DISS-Kolloquium 28.11.2020 in Duisburg

„Die Corona-Krise – Der Weg in eine neue Normalität?“

Samstag, den 28.11.2020 von 10:00 – 17:00 Uhr
in der Jugendherberge Duisburg Sportpark, Kruppstraße 9, 47055 Duisburg

Die sogenannte Corona-Krise, ausgelöst durch die als Pandemie deklarierte Ausbreitung des Virus Covid-19 hat unser Leben schon jetzt nachhaltig verändert. Die Pandemie kann auch als eine Konsequenz der weltweit zunehmend kapitalistisch geprägten Produktions- und Lebensweisen betrachtet werden. So gesehen stellt sie eine logische Folge menschlichen Handelns dar und wäre eigentlich vorhersehbar gewesen. Tatsächlich aber trifft sie die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme der Welt und damit sehr viele Menschen völlig unvorbereitet.

„Gabenzaun“, Duisburg Stadtmitte, Frühjahr 2020. Foto (c) Martin Dietzsch

Durch die Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus wird das soziale, ökonomische und politische Ungleichgewicht in der Gesellschaft deutlicher sichtbar und möglicherweise auch verstärkt. Auch zeichnet sich ab, dass Prozesse beschleunigt werden, mit deren Hilfe sich die ökonomischen und politischen Eliten eine Lösung erhoffen, z.B. die Digitalisierung des Arbeitsmarktes sowie des Bildungs- und Gesundheitswesens.

Für das diesjährige Kolloquium haben wir – auch bedingt durch Corona – ein anderes Raum- und Zeitformat gewählt, als es Euch von unseren langjährig durchgeführten Kolloquien bekannt ist.

Wir laden Euch deshalb zu einer eintägigen Veranstaltung nach Duisburg ein.

Termin: Samstag, den 28.11.2020 von 10:00 – 17:00 Uhr
Thema: Die Corona-Krise – Der Weg in eine neue Normalität?
Tagungsort: Jugendherberge Duisburg Sportpark
Kruppstraße 9
47055 Duisburg

Den zentralen Vortrag hält Prof. Dr. Jürgen Link. Er fragt: In welcher „neuen Normalität“ wird die „Coronakrise“ enden?

Die Coronakrise ordnet Jürgen Link als Moment innerhalb der normalistischen Kultur ein und fragt danach, in welche „neue Normalität“ die Krise führen kann. Dabei stellt er fest, dass die Reflexion des Kodes „Normalität/normal“ abnimmt, je häufiger er verwendet wird. Das gelte auch für kritische Diskurse, die sich an den altbekannten „Neoliberalismus“ klammerten, statt die „rechtsoffenen“ Demos – wie sie aktuell in Berlin z.B. zu beobachten sind – als Symptome einer heftigen Denormalisierung zu begreifen. In dem Vortrag wird es deshalb auch um die Grenzen des Normalismus und notwendige transnormalistische Fluchtlinien gehen.

Ein zweiter Vortrag wird von Dr. Guido Arnold gehalten. Er wird über eine Internetzuschaltung zum Thema „Corona-Solutionismus: Sinn und Unsinn von Corona-Warn-App, PCR- und Antikörpertests“ sprechen.

In seinem Vortrag geht er der Frage nach, wie geeignet bzw. (absehbar) ungeeignet die Nutzung dieser drei Techniken zur Bekämpfung der Pandemie ist. Dabei verfolgt er die These, dass eine taktische Instrumentalisierung der Krise zur Durchsetzung einer umfassenden Kontrollstruktur verfolgt wird, die über die Corona-Krise hinaus in einem „neuen Normal“ weitergeführt werden soll.

Wir haben die Zahl der Referate auf zwei begrenzt, um genügend Raum für die Diskussion der Beiträge und die Einschätzungen der Anwesenden zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf politische, soziale und kulturelle Prozesse zu geben. Wir wollen darüber sprechen, welche Effekte die Krise auf Demokratie, Umweltpolitik, Migration, auf das Zusammenleben in Familien und mit Freunden, auf Bildung und Kommunikation hat.

Darüber hinaus wollen wir uns auch Zeit lassen, um an das Lebenswerk von Prof. Dr. Siegfried Jäger zu erinnern, der am 16.08.2020 verstorben ist. Er war nicht nur wichtiger Mitbegründer und Impulsgeber des DISS. Er rief auch die Institution des jährlichen DISS-Kolloquiums mit ins Leben und war bei jedem Kolloquium dabei, solange es sein gesundheitlicher Zustand zuließ.

Unsere Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) unterstützt. Dies ermöglicht es uns, auf den sonst üblichen Tagungsbeitrag zu verzichten. Dennoch bitten wir um großzügige Spenden an das DISS, damit wir weiter erfolgreich durch die Krisenzeiten kommen.

Bedingt durch Corona müssen wir die Teilnehmendenzahl auf 40 beschränken. Bitte schickt Eure Anmeldung bis spätestens zum 1.11.2020 an: iris.tonks@diss-duisburg.de.

Wir freuen uns, Euch auf unserem Kolloquium zu treffen und hier viel
Zeit und Raum für Gespräche und Diskussionen zu haben.

Schließlich danken wir der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die freundliche
finanzielle Unterstützung und solidarische Zusammenarbeit.

