Zum Bochumer Tortenprozess

Neues Bil­der­ver­bot durch Bochu­mer Tor­ten­pro­zess:
Ste­hen wir vor einer Ein­schrän­kung der Pressefreiheit?

Autor: Rolf van Raden

Vor dem Bochu­mer Amts­ge­richt hat am Mitt­woch ein Auf­se­hen erre­gen­der Pro­zess statt­ge­fun­den: Der ver­ant­wort­li­che Redak­teur des loka­len Inter­net­por­tals bo-alternativ ist zu einer Strafe von 1.500 Euro ver­ur­teilt wor­den, weil er ein Anti-Nazi-Plakat doku­men­tiert hat. Auf dem Pla­kat ist eine Comic­fi­gur zu sehen, die eine Torte in der Hand hält. In den Augen der Staats­an­walt­schaft und der Rich­te­rin stellt die Abbil­dung auf die­ser Seite aus dem Jahr 2008 einen „Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“ dar.

http://www.bo-alternativ.de/aktuell/wp-content/uploads/2008/10/nazistopp.jpg

Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“? Die doku­men­tie­rende Abbil­dung die­ser Gra­fik soll straf­bar sein.

Es han­delt sich bereits um den drit­ten Pro­zess zum Thema – vor einem Jahr gab es bereits einen Frei­spruch, wor­auf die Staats­an­walt­schaft aller­dings Revi­sion ein­legte. Der beschul­digte Redak­teur hat jetzt ange­kün­digt, gegen das neue Urteil selbst in Beru­fung zu gehen. Sollte die Ver­ur­tei­lung vor wei­te­ren Instan­zen Bestand haben, könnte das die Presse– und Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land emp­find­lich einschränken.

Die Anklage der Bochu­mer Staats­an­walt­schaft (hier im Wort­laut) stand von Anfang an unter mas­si­ver Kri­tik. In einer Soli­da­ri­täts­er­klä­rung bewer­te­ten eine Reihe pro­mi­nen­ter Per­sön­lich­kei­ten den Pro­zess als einen „Affront gegen die Men­schen, die sich am 25. Okto­ber in Bochum und an ande­ren Tagen in ande­ren Städ­ten den Nazi-Aufmärschen ent­ge­gen stell­ten.” Andere Beob­ach­te­rIn­nen wei­sen dar­auf hin, wel­che poli­ti­schen Fol­gen die Ver­ur­tei­lung haben kann: Wenn näm­lich schon die Abbil­dung einer Comic­fi­gur mit einer Torte in der Hand dazu aus­reicht, um das Recht auf Äuße­rungs­frei­heit im Inter­net ein­zu­schrän­ken, dann wäre der behörd­li­chen Will­kür Tür und Tor geöffnet.

Die Anklage hat die Abbil­dung einer Torte zu einer „getarn­ten Bombe“ umge­deu­tet. Damit aber nicht genug. Denn im nächs­ten Schritt erklärte die Staats­an­walt­schaft die angeb­li­che Bombe zu einem ver­bo­te­nen Auf­ruf, „Gegen­stände, die ihrer Art nach zur Ver­let­zung von Per­so­nen oder Beschä­di­gung von Sachen geeig­net und bestimmt sind, ohne behörd­li­che Geneh­mi­gung mit sich zu füh­ren und diese zur Bege­hung von Ver­ge­hen der gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung ein­zu­set­zen“. In ein­fa­che Spra­che über­setzt behaup­tet die Staats­an­walt­schaft: Indem das Inter­net­por­tal das Pla­kat doku­men­tiert, rufe es dazu auf, mit Waf­fen zur Demo zu gehen und diese zu benutzen.

