitag in Stuttgart hinsichtlich der politischen Stoßrichtung des AfD-Grundsatzprogramms, das dort zu beschließende Programm solle wegführen von einem »links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland«. Solche Parolen gehörten bislang zum Vokabular der extremen Rechten. Die AfD verkauft sie wieder neu unter dem Slogan »Mut zur Wahrheit«. Ihre Wählerzustimmung nutzt die Partei für eine Mobilisierung zum reaktionären Kulturkampf, der wiederum als Vehikel für eine langfristig angelegte Strategie dient, einen ‚Umbau‘ des demokratisch verfassten Staates herbeizuführen.

Autoritäre Visionen

Diesbezüglich ist das Interview des Bundesvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, von Interesse, in dem er gegenüber der FAZ seine Haltung zu den Ereignissen in Chemnitz und seine Vision der weiteren Entwicklung seiner Partei unterbreitete (FAZ vom 05.09.2018). Nachdem er zuvor bereits in einem Interview mit der Welt die Ausschreitungen als ein »Ausrasten«, das »normal« sei nach einer »solche[n] Tötungstat«, verharmlost und Verständnis für »Selbstverteidigung« gezeigt hatte (Die Welt vom 29.08.2018), ging er nunmehr zum politischen Angriff über.

Zum einen bezeichnete er die vorher so genannte »Tötungstat« als »Mord«. Der sei eine »Folge der Merkelschen Flüchtlingspolitik«, und der »Protest von vielen Menschen« legitim. Die AfD sei eine »urdemokratische Partei, geradezu anarchisch-demokratisch« und habe nichts »mit verfassungsfeindlichen Organisationen oder nationalsozialistischen Ideen« zu tun.

Zum anderen skizziert er sein Demokratieverständnis unter Bezugnahme auf die »friedliche Revolution« von 1989. Kern seiner Argumentation ist die Unterscheidung zwischen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) und dem »politische[n] System im Sinne des Parteiensystems«. Obwohl diese Unterscheidung hinsichtlich der Parteien im Grundgesetz keine Grundlage hat, diese vielmehr (Art. 21 GG), soweit sie in »ihre[r] innere[n] Ordnung […] demokratischen Grundsätzen entsprechen« (Abs. 1), als substanzieller Bestandteil der »freiheitliche[n] demokratische[n] Grundordnung« (Abs. 2) deklariert werden, hält es Gauland für angebracht, »dass das politische System im Sinne des Parteiensystems geändert werden« müsse, ja, »dass dieses politische System wegmuss«, nicht aber die FDGO. Auf die Nachfrage hin, ob eben das nicht eine Revolution sei, die die grundgesetzlich verbürgten Institutionen angreife, versucht Gauland zu präzisieren: Er sei gegen das »politische System«, gegen »die Parteien, die uns regieren«, gegen »das System Merkel«, gegen die, »die die Politik Merkels« mittrügen – das seien » auch Leute aus anderen Parteien und leider auch aus den Medien«; die wolle er »aus der Verantwortung vertreiben«. Und das könne »man eine friedliche Revolution nennen«, sei »aber kein Umsturz der grundgesetzlich garantierten Ordnung«, die vielmehr »Ausdruck dessen [sei], was wir erreichen wollen«.

