DISS-Neuerscheinung: Entfremdung – Identität – Utopie

Ab sofort lieferbar ist die DISS-Neuerscheinung:

Marvin Chlada, Peter Höhmann, Wolfgang Kastrup, Helmut Kellershohn (Hg.)
Entfremdung – Identität – Utopie
200 Seiten, 19,80 EUR, ISBN 978-3-89771-774-9

Edition DISS im Unrast-Verlag, Band: 45

 

 

 

 

Der Entfremdungsbegriff (bzw. ein verwandter Begriff wie Verdinglichung) hat Konjunktur. Die Debatte reflektiert zum einen das neue Interesse an der Marx-Lektüre, das seit der Jahrtausendwende Ausdruck der Krisenprozesse ist, die die kapitalistische »Welt« durchziehen und nach Erklärungsmustern suchen lassen. In diesem Zusammenhang wird auch das Verhältnis zwischen dem »frühen« Marx und dem Marx der »Kritik der Politischen Ökonomie«, zwischen Entfremdungskritik und der Kritik des Warenfetischismus erneut thematisiert. Zum anderen verweist der Entfremdungsdiskurs auf die individuellen Leidenserfahrungen, die den Alltag der Menschen bestimmen.

Korrespondierend zum Entfremdungsbegriff nimmt der Identitätsbegriff einen immer breiteren Raum ein in der Debatte um die Gestaltung von nichtentfremdeten Lebensverhältnissen. ›Identität‹ (bzw. ›kollektive Identität‹) ist zur Chiffre geworden, unter der sich unterschiedliche Gruppen formen, denen es um eine Änderung vorherrschender Lebens- und Denkweisen geht, die sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen herausgebildet haben. Die jeweiligen Gemeinschaftsvorstellungen, ihre Begründungen und Handlungsstrategien werden seit einigen Jahren breit und kontrovers erörtert, dies gerade auch in den Gesellschaftsbildern rechter und linker Identitätspolitik. Bezüglich der letzteren stellt sich die Frage, wie Identitäts- und Klassenpolitik zueinander stehen.

Besondere Beachtung verdienen rechtspopulistische und extrem rechte Bewegungen. Auch sie operieren identitätspolitisch, indem sie das »Deutsch-Sein« (im völkischen Sinne) und das volksgemeinschaftliche Wir zum allein bestimmenden Identitätsmerkmal erheben. Identität ist aus dieser Sicht immer national- und volksbezogen. Entfremdung dagegen bedeutet stets Verlust des Nationalen und des »Volkshaften«. Auch die Vorstellungen von einer anderen, besseren Welt haben Konjunktur. Seit Karl Mannheim und Ernst Bloch wird Utopie nicht mehr primär als ein literarisches Genre, sondern als eine Denkform, als »utopisches Bewusstsein« betrachtet, die es für kultur- und sozialwissenschaftliche Analysen fruchtbar zu machen gilt.

Inhalt

Wolfgang Kastrup
Die Entfremdungskritik von Karl Marx

Marvin Müller
Neuere Entfremdungstheorien. Kritische Bemerkungen
zu den Theorien von Rahel Jaeggi und Hartmut Rosa

Peter Höhmann
Identitätspolitik. Herausbildung, Deutungsformen
und kollektive Bewegung

Lea Susemichel
Emanzipatorische Identitätspolitik

Stefanie Graefe
Die Macht der Sekundäreffekte. Zur Entproblematisierung
von Rassismus in der Debatte um Rechtspopulismus

Eleonora Roldán Mendívil / Bafta Sarbo
Klasse und ›Rasse‹ – Marxismus und Identitätspolitik
in Deutschland heute

Helmut Kellershohn
Identitätspolitik von rechts

Marvin Chlada
Utopisches Denken. Anmerkungen zum Utopiediskurs
in den Sozialwissenschaften

Jörg Senf
»In Fremdsprachen bin ich völlig unbegabt.« Entfremdung,
›völkische Identität‹ und Utopie beim Sprachenlernen

Augsburger Wissenschaftspreis für DISS-Mitarbeiterin Katharina Peters

Unsere Mitarbeiterin Katharina Peters wurde für ihre Abschlussarbeit zum Thema Antiziganismus im Tatort und politischen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit dem diesjährigen Augsburger Förderpreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet.

