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20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen

 
 

 

 

Vom 22.-26.8.1992 kam es im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zu einem tagelangen Pogrom von Neonazis gegen dort lebende MigrantInnen.

Von Michael Lausberg

Extreme Rechte schleuderten unter dem Beifall von ZuschauerInnen Benzinbomben in mehrere von MigrantInnen bewohnte Häuser und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. In der Nacht des 24. August warfen unter „Ausländer raus“-Rufen der umstehenden Schaulustigen Neonazis Molotowcocktails unter Rufen „Wir kriegen Euch alle, jetzt werdet ihr geröstet“ in das Gebäude der in die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST). Wie durch ein Wunder gab es keine Toten.1 Kurz nach dem Beginn des Pogroms reisten Neonazis vor allem aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen nach Lichtenhagen, um sich an den rassistischen Ausschreitungen zu beteiligen.

Das Pogrom kam nicht aus heiterem Himmel, sondern war das Produkt eines ständig wachsenden Hasses auf MigrantInnen im Laufe der Jahre. Eine Umfrage „Zur Akzeptanz von Asylbewerbern in Rostock-Stadt“ aus dem Frühjahr 1992 kam zu folgendem Ergebnis: „Im Februar 1992 stellten Gruppen mit geringer Akzeptanz von Asylbewerbern in Rostock erhebliche Anteile an der Bevölkerung. Diese Gruppen konstituieren sich aus Jüngeren und Älteren, aus Menschen mit geringer und höherer Qualifikation, aus Männern und Frauen. Insofern waren und sind Akzeptanzprobleme gegenüber Asylbewerbern kein sozialstrukturell eindeutig eingrenzbares und etwa auf spezifische ‚Problemgruppen‘ reduzierbares Phänomen.“2

Schon Monate vor dem Pogrom häuften sich beim Rostocker Senat Beschwerden über Lärm, Schmutz und Diebstähle. AnwohnerInnen schrieben dem Senat: „Wir möchten nicht auf einer Müllkippe wohnen für 555 Mark im Monat.“3

Die täglich neu erscheinenden AsylbewerberInnen konnten aus Personalmangel nicht registriert werden und warteten vor dem Gebäude tagelang darauf, bis zur Aufnahmeprozedur vorzudringen. Sie mussten monatelang vor der ZAST leben, ohne hinreichenden Zugang zu sanitären Anlagen und Nahrungsmitteln zu besitzen. Die Behörden ignorierten die zahlreichen Beschwerden der AnwohnerInnen und der BewohnerInnen über die hygienischen Zustände und die menschenunwürdigen Bedingungen im Wohnheim. Weder Rostocker KommunalpolitikerInnen noch LandespolitikerInnen in Schwerin fühlten sich zuständig. Rostocks Innensenator Magdanz (CDU) warnte einen Monat vor dem Pogrom, „daß es kracht“.4

DVU-MitgliederInnen mischten in der „Bürgerinitiative Lichtenhagen“ mit, die Ende August in der Ostsee-Zeitung die RostockerInnen aufforderte, „das Asylantenproblem selbst in die Hand zu nehmen“.5 DVU-AktivistInnen riefen zu einer öffentlichen Kundgebung vor der Mecklenburger ZAST auf, aus der sich dann das Pogrom entwickelte.6 Die von Hamburger NPD-Funktionären in Mecklenburg-Vorpommern gegründete Organisation „Mecklenburg bleibt unser“ (MBU) beteiligte sich an der rassistischen Gewalt in Rostock-Lichtenhagen. Drei Tage vor dem Beginn des Pogroms druckten die Norddeutschen Neuesten Nachrichten die Ankündigung eines anonymen Anrufers. Der Mann prophezeite, die Nacht zum Sonntag könne „eine heiße“ werden. Eine „Interessengemeinschaft Lichtenhagen“ wolle alles vorbereiten.7

So kam es dann am 24.8.1992 zu „einer Zäsur in der Nachkriegsgeschichte“8, obwohl es vorher genug Hinweise auf rassistische Gewalt gegeben hatte. Zeitweise kämpften mehr als 1.200 Neonazis und SympathisantInnen gegen 1.600 PolizistInnen. Mehr als 100 BeamtInnen wurden verletzt, einer sogar lebensgefährlich. Die Angriffe führten zu 370 vorläufigen Festnahmen sowie 408 eingeleiteten Ermittlungsverfahren. Die MigrantInnen, die sich während der Angriffe im ZAST-Gebäude oder im benachbarten Wohnheim aufhielten, wurden mit Bussen evakuiert.9

