DISS-Neuerscheinung: Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien

Ab sofort lieferbar ist die DISS-Neuerscheinung:

Paul Bey, Benno Nothardt (Hg.)
Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien
Im Spannungsfeld von Hate Speech, Fake News und Algorithmen

160 Seiten, 16 EUR, ISBN 978-3-89771-773-2
Edition DISS im Unrast-Verlag, Band: 44

 

 

 

 

Die politische Kultur ist aktuell in einen Kampf um Meinungsfreiheit und mediale Wahrheit verwickelt. Während die einen den Medien weiterhin Unabhängigkeit und Objektivität bescheinigen, wird ihnen von der anderen Seite »Lügenpresse«, »Political Correctness« und »Fake News« entgegengeschleudert. Die Autor*innen dieses Bandes untersuchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln den umkämpften Begriff im Spannungsfeld von extremer Rechten, Leitmedien und Digitalisierung. Sie zeigen auf, mit welchen Strategien extreme Rechte Diskurse und digitale Algorithmen in sozialen Medien manipulieren, während sie gleichzeitig Meinungsfreiheit als Kampfbegriff nutzen, um Kritik an diskriminierenden Aussagen als vermeintliche Zensur abzuwehren. Gezeigt wird auch, wie sich der umkämpfte Begriff der Politischen Korrektheit verändert hat und Provokationen ein Teil des Erfolgsrezeptes für den Aufstieg der AfD sind.

 

Inhalt

Helmut Kellershohn
Vom kalkulierten Tabubruch zum Appell an die Meinungsfreiheit.
Wie die Rechte das Gespräch über sie und mit ihr erzwingen will

Andrea Becker
Trolling, Memes, strategische Verstärkung.
Zum rechten »Kampf um die Algorithmen«

Marc Fabian Erdl
»Gefahr erkannt, davongerannt«.
Wie die Linken in den Neunzigerjahren den Kairos verpassten, den Mythos der Politischen Korrektheit zu versittlichen

Jobst Paul
»Truth isn’t Truth« – Fake News und Real News
in der Ära Trump

capulcu redaktionskollektiv
Autonomie und Herrschaft in digitalisierter Fremdbestimmung.
Technologiekritik als Herrschafts- und Zivilisationskritik

Jennifer Eickelmann
Ab- und Ausgrenzungspolitiken im Netz.
Ein Vortrag zur Notwendigkeit einer dualismuskritischen Perspektivierung

 

Das Vorwort finden Sie hier als PDF-Datei.
Bitte bestellen Sie das Buch beim Unrast-Verlag, Münster.

DISS-Neuerscheinung zur AfD-Sozial- und Wirtschaftspolitik

Ab sofort lieferbar ist die DISS-Neuerscheinung:

Andrea Becker, Simon Eberhardt, Helmut Kellershohn (Hg.)
Zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹
Sozial- und wirtschaftspolitische Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten

272 Seiten, 24 EUR, ISBN 978-3-89771-772-5
Edition DISS im Unrast-Verlag, Band: 43

 

 

Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der sozial- und wirtschaftspolitischen Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten und unterzieht diese einer kritischen Analyse. Die Beiträge berücksichtigen dabei drei Dimensionen: erstens die Ebene der Akteure, also der Kräfte, die die Debatte bestimmen; zweitens geht es um konkrete Themenfelder, in die mit Konzepten,  Thesenpapieren etc. interveniert wird; und drittens geht es um die jeweiligen ideologiepolitischen Perspektiven und deren Verortung im Spannungsfeld zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹, sowohl unter dem Blickwinkel der innerparteilichen Auseinandersetzungen als auch unter dem der Relevanz für die von der AfD angesprochene Wählerkoalition. Darüber hinaus spannt das Buch einen ideengeschichtlichen Bogen zurück zur sogenannten ›Konservativen Revolution‹, die der Neuen Rechten als eine Art Steinbruch von Ideen und Argumenten dient, die je nach Lage und Intention aktualisiert und angepasst werden.