Der Preis wird jährlich von der Universität Augsburg zusammen mit der Stadt Augsburg und dem Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL e.V.) verliehen. Er „zeichnet hervorragende Leistungen von Nachwuchswissenschaftler*innen aus, deren Forschung sich mit der interkulturellen Wirklichkeit in Deutschland und den damit zusammenhängenden Fragen und Herausforderungen auseinandersetzt. Die Ausschreibung wendet sich an alle wissenschaftlichen Disziplinen und will in besonderer Weise interdisziplinär und innovativ angelegte Qualifikationsarbeiten prämieren“ (Ausschreibung Augsburger Wissenschaftspreis).

Katharina Peters hat in ihrer Abschlussarbeit mit Instrumenten der Diskurs- und Medienanalyse untersucht, welche Bilder von ‚Sinti und Roma‘ und als solche Gelesene im deutschen Fernsehen aufgegriffen und (re)produziert werden. Im Rahmen der Analyse werden diese in ihrer Konstruiertheit entlarvt und die folgenreichen Wechselwirkungen zwischen fiktionalen Sendungen wie dem Tatort und nicht-fiktionalen Formaten wie politischen Talkshows herausgestellt. Die Arbeit schafft dadurch Raum für andere Wirklichkeitsentwürfe und will die Sensibilität für eine diskriminierungsfreie mediale Darstellung schärfen.

Die Arbeit wird im Frühjahr 2021 in der Reihe „Edition DISS“ im UNRAST-Verlag Münster erscheinen.

Fluchtdiskurs in deutschen Medien

Fluchtdiskurs in deutschen Medien

Workshop des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)
> für Student*innen und andere Interessierte <

Es sind noch Plätze frei.

Dank der freundlichen Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung ist die Veranstaltung kostenlos.

Freitag, 4.12.2020, 12:00 – 17:00
in den Räumen des DISS in der Siegstraße 15 in 47057 Duisburg.

Nur mit Anmeldung: siehe Link unten

„Oder soll man es lassen?“, fragt die Wochenzeitung DIE ZEIT am 12. Juli 2018 und lässt dis-kutieren, ob es legitim sei, wenn private Helfer*innen Geflüchtete im Mittelmeer aus Seenot retten. So wird die Alternative ins Spiel gebracht, sie vorsätzlich ertrinken zu lassen. Das schließt an die Diskreditierung von Hilfe für Geflüchtete an, wie wir sie häufiger beobachten können, seit 2015/16 die Willkommenskultur in eine Abschiebekultur umgekippt ist.

Die Antwort gibt Carola Rackete ein Jahr später, …

-> Flyer: Weiterlesen und Anmeldung

     

 

Nachruf in analyse & kritik

Nachruf von Regina Wamper, Sebastian Friedrich, Sara Madjlessi-Roudi und Jens Zimmermann auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger in der Zeitschrift analyse & kritik Nr. 663 vom 15. September 2020 (S. 5).

Gegen den Strich

Der Duisburger Diskursanalytiker Siegfried Jäger ist im Alter von 83 Jahren gestorben

Von Regina Wamper, Sebastian Friedrich, Sara Madjlessi-Roudi und Jens Zimmermann

Eigentlich wird im Besprechungsraum des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung nicht geraucht. Doch das scherte Siegfried Jäger, den wir alle nur Sigi nannten, wenig. Auch ohne die Autorität des Institutsgründers hätte er sich während der Diskussion genüsslich eine Zigarette angezündet. Als er mal aufgefordert wurde, doch bitte die Kippe auszumachen, fluchte er, argumentierte eloquent mit Foucaults Bio-Politik und zog ein weiteres Mal demonstrativ an seiner Zigarette.

Vom französischen Philosophen Michel Foucault, der Sigi wie kein zweiter geprägt hatte, gibt es eine interessante Passage zur Herrschaft im Kapitalismus: »Die Bourgeoisie ist intelligent, scharfsichtig und berechnend. Keine Herrschaftsform war jemals so fruchtbar und damit so gefährlich, so tief eingewurzelt wie die ihrige. Wenn man ihr laute Anklagen entgegenschleudert, wird sie nicht umfallen; sie wird nicht verlöschen wie eine Kerze, die man ausbläst.« Das wusste Sigi nur allzu gut, forschte und publizierte er mit dem DISS hauptsächlich zu den Themen extreme Rechte, Rassismus, Nationalismus, Neoliberalismus, Militarismus und Biopolitik; zu Themen also, die im Laufe seines wissenschaftlichen und politischen Lebens nicht gerade an Relevanz verloren haben – im Gegenteil.

