DJ19: Transparenz und Umgestaltung

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Trans­pa­renz und Umgestaltung

Die recht­li­che Auto­no­mie der katho­li­schen Kir­che ist unhalt­bar geworden

Autor: Jobst Paul

In sei­ner Kar­frei­tags­an­spra­che (am 2. April 2010 im Peters­dom) meinte der ‚Pre­di­ger des Päpst­li­chen Hau­ses‘, P. Rani­ero Can­tal­amessa, der Zeit­punkt sei gekom­men, die ‚Ver­ge­bungs­bitte für kol­lek­tive Schuld‘ aus­zu­spre­chen — nicht wegen „der Gewalt gegen Kin­der, mit der sich lei­der auch Ele­mente des Kle­rus befleckt“ hät­ten, denn davon sei „drau­ßen genug die Rede“. Viel­mehr ginge es um die „Gewalt gegen die Frauen“, für die die männ­li­che „Hälfte der Mensch­heit“ um Ver­ge­bung bit­ten solle. In einer wei­te­ren über­ra­schen­den Wen­dung nahm Can­tal­amessa für die Kir­che in Anspruch, in der Nach­folge Christi die Gewalt über­wun­den zu haben: In ihr sei eine neue „Art des Siegs“ gebo­ren wor­den: nicht „Opfer zu for­dern, son­dern sich selbst zum Opfer zu machen.“1

Diese Gele­gen­heit nahm der Pre­di­ger dann auch wahr: Mit Blick auf den insti­tu­tio­nel­len Umgang der Kir­che mit Miss­brauchs­fäl­len in der Ver­gan­gen­heit zitierte Can­tal­amessa den Brief eines unge­nann­ten ‚jüdi­schen Freun­des‘, in dem die­ser „den bru­ta­len und kon­zen­tri­schen Angriff auf die Kir­che, den Papst und alle Gläu­bi­gen sei­tens der gan­zen Welt“ mit den „schänd­lichs­ten Aspekte(n) des Anti­se­mi­tis­mus“ gleich­setzte. Roms Ober­rab­bi­ner Ric­cardo Di Segni kri­ti­sierte den Antisemitismus-Vergleich als „geschmack­los“. Gerade der Kar­frei­tag sei „der unheil­vollste Tag in der Geschichte der Bezie­hun­gen zwi­schen Chris­ten und Juden“2 Peter Isely, Spre­cher von Survivor‘s Net­work of those Abu­sed by Priests (SNAP), meinte: „Da sit­zen sie im päpst­li­chen Palast und füh­len sich gerade etwas unwohl — und sie wol­len sich nun vor­kom­men, als wür­den sie zusam­men­ge­trie­ben oder auf­ge­reiht und in Vieh­wa­gen nach Ausch­witz geschickt?“ 3

Wäh­rend sich Can­tal­amessa am Oster­sonn­tag betrof­fen ent­schul­digte, ver­si­cherte Kar­di­nal Angelo Sodano, Dekan des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums, am sel­ben Tag dem Papst, das Volk Got­tes lasse „sich nicht vom Geschwätz des Augen­blicks und nicht von den Prü­fun­gen beein­dru­cken (…), die zuwei­len über die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen“ her­ein­brä­chen. Sicht­lich gerührt umarmte der Papst den Dekan.4

Nicht nur der Rom-Korrespondent der ARD, Gre­gor Hoppe, fragte am 5. April eini­ger­ma­ßen fas­sungs­los, warum sich Bene­dikt XVI. zu die­sem schlim­men Schau­spiel her­ge­ge­ben habe und zu den deut­schen Miss­brauchs­fäl­len schwieg, wäh­rend er zuvor zu ähnli­chen Skan­da­len in Irland und in den USA offene Worte gefun­den hatte.

Der Grund könnte in der Furcht Roms lie­gen, eine zu schnelle Aner­ken­nung der jet­zi­gen inner­kirch­li­chen Pro­test­be­we­gung ins­be­son­dere aus Deutsch­land müsse zu insti­tu­tio­nel­len Ver­wer­fun­gen in der gan­zen Welt­kir­che füh­ren. Die Furcht ist nicht unbe­grün­det, ange­sichts des Span­nungs­po­ten­ti­als, das sich seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil auf­ge­baut hat, des­sen Anlauf zur kirch­li­chen Demo­kra­ti­sie­rung nach­fol­gend reak­tio­när pariert wurde. Mit dem Auf­bre­chen der Miss­brauchs­skan­dale könnte in der Tat dem kirch­li­chen Sys­tem recht­li­cher Auto­no­mie und dem ent­spre­chen­den Selbst­ver­ständ­nis ein hef­ti­ger Stoß ver­setzt wor­den sein. Oder anders: Was Johan­nes Paul II. einst als Spreng­satz gegen den Ost­block wandte, näm­lich die For­de­rung nach Trans­pa­renz und Demo­kra­ti­sie­rung, und was dort als Glas­nost und Peres­troika fort­wirkte, liegt nun auf den Stu­fen des Petersdoms.