 

Inhalt

Teil I
Zwischen »nationalem Sozialismus« und »autoritärem Liberalismus«.
Ideengeschichtliche Bausteine für die heutige Rechte in der ›Konservativen Revolution‹

Michael Lausberg
Oswald Spenglers »Preußentum und Sozialismus«

Volker Weiß
»Sozialismus« bei Arthur Moeller van den Bruck

Simon Eberhardt
Sozialismus von Rechts? Wirtschaftspolitische Konzepte der Zeitschrift »Die Tat«

Helmut Kellershohn
Autoritärer Liberalismus. Zum Zusammenhang von Neoliberalismus und ›Konservativer Revolution‹

Teil II
Aktuelle wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte der Rechten zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹

Gideon Botsch / Christoph Kopke
Zwischen »Raumorientierter Volkswirtschaft« und »Antikapitalismus-Kampagne«. Die sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen der NPD in der ›Ära Voigt‹ (1996 bis 2011)

Helmut Kellershohn
Nationaler Wettbewerbsstaat auf völkischer Basis in einem »Europa der Nationen«. Die Programmatik der AfD seit 2016

Simon Eberhardt / Sebastian Friedrich
Der Kampf zweier Linien. Wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte im rechten Projekt

Helmut Kellershohn
Mit Marx für einen ›Antikapitalismus‹ von rechts?
Über das wundersame Interesse neurechter Vordenker an Marx

Michael Barthel/Anna-Lena Herkenhoff
Die Zeitschrift »Compact« und die Soziale Frage

Lucius Teidelbaum
Die »Denkfabrik für Wirtschaftskultur«: Think national, act local

Clemens Hötzel
Antiamerikanische und antisemitische Denkfiguren im ›Antikapitalismus‹ von rechts

Teil III
Wirtschafts- und sozialpolitische Themen- und Kampffelder

Gerd Wiegel
Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD im Bundestag

Tim Ackermann/Mark Haarfeldt
Die Rentenpolitik der AfD zwischen neoliberaler Privatisierung und völkischer Sozialdemagogie

Eddy Scholz
Richtungsstreit innerhalb der AfD am Beispiel der Bundestagsdebatte um befristete Beschäftigungen

Nicole Gohlke/Christian Schaft
Völkisch, reaktionär und elitär. Das Hochschul- und Wissenschaftsprogramm der AfD

Tim Ackermann/Mark Haarfeldt
Angriff auf die Gewerkschaften: Eine ›alternative‹ Gewerkschaft für Deutschland?

Andrea Becker
Gravitationskräfte. Eine akteurbasierte empirische Netzwerkanalyse
wirtschaftspolitischer Einflussbeziehungen in der AfD

 

Das Vorwort finden Sie hier als PDF-Datei.
Bitte bestellen Sie das Buch beim Unrast-Verlag, Münster.

DISS Jahreskolloquium 2019

DISS-Kolloquium 2019: Entfremdung, Identität und Utopie

Akademie Frankenwarte Würzburg (22.11.-24.11.2019)

Das diesjährige Kolloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (Tagungsort: Akademie Frankenwarte, Würzburg, 22.-24. November 2019) ist der Trias von Entfremdung, Identität und Utopie gewidmet.

Damit werden gesellschaftstheoretische und gesellschaftskritische Fragestellungen aufgegriffen, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Das Kolloquium thematisiert die gesellschaftlichen und diskursiven Kontexte, in denen diese Fragestellungen aufgeworfen werden, und will die theoretische und politisch-praktische Relevanz dieser kategorialen Trias überprüfen.

Die Debatte um den Entfremdungsbegriff reflektiert zum einen das neue Interesse an der Marx-Lektüre, das seit der Jahrtausendwende Ausdruck der Krisenprozesse ist, die die kapitalistische „Welt“ durchziehen und nach Erklärungsmustern suchen lassen. In diesem Zusammenhang wird das Verhältnis zwischen dem „frühen“ Marx und dem Marx der „Kritik der Politischen Ökonomie“, zwischen Entfremdungskritik und der Kritik des Warenfetischismus erneut thematisiert. Zum anderen verweist der Entfremdungsdiskurs auf die individuellen Leidenserfahrungen, die den Alltag der Menschen bestimmen.

Korrespondierend zum Entfremdungsbegriff nimmt der Identitätsbegriff einen immer breiteren Raum ein in der Debatte um die Gestaltung von nichtentfremdeten Lebensverhältnissen. ‚Identität‘ (bzw. ‚kollektive Identität‘) ist zur Chiffre geworden, unter der sich unterschiedliche Gruppen formen, denen es um eine Änderung vorherrschender Lebens- und Denkweisen geht, die sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen herausgebildet haben. Die jeweiligen Gemeinschaftsvorstellungen, ihre Begründungen und Handlungsstrategien werden seit einigen Jahren breit und kontrovers erörtert. Auf Seiten der Linken stellt sich speziell die Frage, wie Identitäts- und Klassenpolitik zueinander stehen. Demgegenüber erheben rechtspopulistische und extrem rechte Bewegungen das „Deutsch-Sein“ (im völkischen Sinne) und das volksgemeinschaftliche Wir zum allein bestimmenden Identitätsmerkmal.

