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V-Leute bei der NPD

Aus aktu­el­lem Anlass machen wir die Stu­die „V-Leute bei der NPDGeführte Füh­rende oder Füh­rende Geführte?“ wie­der zugäng­lich, die 2002 im Zusam­men­hang mit dem NPD-Verbotsverfahren von den DISS-Mitarbeitern Mar­tin Diet­zsch und Alfred Scho­bert vor­ge­legt wurde. Der Text ist lei­der heute immer noch so aktu­ell wie damals.

Titelseite der DISS Studie V-Leute bei der NPD

Im August 2002 kamen die Auto­ren zu dem Schluss:

Eine Ana­lyse der Akti­vi­tä­ten der V–Leute Holt­mann und Frenz ergibt, dass diese nicht als agents pro­vo­ca­teurs inner­halb der NPD wirk­ten. Voll­kom­men unsin­nig wäre es, sogar von einer Steue­rung der NPD durch Geheim­dienste zu spre­chen. Viel­mehr ver­kör­per­ten die bei­den expo­nier­ten NPD-Funktionäre den Typus des omni­modo fac­turus, d.h. es han­delte sich um Per­so­nen, die man zu nichts anstif­ten kann, weil sie ohne­hin zu allem bereit sind. Ihre Akti­vi­tä­ten deck­ten sich naht­los mit dem sons­ti­gen Kurs der Par­tei, und sie genos­sen gerade wegen ihrer anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Hetze über Jahr­zehnte das Ver­trauen der Par­tei. Aus die­sem Grund kann die V–Mann-Affäre nicht als Argu­ment gegen das lange über­fäl­lige Ver­bot der NPD dienen.

Frei­lich wirft die Affäre ein düs­te­res Licht auf die Akti­vi­tä­ten der Ver­fas­sungs­schutz­äm­ter, ins­be­son­dere auf deren V–Mann-Praxis. Diese führte letzt­end­lich dazu, die NPD zu stär­ken, statt sie zu schwä­chen, und sie erbrachte geheim­dienst­li­che Infor­ma­tio­nen, die zuvor von der NPD-Führung gefil­tert wor­den waren und deren Wert auch des­halb mehr als zwei­fel­haft gewe­sen sein dürfte.

Es stellt sich die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, das V–Mann-Unwesen end­lich voll­stän­dig zu been­den. Die Affäre ist ein Beleg dafür, dass sich die Geheim­dienste der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land einer wirk­sa­men demo­kra­ti­schen Kon­trolle erfolg­reich entziehen.

Die kom­plette Stu­die V-Leute bei der NPD kön­nen Sie hier als PDF-Datei abrufen.

 

 
Wir bauen um!

Wir bauen um!

Das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung über­ar­bei­tet seine Inter­net­auf­tritte — und damit auch das DISSkursiv-Blog. Wir bit­ten um Ver­ständ­nis, dass es in den kom­men­den Tagen hier lay­out­mä­ßig etwas drun­ter und drü­ber geht. In spä­tes­tens einer Woche soll­ten wir den Umstel­lung­pro­zess abge­schlos­sen haben. Zur Ent­schä­di­gung gibt es dann ein aktu­el­le­res, umfang­rei­che­res und über­sicht­li­che­res DISS-Online-Angebot.

 
DISS-Neuerscheinung: Im Griff der Medien

DISS-Neuerscheinung: Im Griff der Medien

Der Sam­mel­band „Im Griff der Medien“, der auf den Vor­trä­gen des DISS-Colloquiums vom Novem­ber 2010 basiert, ist ab sofort lie­fer­bar und über jede gute Buch­hand­lung oder direkt beim Unrast-Verlag erhältlich.

Cover der DISS-Veröffentlichung "Im Griff der Medien" 2011Rolf van Raden &
Sieg­fried Jäger (Hg.)

Im Griff der Medien
Kri­sen­pro­duk­tion und Subjektivierungseffekte

Unrast-Verlag (Müns­ter)
Edi­tion DISS Band 29

ISBN: 978–3-89771–758-9
240 Sei­ten, 24 Euro

Gegen­wär­tige Medi­en­kri­tik the­ma­ti­siert nicht nur den Ein­fluss von Medien auf politisch-soziale Dis­kurse sowie umge­kehrt den Ein­fluss die­ser Dis­kurse auf die Medien. Dar­über hin­aus spielt das, was in Medien gesagt wer­den kann, eine wich­tige Rolle für das Wis­sen der Men­schen, für ihre Selbst­bil­der und ihre Hand­lungs­spiel­räume – kurz: für das, was die Sozi­al­wis­sen­schaft als Sub­jek­ti­vie­rung bezeich­net. Nam­hafte Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Jour­na­lis­ten unter­su­chen das schwie­rige Ver­hält­nis von media­ler Öffent­lich­keit und Mas­sen­be­wusst­sein. Die Bei­träge wid­men sich nicht nur klas­si­schen Nach­rich­ten­me­dien, son­dern auch Jugend­zeit­schrif­ten, Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, iko­no­gra­fi­schen Dar­stel­lun­gen und Computerspielen.

Inhalt:

Raden, Rolf van; Jäger, Sieg­fried, Ein­lei­tung, S. 5–16

Schim­meck, Tom, Medien, Macht und Mei­nungs­ma­che. Situa­tion und Funk­tion des Jour­na­lis­mus in der Krise, S. 17–42

Link, Jür­gen, Zum Anteil des medi­o­po­li­ti­schen Dis­kur­ses an der Nor­ma­li­sie­rung der Krise, S. 43–54

Fried­rich, Sebas­tian; Schul­tes, Han­nah, Alles nur Sar­ra­zin? Rück­blick auf eine LEID-Debatte, S. 55–75

Jäger, Mar­ga­rete; Jäger, Sieg­fried, Krieg ohne Ende: Afgha­nis­tan und die Medien, S. 76–94

Zumach, Andreas, Gute Medien, böser Krieg? Die Rolle der Medien zur Schaf­fung und Sta­bi­li­sie­rung von Kriegs­be­reit­schaft, S. 95–103

Kunz, Tho­mas, Und ewig droht der jugend­li­che Aus­län­der. Zum Zusam­men­hang zwi­schen Fremd­heits­bil­dern im Medium Jugend­zeit­schrift und Feind­bil­dern im Sicher­heits­dis­kurs, S. 104–122

