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DJ20: Diskursanalyse und Politikwissenschaft

 
 

Methodologische Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis

Autor: Jens Zimmermann

Qualitative Methoden haben es in der deutschen Politikwissenschaft traditionell schwer. Zumindest in der empirischen Politikforschung liegt der Fokus meist und gerne auf quantitativer Wahl- und Umfrageforschung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Nur wenige politikwissenschaftliche Forschungsarbeiten integrieren eine explizit methodologisch und theoretisch reflektierte Perspektive auf ihren Gegenstand (vgl. Kittel 2009 und Nullmeier 2006, 287).

Darüber hinaus hat eine Rezeption von Theorien im Kontext des cultural turn1, dem dominanten Theorieparadigma der Sozialwissenschaften, bisher zögerlich stattgefunden (vgl. Nullmeier 2006). Dies ist umso verwunderlicher, da sich Bereiche der Politikwissenschaft, wie zum Beispiel die politische Kulturforschung, anbieten, das methodologische und methodische Inventar von Ansätzen im Anschluss an den cultural turn in ihre Forschung einzubeziehen.

Die reduzierte Methodensensibilität in Teilen der deutschen Politikwissenschaft und die damit verbundene geringe Reflexion der methodologischen Fundierung empirischer Forschung stellt jedoch für die Etablierung neuer Ansätze hohe Hürden auf. An dieser Stelle muss Methodenentwicklung einsetzen und den Zusammenhang von Methodologie und Methode als zentralen Punkt wissenschaftlicher Erkenntnis herausstellen, denn ohne methodologische Reflexion der Methode wird diese zum beliebigen Instrument. Im Folgenden soll daher eine politikwissenschaftliche Perspektive (politische Kulturforschung) aus dem spezifischen Blick der Diskursforschung formuliert werden.

Seit den Pionierstudien politischer Kulturforschung in den 1950ern2 dominieren quantitative Forschungsansätze, die politische Kultur als Ensemble von abfragbaren Einstellungsmustern fassen. Diese Dominanz wurde in den letzten Jahren zunehmend brüchig, ohne jedoch seine zentrale forschungslogische Rolle zu verlieren. Dennoch ist ein gesteigertes Interesse an kulturtheoretischen Perspektiven auf politische Prozesse zu verzeichnen (vgl. Schwelling 2004). Exemplarisch lässt sich dies an der von Stefen Hagemann diagnostizierten kulturtheoretischen Neuorientierung der politischen Kulturforschung verdeutlichen. Insgesamt lassen sich aus seiner Sicht drei Merkmale für die Rekonstruktion politisch-kultureller Fragestellungen unter Berücksichtigung des cultural turns angeben:

1. Für die Organisation sozialer und damit auch politischer Wirklichkeit haben kollektive Deutungsmuster, symbolische Ordnungen und kulturelle Codes haben eine konstitutive Funktion;

2. diese Deutungsmuster etc. sind Vorgaben für soziales und politisches Handeln;

3. Politik wird somit als „Deutungskampf“ konzipiert. (Vgl. Hagemann 2010, 29-32) Die Fokussierung auf eine kulturelle Prägung von Politik findet dabei auf zwei Ebenen statt: „[N]eben den kurzfristigen empirischen Einstellungsbefunden gegenüber dem politischen System [geraten] auch jene grundlegenderen Dispositionen und Dispositive, Wahrnehmungsmuster und Beurteilungsmaßstäbe in den Blick, anhand derer Politiken und Ideologien strukturiert, sortiert und bewertet werden. Diese zweite Ebene rekurriert stärker auch auf die historische und kulturelle Genese der politischen Kultur.“ (Hagemann 2010, 28)

Im Kontext der Kritischen Diskursanalyse (KDA) wird unter Diskurs ein „(…) rhyzomartig verzweigter mäandernder ‚Fluss von ‚Wissen‘ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit‘ [verstanden], der durchaus auch einmal rückwärts ließen, Seen hinterlassen oder durchqueren kann, zeitweilig auch restlos versiegen kann, und [der] (…) die Vorgaben für die Subjektbildung und die Strukturierung und Gestaltung von Gesellschaften [schaft].“ (Jäger, M./ Jäger, S. 2007, 23)

Der Diskurs-Begriff umfasst somit die drei Merkmale, die Hagemann als Charakteristika der Neufundierung politischer Kulturforschung ausmacht. Um jedoch hieraus einen methodologischen Begründung zu gewinnen, muss die spezifische Perspektive der Diskursforschung einbezogen werden. Im Rahmen der an Michel Foucault orientierten Diskursforschung kann diese methodologische Position als „interpretative Analytik“ bezeichnet werden. Als deren wichtigstes Merkmal kann die „methodologische Ausklammerung des subjektiven Sinns“ (Diaz-Bone 2006, 76) verstanden werden. Demnach werden Diskurse nicht durch Interaktion „ausgehandelt“, sondern sind transsubjektive „Produzenten“ sozialer Wirklichkeit – Diskurse sind sowohl strukturierend als auch strukturiert. Sie generieren Subjektpositionen und Applikationsvorgaben, welche von den Individuen übernommen und reproduziert werden oder verändert werden können. Diskursanalyse versucht daher, verschiedene Ebenen des Diskurses zu analysieren und zu rekonstruieren. Im Fokus stehen dabei die „Formationsregeln“ des Diskurses (Foucault 1988, 48f.) – genauer: die Struktur des Diskurses.