Herzliche Grüße
Im Namen des gesamten DISS-Teams:
Iris Tonks und Zakaria Rahmani

Nachruf von Helmut Loeven

Auf dem Blog Amore e Rabbia veröffentlichte der Schriftsteller, Buchhändler und Verleger Helmut Loeven einen Nachruf auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

Siegfried Jäger 1937 – 2020

Der Artikel in der WAZ faßt auf wenigen Zeilen Wesentliches zusammen.
Über das DISS schrieb ich vor wenigen Wochen in diesem Weblog, wie nah dran diese kritische Wissenschaft an den brisantesten Themen der Gegenwart ist, und was für eine gute Idee es vor 30 Jahren war, das unabhängige Institut zu gründen! Um sich das zu vergegenwärtigen, bitte ich darum, die Stichwörter „Siegfried Jäger“ und „DISS“ am Ende dieses Notats anzuklicken.
In dem Institut war ich oft zu Besuch – es ergab sich immer wieder eine Gelegenheit dazu – ein angenehmer Aufenthaltsort! An den Wänden ist viel Kunst zu sehen. Der Blick über den Rand ist charakteristisch für die Art von Wissenschaft, die hier betrieben wird.

Siegfried Jäger war nicht nur in Fachpublikationen präsent, er schrieb auch für die taz und die Graswurzelrevolution. In DER METZGER war er zwei mal als Autor vertreten: In Nr. 78 (2007) würdigte er seinen Kollegen und Mitstreiter Alfred Schobert. In Nr. 42 (1990) erschien Entstehungsbedingungen des Rechtsextremismus heute, beginnend mit der Kernthese „Faschismus und Rechtsextremismus entstehen aus der Mitte der Gesellschaft heraus.“ Darauf antwortete, mehr ergänzend als widersprechend, Kurt Gossweiler in Nr. 48.
Aufmerksam machen will ich auch auf den Artikel von Sebastian Friedrich in Nr. 111: Werkzeug für Veränderung. Was hat es mit der Kritischen Diskursanalyse auf sich? Sebastian Friedrich stellt das Standardwerk von Professor Siegfried Jäger (DISS) vor als ein Beispiel für eingreifende Wissenschaft. „Von Foucault über Diskurs und Dispositiv zum Widerstand.“

Ich habe auch mal mit Siegfried Jäger einen Mietvertrag abgeschlossen – für das Büro der DFG-VK im Hinterhaus, umgeben von Gärten, wo ruhiges Arbeiten vonstatten gehen konnte. Das ist fast schon anekdotisch und lange her, noch bevor das DISS sein erstes Domizil bezog, aber auch das ein Stück aus der Verweigerungsgeschichte mit Folgen.

Meine letzte Begegnung ist schon drei Jahre her (da sprachen wir über Heinrich Heine). Ich war Gast beim Fest zum 30jährigen Bestehen des Instituts – und für mich war es zugleich ein Arbeitstermin. Ich recherchierte für meinen Beitrag in Duisburger Jahrbuch (Mercator-Verlag) über die „Wissenschaft gegen den Strich“.
Als Motto über der Anzeige war ein Satz von Jacques Derrida zu lesen:
„Die Spur, die ich hinterlasse, bezeichnet sowohl meinen Tod als auch die Hoffnung, dass sie mich überlebt.“ Für die Erfüllung dieser Hoffnung zu arbeiten wäre mehr als eine freundliche Geste. Man würde sich damit auch selbst einen Gefallen tun.

Nachruf von Ulrike Bohnsack

Auf der Seite der Universität Duisburg/Essen erschien ein Nachruf von Ulrike Bohnsack auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

Reden geht den Taten voran

  • von Ulrike Bohnsack
  • 25.08.2020

Er war ein Kämpfer gegen Rassismus und Rechtsextremismus, seine Beiträge zum Verhältnis von Sprache und Macht waren wegweisend: Mit 83 Jahren ist Professor Dr. Siegfried Jäger verstorben. Er lehrte und forschte fast drei Jahrzehnte von 1973 bis zu seiner Emeritierung 2002 an der UDE. Sie trauert um den außergewöhnlichen Linguisten.

Der gebürtige Duisburger (Jg. 1937) hatte Germanistik, Anglistik, Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte in Bonn und Exeter studiert. Nach der Promotion war er zunächst kurz Professor in Dortmund und wurde dann an die Gerhard-Mercator-Universität seiner Heimatstadt berufen.

Sprachwissenschaft war für ihn immer auch Gesellschaftswissenschaft. Zeitlebens verfolgte er kritisch die politischen und sozialen Entwicklungen und untersuchte, wie Sprache als Instrument zur Ausgrenzung genutzt wird. Reden geht den Taten voran, war Siegfried Jäger überzeugt. Dabei setzte er sich vor allem mit der Verantwortung von Politik und Medien auseinander. Viele seiner Themen sind immer noch aktuell: sprachliche Gewalt gegenüber Minderheiten, diskriminierende Berichterstattung, Alltagsrassismus und Antisemitismus. Er befasste sich mit diversen Kriegen und internationalen Konflikten und wie sie in den Medien dargestellt werden.

Jäger leitete zahlreiche Forschungsprojekte, verfasste Aufsätze und Bücher, veranstaltete Kolloquien und hielt an die 200 Vorträge. Bundestag und Landtag luden ihn als Experten zu Anhörungen.

Eines seiner großen Vermächtnisse ist das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung DISS, das zu gesellschaftlichen Entwicklungen im In- und Ausland forscht. 1987 gründete er diese von der Uni unabhängige Einrichtung und leitete sie viele Jahre.

Siegfried Jäger entwickelte den so genannten Duisburger Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA), ein umfangreiches qualitatives Verfahren zur Medien- und Interviewanalyse, das international anerkannt ist. 1993 veröffentlichte er „Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung“. Es wurde ein Standardwerk, das mittlerweile in siebter Auflage erschienen ist.