Girst­mair, Ste­fa­nie; Hamet­ner, Katha­rina; Wrbou­schek, Mar­kus; Weigl, Daniel, Ori­en­ta­lis­mus am Bei­spiel der Tür­kei. Zur media­len Insze­nie­rung euro­päi­scher Iden­ti­tät in der öster­rei­chi­schen Tages­zei­tung Kurier, S. 123–133

Wam­per, Regina, Not­stands­pro­duk­tio­nen. Eine Über­blicksana­lyse, S. 134–150

Bublitz, Han­ne­lore, Im Beicht­stuhl der Medien, S. 151–164

Spil­ker, Niels, Über­neh­men Sie selbst die Ver­ant­wor­tung, blei­ben Sie am Ball! Selbsthilfe-Ratgeber als Medien einer neo­li­be­ra­len Regie­rung der Arbeit, S. 165–178

Paul, Jobst, Von Gla­dia­to­ren, Grenz­schüt­zern und Col­la­te­ral Mur­der. Zur psycho-sozialen Dyna­mik media­ler Gewal­tästhe­tik, S. 179–200

Senf, Jörg, Ende der Berlusconi-Ära? Deu­tungs­kämpfe und Sag­bar­keits­fel­der in den ita­lie­ni­schen Medien, S. 201–222

Kuhn, Gabriel, Over­co­m­ing Fear. Über­le­gun­gen zu Wider­stands­for­men und Alter­na­ti­ven im Medi­en­be­reich, S. 223–232

 

 

Vortrag: Elias Grünebaum — Glaube, Wahrheit, Wissen

Am 22. Sep­tem­ber 2011 hielt der Mit­ar­bei­ter des DISS, Dr. Jobst Paul, auf Ein­la­dung der Gesell­schaft für Christlich-Jüdische Zusam­men­ar­beit in Landau/Pfalz einen Vor­trag zur Bedeu­tung des Lan­d­auer Rab­bi­ners Elias Grü­ne­baum. Grü­ne­baums Sit­ten­lehre des Juden­th­ums erschien in der vom DISS und dem Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Essen) gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Edi­tion Deutsch-jüdische Auto­ren des 19. Jahr­hun­derts. Schrif­ten zu Staat, Nation, Gesell­schaft. Jobst Paul wirkt als Koor­di­na­tor der Gesam­te­di­tion. Nach­fol­gend fin­den Sie den Wort­laut des Vortrags.

 

Glaube, Wahr­heit, Wis­sen
Der Lan­d­auer Rab­bi­ner Elias Grü­ne­baum (1807– 1893) und der deutsch-jüdische Auf­bruch im 19. Jahr­hun­dert.
Landau, 22. Sep­tem­ber 2011
von Jobst Paul

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Dezem­ber 2007, zum 200. Geburts­tag von Rab­bi­ner Grü­ne­baum, refe­rierte Prof. Wilke hier in Landau zu Grü­ne­baums gro­ßem Werk, der Sit­ten­lehre. Die Schrift konnte im Jahr 2010 im Rah­men unse­rer Edi­tion Deutsch-jüdische Auto­ren des 19. Jahr­hun­derts: Schrif­ten zu Staat, Nation, Gesell­schaft völ­lig neu erschei­nen, wobei Herr Wilke sein Lan­d­auer Refe­rat zur Grund­lage der umfang­rei­chen Band­ein­füh­rung machte.

Vor 120 Jah­ren, am 25. Sep­tem­ber 1893, ist Rab­bi­ner Grü­ne­baum gestor­ben, und heute soll Gele­gen­heit sein, ihn und sein Werk in einen grö­ße­ren Rah­men ein­zu­ord­nen. In mei­ner Skizze soll von inner­jü­di­schen Kämp­fen um Juden­tum die Rede sein – dafür steht das Stich­wort Glau­ben. Dann auch vom Kampf gegen Juden­feind­schaft und Zurück­set­zung – dafür steht das Stich­wort Wahr­heit. Schließ­lich von einem deutsch-jüdischen Auf­bruch, für den ich das Stich­wort Wis­sen gewählt habe, denn es soll nur am Rand vom bür­ger­li­chen Auf­bruch die Rede sein.

Zunächst aber herz­li­che Grüße von Herrn Prof. Bro­cke und Herrn Prof. Jäger, mit denen zusam­men ich die Edi­tion betreue. Ich danke Ihnen, Herr Dr. Pauly, der Gesell­schaft für christlich-jüdische Zusam­men­ar­beit, und dem Kul­tur­zen­trum sehr herz­lich für die freund­li­che Ein­la­dung zu Ihnen und in diese wun­der­volle Lan­d­auer Alt­stadt – die mich bei der Vor­be­rei­tung übri­gens sehr beschäf­tigt hat.

Gilt als Alt­stadt das Recht­eck zwi­schen König– und Waf­fen­straße oder der Bereich inner­halb der Ring­stra­ßen, die den Ver­lauf der alten Fes­tung andeu­ten? Dort ent­stand eine reprä­sen­ta­tive bür­ger­li­che Archi­tek­tur, aber die neue Raum­ord­nung ermög­lichte ja auch erst – an der Ecke Rei­ter­straße – den Bau der gro­ßen Syn­agoge, die am 5. Sep­tem­ber 1884, nicht zuletzt durch Grü­ne­baums Ener­gie, ein­ge­weiht wer­den konnte – übri­gens auf einem von der Stadt kos­ten­los über­las­se­nen Bau­platz. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts unter Rab­bi­ner Ein­stein blühte das jüdi­sche Gemein­de­le­ben wei­ter auf, bis die Ent­rech­tung begann. Im Dezem­ber 1932 fei­erte Ein­stein noch sei­nen 70. Geburts­tag. Die Feier wurde von der Elias-Grünebaum-Loge, einem 1926 gegrün­de­ten Lan­d­auer Sozi­al­ver­ein, aus­ge­rich­tet. Wenige Monate nach der Feier wurde der Ver­ein schon per Poli­zei­de­kret aufgelöst.