Sigi war seit 1972 Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Duisburg. Bis in die 1970er noch stark vom Marxismus geprägt, widmete er sich ab den 1980er Jahren dann vor allem Foucault. 1987 gründete er mit seiner Frau Margarete Jäger und anderen das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Ein linkes, undogmatisches, unabhängiges Institut. Zentrales Motto: Wissenschaft gegen den Strich. In diesem Sinne wurde dort, federführend von Sigi, die Kritische Diskursanalyse (KDA) entwickelt.

In die gesellschaftliche Debatte intervenieren

Auch durch den Austausch mit seinem Umfeld und seinen Studierenden beschäftigte er sich seit den 1980er Jahren mit der Neuen Rechten. Zentral war dabei, völkisches Denken nicht als etwas zu verstehen, das lediglich exklusiv für einige wenige Splittergruppen ist. Gerade weil der völkische Nationalismus in der »Mitte der Gesellschaft« verankert ist, geht von ihm eine gesamtgesellschaftliche Gefahr aus.

Ähnliches gilt für ein weiteres für Sigi wichtiges Thema: In den frühen 1990er Jahren, in der Zeit der Pogrome und Morde gegen Migrant*innen, Geflüchtete und neuerlich erstarkender rassistischer und nationalistischer Diskurse wandte er sich der Analyse des alltäglichen und institutionalisierten Rassismus zu, in einer Zeit wohlgemerkt, in der ein Großteil der Meinungsmacher*innen noch immer davon ausging, Rassismus aka »Ausländer- « oder »Fremdenfeindlichkeit« seien mit dem Ende des NS von der Bildfläche verschwunden. Mit den Publikationen wie »Brandsätze« intervenierte das DISS in die Erzählung, Rassismus könne wirksam durch eine Beschneidung des Asylrechtes begegnet werden. Dabei hob das Institut die Mitverantwortung von Medien und Politik an den Angriffen hervor.

Für Sigi war immer klar: Wissenschaft muss eingreifend sein. Diese Devise vertrat Sigi auch bei wissenschaftlichen Konferenzen, wo er sich dann eben von so manchen Kolleg*innen anhören musste, das DISS betreibe eher politischen Aktivismus als objektive Wissenschaft.

Sigi wusste mit Foucault, dass Wissensproduktion immer auch Wahrheitsproduktion ist. Wer anderes behauptet, so Sigi, spielt eine machtvolle Karte aus, macht sich und die wissenschaftlichen Wahrheiten unangreifbar. Und diese akademische Unangreifbarkeit, also Wissenschaft, die Konsens erzeugt, war Sigi zutiefst suspekt. So verachtete er die »akademischen Esel, ihre Dumpfheit und Kurzsichtigkeit, die Wissens- und Kritikfeindlichkeit der heutigen Universität insgesamt«, wie er 2007 in einem Nachruf auf Alfred Schobert schrieb.

Dass die Herrschaftsform nicht einfach umfallen wird, rechtfertige eine gewisse Traurigkeit, fährt Foucault in der Passage über die bürgerliche Herrschaft des Kapitalismus fort. »Umso mehr gilt es, in dem Kampf so viel Fröhlichkeit, Helligkeit und Ausdauer wie nur möglich hineinzutragen. Wirklich traurig wäre, sich nicht zu schlagen.« Mit solcher Leidenschaft begab sich auch Sigi in Auseinandersetzungen. Wenn wir abends nach der Diskurswerkstatt länger auf ein paar Gläser Wein zusammen saßen, fragte er meist als erstes, was es Neues aus den politischen Zusammenhängen gebe, in denen wir zu diesem Zeitpunkt jeweils unterwegs waren. Die grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse, die radikale Herrschaftskritik war das, was Sigi immer Orientierung war. Am 16. August · 2020 ist er gestorben.

Regina Wamper, Sebastian Friedrich, Sara Madjlessi-Roudi und Jens Zimmermann haben mit Siegfried Jäger am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) zusammengearbeitet.

Workshop für Journalist*innen: Fluchtdiskurs in deutschen Medien, Freitag, 23.10.

Fluchtdiskurs in deutschen Medien

Workshop des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)
> für Journalist*innen <

Dank der freundlichen Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung ist die Veranstaltung kostenlos.

Freitag, 23.10.2020, 13:00 – 17:15
in den Räumen des DISS in der Siegstraße 15 in 47057 Duisburg.