Kommt die Staats­an­walt­schaft mit die­ser obsku­ren Argu­men­ta­tion durch, wäre künf­tig keine gra­fi­sche Ver­öf­fent­li­chung mehr vor solch aggres­si­ver Inter­pre­ta­tion und Umdeu­tung geschützt. Ein Pla­kat mit einer erho­be­nen Faust? Klar, da holt jemand zum Schlag aus. Es droht ein neues Bil­der­ver­bot für poli­ti­sche Publi­ka­tio­nen. Und noch mehr: Die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den bekä­men ein ein­fa­ches wie mäch­ti­ges Instru­ment an die Hand, um poli­tisch miss­lie­bige Äuße­run­gen weit­ge­hend will­kür­lich zu kri­mi­na­li­sie­ren. Das wäre eine mas­sive Ein­schrän­kung des Grund­rechts auf Mei­nungs­frei­heit – und weil es sich bei dem Ange­klag­ten ja nicht ein­mal um den Plakat-Urheber, son­dern ledig­lich um den Redak­teur eines Inter­net­por­tals han­delt, auch um eine Aus­he­be­lung der Pressefreiheit.

Der Dis­kurs­ana­ly­ti­ker und Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift kul­tuR­Re­vo­lu­tion Jür­gen Link ging noch einen Schritt wei­ter. Bereits anläss­lich des ers­ten Tor­ten­pro­zes­ses vor einem Jahr ver­öf­fent­lichte er eine „Dis­kurs­ana­ly­ti­sche Wort­mel­dung“, in wel­cher er deut­lich machte: Selbst, wenn auf dem Pla­kat tat­säch­lich eine Bombe zu sehen wäre, würde es sich dadurch nicht um einen Auf­ruf zu Gewalt han­deln – weil bei einer Inter­pre­ta­tion immer Kol­lek­tivsym­bo­li­ken und dis­kur­sive Kon­texte zu berück­sich­ti­gen sind. Um das zu ver­deut­li­chen, über­trägt Link das Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter der Staats­an­walt­schaft pro­be­weise auf eine Kari­ka­tur, wel­che die WAZ elf Jahre zuvor ver­öf­fent­licht hatte. In der Gra­fik ist der dama­lige Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Vol­ker Rühe zu sehen, der den im Roll­stuhl sit­zen­den Wolf­gang Schäu­ble mit einem Pan­zer bedroht. Folge man der Logik der Bochu­mer Staats­an­walt­schaft, stelle diese Ver­öf­fent­li­chung „zwei­fels­frei sogar einen Auf­ruf zum Mord dar.“ Jür­gen Link wei­ter: „Staats­an­wäl­tin W. weiß nicht, dass Kari­ka­tu­ren Kon­flikte sym­bo­lisch dar­stel­len und dazu gro­teske Über­trei­bun­gen als ihr wesent­li­ches Mit­tel ein­set­zen müs­sen. ‚Pan­zer’ bedeu­tet sym­bo­lisch ‚große Entschlossenheit’ (und nicht: rea­ler Pan­zer­ein­satz!!!) – Torte mit Lunte bedeu­tet sym­bo­lisch ‚Ent­schlos­sen­heit mit Spaß’ (erheb­lich klei­nere als Pan­zer!!!), und nicht rea­len Ter­ro­ris­mus! Man muss schon nicht bloß völ­lig humor­los, son­dern außer­dem dis­kurs­ana­ly­tisch eine Null sein, um der­art dane­ben­hauen (keine Unter­stel­lung, Staats­an­wäl­tin W. habe wirk­lich zuge­schla­gen!!!) zu kön­nen.” Zum voll­stän­di­gen Text von Jür­gen Link.