Die Diskussion zum Entfremdungs- wie auch zum Identitätsbegriff nehmen die Vorstellungen von einer anderen, besseren Welt auf. Seit Karl Mannheim und Ernst Bloch wird Utopie nicht mehr primär als ein literarisches Genre („Staatsromane“, „soziale Utopien“), sondern als eine Denkform, als „utopisches Bewusstsein“ (Karl Mannheim) betrachtet, die es für kultur- und sozialwissenschaftliche Analysen fruchtbar zu machen gilt. Gefragt wird danach, inwieweit sich Utopie von Ideologie unterscheiden lässt, sowie allgemein nach der sozialen Funktion von Utopien. Es stellt sich die Frage, inwieweit der Begriff des Utopischen geeignet ist, eine motivierende, mobilisierende und verändernde Kraft zu entfalten.

Programm

Aktuelle Konfliktlinien innerhalb der Linken. Zur falschen Entgegensetzung von Klassenpolitik und Identitätspolitik
Stefanie Graefe, Jena

Von der Entfremdungskritik zum Fetischbegriff. Karl Marx‘ gesellschaftskritische Kategorien. Deutungen und Kontroversen
Wolfgang Kastrup, Duisburg

Neuere Entfremdungstheorien bei Rahel Jaeggi, Hartmut Rosa und Axel Honneth
Marvin Müller, Münster

Identitätspolitik: Herausbildung, Deutungsformen und kollektive Bewegung
Peter Höhmann, Mülheim/R.

Identitätspolitiken: Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken
Lea Susemichel, Wien

Klassenkampf statt Diversity-Programme
Eleonora Roldán Mendívil / Bafta Sarbo, Berlin

„Die Hauptfront des zwanzigsten Jahrhunderts verläuft zwischen Identität und Entfremdung.“ Über rechte Entfremdungskritik und Identitätspolitik
Helmut Kellershohn, Duisburg

„Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Ein Plädoyer für Mehrsprachigkeit
Jörg Senf, Rom

Utopisches Denken. Anmerkungen zum Utopie-Begriff in den Sozialwissenschaften
Marvin Chlada, Duisburg

Die Bestimmung „notwendiger Arbeit“ als Kampffeld für „revolutionäre Realpolitik“
Jutta Meyer-Siebert, Hannover

Gewalt – Autonomie – Utopie
Andreas Kemper, Münster

Anmeldungen

Akademie Frankenwarte, Würzburg, Tel.: 0931/80464-347 oder E-Mail: julia.reuss@frankenwarte.de

DISS-Online-Bibliothek: Wernher von Braun

In der DISS-Online-Bibliothek erschien ein neuer Artikel von Anton Maegerle zu Wernher von Braun.

Nazi-Raketenbauer und die US-Mondlandung

Der als „Vater der Raumfahrt“ glorifizierte Wernher von Braun gilt noch heute vielen als großer Wissenschaftler und Visionär, sein Name steht für die Eroberung des Weltraums durch den Menschen. Bis zu seinem Tod galt Braun als unpolitischer Fachmann. Erst nach seinem Tod gab es öffentlich Zweifel an seinem Ruhm und das geschönte Bild des nur der Wissenschaft ergebenen Physikers begann aufgrund immer neuer Indizien zu bröckeln. Denn: Der Ritterkreuzträger verkörperte auch das Bündnis von Wissenschaft und Diktatur, die moderne Technik im Dienst des Nationalsozialismus.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der DISS-Online-Bibliothek: Nazi-Raketenbauer und die US-Mondlandung

DISS-Neuerscheinung: Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe

Cover Handbuch Kampfbegriffe
Cover Handbuch Kampfbegriffe

Ab sofort ist die zweite, komplett überarbeitete und erweiterte Auflage des Handbuchs rechtsextremer Kampfbegriffe lieferbar.

 

Das Buch ist erhältlich beim Wochenschau-Verlag.