Nur mit Anmeldung: siehe Link unten

Kritischer Journalismus stellt immer wieder vor Herausforderungen. Wie kann man vielfäl-tig und kritisch über Themen wie Flucht, Seenotrettung oder Integration schreiben, ohne in Fallen zu tappen? Welche Bilder und Aussagen können ungewollt Rassismus und autoritäre Vorstellungen bestärken?

-> Flyer: Weiterlesen und Anmeldung

     

 

Workshop für Lehrer*innen: Fluchtdiskurs in deutschen Medien & Schule, Freitag, 25.9.

Fluchtdiskurs in deutschen Medien & Schule

Workshop des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)
für Lehrer*innen

Dank der freundlichen Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung kostenlos.

Freitag, 25.9.2020, 14:00 – 17:30
in den Räumen des DISS in der Siegstraße 15 in 47057 Duisburg.

Nur mit Anmeldung: siehe Link unten

Politik oder Sozialwissenschaften, Deutsch oder Geschichte, Philosophie oder Religion, Projekttage oder Studierendenvertretung: Wie kann man in der Schule über Flucht, Seenotrettung, Integration oder Rassismus sprechen? Ausgehend von unseren Forschungser-gebnissen zum Fluchtdiskurs bieten wir einen theoretischen Rahmen und konkrete Werk-zeuge für einen kritischen Blick. Gemeinsam wollen wir Anregungen austauschen, wie eine kontroverse Diskussion in der Schule aussehen kann, die Sagbarkeitsfelder erweitert.

-> Flyer: Weiterlesen und Anmeldung

     

 

 

 

Nachruf von Helmut Loeven

Auf dem Blog Amore e Rabbia veröffentlichte der Schriftsteller, Buchhändler und Verleger Helmut Loeven einen Nachruf auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

Siegfried Jäger 1937 – 2020

Der Artikel in der WAZ faßt auf wenigen Zeilen Wesentliches zusammen.
Über das DISS schrieb ich vor wenigen Wochen in diesem Weblog, wie nah dran diese kritische Wissenschaft an den brisantesten Themen der Gegenwart ist, und was für eine gute Idee es vor 30 Jahren war, das unabhängige Institut zu gründen! Um sich das zu vergegenwärtigen, bitte ich darum, die Stichwörter „Siegfried Jäger“ und „DISS“ am Ende dieses Notats anzuklicken.
In dem Institut war ich oft zu Besuch – es ergab sich immer wieder eine Gelegenheit dazu – ein angenehmer Aufenthaltsort! An den Wänden ist viel Kunst zu sehen. Der Blick über den Rand ist charakteristisch für die Art von Wissenschaft, die hier betrieben wird.

Siegfried Jäger war nicht nur in Fachpublikationen präsent, er schrieb auch für die taz und die Graswurzelrevolution. In DER METZGER war er zwei mal als Autor vertreten: In Nr. 78 (2007) würdigte er seinen Kollegen und Mitstreiter Alfred Schobert. In Nr. 42 (1990) erschien Entstehungsbedingungen des Rechtsextremismus heute, beginnend mit der Kernthese „Faschismus und Rechtsextremismus entstehen aus der Mitte der Gesellschaft heraus.“ Darauf antwortete, mehr ergänzend als widersprechend, Kurt Gossweiler in Nr. 48.
Aufmerksam machen will ich auch auf den Artikel von Sebastian Friedrich in Nr. 111: Werkzeug für Veränderung. Was hat es mit der Kritischen Diskursanalyse auf sich? Sebastian Friedrich stellt das Standardwerk von Professor Siegfried Jäger (DISS) vor als ein Beispiel für eingreifende Wissenschaft. „Von Foucault über Diskurs und Dispositiv zum Widerstand.“

Ich habe auch mal mit Siegfried Jäger einen Mietvertrag abgeschlossen – für das Büro der DFG-VK im Hinterhaus, umgeben von Gärten, wo ruhiges Arbeiten vonstatten gehen konnte. Das ist fast schon anekdotisch und lange her, noch bevor das DISS sein erstes Domizil bezog, aber auch das ein Stück aus der Verweigerungsgeschichte mit Folgen.