Ob die Staats­an­walt­schaft und die vor­sit­zende Rich­te­rin tat­säch­lich dis­kurs­ana­ly­ti­sche Nul­len sind, oder ob es andere Gründe dafür gibt, dass sie eine Inter­pre­ta­tion des Pla­kats für gül­tig erklä­ren, die über­haupt nichts mit der tat­säch­li­chen dis­kur­si­ven Wir­kung der Ver­öf­fent­li­chung zu tun hat, das kann an die­ser Stelle nicht geklärt wer­den. Fest steht jeden­falls, dass die Demons­tra­tion, zu der das Pla­kat auf­rief, selbst in den Augen der Poli­zei völ­lig fried­lich ver­lau­fen ist. Und obwohl die Poli­zei – wie zu sol­chen Anläs­sen üblich – umfang­rei­che Taschen­kon­trol­len durch­führte, konnte sie nicht einen ein­zi­gen „gefähr­li­chen Gegen­stand“ fin­den – weder als Tor­ten getarnte Bom­ben, noch andere Gegen­stände, die zur Beschlag­nahme geeig­net waren. Dar­über hin­aus ist der jetzt wegen „Auf­ruf zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung“ ver­ur­teilte Redak­teur seit Jahr­zehn­ten ein akti­ves Mit­glied der Frie­dens­be­we­gung und für seine kom­pro­miss­los gewalt­freie poli­ti­sche Linie bekannt.

Diese Tat­sa­chen ver­wei­sen auf eine Fra­ge­stel­lung, um die es bei der Beru­fungs­ver­hand­lung zumin­dest impli­zit auch gehen wird: Wenn Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Gerichte über die Straf­bar­keit einer Publi­ka­tion befin­den, dür­fen sie dann ein­fach eine Inter­pre­ta­tion zur Grund­lage machen, die weder vom Publi­zis­ten selbst, noch von der Ziel­gruppe der Publi­ka­tion, und noch nicht ein­mal im Rah­men des Hege­mo­ni­al­dis­kur­ses als nahe­lie­gend oder gar zwin­gend ange­se­hen wird? Oder ver­let­zen die Behör­den viel­leicht sogar ihre Sorg­falts­pflicht, wenn sie sich auf eine Inter­pre­ta­tion beru­fen, die nichts mit den dis­kur­si­ven Ver­hält­nis­sen zu tun hat, in denen die Publi­ka­tion ver­öf­fent­licht wor­den ist?

Diese Fra­gen sind aus einer dis­kurs– und macht­ana­ly­ti­schen Per­spek­tive inter­es­sant. In der poli­ti­schen Dimen­sion wird in der Beru­fungs­ver­hand­lung aller­dings nicht weni­ger ver­han­delt als die Reich­weite der Grund­rechte auf Presse– und Äuße­rungs­frei­heit. Des­we­gen ist sicher, dass wei­ter­hin viele Augen auf den Bochu­mer Tor­ten­pro­zess gerich­tet sein werden.

Zum Wei­ter­le­sen: Alle Stel­lung­nah­men und Berichte zum Bochu­mer Tor­ten­pro­zess auf bo-alternativ.de

Wortmeldung

Netzfundstück: Laudatio „Verschlossene Auster“

Heri­bert Prantl hielt die Lau­da­tio zur Ver­lei­hung der „Ver­schlos­se­nen Aus­ter“ an die katho­li­sche Kir­che. Den voll­stän­di­gen Text fin­den Sie hier:

Heri­bert Prantl: Das kalte Herz der Kir­che — Katho­li­sche Kir­che erhält Negativ-Preis. Süd­deut­sche Zei­tung, 10.07.2010

Es gibt eine Kir­che, deren Selbst­mit­leid grö­ßer ist als das Mit­leid mit den Opfern. Es gibt eine Kir­che, die glaubt, sie habe ledig­lich ein Pro­blem mit angeb­lich miss­lie­bi­gen Medien. Die­ser Kir­che widme ich die­sen Negativ-Preis, die „Ver­schlos­sene Aus­ter“. Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof mei­ner Hei­mat­diö­zese Regens­burg, dem Bischof Ger­hard Lud­wig Mül­ler. In die­sem Bis­tum Regens­burg liegt Wacker­sorf, der Ort, an dem einst eine Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­lage gebaut und mit aller Macht und Staats­ge­walt gegen den Wil­len der Bevöl­ke­rung durch­ge­setzt wer­den sollte. Was Wackers­dorf für die CSU war, ist Bischof Mül­ler für die katho­li­sche Kir­che: ein Fiasko.