Gaulands Argumentation beruht auf einer für einen Juristen bemerkenswerten begrifflichen Unschärfe und Doppelbödigkeit. Einerseits spricht er das politische System als verfassungsrechtlich verankerten institutionellen Rahmen des Politischen (Parteiendemokratie) an, andererseits das politische System als bestimmte Parteienkonstellation (»Altparteien«) und Regierungsweise (»System Merkel«), Einerseits beruft er sich auf die FDGO als Maßstab des eigenen politischen Stre-bens; andererseits unterstellt er, dass die nach Maßgabe eben dieser FDGO korrekt zustande gekommene Regierungskonstellation in Wirklichkeit ein undemokratisches Regime (»Mcrkel-Diktatorin«6) sei, demgegenüber die AfD als einzige »urdemokratische« Kraft das Recht habe, dieses Regime zu »vertreiben«. Diese Vertreibungsphantasie rekurriert assoziativ auf das Vorbild und das heißt auch auf die Mittel der »friedlichen Revolution« von 1989. Gauland bringt damit zum Ausdruck, dass der Gang zur Wahlurne bei Parlamentswahlen alleine nicht ausreicht, um dem von der AfD in ihrer populistischen Rhetorik immer wieder beschworenen ‚Volkswillen‘, den exklusiv zu vertreten man vorgibt, Geltung zu verschaffen. Die Palette reicht von »Selbstverteidigungs«-Aktionen a la Chemnitz über die Diffamierung der (anderen) Parteien, denen die »Ausbeutung des Staates« des Staates zum Vorwurf gemacht wird, bis hin zur Propagierung eines plebiszitär-autoritären Staates, in dem Parteien allenfalls noch eine residuale Bedeutung beigemessen wird. Dieser ‚Umbau‘ des Staates wäre allerdings gleichbedeutend mit einer Zerstörung des gegenwärtigen institutioneilen Gefüges des politischen Systems -und nicht nur eine Zerstörung des »System Merkel«. FAZ-Herausgeber Berthold Köhler hat Gauland in einer Kommentierung seines Interviews treffend den Titel eines »Brandstifter[s] im Biedermann-Sakko« (FAZ vom 05.09.2018) verliehen.

Kritische Rechtsextremismusforschung

Vor dem Hintergrund einer »autoritäre[n] Zuspitzung« (Aigner/Paul/Wamper 2017) nicht nur in Deutschland stellen sich einer sich als kritisch verstehenden Rechtsextremismusforschung hohe Anforderungen. Ihre grundsätzliche Aufgabe besteht darin, aktuelle Entwicklungen auf dem rechten Feld in gesellschaftskritischer Hinsicht zu analysieren, zu kontextualisieren und deren wirkmächtigen Potenziale herauszuarbeiten. Dabei wird die grundsätzliche Kritik am dominanten Typus der Rechtsextremismusforschung und an dessen staatspolitischen Vorgaben geteilt. Fabian Virchow hat in dem von ihm (mit)herausgegebenen Handbuch Rechtsextremismus (Virchow/Langebach/Häussler 2016) vier Einwände formuliert: Erstens vernachlässige eine solche Rechtsextremismusforschung den Umstand, dass »beispielsweise rassistische, antisemitische und antidemokratische Sichtweisen auch in relevanten Teilen der Bevölkerung anzutreffen«, d.h. in der vielbeschworenen ‚Mitte der Gesellschaft‘ feststellbar seien. Zweitens werde damit die binäre Unterscheidung von ‚Demokratie‘ und ‚Extremismus‘ in Frage gestellt. Drittens erkläre die angebliche Parallelität von Links- und Rechtsextremismus unterschiedliche Motive, Ziele, Entstehungshintergründe und gesellschaftlichen Folgen dieser so benannten Phänomene in Hinblick auf ihre politische und verfassungsrechtliche Beurteilung für sekundär oder gar irrelevant. Und viertens neige solche Rechtsextremismusforschung aufgrund ihrer normativen Gebundenheit an die Perspektive des staatlich-politischen Systems dazu, die von ihr untersuchten Phänomene für selbstevident zu halten und deren strukturelle, gesellschaftlich produzierten Ursachen zu vernachlässigen. (Virchow 2016, 15f.)

Alternative Forschungsansätze dagegen müssen sich in einem doppelten Sinne als kritisch verstehen: einerseits als Kritik der Rechtsextremismusforschung im herkömmlichen Sinne, andererseits als gesellschaftskritische Aufarbeitung der Phänomene, um die es in dieser Forschung geht. Die Aufgabe kritischer Rechtsextremismusforschung ist es, die aktuellen Entwicklungen der populistischen und extremen Rechten in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche im gesellschaftlichen und politischen System des neoliberalen Kapitalismus zu untersuchen. Die komplexen synchronen und diachronen Verschränkungen machen es erforderlich, unterschiedliche kritische Ansätze und Perspektiven und deren jeweiligen Vorzüge zu berücksichtigen und miteinander zu vermitteln. Die Intention, mit der dies erfolgen sollte, ist keine rein Wissenschafts- und theorieimmanente, sondern zielt auf eine vernünftige und solidarische Gestaltung der Gesellschaft.