Meine letzte Begegnung ist schon drei Jahre her (da sprachen wir über Heinrich Heine). Ich war Gast beim Fest zum 30jährigen Bestehen des Instituts – und für mich war es zugleich ein Arbeitstermin. Ich recherchierte für meinen Beitrag in Duisburger Jahrbuch (Mercator-Verlag) über die „Wissenschaft gegen den Strich“.
Als Motto über der Anzeige war ein Satz von Jacques Derrida zu lesen:
„Die Spur, die ich hinterlasse, bezeichnet sowohl meinen Tod als auch die Hoffnung, dass sie mich überlebt.“ Für die Erfüllung dieser Hoffnung zu arbeiten wäre mehr als eine freundliche Geste. Man würde sich damit auch selbst einen Gefallen tun.

Nachruf von Ulrike Bohnsack

Auf der Seite der Universität Duisburg/Essen erschien ein Nachruf von Ulrike Bohnsack auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

Reden geht den Taten voran

  • von Ulrike Bohnsack
  • 25.08.2020

Er war ein Kämpfer gegen Rassismus und Rechtsextremismus, seine Beiträge zum Verhältnis von Sprache und Macht waren wegweisend: Mit 83 Jahren ist Professor Dr. Siegfried Jäger verstorben. Er lehrte und forschte fast drei Jahrzehnte von 1973 bis zu seiner Emeritierung 2002 an der UDE. Sie trauert um den außergewöhnlichen Linguisten.

Der gebürtige Duisburger (Jg. 1937) hatte Germanistik, Anglistik, Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte in Bonn und Exeter studiert. Nach der Promotion war er zunächst kurz Professor in Dortmund und wurde dann an die Gerhard-Mercator-Universität seiner Heimatstadt berufen.

Sprachwissenschaft war für ihn immer auch Gesellschaftswissenschaft. Zeitlebens verfolgte er kritisch die politischen und sozialen Entwicklungen und untersuchte, wie Sprache als Instrument zur Ausgrenzung genutzt wird. Reden geht den Taten voran, war Siegfried Jäger überzeugt. Dabei setzte er sich vor allem mit der Verantwortung von Politik und Medien auseinander. Viele seiner Themen sind immer noch aktuell: sprachliche Gewalt gegenüber Minderheiten, diskriminierende Berichterstattung, Alltagsrassismus und Antisemitismus. Er befasste sich mit diversen Kriegen und internationalen Konflikten und wie sie in den Medien dargestellt werden.

Jäger leitete zahlreiche Forschungsprojekte, verfasste Aufsätze und Bücher, veranstaltete Kolloquien und hielt an die 200 Vorträge. Bundestag und Landtag luden ihn als Experten zu Anhörungen.

Eines seiner großen Vermächtnisse ist das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung DISS, das zu gesellschaftlichen Entwicklungen im In- und Ausland forscht. 1987 gründete er diese von der Uni unabhängige Einrichtung und leitete sie viele Jahre.

Siegfried Jäger entwickelte den so genannten Duisburger Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA), ein umfangreiches qualitatives Verfahren zur Medien- und Interviewanalyse, das international anerkannt ist. 1993 veröffentlichte er „Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung“. Es wurde ein Standardwerk, das mittlerweile in siebter Auflage erschienen ist.

Siegfried Jäger verstarb am 16. August. Die UDE wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/37 9-2429, ulrike.bohnsack@uni-due.de

Nachruf von Thomas Becker

In der Lokalausgabe Duisburg der WAZ erschien ein Nachruf von Thomas Becker auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

 

Uni Duisburg-Essen trauert um Siegfried Jäger

Eine Generation von Studierenden begleitete Prof. Dr. Siegfried Jäger an der Universität Duisburg. Er starb im Alter von 83 Jahren.

Seine Seminare, Vorlesungen und Publikationen machten Professor Dr. Siegfried Jäger an der Universität Duisburg zum herausragenden Wissenschaftler der Sprach- und Sozialwissenschaften und zu einem der wichtigsten Gesprächspartner einer links-alternativen Studentenschaft. Jetzt ist Siegfried Jäger im Alter von 83 Jahren nach längerer Krankheit verstorben.

Sprachwissenschaftler lehrte drei Jahrzehnte lang an der Uni Duisburg

Der Sprachwissenschaftler war von 1972 bis 2002 Professor im Fachbereich Germanistik der Mercator-Universität. Seine zahlreichen Studenten und Doktoranden erinnern sich an einen sprachmächtigen und kompetenten Wissenschaftler, der als Lehrer in seinem Fach jederzeit den Kontakt zu seinen Studenten suchte und eine ganze Generation von jungen Wissenschaftlern bei ihrer Ausbildung nachhaltig zu begleiten wusste.