Alt­ein­ge­ses­sene jüdi­sche Fami­lien haben hier in der Mitte der Alt­stadt gewohnt. Rab­bi­ner Grü­ne­baum mit sei­ner Fami­lie soll – so die Aus­kunft von Herrn Dr. Mar­tin – zuletzt in der Lang­straße 11 gewohnt haben – und das spä­ter dort eröff­nete Gast­haus soll es noch heute geben. Von der Lang­straße waren es für Grü­ne­baum nur wenige hun­dert Meter zur König­straße 23, der städ­ti­schen Höhe­ren Töch­ter­schule, wo er ‚israe­li­ti­sche’ Reli­gion unter­rich­tete, wie auch an der König­li­chen Stu­di­en­an­stalt in der Waf­fen­straße. Noch 1886, bei sei­nem 50jährigem Dienst­ju­bi­läum (da war er 79) schenk­ten ihm Schü­le­rin­nen der Töch­ter­an­stalt einen Rauch­tisch und Schü­ler der Stu­di­en­an­stalt die Kul­tur­ge­schichte der neu­es­ten Zeit des Kul­tur­his­to­ri­kers Honegger.

Übri­gens: Zwei Jahre spä­ter, im Jahr 1888, zog die Töch­ter­schule an den Ort des heu­ti­gen Slevogt-Gymnasiums. Die König­li­che Stu­di­en­an­stalt hieß ihrer­seits bis 1872 König­lich Baye­ri­sche Latei­ni­sche Schule und stand Ecke Königstraße/Martin Luther-Straße. Sie wurde zum heu­ti­gen Edu­ard Spran­ger Gym­na­sium (auch für diese Infor­ma­tio­nen herz­li­chen Dank an Herrn Dr. Martin).

Grü­ne­baum war ein Kind der Pfalz und er blieb es. Gebo­ren 1806 in Rei­polts­kir­chen, zieht er mit der ver­witt­we­ten Mut­ter 1815 nach Münchwei­ler an der Alsenz, wo sich diese ein zwei­tes Mal, nun mit Isaak Fel­sen­thal, einem Eisen­händ­ler, ver­mählt. Offen­bar wird Fel­sen­thal zur wirk­li­chen Bezugs­per­son Grü­ne­baums, denn 1838, nach Antritt sei­nes Lan­d­auer Rab­bi­nats, wird Grü­ne­baum ihn öffent­lich als „gelieb­ten Vater“ anspre­chen. Mainz, Mann­heim, Frank­furt, Speyer sind schnell auf­ein­an­der fol­gende schu­li­sche Sta­tio­nen einer Dop­pel­aus­bil­dung: Elias absol­viert gleich­zei­tig ein Tal­mud­stu­dium und die gän­gige Gymnasialausbildung.

1831 folgt der Sprung hin­aus, zuerst an die Uni­ver­si­tät Bonn mit den Fächern Phi­lo­so­phie und Ara­bisch, nach 2 Semes­tern aber schon an die neu eröff­nete Mode­uni­ver­si­tät in Mün­chen, mit Fried­rich Wil­helm Schel­ling als Magnet. Viele junge, jüdi­sche Gelehrte zieht es nach der Juli-Revolution 1830 in Paris, die so viele Hoff­nun­gen weckt, dort­hin. Aber viel Zer­streu­ung gibt es für Grü­ne­baum nicht – (wei­ter­le­sen …)

 

Regionalstudie zum Novemberpogrom 1938 in Duisburg

Eine Regio­nal­stu­die zum Novem­ber­po­grom 1938 in Duis­burg wurde von Robin Heun ver­fasst und ist ab sofort auf der Web­site des DISS als PDF-Datei abrufbar. Robin Heun stu­diert in Trier Poli­tik­wis­sen­schaft und Geschichte. Er ist Mit­glied im AK-Rechts und in der Dis­kurs­werk­statt des Duis­bur­ger Insti­tuts für Sprach– und Sozi­al­for­schung (DISS).


Der Novem­ber­po­grom 1938 in Duisburg

Eine Regio­nal­stu­die unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Poli­zei­be­richte vom Novem­ber 1938

Für zahl­rei­che Städte wur­den in den letz­ten Jah­ren Regio­nal­stu­dien ange­fer­tigt, in denen die loka­len Pogrom­aus­schrei­tun­gen auf­ge­ar­bei­tet, ana­ly­siert und rekon­stru­iert wur­den. Für die Ruhr­ge­biets­me­tro­pole Duis­burg exis­tiert bis­her noch keine ver­gleich­bare Ver­öf­fent­li­chung. Wer sich über die Ereig­nisse des Pogroms in Duis­burg infor­mie­ren möchte und sich mit den Gedenk­ta­feln, wel­che an die nie­der­ge­brann­ten Syn­ago­gen erin­nern, nicht zufrie­den gibt, der muss die weni­gen Bücher, die sich mit Duis­burg in der NS-Zeit beschäf­ti­gen, durch­fors­ten und sich selbst auf die Suche nach geeig­ne­ten Quel­len­ma­te­rial bege­ben. Die vor­lie­gende Stu­die kon­zen­triert sich daher voll und ganz auf die Ereig­nisse des Novem­ber­po­groms von 1938 in Duis­burg. Die hier gewon­nen Erkennt­nisse stüt­zen sich zum einem auf den Quel­len­kor­pus der erhal­ten geblie­be­nen Poli­zei­ak­ten des Novem­bers 1938 (StA Duis­burg – 306/253) und zum ande­ren auf die vor­han­dene Lite­ra­tur, die sich mit Duis­burg im Natio­nal­so­zia­lis­mus beschäf­tigt. Ziel der Stu­die ist es, alle auf­find­ba­ren Infor­ma­tio­nen zusam­men­zu­tra­gen, die Ereig­nisse so genau wie mög­lich zu rekon­stru­ie­ren und die gewon­ne­nen Erkennt­nisse vor dem Hin­ter­grund der aktu­el­len NS-Forschung zu bewer­ten bzw. ein­zu­ord­nen und gege­be­nen­falls Beson­der­hei­ten herauszustellen.

1. Ein­lei­tung 1

2. Begriffs­be­stim­mung 2

3. Vor­ge­schichte: anti­jü­di­sche Hetze und Poli­tik in Duis­burg 3

4. Die Insze­nie­rung des Novem­ber­po­groms 6

5. Der Novem­ber­po­grom in Duis­burg 8

5.1 Die Duis­bur­ger Poli­zei erhält Anwei­sun­gen… 8

5.2 Ablauf und Bilanz — Täter und Opfer 10

5.3 Pogrom und Öffent­lich­keit 15

5.3.1 Zuschauer 15

5.3.2 Zivil­cou­rage und Hilfs­leis­tun­gen 16

5.3.2 Presse 17

6. Schluss­be­trach­tung 18

 

Die kom­plette Stu­die gibt es hier als PDF-Datei.