Einführung in die Beiträge dieses Buches

Die in diesem Band veröffentlichten Artikel beruhen größtenteils auf Referaten, die auf dem letztjährigen Kolloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung – in Kooperation mit dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/ Neonazismus (FORENA) an der Hochschule Düsseldorf und der Akademie Frankenwarte in Würzburg – gehalten wurden. Die aktuelle Entwicklung mit den Ereignissen von Chemnitz und Köthen können daher in diesem Band nur am Rande berücksichtigt werden.

Grundsätzlich wurden im Kolloquium 2017 zwei Problemkreise angesprochen: Zum einen ging es um ein tieferes Verständnis des im Zusammenhang mit der AfD vielfach gebrauchten Rechtspopulismusbegriffs; zum anderen beschäftigten sich die Vorträge mit der forschungsstrategischen Frage nach einer sich gesellschaftskritisch verstehenden Rechtsextremismusforschung. Dementsprechend gliedert sich der vorliegende Sammelband in zwei Teile, die die angesprochenen Problemkreise differenziert abhandeln. Dazu im Folgenden einige Vorbemerkungen.

Teil I – Erkundungen zur Lage: Rechtspopulismus in der Kritik

Der schillernde Begriff des Rechtspopulismus hat lange Zeit in der Auseinandersetzung mit der Gefahr von rechts in Deutschland eine untergeordnete Rolle gespielt. Dies hat seine Gründe nicht zuletzt in der Tatsache, dass Parteien, die in der Forschung mehrheitlich als rechtspopulistisch klassifiziert werden, hierzulande im Unterschied zu unseren Nachbarländern vor dem Aufkommen der AfD keine nachhaltigen Erfolge zu verzeichnen hatten. Die deutsche Rechtsextremismusforschung hinkt dementsprechend hinsichtlich des Rechtspopulismus der internationalen Forschung hinterher. In der Fach- wie auch in der öffentlichen Debatte erfährt der Rechtspopulismusbegriff unterschiedliche Deutungen. Begreift man seine zentralen Merkmale in einer spezifischen Form politischer Ansprache bzw. Propaganda, so ist damit noch keine genauere Aussage hinsichtlich seiner politischen Verortbar-keit getroffen. Dies bedeutet: Der Begriff des Rechtspopulismus ist unterkomplex zur Kategorisierung einer Partei auf der Links-Rechts-Skala, denn rechtspopulistische Parteien können sowohl nationalliberal/konservativ als auch extrem rechts ausgerichtet sein. Um die Frage einer solchen Zuortbarkeit dreht sich nicht zuletzt auch die aktuelle Debatte über die AfD.

Eine gesellschaftskritisch orientierte Rechtsextremismusforschung hat die Aufgabe, den sozioökonomischen Kontext aktueller rechter Erscheinungsformen zu beleuchten und zu analysieren. Dieser Herausforderung stellen sich die vier folgenden Beiträge unter Bezugnahme auf den Begriff des autoritären Populismus von Stuart Hall, der jeweils spezifizierend hinsichtlich seiner Anschlussmöglichkeit an neoliberale wie auch völkische Weltanschauungen eine Grundlage zur Deutung der aktuellen rechten Formierung dienlich sein kann.

Hierbei konzentrieren sich jeweils zwei Beiträge auf zwei unterschiedliche Ebenen der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus:

1.    der Kritik der politischen Ökonomie des Rechtsrucks im Kontext neoliberaler Hegemonie

2.    und der (historisch geronnenen Form der) Weltanschauung des neuen völkischen Nationalismus

Auf der ersten Ebene wird unter unterschiedlichen Blickwinkeln und Positionen das Verhältnis zwischen Rechtspopulismus und Neoliberalismus ausgelotet. Auf der zweiten Ebene wird unter historisch-kritischer und ideologiekritischer Perspektive die besondere Bedeutung des Völkischen zur politischen Verortung des neuen recht(spopulistisch)en Blocks aus AfD und deren politischem Umfeldes ausgeleuchtet.