Nach den rassistischen Gewalttaten urteilte der in der BRD lebende iranische Schriftsteller Bahman Nirumand: „Für sechs Millionen in Deutschland lebende Ausländer ist spätestens jetzt klar, daß ihr Leib und Leben in diesem Land nicht mehr gesichert ist.“10 Das Pogrom erregte internationales Aufsehen und löste Erinnerungen an die NS-Zeit aus. So schrieb die norwegische Zeitung Dagbladet von der „deutschen Kristallnacht 1992“11, das Svenska Dagbladet fühlte sich an die „erschreckenden Bilder aus dunkler Geschichte erinnert“.12 Die linksliberale italienische Zeitung La Republicca beschrieb die BRD als „Land des rassistischen Terrors“.13

In politische Erklärungen und regierungsamtlichen Verlautbarungen beschwor die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl in zynischer Weise die „Ausländerfreundlichkeit“ in Deutschland. Kohl behauptete sogar allen Ernstes, dass die rassistischen Ausschreitungen von der Stasi angezettelt und gelenkt worden seien.14 Dass diese „Ausländerfreundschaft“ nur auf dem Papier bestand, zeigten Meinungsumfragen in aller Deutlichkeit.15 27% der Bundesbürger glaubten, dass die meisten ihrer Landsleute Verständnis für diejenigen hätten, die Anschläge auf „Asylantenheime“ verübten. Diese Analyse wurde im September 1992, also unmittelbar nach Rostock-Lichtenhagen, durchgeführt. 12% der Westdeutschen und 17% der Ostdeutschen zeigten Verständnis für Gewalt gegenüber AsylbewerberInnen. Die neonazistischen GewalttäterInnen konnten also darauf vertrauen, dass ein Teil der Bevölkerung ihre Taten unterstützt oder zumindest stillschweigend duldet. Die TäterInnen konnten sich als ausführende Gewalt eines „Volkswillens“ fühlen; sie setzten das gewaltsam um, was in ihrem sozialen Umfeld Thema der politischen Alltagskommunikation war.

Am 29.8.1992 fand in Lichtenhagen eine Demonstration unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ mit ca. 15.000 TeilnehmerInnen statt.

Ermuntert durch die militanten Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen attackierten Neonazis in der darauffolgenden Woche 40 Wohnheime mit Brandsätzen und Steinen und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Brandenburgs damaliger Innenminister Ziel (SPD) schlug Alarm: „Rostock ist in jedem der neuen Länder möglich.“16

Die Debatte um die Gründe der rassistischen Ausschreitungen wurde sofort mit der Diskussion um das deutsche Asylrecht verknüpft. Wenig später kam es zu einer „Verschärfung“ des Asylrechtes, was einer faktischen Abschaffung gleich kam. Die juristische Aufarbeitung des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen war von auffallender Milde und Langsamkeit gekennzeichnet. Die Strafverfolgung der rassistischen TäterInnen dauerte bis zu 10 Jahre. Die meisten TäterInnen wurden zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt, nur wenige bekamen Haftstrafen. Die Höchststrafe in den Prozessen belief sich auf drei Jahre, keiner der TäterInnen wurde wegen versuchten Mordes angeklagt.

In der Nacht zum 20.7.2002 kam es abermals zu einem Anschlag auf eines der Häuser, das vor etwa 10 Jahren Ziel des Pogroms wurde. Kurz nachdem AnwohnerInnen die Polizei alarmierten, weil Fensterscheiben eingeschlagen wurden, gab es einen Brandanschlag auf ein Büro der Arbeiterwohlfahrt und auf einen Asia-Laden in der Nähe des Hauses. Beide Brände konnten von der Feuerwehr gelöscht werden. Ein neonazistischer Hintergrund der Brandanschläge ist wahrscheinlich, die TäterInnen konnten nicht ermittelt werden.

20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen ist das Phänomen des Neonazismus in der Stadt immer noch virulent. Neben rechten Jugendcliquen sind insbesondere die „Nationalen Sozialisten Rostock“ (NSR) für neonazistische Propaganda und Aktionen verantwortlich. Getreu dem Motto „National im Herzen, sozialistisch im Geist, revolutionär im Handeln!“ wird das „BRD-System“ bekämpft, das „eine Politik der Fremdinteressen“ vertrete. Das Programm der NSR ist von einem Pseudo-Antikapitalismus und Rassismus geprägt: „Der heutige Zeitgeist ist geprägt von diesen volkszerstörenden Elementen wie Multikultur, Kapitalismus und Globalisierung. (…) Die Vermischung von Kultur und Rassen degradiert den Menschen zu einem Massenwesen, was einzig und allein im Dienst des Kapitals steht.“