 
Büroraum zu vermieten

Büroraum zu vermieten

Auf der Sieg­straße 15 in Duisburg-Stadtmitte ist ab 1.1.2012 ein Büro­raum von 24 qm zu ver­mie­ten. Die Miete von 335 € monat­lich schließt die Mit­nut­zung einer Küche (aus­ge­stat­tet mit Kühl– und Gefrier­schrank, Herd mit Back­ofen), WC und eines Semi­nar­raums (32 qm) ein. In der Miete ent­hal­ten sind ebenso alle Betriebs­kos­ten, also Hei­zung, Strom und andere Neben­kos­ten wie z.B. Fensterreinigung.

Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS)Der Raum und die mit zu nut­zen­den Räume befin­den sich in der Hoch­par­terre des Hau­ses, in dem auch das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung (Ver­mie­ter) seine Räume hat. Die Ent­fer­nung zum Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof beträgt etwa 12 Minu­ten Fuß­weg. Die Aus­fahrt Duisburg-Stadtmitte der Stadt­au­to­bahn A 59 ist etwa 100 Meter entfernt.

Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung
Siegstr. 15, 47051 Duis­burg
tel.: 0203–20249
info@diss-duisburg.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Netzfundstück: Neuerscheinung zur Sarrazin-Debatte

Netzfundstück: Neuerscheinung zur Sarrazin-Debatte

In der edi­tion assem­blage erschien vor weni­gen Tagen ein lesens­wer­ter Sam­mel­band zur Sarrazin-Debatte, an dem auch einige Auto­rin­nen und Auto­ren aus dem enge­ren und wei­te­ren Umfeld des DISS mit­ge­wirkt haben:

Sebas­tian Fried­rich (Hg.):
Ras­sis­mus in der Leis­tungs­ge­sell­schaft
Ana­ly­sen und kri­ti­sche Per­spek­ti­ven zu den ras­sis­ti­schen Nor­ma­li­sie­rungs­pro­zes­sen der ›Sarrazindebatte‹

Buchcover Sebastian Friedrich (Hg.): Rassismus in der LeistungsgesellschaftAugust 2011
ISBN 978–3-942885–01-0
© edi­tion assem­blage
Post­fach 27 46
D-48014 Müns­ter
Tele­fon: 0251 — 149 12 56
info@edition-assemblage.de | www.edition-assemblage.de

Das mediale Ereig­nis der »Sar­ra­zin­de­batte« führte zu einer brei­ten gesell­schaft­li­chen Ver­schie­bung nach rechts, ent­ta­bui­sierte ras­sis­ti­sches Den­ken und ver­band in beson­de­rer Weise Ras­sis­mus mit Elite– und Nütz­lich­keits­den­ken. Die­ses kom­plexe Ereig­nis wird in 15 Bei­trä­gen mit unter­schied­li­chen theo­re­ti­schen Per­spek­ti­ven kri­tisch ana­ly­siert. Der Sam­mel­band gibt Anstöße für den All­tag, die poli­ti­sche Pra­xis und die kri­ti­sche wis­sen­schaft­li­che Auseinandersetzung.

Inhalt

Sebas­tian Fried­rich
Ras­sis­mus in der Leis­tungs­ge­sell­schaft
Einleitung

Migra­tion und Rassismus

Sabine Hess
Wel­come to the Con­tai­ner
Zur wis­sen­schaft­li­chen Kon­struk­tion der Ein­wan­de­rung als Problem

Yas­emin Shoo­man
Keine Frage des Glau­bens
Zur Ras­si­fi­zie­rung von ›Kul­tur‹ und ›Reli­gion‹ im anti­mus­li­mi­schen Rassismus

Sebas­tian Fried­rich / Han­nah Schul­tes
Von ›Mus­ter­bei­spie­len‹ und ›Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rern‹
Reprä­sen­ta­tio­nen von Migrant_innen in der ›Sarrazindebatte‹

Ser­hat Kara­ka­yali
Refle­xi­ver Euro­zen­tris­mus
Zwi­schen dis­kur­si­ver Kom­bi­na­to­rik und Latenz

Vas­si­lis Tsia­nos / Mari­anne Pie­per
Post­li­be­rale Assem­bla­gen
Ras­sis­mus in Zei­ten der Gleichheit

Bevöl­ke­rungs– und Biopolitik

Juliane Kara­ka­yali
Bevöl­ke­rungs­po­li­tik im Post­fe­mi­nis­mus
Ras­sis­ti­sche Debat­ten um Gebär­quo­ten und ihre Ein­bet­tung in aktu­elle Geschlechterpolitiken

Moritz Alten­ried
Ras­sis­mus und bio­po­li­ti­scher Kapi­ta­lis­mus
Sar­ra­zin und das Dis­po­si­tiv der Integration

Elke Kohl­mann
Die Ökono­mie lügt doch … und zur Hölle mit Goe­the!
Sar­ra­zin­scher (Post-) Ras­sis­mus in Zei­ten neo­li­be­ra­ler Gouvernementalität

Kapi­tal und Nation

Jür­gen Link
Sar­ra­zins Deutsch­land
Ein Streif­zug durch ein pro­to­nor­ma­lis­ti­sches Manifest

Chris­toph But­ter­wegge
Zwi­schen neo­li­be­ra­ler Stand­ort­lo­gik und rechts­po­pu­lis­ti­schem Sar­ra­zy­nis­mus
Die tur­bo­ka­pi­ta­lis­ti­sche Hoch­leis­tungs– und Kon­kur­renz­ge­sell­schaft in der Sinnkrise

Jörg Kro­nauer
Deutsch­land rich­tet sich auf
Sar­ra­zin und die For­mie­rung des auf­stre­ben­den deut­schen Nationalstaates

Nora Räth­zel
Sar­ra­zin und die neo­li­be­rale Glo­ba­li­sie­rung
Zu eini­gen über­se­he­nen Aspek­ten der Debatte

Inter­ven­tio­nen und Perspektiven

Char­lotte Mis­sel­witz
›Para­si­ten, die auf Kos­ten der Gesell­schaft leben…‹
Nar­ra­tive Spie­ge­lung als Inter­ven­tion im Sarrazindiskurs

Gabriel Kuhn / Regina Wam­per
›Das wird man ja wohl noch sagen dür­fen‹
Wie männ­li­che, weiße, sozial Pri­vi­le­gierte zum Opfer der Unter­drü­ckung werden.