Ralf Ptak analysiert die Entwicklung des autoritären Rechtspopulismus als Phänomen des in die Krise geratenen neoliberalen Projekts. Der autoritäre Rechtspopulismus steht seiner Ansicht nach trotz markanter Widersprüche nicht im Gegensatz zum Neoliberalismus. Im Gegenteil stabilisiert er durch seine systematische De-Thematisierung sozioökonomischer Konflikte mindestens funktional die herrschenden Verhältnisse und befördert so die Fortsetzung der neoliberalen Agenda unter autoritären Vorzeichen. Untersucht werden nicht nur die ideologischen Schnittmengen und Widersprüche zwischen Neoliberalismus und autoritärem Rechtspopulismus, sondern auch sein kontinuierlicher Aufstieg in den verschiedenen Phasen marktradikaler Politik der zurückliegenden Dekaden. Zugleich zeige sich laut Ptak, dass der autoritäre Rechtspopulismus auf die offen rassistische und völkische Karte setzt. Das sei allerdings nur scheinbar ein Widerspruch, denn die fast beliebig wirkende programmatische (und bisweilen auch politisch-praktische) Ambivalenz sei die zentrale Erfolgsbedingung des autoritären Rechtspopulismus in Deutschland und anderswo. Mit einem historischen Exkurs zur Wirtschaftspolitik der NSDAP verdeutlicht Ptak diese These.

Richard Gebhardt stellt sich in seinem Beitrag der Auseinandersetzung mit der Frage »Was ist der »Rechtsruck«? Hierin deutet er den aktuellen Rechtsruck als Ausdruck eines »Kulturkampfes des autoritären Populismus gegen die (Neo-)Li-beralisierungder Bundesrepublik«. Gebhardt sieht in Gebaren der AfD und deren Umfeldes vielmehr Ansätze für eine »konservative« Gegen-Revolution wider die kulturelle ‚Modernisierung‘ der Bundesrepublik. Seiner Ansicht nach ist der moderne Neoliberalismus keine reine Ideologie einer ökonomischen Deregulierung, sondern immer auch verbunden mit dem Versprechen, an die Stelle der Regulierungen der alten quasi-vergildeten bzw. ständischen Strukturen eine »moderne« Gesellschaft der Leistungsorientierung zu setzen. Laut dem Autor wollen besonders die Gewerkschaften die AfD als vor allem neoliberale Kraft ‚entlarven‘. Gebhardt zufolge sei der Rechtspopulismus jedoch kein einheitlicher Fürsprecher neoliberaler Positionen. Die kulturkämpferische Revolte des autoritären Populismus in Deutschland sei vielmehr zentral als eine Revolte gegen die progressiven Aspekte des Neoliberalismus zu begreifen.

Helmut Kellershohn setzt sich in seinem Beitrag mit der Bedeutung des Völkischen zur Charakterisierung der aktuellen Rechtsaußenbewegung auseinander. In einem ideologiegeschichtlichen Tour d ‚Horizon untersucht er die Genese des völkischen Nationsverständnisses, das sich in Deutschland in Abgrenzung zum französischen, bürgerlich-konstitutionellen Nationsverständnis herausgebildet hat: von Herder über die Romantik, die Völkische Bewegung um 1900 bis hin zum Nationalsozialismus. Nach der definitiven Diskreditierung völkischen Denkens durch den Nationalsozialismus habe die Neue Rechte versucht, mit Hilfe des Ethnopluralismus-Konzepts völkisch-nationale Terminologie zu ‚modernisieren‘. Der Beitrag geht näher auf die strömungsspezifischen Variationen des Konzepts (Jungkonservative, AfD, NPD, Identitäre) ein und zeigt auf, das bei aller Akkommodation an die gegebenen Verhältnisse die aggressiven, exkludierenden Komponenten des völkischen Nationalismus diskursiv restauriert wurden, so dass mit einer gewissen Berechtigung heute von einer »neuen völkischen Bewegung« im Umfeld der AfD gesprochen werden kann.