Leiter und Mitbegründer des DISS

Seit 1987 war er Leiter und Mitbegründer des Duisburger Institutes für Sprach- und Sozialforschung (DISS), das diskursanalytisch zu den Themen Rassismus und Rechtsextremismus forschte und wichtige Diskussionsbeiträge zu den gesellschaftlichen Bedingungen von Sprache und Sprachkompetenz veröffentlichte.

Siegfried Jäger entwickelte den sogenannten Duisburger Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA), ein umfangreiches qualitatives Verfahren zur Medien- und Interviewanalyse, welches auch auf der philosophischen Grundlage von Michel Foucaults Machttheorie basiert. Weitere Informationen zu Professor Dr. Siegfried Jäger, seiner Arbeit und seinen vielzähligen Publikationen finden Sie unter www.diss-duisburg.de.

Zudem kritisierte Jäger immer wieder den alltäglichen Rassismus auch in seiner Heimatstadt Duisburg. Seine Ehefrau Margarete Jäger, die mit ihm das DISS leitete, und seine vielen Freunde, Kollegen und wissenschaftlichen Weggefährten werden ihn vermissen.

DISS-Journal Sonderausgabe Antisemitismusforschung erschienen

Die Sonderausgabe 1 der Institutszeitschrift des DISS ist erschienen und kostenlos als PDF abrufbar.

Es handelt sich um eine Sonderausgabe zum Thema Antisemitismusforschung und enthält einen Text von DISS-Mitarbeiter Jobst Paul in deutscher und in englischer Sprache.

 

Jobst Paul:
Bedingt abwehrbereit.
Antisemitismusforschung zwischen Formelkompromissen und der Verstrickung in die christliche Schuldfrage.
Ein Protest.

In vielen Bereichen der Diskriminierung konnte in den vergangenen Jahren mehr Bewusstsein geschaffen werden, u.a. durch engagierte Forscherinnen und Forscher. Die antisemitische Radikalisierung der vergangenen Jahre wirft daher umgekehrt die Frage nach dem Stellenwert der (deutschen) Antisemitismus-Forschung auf. Der Artikel identifiziert methodische und ideologische Defizite. Zum Beispiel lässt die Fixierung weiter Teile der Forschung auf die Innenschau des Antisemitismus die Betroffenen unsichtbar bleiben. Die Geschichte der christlichen Diskreditierung des Judentums wird zwar oft formal angeführt, aber zugunsten fragwürdiger Rassismus-Thesen ausgeblendet. Da auf diese Weise die Schubkräfte des Antisemitismus unangetastet bleiben, wird ein entschiedener Perspektivwechsel eingefordert. Erst wenn die engagierten Lehrinhalte des Judentums, u.a. zu Gleichheit, zu Gerechtigkeit, zur Nächstensorge und zur Bildung, in den Mittelpunkt gerückt werden, wird das Ausmaß des christlichen Unrechts sichtbar, diese Inhalte aus Machtgründen zu diskreditieren, oder – wie bis heute im Fall der ‚Nächstenliebe‘ – sogar noch für sich zu reklamieren, um sie danach zu verwässern. Der Artikel versteht sich als Protest gegen eine Forschung, die die beschriebenen Schritte noch immer scheut und so letztlich den Antisemitismus lediglich verwaltet.

Jobst Paul:
Not fit for the fight.
Anti-Semitism research between superficial compromises ans entanglement in the question of Christian guilt.
A Protest.

More awareness has been raised in many areas of discrimination in recent years, not least by dedicated researchers. The anti-Semitic radicalization of the past few years therefore raises the question of the role of (German) anti-Semitism research. The article identifies methodological and ideological deficits. For example, the fixation of research on the ‘inside view’ of anti-Semitism leaves those affected by anti-Semitism invisible. The history of the Christian discrediting of Judaism is often hinted at formally, but is then dropped in favour of questionable racism theses. As this leaves the thrust of anti-Semitism untouched, a decisive change in perspective is called for. Only when the social ethical teachings of Judaism, concerning (a. o.) equality, justice, charity and education, are put into focus the nature of Christian injustice becomes visible, namely to discredit these teachings for reasons of power, or – as has been the case in the case of ‘charity’ – even to occupy and then dilute it. The article considers itself to be a protest against a research that still shies away from the steps described and thus ultimately is just sitting out anti-Semitism.