 

Netzfundstück: Darf man lachen?

Darf man über Nazis lachen?“ lau­tete die tele­fo­ni­sche Anfrage von Spiegel-Online Anfang Juli. Heute erschien nun ein Arti­kel zum Thema, in dem auch DISS-Mitarbeiter Mar­tin Diet­zsch zitiert wird:

Quatsch mit brau­ner Soße. Humor gegen rechts (Link auf den Arti­kel bei Spiegel-Online)

Mar­tin Diet­zsch kommentierte:

Schade, dass der Spie­gel mein Bei­spiel für eine gelun­gene Demo-Parole nicht brachte:
NPD — ohne Ver­fas­sungs­schutz wär’t ihr nur zu dritt.“
Der Inter­viewer musste jeden­falls lachen, und die ande­ren Exper­ten hät­ten mir doch sicher auch zugestimmt.

Mein Dank für die Inspi­ra­tion geht an die mir unbe­kann­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteure vom Blog „Anti­fa­schis­ti­sche Nach­rich­ten aus Duis­burg und Umge­bung“, die u.a. das „Türen raus“ doku­men­tier­ten.
Hier die Quelle: Nazischmie­re­rei des Monats

 
Die Normalisierung des Einsatzes von militärischer Gewalt als Produkt multipler Denormalisierung

Die Normalisierung des Einsatzes von militärischer Gewalt als Produkt multipler Denormalisierung

Autor: Sieg­fried Jäger

Nor­ma­ler­weise bedarf es eines län­ge­ren und oft Jahr­zehnte lan­gen dis­kur­si­ven Vor­laufs, wenn ein wich­ti­ges Essen­tial der Ver­fas­sung gegen­stands­los gemacht wer­den soll, wie etwa der Umbau der Bun­des­wehr von der Ver­tei­di­gungs­ar­mee zur Angriffs­ar­mee und ihre Umrüs­tung zur Kriegs­ar­mee, die für Blitz­kriege und krie­ge­ri­sche soge­nannte out-of-area-Einsätze aller Art in aller Welt geeig­net ist. Bereits im Juli 1992 meinte der dama­lige Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Vol­ker Rühe in einem Spiegel-Gespräch sinn­ge­mäß: Schön, dass deut­sche Sol­da­ten nun auch als Blau­helme agie­ren kön­nen, was ja ein ers­ter Schritt in Rich­tung Angriffs­ar­mee sei, der von ihm gewünschte Umbau zu einer Armee, die out-of-area ope­rie­ren könnte, bedürfe aber eines lan­gen Atems, da die Bevöl­ke­rung diese Erb­last des Nazi­rei­ches nicht so schnell hin­zu­neh­men bereit sei.1

Titelcover Wissenschaft & Frieden 3-2011

Und fast 20 Jahre hat es auch gedau­ert, bis die­ses Ziel nach Durch­lauf vie­ler Etap­pen und man­cher dis­kur­si­ver Kämpfe auch erreicht wurde. Das ist zwar nicht ohne Qua­len und Que­re­len abge­gan­gen und hat sogar einen Bun­des­prä­si­den­ten das Amt gekos­tet, doch jetzt, nach­dem Köh­ler auch die ökono­mi­schen Inter­es­sen, die mit deut­schen Aus­land­ein­sät­zen zu wah­ren seien, ins Feld geführt hatte und des­halb hef­tigst geschol­ten wurde und wenig spä­ter der amtie­rende Kriegs­mi­nis­ter zu Gut­ten­berg völ­lig offen und unge­schützt das­selbe sagte und damit völ­lig unge­scho­ren davon­kam, ohne auch nur ein wenig Qualm oder gar Gegen­feuer zu pro­vo­zie­ren, ist die Wah­rung deut­scher ökono­mi­scher Inter­es­sen aus dem Dis­kurs eli­mi­niert und durch andere, bedeu­tend „ehren“-vollere kon­ser­va­tive deut­sche Inter­es­sen ersetzt wor­den, die der Mot­ten­kiste des unse­li­gen deut­schen Mili­ta­ris­mus von vor 1945 ent­sprun­gen zu sein schei­nen. Was die­sen zwar zu erwar­ten­den, in sei­ner Kon­se­quenz den­noch über­ra­schen­den Dis­kurs­wan­del ermög­licht oder doch beschleu­nigt hat, dürfte auch mit der kei­nes­wegs bewäl­tig­ten Wirt­schafts– und Finanz­krise von 2008 ff. und ande­ren Denor­ma­li­sie­run­gen zu tun haben, pri­mär aber als Effekt einer Ver­schrän­kung von mili­ta­ris­ti­schem und ökono­mi­schem Dis­kurs (und auch ande­ren Dis­kur­sen und mani­fes­ten Denor­ma­li­sie­run­gen) zu ver­ste­hen sein.2 In die­ser Situa­tion mul­ti­pler Denor­ma­li­sie­run­gen konnte Gut­ten­berg offen ver­kün­den, was wenig zuvor noch nicht unge­straft sag­bar war.

Man könnte auch sagen, was Köh­ler sei­nen Rück­tritt wert war oder ihn den prä­si­dia­len Kopf kos­tete, ist zur all­täg­li­chen Wahr­heit oder doch zur Selbst­ver­ständ­lich­keit mutiert, über die kein Hahn mehr kräht. Ist das dis­kur­si­ver fau­ler Zau­ber, der gegen alle Regeln der nor­ma­len Über­wäl­ti­gung auch noch grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ter und his­to­risch zutiefst begrün­de­ter Dis­kurse ver­stößt? Wie erklärt sich die­ses dis­kur­sive Wun­der, wie ist die­ser unge­heu­er­li­che Nor­ma­li­sie­rungs­schub, der Nicht Nor­ma­les als völ­lig nor­mal erschei­nen lässt, mög­lich gewor­den, den die­ses dis­kur­sive Ereig­nis kennzeichnet?