Alexander Häusler setzt sich mit der Frage nach der politischen Verortbarkeit des aktuellen Rechtsrucks im Allgemeinen und der rechtspopulistischen AfD im Besonderen auseinander. Hierbei geht der Autor zweiteilig vor: Im ersten Teil seines Beitrags setzt er sich mit der historischen Analogie des aktuellen Rechtsrucks mit der ‚Existenzkrise der Demokratie‘ in der Weimarer Republik auseinander. Hierbei versucht er zu verdeutlichen, dass die aktuelle politische Rechtsverschiebung nicht mit den gängigen extremismustheoretischen Deutungsmustern – à la mode: die ‚demokratische Mitte‘ sei bedroht ‚von den extremen Rändern‘ – erfasst werden könne. Die These einer angeblich per se demokratischen Mitte, die sich ihrer radikalen Ränder zu erwehren habe, könne nicht erklären, warum aktuell ein völkischer Nationalismus für breite Bevölkerungsteile weltanschaulich ansprechend zu werden droht. Vielmehr sei seiner Ansicht nach der Rechtsruck als Folge der Krise des liberaldemokratischen Kapitalismus zu verstehen. Im zweiten Teil des Beitrags vollzieht der Autor den Versuch einer »politischen Ortsbestimmung« der AfD und plädiert für deren Charakterisierung als Partei eines völkisch-autoritären Populismus.

In einem weiteren Artikel geht Helmut Kellershohn auf einen Teilaspekt der Herausbildung des völkisch-autoritären Populismus ein. Sein Beitrag thematisiert die Rolle der Jungen Freiheit, dem sogenannten »Mutterschiff« der Neuen Rechten. Der entscheidende ‚Verdienst‘ der Jungen Freiheit an der Entwicklung der AfD ist zum einen ideologiepolitischer Natur. Wie kein anderes Organ oder keine andere Institution steht sie für die inhaltliche Verknüpfung verschiedener ideologischer Strömungen. Indem sie sich schon früh von dem aus ihrer Sicht kontraproduktiven Etikett ‚Neue Rechte‘ trennte und sich vorgeblich als konservativ deklarierte, öffnete sie ihre Spalten für einen ideologiepolitischen »Binnenpluralismus«, der völkischen Nationalismus, Neo(national)Liberalismus, Nationalkonservatismus und christlichen Konservatismus/Fundamentalismus miteinander in Beziehung setzte. Diese Strömungen gehören von Anbeginn zum »ideologischen Grundgerüst« der AfD. Zum anderen verfolgte die Junge Freiheit – dies steht im Mittelpunkt des Beitrages – seit Mitte der 1990er-Jahre eine strategische Option (»Generallinie«), die sich an der allmählichen Verschiebung des hegemonialen Diskurses orientierte und auf die Herausbildung einer Volkspartei neuen Typs rechts von den Unionsparteien (in Abgrenzung von NPD und neonationalsozialistischen Kräften) setzte. Dieses Konzept stand und steht in Konkurrenz zum Konzept einer »fundamentaloppositionellen Bewegungspartei«, das vom Institut für Staatspolitik und den Kräften des völkisch-nationalen Flügels um Björn Hocke verfolgt wird und eine Öffnung nach Rechtsaußen impliziert, wie sie jetzt in Chemnitz deutlich geworden ist.