Veranstaltungen oder Aktionen zum Gedenken an das Pogrom werden von unterschiedlichen Gruppen und Institutionen durchgeführt. Die linke Kampagne „Rassismus tötet“ will am 25.8. in Rostock-Lichtenhagen eine antifaschistische Demonstration durchführen. In Rostock soll es am 26.8 eine zentrale bürgerliche Gedenkveranstaltung geben, die von der Stadt Rostock und der Bürgerinitiative „Lichtenhagen bewegt sich“ initiiert wurde. Der umstrittene Bundespräsident Joachim Gauck, der unlängst die Aussagen Sarrazins als „mutig“ bewertete, wurde zum Gedenkakt eingeladen. Die Zeitschrift „Stadtgespräche Rostock“ plant ein „gemeinsames Erinnern“ und „vorwurfs- und vorurteilsfreie Gespräche“ und führt auf dieser Basis Aktionen durch, die die Rostocker Bevölkerung möglichst direkt und in großer Zahl erreichen: „Zielgruppe sind vor allem diejenigen Rostocker, die kaum etwas über die Ereignisse vor 20 Jahren wissen und sie auch nicht mehr für so wichtig halten.“17 Ein Bestandteil der Initiative soll eine Verteilaktion sein, in der ca. 10.000 Rostocker Haushalte den 1993 entstandenen Film über die rassistischen Ausschreitungen „The truth lies in Rostock“ im Briefkasten finden.

 

Literatur

Dagbladet vom 26.8.1992
Der Spiegel 26/1992
Der Spiegel 36/1992
Der Spiegel 40/1992
La Republicca vom 26.8. 1992
Ohlemacher, T.: Public opinion and violance against foreigners in the reunified Germany, in: Zeitschrift für Soziologie 3/1994, S. 222-236
Ostsee-Zeitung vom 28.8.1992
Richter, K.O./Schmidtbauer, B.: Zur Akzeptanz von Asylbewerbern in Rostock-Stadt, in: Aus Politik und Zeitgeschichte vom 8.1.1993, S. 48-53
Schmidt, M.: Heute gehört uns die Straße, Düsseldorf 1993
Stern 37/1992
Svenska Dagbladet vom 27.8.1992
Taz vom 26.8.1992
www.startnext.de/lichtenhagen-2012

 

Der Artikel von Michael Lausberg wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Antifaschistische Nachrichten.

Zum Thema gibt es auch ein lesenswertes Schwerpunktheft der Zeitschrift der rechte rand:
Ausgabe 137, Juli/August 2012. Schwerpunkt: 20. Jahrestag Pogrom

Auch das Antifaschistische Infoblatt widmet dem Thema ein Schwerpunktheft: AIB Ausgabe 95, Sommer 2012.

Unter dem Titel
20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen
der rassistischen Gewalt
erschien eine Broschüre, die von Thomas Prenzel herausgegeben wurde und über das Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock erhältlich ist.

Bereits im Jahr 1993 erschien die Analyse des DISS:
SchlagZeilen. Rostock: Rassismus in den Medien
Sie ist für 5 EUR beim Unrast-Verlag erhältlich.

Nach wie vor sehr sehenswert ist der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilm von Gert Monheim: „Wer Gewalt sät – von Brandstiftern und Biedermännern“. (WDR 1993)
(Möglicherweise hilft eine Suche nach dem Untertitel auf youtube.)

  1. Der Spiegel 40/1992, S. 57 []
  2. Richter, K.O./Schmidtbauer, B.: Zur Akzeptanz von Asylbewerbern in Rostock-Stadt, in: Aus Politik und Zeitgeschichte vom 8.1.1993, S. 48-53, hier S. 48f []
  3. Der Spiegel 26/1992, S. 24 []
  4. Ebd. []
  5. Ostsee-Zeitung vom 28.8.1992 []
  6. Schmidt, M.: Heute gehört uns die Straße, Düsseldorf 1993, S. 212 []
  7. Der Spiegel 36/1992, S. 24 []
  8. Taz vom 26.8.1992 []
  9. Der Spiegel 36/1992, S. 20 []
  10. Ebd., S. 18 []
  11. Dagbladet vom 26.8.1992 []
  12. Svenska Dagbladet vom 27.8.1992 []
  13. La Republicca vom 26.8.1992 []
  14. Stern 37/1992, S. 21f []
  15. Stern 37/1992, S. 21f []
  16. Der Spiegel 36/1992, S. 27 []
  17. www.startnext.de/lichtenhagen-2012 []
 

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