Schauen wir uns zunächst ein­mal das Per­so­nal an, das die­sen Nor­ma­li­sie­rungschub reprä­sen­tiert. Da ist zum einen Gut­ten­bergs auf den ers­ten Blick seriö­ser auf­tre­ten­der und medial nüch­tern agie­ren­der Nach­fol­ger, Tho­mas de Mai­zière, Sohn des ehe­ma­li­gen Gene­ral­in­spek­tors der Bun­des­wehr (von 1966–1972) Ulrich de Mai­zière zu nen­nen. Die­ser hütet sich davor, offen von ökono­mi­schen Inter­es­sen zu spre­chen. Das muss er auch nicht mehr, denn das ist dis­kur­siv „durch“, Schnee von Ges­tern und nicht mal mehr ein schla­fen­der Hund, den man nicht wecken sollte. Offen­bar schläft die­ser Hund nicht nur, son­dern er ist mau­se­tot. Es gibt ihn nicht mehr. De Mai­zière ist zum Sprach­rohr eines mili­ta­ris­ti­schen Dis­kur­ses gewor­den, der seit ehe­dem in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen rumort, und er konnte zu die­sem Sprach­rohr wer­den, weil er nicht wie Gut­ten­berg den ele­gan­ten aber unse­riös wir­ken­den Zap­pel­hans spielt, son­dern den bedäch­ti­gen und abwä­gen­den Rhe­tor, der das glo­bale deut­sche Inter­esse Deutsch­lands im Auge hat, und dies ist vor allem ein wirt­schaft­li­ches Inter­esse. Er ist somit nicht der Zau­ber­lehr­ling, der das Wun­der voll­bringt, und keine Geis­ter beschwö­ren muss, die er viel­leicht nicht mehr los wer­den kann (wie dies etwa Köh­ler pas­siert ist) und der sich auch nicht als wis­sen­schaft­li­cher Schwind­ler und Betrü­ger (wie Gün­ter Grass ihn nennt3 )des­avou­iert hat. Sein Auf­tre­ten ist eher väter­lich, eher jovial und er hat ein Herz für die klei­nen Leute, die da in den Kampf geschickt wer­den. Beru­hi­gend gibt er ihnen auf ihrem Weg in die Kämpfe zu ver­ste­hen: „Töten und Ster­ben gehö­ren dazu“.4 Sol­da­ten sind halt von Beruf Mör­der und, wenn sie Pech haben, Hel­den zugleich. Der Minis­ter sieht den päd­ago­gi­schen Wert des Umgangs mit den Kriegs-Instrumenten: „Wer aber lernt, eine Hand­gra­nate in der Hand zu hal­ten und den Abzugs­ring zu zie­hen, der geht spä­ter auch ver­ant­wor­tungs­vol­ler mit dem Thema Gewalt um.“ Und sin­ni­ger und schlich­ter Weise: Er lässt sich nicht von Com­pu­ter­spie­len zu einem ver­ant­wor­tungs­lo­sen Umgang mit Waf­fen verführen.

Las­sen wir das! Die Armee als Schule der Nation? Das hat­ten wir ja schon. Dies gars­tig Lied ist bekannt und soll hier nicht wei­ter aus­ge­brei­tet wer­den. Auch wenn es typisch ist für den mili­ta­ri­sie­ren­den Dis­kurs, der den Kampf und den Krieg mit zu legi­ti­mie­ren ver­sucht. Über­höht wird das nun aber noch durch de Mai­zierès Ange­bot an die zu wer­ben­den und aus­zu­bil­den­den har­ten Krie­ger. 19-jährige sol­len ers­tens gutes Geld ver­die­nen, an die 1000 Euro netto, zwei­tens durch eine „attrak­tive Zeit“ bei der Bun­des­wehr, aber beson­ders durch etwas Drit­tes, einen dar­über hin­aus­ge­hen­den Mehr­wert, den er mit dem „Begriff der Ehre“ und dem Gefühl des Die­nens in Ver­bin­dung brin­gen möchte. Die­ser Mehr­wert stellt nach de M. sich ein, wenn man etwas für den Staat tut, „für Frei­heit und Frie­den in Deutsch­land und in der Welt.“ De M. beklagt näm­lich: “Wir Deut­schen ver­bin­den mit Ehre und auch Die­nen zu oft etwas Schwer­blü­ti­ges. Etwas, das drückt. Wer dient, hat hän­gende Schul­tern oder Mund­win­kel. Ich will ver­su­chen, die­sen Begrif­fen einen neuen Reso­nanz­bo­den zu geben, ein brei­te­res Spek­trum. Die­nen ist nobel und ehren­haft, aber es kann ein­fach auch Freude machen und das Selbst­be­wusst­sein stär­ken.“ Ob das noch oder wie­der nötig sein wird, dürfte ange­zwei­felt wer­den kön­nen. De M. kann ein­fach auf das zurück­grei­fen, was vie­len unse­rer Väter auch heute noch klar ist. Denn, wie es im Rat eines Vaters an einen deut­schen Jun­gen in Afgha­nis­tan heißt: „Mach es wie ich auf der Jagd. Der Kopf­schuss ist auf kurze Dis­tanz das Beste. Deine Ehre heißt Treue. Ver­giss das nie!!“5

Ange­spro­chen auf den deso­la­ten und aus­sichts­lo­sen Krieg in Afgha­nis­tan und den Tod deut­scher Sol­da­ten sowie auf den aus­blei­ben­den deut­schen Abzugs­plan, geht aber de M. nicht von der Fahne und ver­traut der alten Dop­pel­stra­te­gie: „Eine zeit­wei­lige mili­tä­ri­sche Ver­stär­kung, um die Tali­ban wirk­sa­mer zurück­zu­drän­gen und zu bekämp­fen, und einen poli­ti­schen Ansatz zur Überg­abe der Ver­ant­wor­tung für die Sicher­heit an die Afgha­nen.“ Und er beharrt: „Diese Stra­te­gie ist auf dem rich­ti­gen Weg.“ Ange­spro­chen auf die abwei­chende Option der USA, rea­giert de M. zwar leicht ver­un­si­chert, doch mit deut­scher Stur­heit: Auf die Frage der SZ: „Sie haben jüngst gesagt, Wohl­stand ver­pflich­tet. Heißt das: mehr Ein­sätze für die Bun­des­wehr“, ant­wor­tet er „Ich erwarte, dass es zunächst keine Abstri­che bei den Kern­fä­hig­kei­ten gibt.“ Die ent­ste­hende Lücke in der Front lässt sich ja schlie­ßen: durch die deut­schen Jungs, die bereit sind, zu töten und zu sterben.