Kir­che kann ihr gesell­schaft­li­ches Gewicht nicht mit Geld, Geschichte und Steu­er­mit­teln erhal­ten oder zeu­gen. Es ent­steht von sel­ber durch Glaub­wür­dig­keit, und es ver­fällt mit Unglaub­wür­dig­keit. Die Kir­che braucht das, was die Medi­zi­ner „resti­tu­tio in inte­grum“ nen­nen, die voll­stän­dige Aus­hei­lung. Mit der For­de­rung nach Öffnung und Demo­kra­ti­sie­rung hat Papst Johan­nes Paul II. einst den Ost­block gesprengt. Diese For­de­rung „liegt jetzt auf den Stu­fen des Peters­doms“ (so Jobst Paul im DISS-Journal 19/2010). Damals, im Ost­block, hieß das Neue „Glas­nost“ und „Perestro­jka“. Heute, in der katho­li­schen Kir­che, heißt es, unter ande­rem, Auf­he­bung des Pflicht-Zölibats und Frauen-Ordination. Glaub­wür­dig wird die Kir­che nur dann, wenn sie den Ursa­chen für die sexu­elle Gewalt und deren jahr­zehn­te­lange Ver­tu­schung auf den Grund geht. Sie muss dazu die ver­stör­ten und empör­ten Fra­gen der Men­schen hören.

Ich habe mit dem Hei­li­gen Franz von Sales begon­nen; mit ihm will ich meine Rede jetzt auch beschlie­ßen. Die­ser hei­lige Franz von Sales ist näm­lich nicht nur Patron der Jour­na­lis­ten. Er ist auch Patron der Gehör­lo­sen. Als sol­chen möchte man ihn bit­ten, sich doch der katho­li­schen Kir­che anzunehmen.

EuroPhantasien (1995) als e-book

Der lange ver­grif­fene Band  Euro­Phan­ta­sien von Irm­gard Pinn und Mar­lies Weh­ner aus dem Jahr 1995 ist jetzt als e-book in unse­rem Text­ar­chiv abruf­bar (Kli­cken Sie bitte auf die Abbil­dung des Covers).

Irm­gard Pinn und Mar­lies Weh­ner
Euro­Phan­ta­sien
Die isla­mi­sche Frau aus west­li­cher Sicht

Elek­tro­ni­sche Fas­sung, erstellt im Juli 2010
Copy­right 1995/2010: DISS

Aus dem Vor­wort der Auto­rin­nen (1995):

Das west­li­che Bild der Mus­li­min basiert wesent­lich auf Pro­jek­tio­nen »abend­län­di­scher« Werte und Gefühle. Es ist Bestand­teil eines Gegen­ent­wur­fes zur »euro­päi­schen Zivi­li­sa­tion« und dient in ers­ter Linie der Kon­sti­tu­tion und Sta­bi­li­sie­rung einer deut­schen bzw. »abend­län­di­schen« Iden­ti­tät. Uns geht es im fol­gen­den weni­ger darum – und das sei vorab beson­ders betont –, wie es in isla­mi­schen Län­dern nun wirk­lich zugeht oder was wirk­lich im Koran über die Frau gesagt wird. Unser Anlie­gen ist es viel­mehr, Kli­schee­bil­der und deren Kon­struk­ti­ons– und Repro­duk­ti­ons­prin­zi­pien auf­zu­zei­gen sowie die Dis­kus­sion dar­über anzu­re­gen, wie Mecha­nis­men der Aus­gren­zung auch in pro­gres­si­ven, lin­ken, femi­nis­ti­schen, inter­na­tio­na­lis­ti­schen Krei­sen wir­ken, wel­che Funk­tion sie haben und wie der­ar­tige Denk– und Hand­lungs­blo­cka­den über­wun­den wer­den könnten.“

Der lange ver­grif­fene Band Euro­Phan­ta­sien von Irm­gard Pinn und Mar­lies Weh­ner aus dem Jahr 1995 ist jetzt als e-book in unse­rem Text­ar­chiv abrufbar.