Siegfried Jäger verstarb am 16. August. Die UDE wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/37 9-2429, ulrike.bohnsack@uni-due.de

Nachruf von Thomas Becker

In der Lokalausgabe Duisburg der WAZ erschien ein Nachruf von Thomas Becker auf Prof. Dr. em. Siegfried Jäger.

 

Uni Duisburg-Essen trauert um Siegfried Jäger

Eine Generation von Studierenden begleitete Prof. Dr. Siegfried Jäger an der Universität Duisburg. Er starb im Alter von 83 Jahren.

Seine Seminare, Vorlesungen und Publikationen machten Professor Dr. Siegfried Jäger an der Universität Duisburg zum herausragenden Wissenschaftler der Sprach- und Sozialwissenschaften und zu einem der wichtigsten Gesprächspartner einer links-alternativen Studentenschaft. Jetzt ist Siegfried Jäger im Alter von 83 Jahren nach längerer Krankheit verstorben.

Sprachwissenschaftler lehrte drei Jahrzehnte lang an der Uni Duisburg

Der Sprachwissenschaftler war von 1972 bis 2002 Professor im Fachbereich Germanistik der Mercator-Universität. Seine zahlreichen Studenten und Doktoranden erinnern sich an einen sprachmächtigen und kompetenten Wissenschaftler, der als Lehrer in seinem Fach jederzeit den Kontakt zu seinen Studenten suchte und eine ganze Generation von jungen Wissenschaftlern bei ihrer Ausbildung nachhaltig zu begleiten wusste.

Leiter und Mitbegründer des DISS

Seit 1987 war er Leiter und Mitbegründer des Duisburger Institutes für Sprach- und Sozialforschung (DISS), das diskursanalytisch zu den Themen Rassismus und Rechtsextremismus forschte und wichtige Diskussionsbeiträge zu den gesellschaftlichen Bedingungen von Sprache und Sprachkompetenz veröffentlichte.

Siegfried Jäger entwickelte den sogenannten Duisburger Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA), ein umfangreiches qualitatives Verfahren zur Medien- und Interviewanalyse, welches auch auf der philosophischen Grundlage von Michel Foucaults Machttheorie basiert. Weitere Informationen zu Professor Dr. Siegfried Jäger, seiner Arbeit und seinen vielzähligen Publikationen finden Sie unter www.diss-duisburg.de.

Zudem kritisierte Jäger immer wieder den alltäglichen Rassismus auch in seiner Heimatstadt Duisburg. Seine Ehefrau Margarete Jäger, die mit ihm das DISS leitete, und seine vielen Freunde, Kollegen und wissenschaftlichen Weggefährten werden ihn vermissen.

DISS-Journal Sonderausgabe Antisemitismusforschung erschienen

Die Ausgabe 40 der Institutszeitschrift des DISS ist erschienen und kostenlos als PDF abrufbar. Es handelt sich um eine Sonderausgabe zum Thema Antisemitismusforschung und enthält einen Text von DISS-Mitarbeiter Jobst Paul in deutscher und in englischer Sprache.

 

 

 

 

Jobst Paul:
Bedingt abwehrbereit.
Antisemitismusforschung zwischen Formelkompromissen und der Verstrickung in die christliche Schuldfrage.
Ein Protest.

In vielen Bereichen der Diskriminierung konnte in den vergangenen Jahren mehr Bewusstsein geschaffen werden, u.a. durch engagierte Forscherinnen und Forscher. Die antisemitische Radikalisierung der vergangenen Jahre wirft daher umgekehrt die Frage nach dem Stellenwert der (deutschen) Antisemitismus-Forschung auf. Der Artikel identifiziert methodische und ideologische Defizite. Zum Beispiel lässt die Fixierung weiter Teile der Forschung auf die Innenschau des Antisemitismus die Betroffenen unsichtbar bleiben. Die Geschichte der christlichen Diskreditierung des Judentums wird zwar oft formal angeführt, aber zugunsten fragwürdiger Rassismus-Thesen ausgeblendet. Da auf diese Weise die Schubkräfte des Antisemitismus unangetastet bleiben, wird ein entschiedener Perspektivwechsel eingefordert. Erst wenn die engagierten Lehrinhalte des Judentums, u.a. zu Gleichheit, zu Gerechtigkeit, zur Nächstensorge und zur Bildung, in den Mittelpunkt gerückt werden, wird das Ausmaß des christlichen Unrechts sichtbar, diese Inhalte aus Machtgründen zu diskreditieren, oder – wie bis heute im Fall der ‚Nächstenliebe‘ – sogar noch für sich zu reklamieren, um sie danach zu verwässern. Der Artikel versteht sich als Protest gegen eine Forschung, die die beschriebenen Schritte noch immer scheut und so letztlich den Antisemitismus lediglich verwaltet.

Jobst Paul:
Not fit for the fight.
Anti-Semitism research between superficial compromises ans entanglement in the question of Christian guilt.
A Protest.

More awareness has been raised in many areas of discrimination in recent years, not least by dedicated researchers. The anti-Semitic radicalization of the past few years therefore raises the question of the role of (German) anti-Semitism research. The article identifies methodological and ideological deficits. For example, the fixation of research on the ‘inside view’ of anti-Semitism leaves those affected by anti-Semitism invisible. The history of the Christian discrediting of Judaism is often hinted at formally, but is then dropped in favour of questionable racism theses. As this leaves the thrust of anti-Semitism untouched, a decisive change in perspective is called for. Only when the social ethical teachings of Judaism, concerning (a. o.) equality, justice, charity and education, are put into focus the nature of Christian injustice becomes visible, namely to discredit these teachings for reasons of power, or – as has been the case in the case of ‘charity’ – even to occupy and then dilute it. The article considers itself to be a protest against a research that still shies away from the steps described and thus ultimately is just sitting out anti-Semitism.