Nun sind das keine Tag­träume eines Man­nes, der sich nicht von der Lek­türe von Ernst Jün­gers armee– und kriegs­ver­herr­li­chen­den Aus­las­sun­gen frei machen kann, also dum­mes Zeug, das auf den Müll­hau­fen der Geschichte gewor­fen gehört, son­dern Aus­druck einer kon­ser­va­ti­ven Restau­ra­tion oder viel­leicht auch Revo­lu­tion, die die deut­sche Poli­tik und ihren Anspruch auf Demo­kra­tie ins­ge­samt zu beherr­schen begon­nen hat.6 De M. ist ja nicht ein belie­bi­ger alter Hau­de­gen, der seine pri­va­ten Ansich­ten zum Bes­ten geben möchte, son­dern pro­mi­nen­tes Mit­glied einer Regie­rung, der mit dem, was er sagt, auch deren Sprach­rohr ist. Dabei geht es nicht allein um völkisch-militaristische Wahn­vor­stel­lun­gen, son­dern – aus de M.s´ Mund – um den Stand­ort Deutsch­land und um Deutsch­lands Rolle in der Welt– und um Wirt­schafts­macht, die umso stär­ker geschützt und ent­wi­ckelt wer­den muss je tie­fer die Krise ist. Woran Köh­ler noch geschei­tert ist, was Gut­ten­berg bereits forsch hin­aus­po­sau­nen konnte, umschreibt der „nüch­terne Minis­ter“ der Ver­tei­di­gung deut­scher Inter­es­sen in der Welt zwar etwas kryp­tisch, aber deut­lich: „Deutsch­land ist mit der Ein­heit erwach­sen gewor­den. Wir kön­nen keine Son­der­rolle mehr bean­spru­chen, son­dern müs­sen wie andere auch inter­na­tio­nale Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Wir haben jetzt knapp 7000 Sol­da­ten im Ein­satz. Wir wol­len die Zahl der Sol­da­ten, die wir der inter­na­tio­na­len Völ­ker­ge­mein­schaft anbie­ten kön­nen, auf 10000 erhö­hen, weil wir künf­tig von den Ver­ein­ten Natio­nen abseh­bar stär­ker gefragt sein wer­den.“ Wenn Klaus Nau­mann die Per­spek­tive des Umbaus der Bun­des­wehr, „nun end­gül­tig zur inter­ven­ti­ons­fä­hi­gen Streit­macht“ zu wer­den, als Schwarz­ma­le­rei der Links­par­tei oder eini­ger ihrer Anhän­ger abtut, kann man sich nur noch an den Kopf fas­sen.7 Da ist schon ein wenig mehr an ana­ly­ti­scher Kom­pe­tenz ins Spiel zu brin­gen als sich allein auf das Ver­hält­nis von Bun­des­wehr und Gesell­schaft all­ge­mein zu kapri­zie­ren. Es geht nicht allein und kei­nes­wegs in ers­ter Linie um den Umbau der Bun­des­wehr und hier geht es auch nicht nur um ein paar tech­ni­sche Pro­bleme, son­dern um den Umbau der gesam­ten deut­schen Gesellschaft.

 

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in der Zeit­schrift Wis­sen­schaft & Frie­den 3/2011, S. 6–8

 

  1. Der Spie­gel vom 20.7.1992. Wenig spä­ter geht Rühe aber schon einen Schritt wei­ter: „Ich kann mich bestimm­ten Maß­nah­men nicht ver­schlie­ßen.“ Aber auch noch grund­ge­setz­ge­mäß: „Für Deutsch­land bleibt es bei sei­nen von der Geschichte vor­ge­ge­be­nen Begren­zun­gen.“ (Der Spie­gel vom 21.12.1992) Der Dis­kurs weicht sich bereits etwas auf, ori­en­tiert sich letz­ten Endes aber noch klar am Grund­ge­setz. Rühe anti­zi­piert, wie sich der mili­ta­ris­ti­sche Dis­kurs in Deutsch­land ent­wi­ckeln wird und sich bis heute auch ent­wi­ckelt hat. Das ist jedoch nicht der Per­son Vol­ker Rühes zu „ver­dan­ken“, der, wie heute de M., nur Sprach­rohr eines poli­ti­schen Dis­kur­ses ist, an dem unter Feder­füh­rung viele kon­ser­va­tive Poli­ti­ker die gesamte medio-politische Klasse mit­strickt. []
  2. Wir haben es mit einem dis­kur­si­ven Gewim­mel zu tun, aus dem her­aus sich jedoch domi­nan­tere Dis­kurse her­aus­kris­tal­li­sie­ren konn­ten. Im End­ef­fekt hat eine Nor­ma­li­sie­rung eines mili­tan­ten Kriegs­dis­kur­ses statt­ge­fun­den. Zum Pro­blem der Nor­ma­li­sie­rung vgl. Jür­gen Link: Ver­such über den Nor­ma­lis­mus. Wie Nor­ma­li­tät pro­du­ziert wird, 3., ergänzte, über­ar­bei­tete und neu gestal­tete Aufl., Göt­tin­gen 2006. Um ein etwas will­kür­li­ches Bei­spiel aus einem schrift­stel­le­ri­schen Dis­kurs zu nen­nen, sei auf Mar­tin Walsers Lob­lied: Schla­ge­ter. Eine deut­sche Ver­le­gen­heit hin­ge­wie­sen, in: Mar­tin Wal­ser: Hei­lige Bro­cken, Wein­gar­ten 1986 S. 111–124. Hier wird ein extrem rech­ter Sol­dat gefei­ert, der „ein Rei­ner“ gewe­sen sei. Schla­ge­ter spricht vom Krieg als etwas, „in dem Gott die Bes­ten und Tüch­tigs­ten als Opfer for­dert.“ (zit. nach ebd. S. 115) Könnte dies de M. als Pflicht­lek­türe für junge Sol­da­ten vor­schwe­ben, als der neue Reso­nanz­bo­den für ein neues Ver­ständ­nis von sol­da­ti­scher Ehre? []
  3. S. Gün­ter Grass: Die Steine des Sisy­phos, SZ vom 4.7.2011, S. 11. []
  4. Die im Fol­gen­den nicht son­der­lich gekenn­zeich­ne­ten Zitate ent­stam­men einem Inter­view mit de M., das am 29. 6. 2011 an pro­mi­nen­ter Stelle in der Süd­deut­schen Zei­tung erschie­nen ist. []
  5. Zitiert aus einer Repor­tage „Zwei von 4397“ in der SZ vom 12./13 Juni 2010. []
  6. Das geschieht nur schein­bar hin­ter dem Rücken der Kanz­le­rin, die aller­dings die Unbe­tei­ligte spielt. Vgl. dazu Klaus Nau­mann: Ohne Stra­te­gie und Leit­bild. Die neue deut­sche Berufs­ar­mee, in: Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­nale Poli­tik 7/2011, S. 68–76. Nau­mann weiß auch: „Hier ist mehr gefragt als Res­sort­kom­pe­tenz.“ (Ebd., S. 69) Das Res­sort ist nur ein Ele­ment eines weite dar­über hin­aus­ge­hen­den poli­ti­schen Kon­zepts, das die­ses aller­dings ins­ge­samt reprä­sen­tiert und, wenn auch zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt viel­leicht eher zufäl­lig, stark macht. []
  7. Nau­man, ebd., S. 71. Grass dürfte wohl kaum der Par­tei der Lin­ken zuzu­rech­nen sein, obwohl er schreibt „die gegen­wär­ti­gen Ermü­dungs– und Zer­falls­er­schei­nun­gen im Gefüge unse­res Staa­tes bie­ten Anlass genug, ernst­haft daran zu zwei­feln, ob unsere Vwer­fas­sung noch hält, was sie ver­spricht, …nicht zuletzt der Wür­ge­griff der Ban­ken machen aus mei­ner Sicht die Not­wen­dig­keit vor­dring­lich, etwas bis­lang Unaus­sprech­li­ches zu tun, näm­lich die Sys­tem­frage zu stel­len.“ (S. Anm. 3.) []
 