DJ19: Einer der letzten NS-Verbrecher-Prozesse

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse in Deutschland

Auto­rin: Regina Wam­per

Mit einem Schuld­spruch ging Ende März 2010 einer der letz­ten NS-Verbrecherprozesse in Deutsch­land vor dem Land­ge­richt Aachen zu Ende. Wegen Mor­des in drei Fäl­len wurde der ehe­ma­lige Waffen-SSler Hein­rich Boere, der Mit­glied im Son­der­kom­mando Feld­mei­jer war, zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt. Das Kom­mando Feld­mei­jer tötete unter dem Code­na­men Sil­ber­tanne mehr als 50 ver­meint­li­che Sym­pa­thi­santinnen der Wider­stands­be­we­gung in den Nie­der­lan­den. Für jeden getö­te­ten Nazi wur­den drei „anti­deutsch ein­ge­stellte oder aber als mit Wider­stands­krei­sen zusam­men­ar­bei­tend bekannte Nie­der­län­der“ ermor­det, so auch Fritz Hubert, Ernst Bick­nese, Frans Wil­lem Kus­ters und Teu­nis de Groot. So sollte Wider­stand unter­bun­den werden.

Juris­ti­sche Vorgeschichte

In den Nie­der­lan­den ver­ur­teilte ein Son­der­ge­richt Hein­rich Boere bereits 1949 zum Tode. Das Urteil wurde spä­ter in lebens­lange Haft umge­wan­delt. Boere konnte jedoch noch vor der Urteils­ver­kün­dung flie­hen und lebte seit­her in Eschwei­ler bei Aachen – von deut­schen Behör­den wei­test­ge­hend unbe­hel­ligt. DJ19: Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse’ weiterlesen …

DJ19: Arenen der Identität

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Are­nen der Identität

Fuß­ball­kul­tur und Rassismus

Autor: Jens Zimmermann

Der 19-jährige Stür­mer von Inter Mai­land Mario Balo­telli ist das größte Talent, das der ita­lie­ni­sche Fuß­ball in den letz­ten Jahr­zehn­ten her­vor­ge­bracht hat. Doch wenn er den Platz betritt, dann dau­ert es meist nicht lang, bis ras­sis­ti­sche Gesänge und Rufe durch das Sta­dion hal­len – auch von den eige­nen Fans. Balo­telli ist der Sohn gha­nai­scher Ein­wan­de­rer und besitzt mitt­ler­weile die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Was die Fans von Juven­tus Turin davon hal­ten, konnte man beim Gast­spiel der Inte­risti laut­stark hören: „Es gibt keine schwar­zen Italiener.“In Ita­lien ist man, was ras­sis­ti­sche Fan-Ausfälle angeht, eini­ges gewohnt. Und auch auf dem Platz liegt die Hemm­schwelle nicht gerade hoch. So ent­bot der Stür­mer Paolo di Canio von Lazio Rom nach Toren regel­mä­ßig den faschis­ti­schen Gruß und zeigte dabei seine „Dux“-Tätowierung – und auch der ehe­ma­lige ita­lie­ni­sche Natio­nal­tor­hü­ter Chris­tian Abbiati plau­derte in der Gaz­zetta dello Sport offen über seine Bewun­de­rung für die faschis­ti­sche Ideologie.