Rezension: Musiker mit völkischem Heimatverständnis

Timo Büchner
Der Begriff „Heimat“ in rechter Musik
Analysen – Hintergründe – Zusammenhänge
Wochenschau Verlag Frankfurt/M. 2020, 173 Seiten; 12,90 Euro
ISBN 9783734408991

 

 

 

 

 

Eine Rezension von Anton Maegerle

Der Kampf um die Deutungshoheit des Begriffs Heimat wird auch in der Musik geführt. In einer fundierten Analyse gibt der Wissenschaftler Timo Büchner Einblick in verschiedene Spektren der rechten Musik und konstatiert: Die vermeintlich unpolitische Deutschrockband Frei.Wild, die neurechten Rapper Komplott und Chris Ares sowie der NPD-Liederbarde Frank Rennicke verbindet ein völkisches Heimatverständnis.

Büchners detaillierte Untersuchung der Liedtexte dokumentiert, dass diese Musiker Heimat völkisch aufladen und den Begriff für ihre politische Agenda instrumentalisieren. Die politische Rechte instrumentalisiert Heimat zur Unterscheidung zwischen Autochthonen und allen, die durch ihre Herkunft oder Religion den Fortbestand des Volkes gefährden würden. Damit steht sie „ohne Zweifel in völkischer Tradition; die Blut- und-Boden-Ideologie lebt fort“, so Büchner. Der Antagonismus zwischen „Wir“ und den „Anderen“ zieht sich durch eine Vielzahl an Liedtexten rechter Musik. Heimat bedeutet Exklusion. So spricht das völkische Heimatverständnis, das die im Netzwerk der Identitären Bewegung und des Kampagneprojekts Ein Prozent agierenden Rapper Komplott und Ares in ihren Songs transportieren, all denjenigen eine Heimat in der Bundesrepublik ab, die aus Sicht der Neuen Rechten eine Bedrohung für die ethnische Homogenität des deutschen Volkes darstellen.
Der Autor zeigt auf, dass sich in verschiedenen Spektren der rechten Musik das Fortleben völkischer Tradition zeigt. In den Liedtexten von Frei.Wild, Komplott, Ares und von Rennicke ist Heimat stets eine nationale Frage. Rennicke besingt Großdeutschland in den Grenzen von 1939 einschließlich Österreich, Südtirol und weiten Teilen Polens, Komplott rappt über Deutschland und Frei.Wild verklärt die Geschichte Tirols. Die Art und Weise wie sich Frei.Wild, deren Wurzeln in der Rechtsrock-Band „Kaiserjäger“ liegen, in ihren Texten mit Identität, Heimat und Volk beschäftigen, ist für die extreme Rechte anschlussfähig. Denn, so Büchner, das Heimatverständnis wird mit der Verachtung derjenigen verknüpft, die die Band und dessen Heimatverständnis kritisieren. Das Bedrohungsszenario des „Volkstodes““ ist der Grundbaustein dieses Gegensatzes. Der Kampf um die Deutungshoheit des Heimatbegriffs ist der Versuch, völkisches Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren.

DISS-Journal 39 erschienen

Die Ausgabe 39 unserer Institutszeitschrift DISS-Journal ist erschienen und kann kostenlos als PDF-Datei abgerufen werden.

 

 

 

DISS-Journal 39, Juni 2020

Das neue DISS-Journal wartet mit zwei Überraschungen auf. Es ist umfangreicher als gewohnt und auch das Outfit ist neu gestaltet. Wir haben mit vereinten Kräften versucht, die Zeit des Home-Office produktiv zu nutzen. Damit sind wir beim Thema. Am Corona-Virus kommt keiner vorbei …

Manche sprechen von dem Virus als von einem Schwarzen Schwan, einem seltenen und höchst unwahrscheinlichen Ereignis. Das ist Covid-19 genauso wenig wie ein „externer Schock“, der gewissermaßen wie ein Blitz aus heiterem Himmel in die gesellschaftlichen Prozesse fährt. Betrachten wir die zoonotische Pandemie doch eher als einen Indikator für die zunehmende Rückwirkung kapitalistisch geprägter Produktions- und Lebensweisen weltweit auf die äußere wie innere Natur. Sie enthüllt zudem bereits bestehende systemische Antagonismen, die nun bei der Bearbeitung der „Corona-Krise“ in sozialer, ökonomischer und politischer Hinsicht zutage treten. Und schließlich: Die Krise wird möglicherweise die Antagonismen und bestehende Krisentendenzen weiter verstärken und zugleich die Prozesse beschleunigen, mit deren Hilfe sich die ökonomischen und politischen Eliten die Lösung erhoffen (z.B. Digitalisierung).

Das vorliegende DISS-Journal thematisiert zwei Aspekte der „Corona-Krise“: zum einen die geplante Einführung der „Corona-Warn-App“ in Deutschland, die umstritten ist (z.B. fordern die GRÜNEN und die LINKE eine gesetzliche Grundlage) und hier in einem prononcierten Artikel kritisiert wird; zum anderen die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit ihren problematischen Auswirkungen. Zwei weitere Artikel lenken die Aufmerksamkeit auf das brisante Thema der Migration, das in den Zeiten von Corona in den Hintergrund gedrängt wurde. Wie immer richtet das DISS-Journal auch den Blick nach rechts. Zwei kleinere diskursanalytische Studien runden dieses Heft ab, und last not least empfehlen wir die Lektüre des Rezensionsteils. Ein Wunsch zum Schluss: Bleiben Sie gesund. (H.K.).