Das führt zum letzten Beitrag in diesem ersten Teil. Bei aller Fokussierung auf die AfD darf nicht übersehen werden, welche Entwicklungen sich am rechten Rand der Republik zeigen, zumal sie, wie eingangs betont wurde, für die neue, rechte Protestkultur mit prägend sind. Auf diese Entwicklungen geht Christoph Kopke näher ein. Ausgehend vom Urteil des BVerfG im Parteiverbotsverfahren gegen die NPD wirft der Beitrag Kopkes den Blick auf die wechselvolle Organisationsgeschichte der bundesdeutschen extremen Rechten der letzten drei Jahrzehnte. Im Versuch, sich staatlicher Repression zu entziehen, wechselten die Organisationsformen zwischen klassischen Parteistrukturen und fluide wirkenden eher informellen Zusammenschlüssen. Hierbei passte die extreme Rechte sich auch stets an eine sich verändernde Rechtslage an. Insgesamt habe sich auch durch juristische Entscheidungen der »Handlungsspielraum für Parteien der extremen Rechten deutlich erweitert«. Zwar sind die (juristischen) Konsequenzen des BVerfG-Urteils noch nicht gänzlich abzuschätzen, gleichwohl markiert der Richterspruch nach Ansicht des Verfassers für die extreme Rechte » aber schon jetzt einen weiteren Landgewinn«.

Teil II – Kritische Rechtsextremismusfoschung: Methodische Ansätze, Forschungsfelder, Aufgaben und Perspektiven

Der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag hat nach der Brexit-Entscheidung in Großbritannien und dem Wahlerfolg Donald Trumps sowie etlichen Wahlerfolgen extrem rechter oder rechtspopulistischer Parteien im europäischen Kontext erneut deutlich gemacht, dass zahlreiche Gesellschaften durch diese Entwicklung herausgefordert sind. Die damit verbundenen Phänomene werden auf ganz unterschiedliche Weise sichtbar und sozial und politisch bedeutsam: auf der Ebene der Einstellungen und Denkmuster, in Gestalt verschiedenster Handlungspraxen, aber auch in vielfältiger organisatorischer Form, die neben Parteien auch bewegungsförmige und klandestine Strukturen und Netzwerke umfassen kann. Seit vielen Jahren gibt es in der Bundesrepublik Deutschland qualifizierte theoretische und empirische Forschung zu diesen hier angedeuteten Phänomenen. Insbesondere seit den 1990er-Jahren hat diese Forschung ihren konjunkturellen Charakter weitgehend verloren und speist sich inzwischen aus ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsperspektiven. Dabei zeichnet sich die Forschung durch eine Vielzahl von Methoden, theoretischen Positionen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen aus. Eine kritische Rechtsextremismusforschung muss daran interessiert sein, den interdisziplinären Austausch über Theorien, Methoden und Forschungsergebnisse zu fördern und voranzutreiben sowie, wie in dem Beitrag von Regina Wamper angesprochcn wird, den Dialog mit anderen Forschungsrichtungen und -perspektiven zu suchen.

Für diesen Dialog stehen im zweiten Teil die Beiträge von Beate Küpper, die die Relevanz sozialpsychologischer Forschung für das Verständnis des Rechtsextremismus in den Mittelpunkt stellt, von Andreas Kemper, der die Untersuchung antifeministischer Narrative im Internet mit einem diskursanalytischen Ansatz (»Diskursatlas Antifeminismus«) vorstellt, und von Juliane Lang, die einen Einblick in die feministische Forschungsperspektive zur extremen Rechten gibt. Die anschließenden Beiträge von Fabian Virchow, Ursula Birsl, Ina Pallinger und Regina Wamper thematisieren aus ihrer jeweiligen Sicht Aufgaben und Perspektiven einer kritischen Rechtsextremismusforschung, wobei unter anderem Bezüge zur Faschismusforschung (Virchow), Demokratietheorie (Birsl) und zum Antifaschismus (Wamper) hergestellt werden.

Beate Küpper vertritt in ihrem Beitrag die Auffassung, dass die Rechtsextremismusforschung auf einen »multidisziplinären Zugang« zum Gegenstand angewiesen ist, auch wenn ein solcher Zugang mit Kontroversen und zum Teil auch Missverständnissen zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen verbunden sein könne. Die Autorin vertritt in ihrem Artikel eine »sozialpsychologische Sicht«, die sich aus der Vielfalt der Erscheinungsformen des Rechtsextremismus und aus dem breiten Feld der Themen sozialpsychologischer Forschung schwerpunktmäßig auf den Komplex rechtsextreme Einstellungen konzentriert. Im ersten Teil skizziert sie ausführlich Annahmen und methodische Zugänge der Einstellungsforschung, um dann, im zweiten Teil, neuere Befunde vor allem aus der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (vgl. Zick/Küpper/Krause 2016) vorzustellen. In einem abschließenden Teil geht sie auf die Frage nach den Bedingungszusammenhängen rechtsextremer bzw. rechtspopulistischer Einstellungen und Wahlerfolge ein.