Sol­che offe­nen Bekennt­nisse zu Ras­sis­mus und Faschis­mus kennt man hier­zu­lande von Bun­des­li­ga­stars und Natio­nal­spie­lern nicht. Hier bricht das Res­sen­ti­ment eher abseits der Kame­ras aus. DJ19: Are­nen der Iden­ti­tät’ weiterlesen …

DJ19: Transparenz und Umgestaltung

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Trans­pa­renz und Umgestaltung

Die recht­li­che Auto­no­mie der katho­li­schen Kir­che ist unhalt­bar geworden

Autor: Jobst Paul

In sei­ner Kar­frei­tags­an­spra­che (am 2. April 2010 im Peters­dom) meinte der ‚Pre­di­ger des Päpst­li­chen Hau­ses‘, P. Rani­ero Can­tal­amessa, der Zeit­punkt sei gekom­men, die ‚Ver­ge­bungs­bitte für kol­lek­tive Schuld‘ aus­zu­spre­chen — nicht wegen „der Gewalt gegen Kin­der, mit der sich lei­der auch Ele­mente des Kle­rus befleckt“ hät­ten, denn davon sei „drau­ßen genug die Rede“. Viel­mehr ginge es um die „Gewalt gegen die Frauen“, für die die männ­li­che „Hälfte der Mensch­heit“ um Ver­ge­bung bit­ten solle. In einer wei­te­ren über­ra­schen­den Wen­dung nahm Can­tal­amessa für die Kir­che in Anspruch, in der Nach­folge Christi die Gewalt über­wun­den zu haben: DJ19: Trans­pa­renz und Umge­stal­tung’ weiterlesen …

DISS-Journal 19 erschienen

DISS-Journal 19 — Juni 2010

Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Aus dem Inhalt:

Trans­pa­renz und Umge­stal­tung
Die recht­li­che Auto­no­mie der katho­li­schen Kir­che ist unhalt­bar gewor­den
(Jobst Paul)

Well­ness­dis­kurs und neo­li­be­rale Ratio­na­li­tät
All­tags­be­wäl­ti­gung im Zeit­al­ter neo­li­be­ra­ler Ratio­na­li­tät
(Daniel Alings, Jonas Barth, Mathis Eckel­mann, Imo­gen Feld, Phil­ipp Höfe­ner, Mar­tin Hüne­mann, David Kowal­ski und Marina Mohr)

Das Wahr­heits­re­gime pre­kä­rer Ver­hält­nisse
(Niels Spilker)

Are­nen der Iden­ti­tät
Fuß­ball­kul­tur und Ras­sis­mus
(Jens Zimmermann)

Die „Irrun­gen“ eines „Fehl­ge­lei­te­ten“
Der His­to­ri­ker Theo­dor Schie­der und der Natio­nal­so­zia­lis­mus
(Michael Lausberg)

Einer der letz­ten NS-Verbrecher-Prozesse in Deutsch­land
(Regina Wamper)

Exit(us)-Strategie“ in Afgha­nis­tan?
Unser Appell wird täg­lich aktu­el­ler!
(Jür­gen Link)

Kosovo – war da was? Ist da was?
(Eck­art Spoo)

Leben in Viel­falt:
Für eine Poli­tik der Hoff­nung ohne Angst
Ein Mani­fest für ein ande­res Europa

Absage an die Poli­tik der Angst — Inter­view mit Teun A. van Dijk

medico inter­na­tio­nal
Hilfe, die auf Ver­än­de­rung drängt
Inter­view mit Tho­mas Gebauer

Rezen­sio­nen

Ein­bli­cke. Fou­cault­sche und sprach­wis­sen­schaft­li­che Dis­kurs­ana­lyse
(Sieg­fried Jäger)


Netzfundstück: Hymnen, Flaggen, Fangesänge

Der Internet-Sender detektor.fm aus leip­zig sen­dete heute ein Inter­view mit DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zum Thema »Hym­nen, Flag­gen, Fan­ge­sänge — wie weit ist es zur Menschenfeindlichkeit?«.

