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Rezension: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941

 
 

Autor: Anton Maegerle

Am 20. Juni jährt sich zum 70. Mal der Über­fall Deutsch­lands  auf die Sowjet­union. Der Karls­ru­her His­to­ri­ker Wig­bert Benz doku­men­tiert in sei­ner Mono­gra­fie „Der Hun­ger­plan im ‚Unter­neh­men Bar­ba­rossa’ 1941“, dass bei die­sem NS-Großverbrechen „zig Mil­lio­nen Men­schen“ in den besetz­ten Gebie­ten der UdSSR ver­hun­gern soll­ten, um Nah­rungs­mit­tel für die Wehr­macht und deut­sche Bevöl­ke­rung frei zu machen.

Dem von der poli­ti­schen, mili­tä­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Elite des NS-Staates im Rah­men des Eroberungs-, Aus­beu­tungs– und Ver­nich­tungs­krie­ges gegen die Sowjet­union prak­ti­zier­ten Kon­zepts des geziel­ten Mas­sen­mor­des durch Hun­ger, fie­len min­des­tens vier Mil­lio­nen Men­schen in den besetz­ten Gebie­ten und mehr als zwei Mil­lio­nen sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gene zum Opfer. Da der größte Ver­nich­tungs­krieg in der Geschichte nicht plan­mä­ßig ver­lief und der Hun­ger­plan so nicht in vol­lem Umfang in die Tat umge­setzt wer­den konnte, wurde die von den NS-Machthabern ein­kal­ku­lierte Zahl von „zig Mil­lio­nen“ Hun­ger­op­fern jedoch nicht erreicht.

Buchcover: Wigbert Benz: Der Hungerplan

Im ers­ten Teil sei­ner Stu­die ana­ly­siert Benz die im Auf­trag Her­mann Görings  in den für die Kriegs­wirt­schaft zustän­di­gen Dienst­stel­len erfolg­ten Pla­nun­gen, beim soge­nann­ten Russ­land­feld­zug „zig Mil­lio­nen Men­schen ver­hun­gern“ zu las­sen, um die Ernäh­rung im Deut­schen Reich und die der Wehr­macht in den besetz­ten Gebie­ten der Sowjet­union zu sichern. Göring wurde, heute ist dies selbst in His­to­ri­ker­krei­sen ver­ges­sen, expli­zit auch wegen sei­ner Ver­ant­wor­tung für die­ses Hun­ger­vor­ha­ben bei den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen zum Tod ver­ur­teilt. Im zwei­ten Teil skiz­ziert Benz die Ent­wick­lung des For­schungs­stan­des zum Ver­nich­tungs­cha­rak­ter des  „Feld­zu­ges“, des­sen Zusam­men­hang mit den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kriegs­zie­len sowie den Grund­zü­gen der Krieg­füh­rung und Besat­zungs­pra­xis des Regimes, in deren Rah­men das Hun­ger­pro­jekt geschicht­lich zu ver­or­ten ist und sich des­sen zen­trale Fra­ge­stel­lun­gen erschlie­ßen las­sen. Die Kon­zep­tion des „Hun­ger­plans“ sieht Benz im „Kern“ des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­bil­des, der Ein­tei­lung der Völ­ker in wert­volle und min­der­wer­tige, begrün­det. Die wert­vol­len, an der Spitze die Deut­schen, haben das Recht, auf Kos­ten der min­der­wer­ti­gen bes­ser zu leben, ja „Lebens­raum“ und Wirt­schafts­raum im Osten zu erobern. Die sowje­ti­schen Gebiete sol­len um unnütze Esser berei­nigt werden.

„zig Mil­lio­nen Men­schen verhungern“

Im Fokus der Ana­lyse des drit­ten Kapi­tels ste­hen die  zen­tra­len Doku­mente des Hun­ger­vor­ha­bens. Der Plan, „zig Mil­lio­nen Men­schen ver­hun­gern“ zu las­sen, wurde im Pro­to­koll der Bespre­chung des Chefs des Wehr­wirt­schafts– und Rüs­tungs­am­tes im Ober­kom­mando der Wehr­macht (OKW), Gene­ral der Infan­te­rie Georg Tho­mas, mit den Staats­se­kre­tä­ren aller wirt­schafts– und sozi­al­po­li­tisch wich­ti­gen Res­sorts am 2. Mai 1941 fest­ge­hal­ten. Das Pro­to­koll, so Benz, zeigt das „extreme Hun­ger­kal­kül“ der deut­schen Kriegs­pla­ner für die Besat­zungs­po­li­tik in der UdSSR. Wei­tere Eck­pfei­ler des Hun­ger­plans bil­den die wirt­schafts­po­li­ti­schen Richt­li­nien der Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion Ost, Gruppe Land­wirt­schaft, im Vier­jah­res­plan vom 23. Mai 1941 sowie Görings soge­nannte „Grüne Mappe“ vom 1. Juni 1941, die als Richt­li­nien für die Füh­rung der Wirt­schaft die Ziele und Metho­den zur wirt­schaft­li­chen Aus­beu­tung der zu beset­zen­den Ost­ge­biete festlegten.

Am Rande sei­ner Mono­gra­fie stellt  Benz ein für alle mal  klar, dass die von rechts­ex­tre­men und geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Krei­sen immer wie­der bemühte Prä­ven­tiv­kriegsthese, wonach Hitler-Deutschland einem Über­fall Sta­lins auf das deut­sche Reich ledig­lich zuvor­kam, ins Reich der Legen­den und Mythen gehört. Mut­ma­ßun­gen über Angrif­f­ab­sich­ten Sta­lins, so Benz, sind „nicht nur unbe­wie­sen“, son­dern haben bei der  „Ent­schei­dungs­fin­dung der deut­schen poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Füh­rung an kei­ner Stelle eine Rolle gespielt.“ Ent­täuscht zeigt sich Benz am Ende sei­ner Bilanz, dass der NS-Terror der aktiv betrie­be­nen Hun­ger­po­li­tik bis­lang im deut­schen Sprach­raum nicht zu einem Thema gewor­den ist. Der His­to­ri­ker befürch­tet, dass viele Bun­des­bür­ger beim Begriff „Hun­ger­plan“ an einen Diät­plan zum Abspe­cken über­flüs­si­ger Pfunde den­ken, statt an das nach dem Holo­caust größte Mas­sen­ver­bre­chen des NS-Regimes. Die­sem Miß­stand end­lich ent­ge­gen­zu­wir­ken zu kön­nen, hat Benz mit sei­ner glän­zen­den Ana­lyse der doku­men­ta­ri­schen Grund­lage des Hun­ger­plans, ein­ge­bet­tet in die Fokus­sie­rung der Ergeb­nisse der inter­na­tio­na­len For­schung zu die­sem Thema, selbst einen ent­schei­den­den Schritt in die rich­tige Rich­tung getan.

Wig­bert Benz
Der Hun­ger­plan im „Unter­neh­men Bar­ba­rossa“ 1941
84 Sei­ten. Wis­sen­schaft­li­cher Ver­lag Ber­lin wvb. Ber­lin 2011.
ISBN 978–3-86573–613-0
16 Euro

Die­ser Bei­trag erschien in gekürz­ter Fas­sung zuerst auf vorwärts.de.

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