Andreas Kemper diskutiert am Beispiel des im März 2018 erschienenen »Diskursatlas Antifeminismus« die Möglichkeit einer internetgestützten kritischen Diskursforschung und Diskursdarstellung. Das Internet verändert Diskurse und schafft Notwendigkeiten und Möglichkeiten für die kritische Diskursanalyse.

Der Diskursatlas Antifeminismus geht von Diskurskoalitionen aus, die Narrative und Netzwerke verknüpfen. Sprachliche Embleme können als Verbindungsglieder von politischen Netzwerken genauso herausgearbeitet werden wie Verkettungen von Narrativen durch die Netzwerke. Für die Darstellung dieser Diskurskoalitionen wird die kollaborative Plattform Wiki empfohlen.

Juliane Lang plädiert in ihrem Beitrag dafür, viel stärker als bislang geschlechterreflektierende Perspektiven mit in die Analyse extrem rechter Ideologie und Praxen einzubeziehen. Auch die für Irritationen sorgende neue Sichtbarkeit von Frauen in Spitzenpositionen rechter Parteien und Bewegungen mache dies erforderlich. Im Rückgriff auf Geschichte und Theorien der feministischen Rechtsextrcmismusfor-schung setzt die Autorin das Engagement extrem rechter Frauen ins Verhältnis zu Verschiebungen in deren geschlechterpolitischer Agenda. Der Widerspruch zwischen dem Engagement von Frauen und Homosexuellen in Parteien wie der AfD und deren antifeministischen Ideologiepolitik erweise sich als ein vermeintlicher. Im Mittelpunkt rechter Agitation und Mobilisierung steht aktuell vielmehr das Bild des ‚übergriffigen Fremden‘, anhand dessen sich die vielfältige Verzahnung rechter Geschlechterpolitiken mit rassistischen Ausgrenzungspolitiken aufzeigen lasse.

Fabian Virchow setzt sich in seinem Beitrag mit den Aufgaben einer gegenwartsbezogenen gesellschaftskritischen Faschismusforschung auseinander. In den aktuellen AfD-Wahlerfolgen und der damit einhergehenden Formierung einer völkisch-autoritären Bewegung sieht er Ansätze zu einer neuen autoritär-nationalistischen Massenbewegung von rechts. Diese Entwicklung verlange als gesellschaftliches Problem umfassendere theoretische und empirische Analysen und Antworten. Das Defizit der Forschung sieht Virchow daher auch nicht in der fehlenden oder falschen disziplinären Zuordnung und Gewichtung unterschiedlicher Forschungen zu aktuellen Phänomen in der extremen Rechten. Vielmehr seien vertiefende Ausarbeitung und Anwendung gesellschaftstheoretisch fundierter Ansätze erforderlich, die die grundlegend wirksam werdenden Mechanismen und Prozessen in den Blick nehmen, die den Gegenstand hervorbringen. Hierzu gehöre nicht zuletzt auch, nach den sozialen Interessen zu fragen, die sich in diesen Parteien und Bewegungen artikulieren, und die nicht notwendig mit deren sozialen Basis zusammenfallen. Hierzu formuliert der Autor Anknüpfungspunkte dafür, kritische gesellschaftstheoretische Ansätze insbesondere in marxistischer, feministischer und postkolonialer Tradition für eine kritische Rechtsextremismusforschung analytisch nutzbar zu machen.