 

Inhalt

Die „freiwillige“ Corona-App
vom Autor*innen-Kollektiv capulcu

„We are Human! – I am not Animal!“
ANMERKUNGEN ZU GRENZE UND MIGRATION IM KONTEXT DES KLIMAWANDELS
von Thomas Müller

Im Zweifel restriktiv
DER MIGRATIONS- UND FLUCHTDISKURS DER FAZ IM JUNI UND JULI 2019
von Fabian Marx

Mediale (Ent-)Politisierung?
ERGEBNISSE EINER KRITISCHEN DISKURSANALYSE ZUR DARSTELLUNG DER MOTIVATION ZWEIER GEWALTTATEN ANFANG 2019 IN PRINTMEDIEN
von Laura Schäfers

Die Wirkmächtigkeit von Diskursen
WIE DER AUSHANDLUNGSPROZESS UM DIE (IL)LEGITIMITÄT EINES KUNSTWERKS EINEN STADTTEIL VERÄNDERT
von Junus el-Naggar, Araththy Logeswaran und Deniz Greschner

Weniger Arzt im künstlich intelligenten Gesundheitssystem
DIGITALISIERUNG MIT NEBENWIRKUNGEN
von Guido Arnold

Der »Kampf gegen das Auto«
zur »Deindustrialisierung Deutschlands« im Auftrag der »Wall Street«
von Tim Ackermann

„Atomwaffendivision“
RECHTSEXTREME TERRORORGANISATION WILL EINEN „RASSENKRIEG“ INITIIEREN UND DIE „NATÜRLICHE ORDNUNG“ HERSTELLEN
von Raimond Lüppken

Ruhrkampf 1920
von Mark Haarfeldt

Resilienz im Krisenkapitalismus
REZENSION VON WOLFGANG KASTRUP

Ein Gigant der Philosophie: Georg Wilhelm Friedrich Hegel
„DER PHILOSOPH DER FREIHEIT“
REZENSION VON WOLFGANG KASTRUP

Rechte Wörter – Von Abendland bis Zigeunerschnitzel
REZENSION VON LENARD SUERMANN

„Anständige Mädchen“ und „selbstbewusste Rebellinnen“
AKTUELLE SELBSTBILDER IDENTITÄRER FRAUEN
REZENSION VON LEROY BÖTHEL

Kaiser und Sultan. Zwischen Orient und Okzident
Eine Ausstellung des Badischen Landesmuseums
VON ANTON MAEGERLE

Der römische Coup der Verfassungsväter
REZENSION VON JOBST PAUL

Tierschutz und Judentum
REZENSION VON JOBST PAUL

Gerrymanders in Virginia
REZENSION VON JOBST PAUL

Pater Oliver: „Der Tote wird nicht der letzte sein“

Das Domradio Köln sendete gestern ein Interview mit Pater Oliver vom Sozialpastoralen Zentrum Petershof in Marxloh.

In einem Schlafcontainer der Gemeinde St. Peter in Duisburg-Marxloh wurde am Wochenende ein Obdachloser tot aufgefunden. Der Pfarrer der Gemeinde sieht dahitner ein größeres Problem – und erhebt Vorwürfe gegen die Stadt Duisburg.

Pater Oliver Potschien (Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Peter in Duisburg-Marxloh): Am Samstagmorgen ist der schlimmstmögliche Fall eingetreten, den wir uns immer ausgemalt haben: Dass einer unserer Bewohner tot im Bett lag. Der Punkt ist: Der Tote von Samstag wird nicht der letzte sein, weil wir viele Menschen haben, die schwer krank sind und die nicht vernünftig versorgt werden.

Man hat den Eindruck, dass es eine Reihe von Menschen gibt, die durch die gängigen Konzepte fallen und einfach abgeladen werden.

[…]

DOMRADIO.DE: Sie sagen, die Stadt Duisburg lässt die Obdachlosen im Stich. Inwiefern?

Potschien: Ja, ich habe schon vor längerer Zeit einen Hilferuf an die Stadt geschickt. Und da kommen dann so Sätze zur Antwort wie „Im Spannungsfeld dieser Problematik bedarf die institutionelle Entscheidung der sorgfältigen Abwägung aller relevanten Aspekte.“ Dazu fällt mir nichts mehr zu ein, der Stadt offensichtlich auch nicht, aber mir fällt gar nichts mehr dazu ein. Wir müssen uns doch anständig um die Menschen kümmern!

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich konkret von der Stadt Duisburg?

Potschien: Wir müssen uns an einen Tisch setzen und versuchen, dass wir für die Leute, die offensichtlich durch das Raster fallen, eine menschenwürdige Lösung finden. Der erste Schritt wäre, dass die Stadt Duisburg überhaupt erst einmal anerkennt, dass es ein Obdachlosen-Problem in Duisburg gibt. Das wäre vielleicht schonmal ein Anfang. Die Menschen bilde ich mir ja nicht ein, ich habe ja keine Halluzinationen, sondern sie sind sehr real.

Der erste Schritt wäre: Wir erkennen an, es gibt in Duisburg ein Problem mit Obdachlosen. Der zweite Schritt: Jetzt versuchen wir, das zu lösen. Das würde ich mir wünschen.