Netzfundstück: Jedes Jahr dasselbe — die Polizei wiegelt ab

Netzfundstück: Jedes Jahr dasselbe — die Polizei wiegelt ab

Seit etwa 2 Jah­ren gibt es eine sich stei­gernde Welle von Anschlä­gen von Neo­na­zis vor allem gegen Par­tei­bü­ros der Links­par­tei, aber auch gegen Büros ande­rer demo­kra­ti­scher Par­teien. Der Schwer­punkt die­ser Gewalt-Kampagne liegt neben Mecklenburg-Vorpommern in NRW.

 

Auf dem sehr lesens­wer­ten Blog npd-blog.info fin­det man eine Pres­se­er­klä­rung des Bera­tungs­ver­eins LOBBI, der zu einer grö­ße­ren öffent­li­chen Ächtung der rechts moti­vier­ten Atta­cken auf Par­tei­bü­ros in Mecklenburg-Vorpommern und einer stär­ke­ren Soli­da­ri­sie­rung mit den Betrof­fe­nen aufruft:

Angriffe auf Par­tei­bü­ros: LOBBI beklagt öffent­li­ches Desinteresse

 

Hier fin­det man auch eine Doku­men­ta­tion mit der umfang­rei­chen, aber immer noch unvoll­stän­di­gen Auf­lis­tung der Anschläge auf Büros der Links­par­tei seit Januar 2010.

Doku­men­ta­tion: Neonazi-Attacken auf Die Linke

 

Zur Mobi­li­sie­rung für die für Anfang Sep­tem­ber von der Neonazi-Szene geplante Anti-Friedens-Demonstration in Dort­mund gibt es gegen­wär­tig in NRW eine ganze Welle von Anschlä­gen, Bedro­hun­gen und Tätlichkeiten.

Bildschirmfoto WDR Lokalzeit Dortmund 9.8.2011

In einem Bei­trag der WDR Lokal­zeit aus Dort­mund vom 9.8.2011 wird u.a. eine Nazi-Schmiererei doku­men­tiert, in der Neo­na­zis sich mit den Mor­den an Kin­dern und Jugend­li­chen in Oslo schmü­cken, um Angst und Schre­cken zu verbreiten.

Der TV-Beitrag ist noch einige Tage abruf­bar unter:

Rechts­ra­di­kale Überg­riffe im Ruhrgebiet

 

Der WDR berich­tet heute in einem Online-Artikel über die „Stim­mung in NRW“ vor der Nazi-Demo und nennt einen Anschlag auf die SPD in Hamm, Schmie­re­reien und Dro­hun­gen gegen Ham­mer Jung­so­zia­lis­ten, Anschläge gegen Büros der Links­par­tei in Sie­gen, Lünen und Dort­mund und die Bedro­hung eines Mit­glieds der Piratenpartei.

Die Stel­lung­nah­men der zustän­di­gen Abtei­lung der Poli­zei und des Ver­fas­sungs­schut­zes beschreibt der WDR-Artikel so:

Poli­zei wie­gelt ab: „Jedes Jahr das­selbe“.
In der Abtei­lung Staats­schutz der Dort­mun­der Poli­zei, die auch für Hamm zustän­dig ist, sieht man diese Vor­fälle bis­her gelas­sen [… ]. Einen Zusam­men­hang mit den Anschlä­gen in Nor­we­gen, bei denen ein Rechts­ex­tre­mist mehr als 70 Anhän­ger der sozia­lis­ti­schen Par­tei getö­tet hatte, hält Wie­land für „zu weit her­ge­holt“. […] Auch beim Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz in Bonn herrscht kei­ner­lei Auf­re­gung über die Vor­fälle. […] Einen grö­ße­ren Zusam­men­hang oder gar einen Trend inner­halb der rech­ten Szene, der sich ver­mehrt gegen Mit­glie­der eta­blier­ter, lin­ker Par­teien richte, sehe die Behörde bis­her nicht.

Den kom­plet­ten Arti­kel, in dem auch DISS-Mitarbeiter Mar­tin Diet­zsch kurz zu Wort kommt, lesen Sie hier:

Anschläge auf Büros von SPD und Linkspartei

 

 

 

 
 
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