 

 

Bente Gießelmann, Benjamin Kerst, Robin Richterich, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hg.)
Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe
Wochenschau-Verlag (Frankfurt/M.) 2019
424 Seiten, 29,80 EUR
ISBN: 978-3-7344-0819-9 (Print) / 978-3-7344-0820-5 (PDF)

 

Was meinen Rechtsextreme, wenn sie von Islamisierung, Kameradschaft oder Schuld-Kult sprechen? Dieses Hand­wörterbuch zeigt, wie die extreme Rechte mit Begriffs(um)deutungen und Wortneuschöpfungen Bausteine ihrer Welt­anschauung über die Sprache zu vermitteln und zu verankern versucht.

Das Buch wendet sich insbesondere an Multiplikator_in­nen aus Schule, Medien, Sozialarbeit und Gewerkschaft. Der Band ist Ergebnis eines Kooperationsprojekts zwischen dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung und dem Forschungs­schwer­punkt Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf.

Das Handwörterbuch erschließt das begriffliche Kontinuum der extremen Rechten und bietet eine Grundlage für die fundierte Auseinandersetzung damit. Für diese Neuauflage wurde es komplett überarbeitet und um mehrere Stichworte, wie z.B. Identität oder Lügenpresse, ergänzt.

Inhalt:

68er
von Fabian Virchow
Abendland
von Jespa J. Kleinfeld
Dekadenz
von Felix Kronau
Demokratie
von Robin Richterich
Deutschenfeindlichkeit
von Bernhard Steinke
Flüchtling
von Michael Lausberg
Freiheit
von Fabian Virchow
Gemeinschaft
von Leroy Böthel
Gender-Ideologie
von Regina Wamper
Heldengedenken
von Robin Richterich und David Freydank
Identität
von Kathrin Glösel, Natascha Strobl und Julian Bruns
Islamisierung
von Benjamin Kerst
Jude
von Stefan Vennmann und Frank Lattrich
Kameradschaft
von Christoph Schulze
Kapitalismus
von Fabian Virchow
Lügenpresse
von Jan Rathje
Nation
von Alexander Häusler
Nationaler Sozialismus
von Mark Haarfeldt
Natur
von Fabian Virchow
Political Correctness
von Bente Gießelmann
Rasse
von Sebastian Friedrich
Raum
von Mark Haarfeldt
Schuld-Kult
von Lenard Suermann
Staatsversagen
von Helmut Kellershohn
Umvolkung
von Helmut Kellershohn
USA
von Tim Ackermann
Zigeuner
von Alexandra Graevskaia

DISS-Journal 37 erschienen

Die neue Ausgabe unserer Institutszeitschrift DISS-Journal ist erschienen und kostenlos als PDF-Datei abrufbar.

 

 

 

 

 

 

Hegemoniekrise und autoritäre Entsprechungen

Der Neoliberalismus als Regulationsform des Kapitalismus befindet sich im Krisenmodus. Rechtspopulistische und nationalistische Parteien und Bewegungen fordern als Konsequenz autoritäre Antworten, nicht nur in der Flüchtlingspolitik. Die Wahlen zum Europaparlament haben gezeigt, dass ihre chauvinistischen Erklärungen der Krise bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Gleichzeitig ist zu sehen, dass traditionelle Volksparteien große Teile ihrer Wählerbasis verloren, sie ihre Glaubwürdigkeit bei vielen Menschen eingebüßt haben. Der rechte und nationalistische Diskurs hat in den letzten Jahren immer mehr an Stärke gewonnen und Eingang in nationale wie europäische Institutionen gefunden. Krisen werden zunehmend autoritär bearbeitet, was sich u.a. gegenüber der griechischen Syriza-Regierung und der Bevölkerung gezeigt hat. Im Kampf gegen eine zunehmende Anzahl von Flüchtlingen in Europa, im Kampf gegen einen islamistischen Terror und gegen eine Weltsituation, die zunehmend unsicherer und viele Menschen ratloser macht, weil alte Gewissheiten nicht mehr vorhanden sind, betont das „Europäische Staatsapparate-Ensemble“ (Lukas Oberndorfer), dass Lösungen nicht national, wie es die rechtspopulistischen Parteien fordern, sondern nur auf europäischer Ebene erfolgreich sein können: europäisches Grenzregime, europäische Sicherheitspolitik, ja sogar der Aufbau einer europäischen Armee. Autoritäre Antworten, um der Krise zu begegnen. Allerdings gibt es dabei Konflikte und Kämpfe um die jeweiligen nationalen Beteiligungen und Finanzierungen. Während im Bereich der Ökonomie weitere Integrationen eher nicht erwünscht sind, werden sie im sozialen Bereich deutlich abgelehnt. Autokratische Potentaten, nicht nur in Europa, machen sich daran, demokratische Errungenschaften ab- und rechtsstaatliche Ordnungsstrukturen umzubauen. Dabei geht es auch um das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus.