Lesen Sie den vollständigen Artiken auf Domradio.de:
Schwere Vorwürfe nach Obdachlosen-Tod in Duisburg „Der Tote wird nicht der letzte sein“

Hören Sie das Interview mit Pater Oliver bei Domradio.de:
Tod in der Notschlafstelle: Hilferuf aus Duisburg – Ein Interview mit Pater Oliver Potschien (Petershof Duisburg-Marxloh)

AfD – Schlingerkurs zwischen den Flügeln

Schlingerkurs zwischen den Flügeln

von Lenard Suermann

Dieser Text erschien zuerst im Online-Blog des Magazins „der rechte rand“ aus Hannover – im April 2020

„Wir sind die Endgegner, denen sich die Öko-Sozialisten werden stellen müssen.“ Mit diesen markigen Worten brachte sich Thomas Röckemann im Juli 2019 beim AfD-Landesparteitag in Stellung. Soeben war der damalige Landesvorsitzende knapp einer Amtsenthebung entkommen, etwa 40 Prozent der Parteitagsdelegierten hielten zu ihm. Daraufhin traten neun vergleichsweise gemäßigte Vorstandsmitglieder zurück. Die drei „Flügel“-Leute blieben. Die Landtagsabgeordneten Röckemann aus Minden und Christian Blex aus Warendorf bildeten mit dem Heinsberger Kreisvorsitzenden Jürgen Spenrath eine Art Rumpf-Vorstand. Die damalige Kreisvorsitzende aus Solingen Verena Wester wurde kooptiert. Vorausgegangen war diesem Szenario eine politische Schlammschlacht, in der gemobbt, beleidigt und immer wieder interne Chatverläufe an die Presse durchgedrückt worden waren. Drei Monate lang durfte man dem Treiben zusehen, bis schließlich auf Anordnung aus Berlin Anfang Oktober 2019 eine Neuwahl des Landesvorstands durchgeführt wurde. Dieses Mal wählten die vermeintlich Gemäßigten ihre Kandidat*innen durch, angeführt von MdB Generaloberst a.D. Rüdiger Lucassen. Die „Flügel“-Truppe unterlag – wiederum knapp mit etwa 40Prozent – und ging leer aus.

Flügelkämpfe

Dieses bizarre Szenario mag als Lehrstück der inneren Zerrissenheit der AfD gelten, es zeigt aber auch die Macht des „Flügels“ in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. Laut Schätzung des Verfassungsschutzes sind dem „Flügel“ in NRW 1.000 Personen zuzuordnen, also etwa 20Prozent der Mitglieder – eine konservative Schätzung, angesichts der Wahlergebnisse der letzten Parteitage. Zudem sind mit Münster und Detmold zwei der fünf Landesbezirke – allerdings die kleinsten – fest in „Flügel“-Hand. Der Sprecher des münsterländischen Bezirks, Steffen Christ, holte 2018 Björn Höcke gleich zwei Mal nach NRW, während in Ostwestfalen-Lippe 2018 und 2019 die „Hermannstreffen“ stattfanden: Eine offensichtlich an die Kyffhäusertreffen angelehnte Variante mit Andreas Kalbitz und weiterer Prominenz des „Flügels“.

In den drei anderen Bezirken hat der „Flügel“ zwar keine Hausmacht, aber lokale Hochburgen. Dem Kreisverband (KV) Aachen steht der Höcke-Vertraute Markus Mohr vor, dem KV Hamm der sich zum „Flügel“ bekennende Pierre Jung. Andernorts sorgen die Flügelkämpfe für Querelen: Erst im März gab Wester ihren Kreisvorsitz in Solingen ab, in Herne wurde der Kreisvorstand vom neuen Landesvorstand im Dezember gleich komplett abgesetzt.

Und schließlich ist der NRW-„Flügel“ mit Martin Renner und Andreas Keuter auch im Bundesverband vertreten. Renner, ein Urgestein der Partei, zusammen mit (oder auch: gegen) seinem Intimfeind Marcus Pretzell bis 2017 Landesvorsitzender, zog als Spitzenkandidat in den Bundestag ein, um „Schuldkult und die Political Correctness [zu] stoppen“. Keuter, der schon durch das Posten von Nazi-Bildchen in die Schlagzeilen geriet, war im März 2020 bei einem Höcke-Event in Schnellroda. Für ihn arbeitet Verena Wester. Auch MdB Udo Hemmelgarn, der sonst eher in der braunen Verschwörungsszene fischt, dürfte als Vorsteher des Bezirks Detmold kaum Berührungsängste mit dem „Flügel“ haben.

In der Sache vereint

Ohnehin ist die Distanz des aktuellen Vorstands zum „Flügel“ nicht inhaltlich begründet. So kann das als „Malbuch“ getarnte Hetzwerk, das vom Landesvorstand im März herausgegeben und dann als Satire verteidigt wurde, keinesfalls als Ausdruck einer politischen Mäßigung bewertet werden. Erst nach Ankündigung polizeilicher Ermittlungen distanzierte man sich und warf schließlich den ehemaligen Co-Landesvorsitzenden und erklärten Gegner Röckemanns, Helmut Seifen, aus dem Vorstand. Auch die Fantasien des AfD Landesvorsitzenden Lucassen zum Einsatz der Bundeswehr für den Grenz- und Heimatschutz oder die Beschäftigung der neurechten Autorin Irmhild Boßdorf in dessen Büro belegen eher Nähe als Distanz. Oder anders gesagt: die internen Kämpfe werden nicht der Inhalte wegen geführt.