Hans Küng 5 und Uta Ranke-Heinemann 6 haben unab­hän­gig von­ein­an­der nach­ge­zeich­net, in wel­chem Maß auch Bene­dikt XVI. — als zen­tra­ler Akteur der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­tion (1981–2005) — für die­ses Sys­tem steht, des­sen ana­chro­nis­ti­sche Natur nun voll­ends offen­bar wird. Danach ver­fügte ein Schrei­ben von Kar­di­nal Otta­viani von 1962 an die Bischöfe (Cri­men Sol­li­ci­ta­tio­nis) und danach ein ähnli­ches Schrei­ben Ratz­in­gers vom 18. Mai 2001 (Epis­tula de delic­tis gra­vio­ri­bus), dass Miss­brauchs­fälle unter das Secre­tum Pon­ti­fi­cium, also in die „aus­schließ­li­che Kom­pe­tenz des Vati­kans“ zu stel­len seien. Dies führte — so Ranke-Heinemann, „zu einer stän­di­gen Ver­set­zung“ der pädo­phi­len Pries­ter und damit zu einer gewohn­heits­mä­ßi­gen Miss­ach­tung des Rechts. Die Anwei­sung hät­ten ins­be­son­dere die iri­schen Bischöfe befolgt.

Der Sach­ver­halt wurde mit Blick auf Deutsch­land durch einen Bericht bestä­tigt, den das baye­ri­sche Jus­tiz­mi­nis­te­rium dem Rechts­aus­schuss des baye­ri­schen Land­tags vor­legte. Nach Hel­mut Seitz, Abtei­lungs­lei­ter Straf­recht des Minis­te­ri­ums, seien man­che Ver­dachts­fälle inner­kirch­lich seit lan­gem bekannt gewe­sen, aber nicht ange­zeigt und statt­des­sen „intern gere­gelt“ wor­den. Auf­fäl­lig gewor­dene Geist­li­che wur­den ein­fach an andere Orte ver­setzt. 7

Mit dem Titel Fünf Jahre Bene­dikt XVI. — ein his­to­ri­scher Ver­trau­ens­ver­lust rich­tete Hans Küng am 15. April 2010 einen Offe­nen Brief an die deut­schen Bischöfe, in dem der Miss­brauchs­skan­dal aller­dings nur­mehr den letz­ten Punkt eines lan­gen Sün­den­re­gis­ters bil­det. So habe Bene­dikt XVI. in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren nicht nur die Annä­he­rung der christ­li­chen Kon­fes­sio­nen und der Welt­re­li­gio­nen hin­ter­trie­ben, son­dern die Texte des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils rela­ti­viert und „gegen ihren Geist“ inter­pre­tiert. Die Stich­worte ‚Kar­frei­tags­lit­ur­gie‘ und ‚Pius-Brüder‘ fir­mie­ren in die­sem Zusam­men­hang nur ‚unter ande­rem‘. Der Papst habe „durch Ernen­nung anti­kon­zi­li­a­rer Chef­be­am­ter (Staats­se­kre­ta­riat, Lit­ur­gie­kon­gre­ga­tion u. a.) und reak­tio­nä­rer Bischöfe in aller Welt die anti­kon­zi­li­a­ren Kräfte in der Kir­che gestärkt“. Man ver­su­che in Rom durch „erneute baro­cke Pracht­ent­fal­tung und medi­en­wirk­same Mani­fes­ta­tio­nen“ eine starke Kir­che mit einem abso­lu­tis­ti­schen ‚Stell­ver­tre­ter Christi‘ zu demons­trie­ren, „der legis­la­tive, exe­ku­tive und judi­ka­tive Gewalt in sei­ner Hand ver­eint“. Die Kol­le­gia­li­tät von Papst und den Bischö­fen der Welt­kir­che sei zur Auto­kra­tie und die Bischöfe zu Sta­tis­ten geworden.

Küng ruft daher die deut­schen Bischöfe — „in Gemein­schaft mit den ande­ren Bischö­fen, den Pries­tern und dem Kir­chen­volk, Män­nern und Frauen“ — zum selbst­stän­di­gen Han­deln auf, z. B. zum ver­ab­re­de­ten Tole­rie­ren ver­hei­ra­te­ter Pries­ter oder zur Ein­be­ru­fung eines Reform­kon­zils oder einer reprä­sen­ta­ti­ven Bischofs­ver­samm­lung. Ähnlich äußert sich der renom­mierte Moral­theo­loge Diet­mar Mieth: Es sei sinn­los, auf Refor­men zu war­ten, viel­mehr müsse die Kir­che als Gan­zes durch Unge­hor­sam gegen­über dem Vati­kan Fak­ten schaf­fen. Der Pflicht­zö­li­bat gehöre abge­schafft, Frauen müss­ten zum Pries­ter­amt zuge­las­sen wer­den. „Wenn sich mor­gen fünf Bischöfe zusam­men­tä­ten, um ver­hei­ra­tete Män­ner zu Pries­tern zu wei­hen, würde über­haupt nichts pas­sie­ren. .Im Gegenteil:

Der Papst würde ihnen sogar nach­lau­fen.“ 8 Tief­grei­fende Refor­men „weit über das Miss­brauchs­thema hin­aus“ for­dert auch Alois Glück, Prä­si­dent des Zen­tral­ko­mi­tees der deut­schen Katho­li­ken (ZdK) und Co– Prä­si­dent des Münch­ner Ökume­ni­schen Kir­chen­ta­ges vom Mai 2010 9. Die Kir­che könne „nicht über staat­li­chen Straf­ge­set­zen ste­hen“. Bis­her glaub­ten viele, die Kir­che müsse „sol­che Dinge zu ihrem eige­nen Schutz intern regeln und den Staat außen vor hal­ten“. Statt­des­sen müss­ten die Opfer im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht ein „falsch ver­stan­de­ner Schutz der Insti­tu­tion“10.

Noch am 23. Februar 2010 han­tierte der Vor­sit­zende der Bischofs­kon­fe­renz, Robert Zol­litsch, mit einem Ulti­ma­tum: Er sprach von einer „schwerwiegende(n) Atta­cke auf die katho­li­sche Kir­che“, als Jus­tiz­mi­nis­te­rin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kri­ti­sierte, die Kir­che arbeite bei Ver­dachts­fäl­len mit den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den nicht kon­struk­tiv zusam­men 11. Erst im April kam es zur Ver­stän­di­gung: Zol­litsch musste die bis­he­rige kirch­li­che Posi­tion räu­men und stimmte nun zu, stets müss­ten die Opfer im Mit­tel­punkt ste­hen und die Kir­che müsse bei Miss­brauchs­ver­dacht staat­li­che Behör­den ein­schal­ten. 12

Von ganz oben, auf sei­nem Flug nach Por­tu­gal zur Mari­en­wall­fahrt­stätte Fátima am 12. Mai 2010, bestä­tigte Bene­dikt XVI. die para­dig­ma­ti­sche Unter­wer­fung der Kir­che unter irdi­sches Recht: „Die Ver­ge­bung ersetzt nicht die not­wen­dige Gerech­tig­keit“ 13. Der Fall Wal­ter Mixa brachte die deut­sche Bischofs­kon­fe­renz aller­dings in noch wei­ter­ge­hen­den Zug­zwang: Mit dem unge­wöhn­lich har­ten Vor­ge­hen durch Zol­litsch und den Münch­ner Erz­bi­schof Rein­hard Marx14 gegen Mixa gab es eine wei­tere Zäsur.

Von die­sen Schrit­ten in die Rich­tung einer dezen­tra­len Ver­ant­wor­tungs­kul­tur in der Welt­kir­che gibt es wohl kei­nen Weg zurück. Dass in der jet­zi­gen his­to­ri­schen Schief­lage der Kir­che („wie zuletzt zu Luthers Zei­ten“ 15 ) die ent­schei­den­den Impulse gegen die Restau­ra­ti­ons­po­li­tik des ers­ten deut­schen Paps­tes aus Deutsch­land kom­men, hat den deut­schen Katho­li­zis­mus nun doch in die Rolle des Vor­rei­ters gehievt.

  1. http://www.zenit.org/rssgerman-20227 []
  2. Un para­gone impro­prio e una caduta di stile. La Stampa, 3. April 2010. http://www.lastampa.it/redazione/cmsSezioni/cronache/201004articoli/53796girata.asp []
  3. http://news.bbc.co.uk/2/hi/8601084.stm []
  4. http://www.kath.net/detail.php?id=26275 []
  5. http://www.nzz.ch/nachrichten/international/fuenf_jahre_benedikt_xvi_ein_historischer_vertrauensverlust_1.5 448429.html []
  6. http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-17295/uta-ranke-heinemann-der-papst-weint-krokodilstraenen_aid_481510.html []
  7. http://www.br-online.de/aktuell/kirche-undmissbrauch-DID1268906638345/kirche-missbrauch-landtag-ID1273139636242.xml []
  8. http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/art4329,474934 []
  9. http://www.welt.de/politik/deutschland/article7273311/Alois-Glueck-Kirche-steht-an-einem-Scheideweg.html []
  10. Alpha-Forum des Baye­ri­schen Rund­funks am 10. Mai 2010 []
  11. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679836,00.html []
  12. http://www.abendblatt.de/politik/article1459738/Leutheusser-Schnarrenberger-und-Zollitsch-legen-Streit-bei.html []
  13. http://www.welt.de/die-welt/politik/article7591798/Papst-Benedikt-prangert-sexuellen-Missbrauch-an.html []
  14. Frank­fur­ter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung vom 25. April 2010, S. 3, und vom 2. Mai 2010, S.10 []
  15. http://www.welt.de/debatte/kommentare/article7533969/Mixa-Krise-ist-mit-dem-Ruecktritt-nicht ausgestanden.html []

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