Klassische Fragen, die dabei von Interesse sind, lauten: Welches Aussagenfeld konstituiert den Diskurs? Welche Begriffe tauchen auf? Was darf/ kann gesagt werden? Welche Sprecherpositionen gibt es? Was sind Positionen des legitimen Sprechens? Was sind sogenannte diskursmächtige Individuen? Aus der Perspektive der Politikwissenschaft handelt es sich also um die Erfassung spezifisch symbolischer Möglichkeitsbedingungen der Konstruktion politischer Identitäten und Fremd-/Selbstbilder, narrativer Deutungsangebote politischer Prozesse sowie von Kämpfen um Deutungshegemonie.

Aus dieser Warte kann die „subjektive Sicht“ (Einstellungen etc.) der politischen Kulturforschung um ein methodologisch abgesichertes Programm erweitert werden, das die kulturellen und symbolischen sowie transsubjektiven Möglichkeitsbedingungen von politischen Prozessen reflektiert. Politische Kultur ist damit neben der subjektiven Einstellungsdimension beschreibbar als diskursive Wissensordnung, die spezifische Deutungsmuster für die Wahrnehmung von Politik zur Verfügung stellt und so den Rahmen für diverse (politische) Subjektivierungsprozesse (politische Identität, politisches Bewusstsein) zieht.

Im Rahmen politischer Kulturforschung wäre es vorstellbar, sowohl einzelne Debatten als auch einzelne Themen zu rekonstruieren. In jüngster Zeit haben Diskursanalysen auch Eingang in neue Methodenbücher der Politikwissenschaft gefunden; jedoch stehen sie relativ unvermittelt neben anderen qualitativen und quantitativen Ansätzen. Hier besteht also großer Nachhol- und Reflexionsbedarf. Um diskursanalytisch inspirierte Politikforschung zu etablieren, muss ihr methodologischer Standpunkt klar artikuliert werden: „Die interpretative Analytik ist als Methodologie für die Art der Verwendung und den Zuschnitt von Techniken und Methoden instruktiv. Techniken werden erst zu wissenschaftlichen, wenn in ihre Entwicklung und Handhabung die Vortheorie als Metaphysik eingeht.“ (Diaz- Bone 2006, 77)

Für die Politikwissenschaft bedeutet dies, dass neben akteurszentrierten und institutionalistischen Perspektiven keine interaktionistischen Konzeptionen gestellt werden. Dagegen kann eine diskurstheoretische Perspektive hilfreich sein, das „Politische“ und seine Voraussetzungen zu erfassen. Diskursanalyse kann so eine sinnvolle (methodologische und methodische) Erweiterung des Blicks auf politische Prozesse darstellen.

Literatur

Diaz-Bone, Rainer (2006): Die interpretative Analytik als methodologische Position, in: Kerchner, Brigitte/ Schneider, Silke (Hrsg.) (2006): Foucault. Diskursanalyse der Politik, Wiesbaden, 68-84.

Foucault, Michel (1988): Archäologie des Wissens, Frankfurt a.M.

Hagemann, Steffen (2010): Politische Kultur, Nation und nationale Identität. Die kulturtheoretische Wende in der politischen Kulturforschung, in: Brumlik,

Micha/ Hagemann, Steffen (Hrsg.) (2010): Autoritäres Erbe und Demokratisierung der politischen Kultur, Berlin, 25-44.

Jäger, Margarete/ Jäger, Siegfried (2007): Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse, Wiesbaden.

Kittel, Bernhard (2009): Eine Disziplin auf der Suche nach Wissenschaftlichkeit. Entwicklung und Stand der Methoden in der deutschen Politikwissenschaft, in: Politische Vierteljahresschrift, Heft 3, 577-603.

Nullmeier, Frank (2006): Politikwissenschaft auf dem Weg zu Diskursanalyse? In: Keller, Reiner (2006): Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden, Wiesbaden, 287-313.

Schwelling, Birgit (Hrsg.) (2004): Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen, Wiesbaden.

  1. Unter cultural turn verstehe ich das Aufkommen von kultursoziologischen Perspektiven und Fragestellungen mit Beginn der 1960er, die ein erweitertes und analytisches Konzept von „Kultur“ etabliert haben. []
  2. Die Studie „The Civic Culture“ (1963) von Gabriel Almond und Sidney Verba gilt als grundlegendes Werk der politischen Kulturforschung. []
 

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