 

Inhalt:

„An allem sind die Ausländer schuld…“
Rechtspopulistische Kontinuitäten und Brüche aktueller Fremdheitsbilder
Thomas Kunz

Das Europabild der AfD
Helmut Kellershohn

Mit Marx für die ‚Volksgemeinschaft‘?
Über das wundersame Interesse neurechter Vordenker an Marx
Helmut Kellershohn

Der Mueller-Report: Zwischen Ernüchterung, Entsetzen und Realpolitik
Jobst Paul

Warten auf die nächsten Seifenblasen –
Großbritannien vor der Europawahl
Robert Tonks

Menschenrechte und Humanität sind nicht verhandelbar:
„Ist der Geburtstag des Grundgesetzes Anlass zum Feiern?“
Heiko Kauffmann

Geschlechterverhältnis und Kapitalismus
Alex Demirovic‘ Plädoyer für ein klassenpolitisches Verständnis des multiplen Herrschaftszusammenhangs
Eine Rezension von Wolfgang Kastrup
(Demirovic, Alex 2018: Das Geschlechterverhältnis und der Kapitalismus. Plädoyer für ein klassenpolitisches Verständnis des multiplen Herrschaftszusammenhangs)

Ein gewählter Diktator
Eine Rezension von Jobst Paul
(Ryan Alford: Permanent State of Emergency: Unchecked Executive Power and the Demise of the Rule of Law)

Elitärer Populismus
Eine Rezension von Jobst Paul
(Nicole Hemmer: Messengers of the Right. Conservative Media and the Transformation of American Politics.)

Wie stoppt man Demagogen?
Oder: Ist Rhetorik für Demagogie verantwortlich?
Eine Rezension von Jobst Paul
(Patricia Roberts-Miller: Demagoguery and Democracy)

DISS-Kolloquium 2019
Entfremdung, Identität und Utopie

Der Mensch. Die Pflanze.
Das DISS auf der Bundesgartenschau 2019

Silke Wagner & das DISS: Kunstprojekt auf der Bundesgartenschau

Der Mensch. Die Pflanze.

Das DISS auf der Bundesgartenschau.

In dem ungewöhnlichen Projekt ‚Migration und Pflanze‘ der Frankfurter Künstlerin Silke Wagner zur Heilbronner Bundesgartenschau 2019 nähern sich verschiedene Akteure dem Thema Migration in unerwarteter Weise: Die Verschränkung der Diskurse über Pflanzen und deren Migration mit dem aktuellen, eben Menschen betreffenden Migrationsdiskurs führt einerseits zu unerwarteten Reflexions- und Diskussionsanstößen. Zugleich schafft Silke Wagner durch die ästhetisch-künstlerische Dimension ihres Projekts einen sinnlichen Raum, in dem Fremdheit, unterschiedliche Perspektiven, Standpunkte und Begrifflichkeiten unscharf werden oder sich ganz verflüchtigen.

Anstoß für die Projektidee Silke Wagners war „eine Besonderheit der Stadt, deren Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei 53% liegt; 140 verschiedene Nationen leben in Heilbronn“.

Die Künstlerin übersetzte die Thematik zunächst in aussagekräftige Statistiken zum Thema Migration, etwa zum Verhältnis zwischen Arbeitsmigration und Flucht, zum Anteil der Einwanderer im Vergleich zu dem der Auswanderer, zur Armutsgefährdungsrate von Kindern mit Migrationshintergrund oder zum Anteil an Frauen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen usw. Danach verwandelte sie diese Gegenüberstellungen in 13 grafische Kompositionen: Botanische Bezeichnungen, einerseits von Pflanzen, die als ‚einheimisch‘ gelten, und solchen, denen noch immer der Status der ‚Zuwanderer‘ gegeben wird, verschmelzen dabei zu einer Einheit. Die in hellen, duftigen Farben gehaltenen Grafiken sind für die Dauer der Gartenschau auf die Glasfassaden der Tram-Haltestellen zwischen dem Heilbronner Bahnhof, dem Gelände der BUGA und dem Kunstverein Heilbronn aufgebracht.