Auf Schlingerkurs

Dem aktuellen Vorstand wird bewusst sein, dass er auf einem Pulverfass sitzt. Der Vorstoß zum Verbot des „Flügels“ Mitte März kam aus NRW, dann aber gefolgt von deutlichen Worten gegen Jörg Meuthens Vorschlag zur Abspaltung desselben. Schon 2019, während der internen Kämpfe um den Landesvorsitz, hatte Lucassen sich um Auftritte mit Andreas Kalbitz bemüht. Die bereits angekündigten Veranstaltungen wurden letztlich gecancelt, Kalbitz trat stattdessen mit Röckemann auf. Ein nächster Anlauf war für Ende März geplant gewesen: In Höxter hätte der Kommunalwahlkampf starten sollen, mit Lucassen, dem hessischen MdL Dimitri Schulz – und Höcke.

Bevor es aber zu einer Annäherung der rechten Lager in der NRW-AfD kommt, müsste eben dieser Schlingerkurs zwischen Abgrenzung und Einbindung überwunden werden. Angesichts der anstehenden Kommunalwahlen im Herbst 2020 werden die Gräben wohl wieder geöffnet werden, – auf beiden Seiten und aus taktischen Gründen.

Dokumentation: Offener Brief zur Situation der Obdachlosen in Duisburg

Pater Oliver und Schwester Ursula vom Petershof Marxloh (Sozialpastorales Zentrum an der kath. Kirche St. Peter) machten vor einem Monat in einem Offenen Brief auf die äußerst zugespitzte Lage der Obdachlosen in Duisburg aufmerksam.

 

Die Lokalzeit Duisburg des WDR berichtete zuletzt am 30.4. über das Thema. Die Sendung ist noch bis zum 7.5. abrufbar.
Pater Oliver kämpft für Bedürftige trotz Corona | Studiogast: Sandra Hankewitsch, Pflegewissenschaftlerin

 

 

 

Wir dokumentieren den Wortlaut des Offenen Briefes und die Antwort der Stadt Duisburg. Die Original-Dokumente entnahmen wir der Website des Georgswerks: Aktuelle Corona-Hilfe. Das Statement der Stadt Duisburg wird dort mit den Worten kommentiert: „Halten Sie sich fest: Hier die Antwort“

 

Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg

Petershof

Herrn
Oberbürgermeister Link
per Mail: oberbuergermeister@stadt-duisburg.de

Situation der Obdachlosen in Duisburg
Offener Brief

01.04.2020

Sehr geehrter Herr Link,

auch wenn die Eingangsfrage vielleicht etwas platt ist, steckt doch das ganze derzeitige Elend darin:

Möchten Sie derzeit in der Haut eines Obdachlosen stecken?

Mit einer gewissen Fassungslosigkeit konstatieren wir, wie das hier seit langem fehlende Konzept für einen angemessenen, menschlichen und dem 21. Jahrhundert entsprechenden Umgang mit Obdachlo­sigkeit in der gegenwärtigen Situation für viele Duisburger lebensbedrohlich wird.

Daher bitten wir Sie, folgende Punkte zu überdenken:

1. Es muss für jeden Duisburger eine angemessene Unterkunft geben.
Suchtkrankheiten und ihre Folgen können keine Ausrede für die Verweigerung eines Schlafplat­zes sein.

2. Es muss für jeden Duisburger etwas zu essen geben.
Und zwar unabhängig von Gabenzäunen, Pfandflaschensammlungen oder Durchwühlen von Müllcontainern.

3. Es muss für jeden Duisburger (warme) Kleidung zur Verfügung stehen.

4. Es muss für jeden Duisburger Zugang zu einem Arzt möglich sein.
Und zwar weder in ehemaligen Schlafzimmern alter Pfarrhäuser noch in ausrangierten Kranken­wagen noch im Nieselregen auf irgendwelchen öffentlichen Plätzen.

Viele Initiativen in Duisburg kümmern und sorgen sich – oft bis an den Rand des individuell Möglichen – um ihre Mitmenschen. Viele Duisburger beteiligen sich, indem sie Lebensmittel, Ideen, Kleidung, Geld, Arbeitskraft und Zeit investieren.

Ohne ein schlüssiges Gesamtkonzept bleibt dies alles aber nur Flickwerk.

Mit freundlichen Grüßen
Pater Oliver
Schwester Ursula

Petershof Marxloh | Sozialpastorales Zentrum an der kath. Kirche St. Peter
Mittelstr. 2 |47169 Duisburg – Marxloh | Tel.: (0203) 500 66 07 | Fax: (0203) 500 89 46 www.georgswerk.de

 

Die Antwort der Stadt Duisburg

Der Oberbürgermeister
Dezernat für Familie, Bildung und Kultur, Arbeit und Soziales
Dez. III Stadtverwaltung Duisburg, 47049 Duisburg

Petershof Marxloh
Sozialpastorales Zentrum St. Peter
Herrn Pater Oliver

Ihr Schreiben „Offener Brief“ vom 01.04.2020, Reg.Nr. 1052/2020

Sehr geehrter Pater Oliver, sehr geehrte Schwester Ursula,

mit Ihrem Offenen Brief haben Sie sich an Herrn Oberbürgermeister Sören Link gewandt. Dieser gab Ihre Zuschrift an mich als den zuständigen Fachdezernenten weiter.