In ihrem Beitrag plädiert Ursula Birsl für eine »reflexive Rechtsextremismusforschung«. Am Ausgangspunkt ihrer Überlegungen steht die Beobachtung, dass seit den 1990er-Jahren innerhalb der universitären ‚Leitdisziplinen‘, die sich mit Rechtsextremismus beschäftigen, Verschiebungen stattgefunden haben, von den Sozialwissenschaften hin zur Sozialpsychologie und den Erziehungswissenschaften einerseits, von gesellschaftskritischer und -theoretischer hin zu anwendungsorientierter Forschung andererseits. Die sozialpädagogische und sicherheitspolitische Ausrichtung sei vor allem den engen Vorgaben öffentlicher Förderprogramme geschuldet, die an Grundlagenforschung und gesellschaftskritischen Fragestellungen kein Interesse hätten. Des Weiteren konstatiert sie, dass es zwar einen »umfangreichen Wissensbestand zur politischen Rechten« gebe, der aber vor allem der Forschung im außeruniversitären Raum (frei arbeitende Wissenschaftler_innen, Journalistinnen) zu verdanken sei. Die Aufgabe einer kritischen und »reflexiven Rechtsextremismusforschung« sieht Birsl darin, neben der Arbeit an den genannten, auch strukturell bedingten Defiziten, die die Fähigkeit zur Diagnose beeinträchtigten, über das »jeweilige normative Verständnis von Demokratie« als »Referenzrahmen der Forschung« nachzudenken und die eigenen »Vorstellungen von Demokratie« zu artikulieren und in die Diskussion einzubringen.

Der Beitrag von Ina Pallinger geht näher auf die von Birsl angesprochenen strukturellen Bedingungen ein und fragt nach »Chancen und Risiken« der Veränderungen in der Forschungslandschaft für eine kritische Rechtsextremismusforschung. Die drittmittelfinanzierte Forschung, deren Funktionsmodus ausführlicher dargestellt wird, sei eine der »Triebfedern des Ökonomisierungsprozesses«, der das »Studieren und Forschen an deutschen Universitäten« im neoliberalen Sinne umgestaltet habe. Die Ausgestaltung der Arbeits- und Forschungsbedingungen würden dadurch erheblich beeinflusst. Am Beispiel der quasi-offiziösen Extremismus- und Radikalisierungsforschung zeigt die Autorin sodann auf, wie gerade in diesem Bereich, in dem noch »die meisten Förderlinien von staatlichen Institutionen ausgeschrieben« werden, die Forschung durch theoretische, terminologische und methodenbezogene Rahmungen präformiert wird, so dass kritische Forschung zunehmend erschwert werde.

Der abschließende Beitrag von Regina Wamper formuliert positiv fünf Anforderungen an eine »kritische Rechtsextremismusforschung«. Erstens müsse sie gesellschaftskritisch orientiert sein, »das heißt nicht nur nach der extremen Rechten selbst […] fragen, sondern ebenso nach dem Gesellschaftsbau, der solche Phänomene hervorbringen kann«. Zweitens sei es wenig sinnvoll, die extreme Rechte primär »in Abgrenzung« von einer angeblich »ideologiefreien Mitte« zu definieren. Dadurch würden »inhaltliche, organisatorische und personelle Grauzonen allzu leicht ausgeblendet«. Und zudem handele es sich bei den offiziösen »Abgrenzungs-Begriffen selbst um politische Kampfbegriffe, um leere Signifikanten, die im schlechtesten Fall autoritäre Herrschaft« absicherten. Die extreme Rechte sei inhaltlich zu definieren, als völkisch, nationalistisch, patriarchal, rassistisch. Drittens müsse sich kritische Rechtsextremismusforschung stärker den »gesellschaftspolitischen Umgang mit der extremen Rechten« in den Fokus ihrer Untersuchung rücken, um der Normalisierung ihrer Positionen entgegenzuwirken. Viertens sollten sich kritische Wissenschaftler_innen im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich positiv auf antifaschistische Praxis beziehen. Und fünftens schließlich sei es notwendig, Rechtsextremismusforschung in Verbindung mit anderen Forschungslinien (Rassismus-, Migrations-, Faschismus-, Antisemitismusforschung, feministischer Forschung usw.) zu betreiben.