Die grafische Aufarbeitung des Themas bildet freilich nur einen Teil des Gesamtprojekts. Zu einem Begleitband steuerte der Landschaftsforscher Thomas Breunig ausführliche botanische Steckbriefe bei. Die Berliner Ethnologin Regina Römhild untersuchte in einem Aufsatz den Zusammenhang zwischen Migration, Macht und Gesellschaft, während die Kunst- und Landschaftshistorikerin Annemarie Bucher einen kritischen Überblick zum Thema Pflanzen und Migration vorlegte.

Für das DISS ist Jobst Paul im Band mit 13 begleitenden Denktexten vertreten, die einige Aspekte des Themas kritisch vertiefen. Im Heilbronner Kunstverein hielt er darüber hinaus am 16. Mai 2019 einen Vortrag zum Thema: Wir gegen Sie. Zu den Abgründen sprachlicher Grenzziehungen“. Darin analysierte er insbesondere den Begriff der ‚Neophyten‘, der gegenwärtig in populistischen und rechtsextremen Diskursen (parallel z.B. zur ‚Wolfsdebatte‘) verwendet wird, um eine Kulisse der Angst nicht nur vor botanischen, sondern auch vor migrantischen ‚Invasionen‘ aufzubauen. Wie sich zeigt, nötigte der Begriff schon im Jahr 1903, als der Schweizer Botaniker Rikli ihn auf Pflanzen übertrug, der Öffentlichkeit eine sehr fragwürdige Perspektive auf: Als Neophyten galten zu diesem Zeitpunkt erwachsene Konvertiten, die von der Kirche unter weiterer Beobachtung standen (vgl. Näheres im Manuskript: Jobst Paul, „Wir gegen Sie. Zu den Abgründen sprachlicher Grenzziehungen“ vom 16. Mai 2019)

Silke Wagner: Migration und Pflanze

Kat. Kunstverein Heilbronn zur Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn

Ausstellungshandbuch, hrsg. von Matthia Löbke und Gabriele Sand
Texte (dt./eng.) von Annemarie Bucher, Thomas Breunig, Matthia Löbke und Gabriele Sand, Jobst Paul, Regina Röhmhild 248 S. mit 80 farbigen Illustrationen Format 21,5 x 13 cm, Leinen dreifarbig geprägt
ISBN 978-3-86442-277-5 24,80

 

Vor 20 Jahren wurde Egon Effertz ermordet

Mahnmal für Egon Effertz. Duisburg Walsum, Franz-Lenze-Platz, 17.3.2019. Foto: M. Dietzsch.

Vor 20 Jahren wurde in Duisburg Walsum Egon Effertz von Neonazis ermordet. In einem Artikel auf Der Westen kommt auch DISS-Mitarbeiter Martin Dietzsch zu Worte.

Auch der Prozess habe gezeigt, dass die Täter in der rechten Szene verwurzelt waren: „Das Lieblingslied des Haupttäters war ein Hetzlied gegen Juden, darin heißt es ‚Wetzt die langen Messer / Auf dem Bürgersteig! / Laßt die Messer flutschen / In den Judenleib!“ Davon aufgepeitscht, sind sie auf die Straßen gegangen. Aber er wurde damals als unpolitisch gewertet.“ Kein Einzelfall, so der Soziologe: „Es gab mehrere Fälle in Duisburg, in denen die Ideologie heruntergespielt wurde, etwa den Fall der ‚Legion 47‘ 2015.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel auf dem Portal Der Westen:

https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/duisburg-rechte-menschenjagd-der-tag-als-egon-effertz-starb-id216652659.html

Rezension: Kritische Reflektion über Bilder

Kritische Reflektion über Bilder in Themenausstellungen zu Migration

Rezension von Michael Lausberg

In seiner Dissertation an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln untersucht Tim Wolfgarten 814 Ausstellungen zum Thema Migration zwischen 1974 und 2013 und deren Vermittlung auf bildlicher Ebene. Dabei stehen die inhaltliche Vermittlung und die Affekte über die formale Bildgestaltung hinaus im Mittelpunkt.