Anmo­de­ra­tion:

Fuß­ball ver­bin­det. Doch lei­der sind oft­mals auch Ras­sis­mus, Homo­pho­bie und Men­schen­feind­lich­keit mit im Sta­dion. Ein Inter­view über Flag­gen, Hym­nen und die Gret­chen­frage, wie­viel unbe­schwer­tes Fei­ern erlaubt ist.

Eigent­lich ist es ja das nor­malste der Welt: die Flag­gen und Fah­nen, die zur WM über­all auf­tau­chen. Natür­lich drückt man sei­nem Hei­mat­land die Dau­men – und warum sollte man das nicht auch zei­gen. Das Ganze hat aber manch­mal auch eine Kehr­seite – und die ist für die, die im Fei­er­tau­mel sind, nur schwer zu erken­nen: Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit im Sport. Wäh­rend eines sol­chen Groß­er­eig­nis­ses wie der WM tref­fen ver­schie­denste Natio­nen auf­ein­an­der. Die Frage ist also: baut sowas Vor­ur­teile ab? Oder bre­chen sie dadurch erst recht auf?

Dar­über spre­chen wir jetzt mit einem Exper­ten vom  Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung, kurz DISS. Dort wird seit 1987 beob­ach­tet und erforscht, wie sich Rechts­ex­tre­mis­mus, Ras­sis­mus und sozia­ler Aus­gren­zung in der Gesell­schaft ent­wi­ckeln, wie dar­über debat­tiert wird, wo es sich fest­setzt. Die For­scher spre­chen dabei von Dis­kur­sen. Und wie prä­sent sol­che men­schen­feind­li­chen Dis­kurse im Fuß­ball sind, das fra­gen wir Jens Zim­mer­mann vom DISS.

Das Inter­view kön­nen Sie als mp3-Audio-Datei von der Web­site von detektor.fm her­un­ter­la­den (8:20 Minu­ten, 8 MB):

http://detektor.fm/download/?file=/images/uploads/mp3/Jens_Zimmermann_ber_Rassismus_und_Fremdenfeindlichkeit_im_Fuball_WEBSITE_1.mp3

Johann Jacoby, Bürgerrechtler

DISS-Vortrag in Hattingen

Fast auf den Tag zum 205. Geburts­tag, am 2. Mai 2010, erin­nerte Jobst Paul (DISS) in einem Vor­trag in Hat­tin­gen an die denk­wür­dige Bio­gra­phie des Königs­ber­ger Arz­tes, Publi­zis­ten und Bür­ger­recht­lers Johann Jacoby (1805–1877). Jacoby, der zwi­schen 1840 und 1870, also über Jahr­zehnte für soziale Gerech­tig­keit, aber auch für Frei­heits­rechte kämpfte und zeit­weise zum per­sön­li­chen Gegen­spie­ler Bis­marcks wurde, wollte zwar als nicht-religiöser Jude ver­stan­den wer­den, ori­en­tierte sich aber gleich­wohl an den kon­se­quen­ten Gleich­heits­theo­re­men der jüdi­schen Sozi­al­ethik. Ruth Jacoby, die schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin in Ber­lin und Ver­wandte Johann Jaco­bys, war in Hat­tin­gen anwe­send.1

Johann Jacoby – Bürgerrechtler

Johann Jacoby hat sich zeit­le­bens extreme mensch­li­che und poli­ti­sche Span­nun­gen zuge­mu­tet, oder bes­ser: er hat sich oft kom­pro­miss­los in die Span­nun­gen sei­ner Zeit hin­ein­ge­wor­fen. Es ist des­halb kein Wun­der, wenn diese Span­nun­gen auch noch ganz am Schluss, näm­lich bei Jaco­bys Begräb­nis am 11. März 1877, aufbrachen:

Schon Mit­tags – so ein Augen­zeuge — war das Volk von Königs­berg auf dem Uni­ver­si­täts­platze und in den umlie­gen­den Stra­ßen in unzäh­li­gen Mas­sen erschie­nen; Deputa­tionen der socia­lis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, der Arbei­ter Ber­lins, Bres­laus, Ham­burgs, Cölns, Braun­schweigs und ande­rer Städte, der Arbeiter­frauen Ber­lins, der „Ber­li­ner Freien Presse“, der „Frank­fur­ter Zei­tung“, sowie Abge­sandte der demo­kratischen Ver­eine von Ber­lin und von Frank­furt a. M., vom Königs­ber­ger Hand­wer­ker­ver­ein, von der schwäbi­schen Volks­par­tei u. s. w., u. s. w. hat­ten sich vor dem Hause Jacoby’s auf­ge­stellt und hiel­ten rie­sige Lor­beer­kränze in den Händen.“

Berich­tet wird von 5000 Trau­er­gäs­ten allein in Königs­berg (Gedenk­ver­an­stal­tun­gen gab es auch in ande­ren deut­schen Städ­ten). Ursprüng­lich plan­ten die Ver­tre­ter der „Fort­schritts­par­tei“ eine Art Kund­ge­bung am Grab. Da aber die jüdi­sche Gemeinde dort nur kurze Erklä­run­gen dul­dete, dräng­ten sie sich schon zuvor, näm­lich „hin­ter dem Lei­chen­wa­gen mög­lichst auf­fäl­lig in den Vordergrund.“

Die jüdi­sche Gemeinde befürch­tete aber auch eine innere Zer­reiß­probe. Jacoby hatte sich stets als nicht-religiös posi­tio­niert. Wie sollte sich Rab­bi­ner Isaac Bam­ber­ger in sei­ner Anspra­che dazu stel­len? ‚Johann Jacoby, Bür­ger­recht­ler’ weiterlesen …

  1. Vgl. auch: Der Westen: Johannes-Gemeinde.  Schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin zu Besuch, Hat­tin­gen, 03.05.2010, Hen­drik Stei­mann []

Netzfundstück: Politologentrug

Auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist ein Text von Prof. Wolf­gang Wip­per­mann abruf­bar, der auf einem Vor­trag beruht, den er im März 2010 in Duis­burg gehal­ten hat:

Poli­to­lo­gen­trug
Ideo­lo­gie­kri­tik der Extremismus-Legende

Her­aus­ge­ber Fried­rich Bur­schel schreibt in sei­ner Ein­lei­tung u.a.:

Dem Text «Poli­to­lo­gen­trug» von Wolf­gang Wip­per­mann liegt sein Vor­trag beim Gesprächs­kreis «Rechts­ex­tre­mis­mus» der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ber­lin in Duis­burg am 19. März 2010 zugrunde. In Koope­ra­tion mit dem Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung (DISS) stell­ten drei Wis­sen­schaft­ler ihre The­sen zum «Extremismus»-Begriff zur Dis­kus­sion. Neben Pro­fes­sor Wip­per­mann spra­chen Ste­fan Kausch (Forum Kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung, Leip­zig) zu «Ordnung.Macht.Extremismus. Das Kon­strukt der ‹guten Mitte› und alter­na­tive Per­spek­ti­ven» sowie der DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann zu «Wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Ele­men­ten einer Kri­tik der Extre­mis­mus­for­schung und Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse als alter­na­tive Per­spek­tive für eine kri­ti­sche Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung». Dem Gesprächs­kreis ging es um die Pro­ble­ma­tik des Extre­mis­mus­be­griffs und seine poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung. In den zurück­lie­gen­den Mona­ten konnte beob­ach­tet wer­den, wie der seit Jah­ren umstrit­tene und wis­sen­schaft­lich eigent­lich ver­wor­fene Begriff des Extre­mis­mus fröh­li­che Urstände fei­ert und in durch­sich­ti­ger Weise instru­men­tell in Dienst genom­men wird.

Den voll­stän­di­gen Text fin­den Sie HIER.