Zunächst bedanke ich mich für Ihre Zuschrift vom 01.04.2020, in der Sie erneut die Problematik der von Wohnungslosigkeit betroffenen Personen in unserer Stadt beleuchten. Die Beantwortung Ihrer darin eingangs gestellten Frage erübrigt sich. Für die allermeisten Einwohnerinnen und Bürgerinnen unserer Stadt ist ein Leben auf der Straße unvorstellbar. Welche Nachteile und Einschränkungen damit verbunden sind, lässt sich erahnen; insbesondere wenn die Betroffenen durch extreme Wetterlagen, Katastrophen oder die aktuell vorgegebenen Beschränkungen der Behörden im besonderen Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Ihrem Hinweis, wonach es in Duisburg kein Konzept für einen angemessenen, menschlichen und dem 21. Jahrhundert entsprechenden Umgang mit Obdachlosigkeit gibt, widerspreche ich ausdrücklich. Bereits vor vielen Jahren hat Duisburg sich zur Vermeidung und Beseitigung von Wohnungs- und/oder Obdachlosigkeit konzeptionell neu aufgestellt. Diese Konzeption hat einen stark präventiv ausgeprägten Charakter und sieht eine dauerhafte Beherbergung in Obdacheinrichtungen nicht mehr vor. Vorrangig im Interesse der betroffenen Personen, weil hierdurch eine weitere Isolation und Verelendung vermieden werden soll. Primäres Ziel hierbei ist eine bedarfsgerechte Versorgung des Personenkreises, bevorzugt in eigenem Wohnraum. Nach hier vorherrschender Ansicht ist jeder Mensch wohnfähig. Fachgerechte Beratung und Begleitung der Betroffenen sind hierbei inclusive.

Bekannt ist, dass Hilfe in dieser Form nicht von allen Betroffenen angenommen wird. Bewusst entscheiden sich Einzelne für einen Verbleib und das Leben auf der Straße. Damit verbundene Unannehmlichkeiten, Nachteile und sonstige Beeinträchtigungen ihres Daseins nehmen sie bewusst in Kauf. Das Schicksal dieser Personen macht auch die Verantwortlichen in der Kommune betroffen; nicht nur in diesen Tagen.

Obwohl sich die Stadt Duisburg, wie erwähnt, auch im Interesse der Betroffenen vom Grundsatz her entschieden hat, keine Obdachloseneinrichtungen zu betreiben, kann im Rahmen der Gefahrenabwehr jederzeit eine Unterbringung erfolgen. Hierfür steht eine begrenzte Anzahl von Plätzen, die bedarfsweise ausgeweitet werden müssen, zur Verfügung. Viele der Betroffenen lehnen jedoch eine derartige Unterbringung in einer Not- oder Sammelunterkunft ab. Erfolgt eine Unterbringung in diesem Rahmen, kann diese nur vorübergehenden Charakter haben. Angestrebt wird weiterhin die Versorgung mit Normalwohnraum. Problematisch wird dies, wenn der betroffene Personenkreis aufgrund europa- oder ausländerrechtlicher Bestimmungen über kein Erwerbs­oder Transferleistungseinkommen verfügt. In diesen Fällen werden Hilfen zur Rückkehr oder dem Aufsuchen der heimischen Landesvertretung angeboten.

Das vorgenannte Unterbringungsangebot gilt auch dann, wenn der Personenkreis situativ von weiteren Einschnitten im öffentlichen Lebensraum betroffen ist. Viele lehnen jedoch auch in diesen Situationen weiterhin die Unterbringung in einer Not- oder Sammelunterkunft ab. Dem entgegen werden mit Blick auf die Fürsorgepflicht des Staates/der Kommune passgenaue Lösungsmöglichkeiten erwartet. Mitunter stehen diese konträr zu den übergeordneten Zielen des Hilfesystems und fördern einen Verbleib auf der Straße. Im Spannungsfeld dieser Problematik bedarf die institutionelle Entscheidung der sorgfältigen Abwägung aller relevanten Aspekte.

Ihre unter den Punkten eins bis vier beschriebene Forderung nach der Erfüllung existentieller Grundbedürfnisse teile ich. Vom Grundsatz her sehe ich diese mit den vom Gesetzgeber erlassenen Vorgaben, an die sich auch die Stadt Duisburg strikt hält, als gegeben an. Dennoch ist mir durchaus bewusst, dass es hier einzelfallbezogen Lücken gibt und die Bedarfsdeckung nicht oder nur mangelhaft sichergestellt ist. Hier bin ich den von Ihnen benannten ehrenamtlich tätigen Initiativen, Vereinen und Institutionen für ihr aufopferndes Engagement dankbar. Allein durch die öffentliche Hand ist hier Abhilfe in ausreichendem Maße nicht möglich.

Aktuell werden weltweit durchgängig allen Personen in den unterschiedlichsten Konstellationen massive Einschränkungen in ihrem Lebensumfeld abverlangt. Mit Blick hierauf bitte ich um Verständnis dafür, dass die Lösung der Problematik nicht unmittelbar erfolgen kann. Seien Sie jedoch versichert, dass innerhalb der

Verwaltung zeitnah das bisherige Angebot permanent geprüft und ggf. den aktuellen Bedingungen angepasst wird. Die Stadt Duisburg hat alle Menschen im Blick und wir arbeiten mit vereinten Kräften und hoher Motivation an der Bewältigung der momentanen Herausforderungen.

Ihnen und Ihren vielen Helfern*innen danke ich an dieser Stelle noch einmal für Ihr Engagement in dieser schwierigen Zeit.

Mit freundlichen Grüßen
In Vertretung
Thomas Krützberg
Beigeordneter

 


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