Zunächst geht es um die Beschreibung der Untersuchung: Es werden Rahmenbedingungen skizziert, wie die Ausstellungen erhoben und welche Kriterien dafür herangezogen wurden. Anschließend geht es um das Bildkorpus: Es wird beschrieben, welche Bilder in den medialen Diskurs eingegangen sind und was sie transportieren. Der Stand der Praxis, Forschung und Theoriebildung zum Themenkomplex Bild, Bildung, Migration und Museum kommen danach zur Sprache. Es wird auch auf die Bildungstheorie von Hans-Christoph Koller, diskurstheoretische Schriften und auf die Konzeption von Aby Warburg zum Nachleben von Bildern eingegangen. Danach folgt die methodische Aufbereitung des Bildkorpus. Weiterhin geht es um die Darstellung der Ergebnisse der analytischen und interpretativen Verfahrensweisen und die Rekonstruktion der diskursiven Ausrichtung der Bildangebote. Am Ende werden die wichtigsten Gesichtspunkte der Studie nochmals zusammengefasst.

Wolfgartens Erkenntnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Eine faktische Migration wird über verhältnismäßig wenig Bilder referenziert, obwohl dies das übergeordnete Thema der Ausstellungen war. Das jeweilige Thema wird selten gesamtgesellschaftlich repräsentiert, und personenzentrierte Darstellungen stehen im Mittelpunkt. In vielen Fällen werden rassistische Konstruktionen transportiert, und es werden idealtypische Körperdarstellungen und stereotype Geschlechterbilder reproduziert. Die Struktur der rekonstruierten Affekterfahrungen ist ebenfalls selektiv als ein Ausdruck freundlicher Zugewandtheit. Es sind hauptsächlich zwei Gruppen kategorisierbarer Bilder zu sehen: Die Gruppe der sinnlichen Bilder und die der vertraut wirkenden. Neben dieser Kritik schlägt Tim Wolfgarten Wege einer weniger selektiven Ausstellungspraxis und Möglichkeiten heterogener Zugänge vor.

Es wird eindrücklich gezeigt, wie wichtig Bilder im Erziehungs- und Bildungsprozess für die Konstruktion von Welt- und Selbstkonstruktionen sind. Ein so sensibles Thema wie Migration ist immer mit bestimmten Bildern verbunden, die Gefühle auslösen und rationales Handeln oft ausblenden. Dabei bleibt es nicht: Es werden Schlussfolgerungen für die kuratorische Praxis und die pädagogische Vermittlung gezogen, an denen sich künftige Ausstellungsprojekte orientieren können.

Tim Wolfgarten: Zur Repräsentation des Anderen. Eine Untersuchung von Bildern in Themenausstellungen zu Migration seit 1974, transcript, Bielefeld 2019, ISBN: 978-3-8376-4618-4, 44,99 EURO (D)

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4618-4/zur-repraesentation-des-anderen/

Rezension: Joseph Beuys

Braune Schattenseiten.
Joseph Beuys und seine fehlende Distanz zu rechtem Gedankengut

Eine Rezension von Michael Lausberg

Die Beuys Biographie von Hans Peter Riegel erschien 2013 in ihrer ersten Fassung, die kontrovers diskutiert wurde. Nun liegt sie aktualisiert und mit neuen Recherchen ergänzt in drei Bänden vor. Die Bände 1 (1921-1964) und 2 (1964-1986) sind biographische Darstellung. Band 3 ist eine Sammlung von überwiegend bislang unveröffentlichten Dokumenten und Fotografien.

Diese Rezension bezieht sich auf den zweiten Band. Dort wird Beuys‘ Aufstieg zum weltweit anerkannten und gefragten Künstler und sein Privatleben thematisiert. Einen breiten Raum nimmt auch Beuys‘ Lehrtätigkeit ein. Riegel schildert die politischen Aktivitäten von Beuys und geht dabei auf die Schattenseiten ein, die es im Leben des großen Künstlers leider auch gegeben hat.

Er weist nach, dass Beuys in seinem persönlichen Umfeld intensiven Kontakt und Austausch mit ehemaligen Nationalsozialisten, völkischen Nationalisten, Holocaustleugnern und Vertretern des rechten Flügels der Anthroposophie pflegte, die ihre Denkmuster zum Teil offensiv und öffentlich vertraten.

Dazu einige Beispiele: Karl Fastabend, Beuys Sekretär, der in den 1970er fast alle politischen Texte für Beuys formulierte, war ein überzeugter Altnazi.

Johannes Stüttgen, Beuys Adlatus, schrieb Beiträge in der nationalrevolutionären Zeitschrift „wir selbst“. Dort propagierte er einen „Befreiungsnationalismus“ und die Hervorhebung der „deutschen Identität“. (S. 323)

Beuys pflegte eine intensive Beziehung zum Ehepaar Haverbeck. Werner Haverbeck gründete 1963 die „Heimvolkshochschule für Umwelt und Lebensschutz“ des Collegium Humanum in Vlotho. Die „Heimvolkshochschule“ wurde für viereinhalb Jahrzehnte viel besuchter Tagungsort der extremen Rechten. Seine Frau Ursula Haverbeck ist bekennende Rassistin und mehrmals verurteilte Holocaustleugnerin. An den Veranstaltungen des Ehepaars Haverbeck nahmen friedensbewegte Linke und Atomkraftgegner ebenso teil wie völkische Nationalisten und rechte Anhänger einer neuen Querfront.

Bei den Bundestagswahlen 1976 in Nordrhein-Westfalen kandidierte Beuys als parteiloser Spitzenkandidat für die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) und erhielt in seinem Wahlkreis Düsseldorf-Oberkassel 598 Stimmen (3 %).

Riegel beschreibt die AUD zu Recht als eine rechte Partei, zwischen 1965 und 1980 mit national-neutralistischer Ausrichtung und einem völkischen Nationalismus. In der Partei waren ein rigider Antiamerikanismus und die Ablehnung der Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO und in der westlichen Wertegemeinschaft vorherrschend. Die Person August Haußleiter, der einen Kurs Richtung brauner Ökologie predigte, prägte die AUD als Vorsitzender maßgeblich und bestimmte in weiten Teilen auch den politischen Kurs der Partei.

Beuys distanzierte sich nie von seiner Mitgliedschaft in der HJ und seiner Zeit als Stuka Pilot im 2. Weltkrieg unter den Nationalsozialisten. Spätestens 1936 ist für Riegel die Mitgliedschaft des 15-jährigen Beuys in der Hitler-Jugend belegt, als er am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm. Im Frühjahr 1941 meldete sich Beuys freiwillig zur Luftwaffe, wobei er sich für zwölf Jahre verpflichtete. Ab Dezember 1943 wurde er in Königgrätz im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren als Bordschütze und Funker in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) ausgebildet. Nach der Verlegung zum Luftwaffenstab Kroatien im Sommer 1943 war er bis Oktober 1943 an der östlichen Adria stationiert und Ende November auf die Krim verlegt. Während eines Einsatzes im März 1944 bekam Beuys’ Stuka Bodenkontakt und zerschellte auf dem Boden. Beuys wurde bei diesem Unfall verletzt, und wurde von Russen gefunden. Er wurde in ein mobiles Militärlazarett eingeliefert. Nach dem Krieg nahm er an „Kameradschaftsabenden“ seiner Stuka-Einheit teil.

Beuys beschäftigte sich intensiv mit dem Gedankengut des Anthroposophen Rudolf Steiner. Walter Kugler, einer der besten Kenner Steiners, beschreibt ihn folgendermaßen: Steiner benutze eine Rassensystematik, die sich auf die Hautfarben bezieht und diesen bestimmte Eigenschaften zuschreibt. So werde etwa die „weiße Rasse“ explizit mit dem „Denkleben“, die „schwarze Rasse“ mit dem „Triebleben“ und die „gelbe Rasse“ mit dem „Gefühlsleben“ assoziiert. Weiterhin würden geschlechtsspezifische Muster bedient, etwa wenn Steiner den nicht-europäischen Völkern eine „weibliche Passivität“ zuschreibt. Seine antisemitischen Denkmuster waren ebenfalls stark ausgeprägt.1

Dies schlug sich laut Riegel in einem Germanenkult an der Akademie in den 1960er Jahren nieder, gegen den es öffentliche Proteste gab. Inwiefern einzelne Werke von Beuys Elemente der Rassenlehre Steiners enthalten, wird in dem Band nicht explizit nachgewiesen und wären Desiderata für intensivere Forschungen.

Diese von Riegel gut herausgearbeiteten Tatsachen verdunkeln das Lebenswerk eines der besten und bekanntesten Künstler der deutschen Nachkriegszeit. Intensivere Forschungen zu diesem Thema werden hoffentlich folgen.

Hans Peter Riegel: BEUYS: Die Biographie Band 2 – Erweiterte Neuausgabe, Riverside Publishing, Zürich 2018, 28,50 EURO (D)

1 Walter Kugler: Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Eine Einführung in sein Lebenswerk. DuMont, Köln 2010, S. 16