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DJ19: Arenen der Identität

 
 

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Are­nen der Identität

Fuß­ball­kul­tur und Rassismus

Autor: Jens Zimmermann

Der 19-jährige Stür­mer von Inter Mai­land Mario Balo­telli ist das größte Talent, das der ita­lie­ni­sche Fuß­ball in den letz­ten Jahr­zehn­ten her­vor­ge­bracht hat. Doch wenn er den Platz betritt, dann dau­ert es meist nicht lang, bis ras­sis­ti­sche Gesänge und Rufe durch das Sta­dion hal­len – auch von den eige­nen Fans. Balo­telli ist der Sohn gha­nai­scher Ein­wan­de­rer und besitzt mitt­ler­weile die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Was die Fans von Juven­tus Turin davon hal­ten, konnte man beim Gast­spiel der Inte­risti laut­stark hören: „Es gibt keine schwar­zen Italiener.“In Ita­lien ist man, was ras­sis­ti­sche Fan-Ausfälle angeht, eini­ges gewohnt. Und auch auf dem Platz liegt die Hemm­schwelle nicht gerade hoch. So ent­bot der Stür­mer Paolo di Canio von Lazio Rom nach Toren regel­mä­ßig den faschis­ti­schen Gruß und zeigte dabei seine „Dux“-Tätowierung – und auch der ehe­ma­lige ita­lie­ni­sche Natio­nal­tor­hü­ter Chris­tian Abbiati plau­derte in der Gaz­zetta dello Sport offen über seine Bewun­de­rung für die faschis­ti­sche Ideologie.

Sol­che offe­nen Bekennt­nisse zu Ras­sis­mus und Faschis­mus kennt man hier­zu­lande von Bun­des­li­ga­stars und Natio­nal­spie­lern nicht. Hier bricht das Res­sen­ti­ment eher abseits der Kame­ras aus. Zum Bei­spiel als die Spie­ler des jüdi­schen Fuß­ball­ver­eins TUS Mak­kabi Ber­lin bei einem Aus­wärts­spiel gegen den VSR Alt­glie­ni­cke anti­se­mi­tisch beschimpft wur­den. Erst im Früh­jahr 2010 musste eine Begeg­nung der Bezirks­klasse zwi­schen SV Mügeln/ Ablaß und Roter Stern Leip­zig wegen homo­pho­ber und anti­se­mi­ti­scher Hass­ge­sänge abge­bro­chen werden.

Jude“ gilt auch in diver­sen Fan­sze­nen längst als Schimpf­wort. So ent­roll­ten die Fans von Ener­gie Cott­bus beim Spiel gegen Dynamo Dres­den ein Pla­kat mit der Auf­schrift „Juden“, wobei als mit­ti­ges D das Wap­pen von Dynamo ein­ge­setzt wurde. Vor allem finanz­kräf­tige Ver­eine wie Bay­ern Mün­chen oder Ver­eine aus Städ­ten mit einer ehe­mals gro­ßen jüdi­schen Gemeinde, wie Ein­tracht Frank­furt, wer­den als „Juden­club“ bezeichnet.

Bei­spiel­haft sind auch die ras­sis­ti­schen Aus­fälle nach dem Foul von Kevin-Prince Boa­t­eng an Natio­nal­mann­schafts­ka­pi­tän Michael Bal­lack. Von der Bild-Zeitung bis hin zu den Inter­net­por­ta­len Face­book und Youtube for­mier­ten sich Grup­pen, in denen Boa­t­eng ras­sis­tisch dif­fa­miert wurde und ihm eine bewusste Schwä­chung „unse­rer Natio­nal­mann­schaft“ vor­ge­wor­fen wurde. Diese Hetze folgte einer bestimm­ten Dra­ma­tur­gie: Ghetto-Kid mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund aus dem Wed­ding ver­sus Anfüh­rer der deut­schen Natio­nal­mann­schaft und Fußball-„Arbeiter“.

Diese Seite des Fuß­balls wird beim media­len Spek­ta­kel der dies­jäh­ri­gen Welt­meis­ter­schaft nicht prä­sent sein – Welt­meis­ter­schaf­ten gel­ten als trans­kul­tu­rel­les Ereig­nis. Dass Sport, allen voran Fuß­ball, auch ein zen­tra­les Feld regres­si­ver Iden­ti­täts­po­li­tik sein kann, haben die ver­gan­gene WM und ihr „Par­typa­trio­tis­mus“ gezeigt. Gerade im Fuß­ball hat sich in den letz­ten Jah­ren durch zuneh­mend trans­na­tio­nale Wett­be­werbs– und Wirt­schafts­struk­tu­ren ein kom­ple­xes Gefüge von Abwehr­re­ak­tio­nen ent­wi­ckelt und auch der Fan als gesell­schaft­li­ches Indi­vi­duum ist sol­chen Trans­for­ma­tio­nen aus­ge­setzt. Das dif­fuse Gefühl sub­jek­ti­ver Des­in­te­gra­tion sowie der ver­sagte Wunsch nach Iden­ti­fi­ka­tion mit „sei­nem“ Ver­ein ist poten­zi­elle Res­source für eine Mobi­li­sie­rung (extrem) rech­ter Ein­stel­lungs­mus­ter. Statt legi­ti­mer Kri­tik an Sport– oder Ver­eins­po­li­tik und deren ökono­mi­schen Vor­aus­set­zung wird zuneh­mend auf eine für völ­ki­schen Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus offene Rhe­to­rik zurückgegriffen.

Das der pro­fes­sio­na­li­sierte Fuß­ball eine geeig­nete Arena für sol­che Ver­su­che bie­tet hat jüngst die extrem rechte Monats­zei­tung Deut­sche Stimme in ihrer März-Ausgabe bewie­sen. In dem Arti­kel Die Geschäfte des Herrn Z. von Lutz Des­sau wird der israe­li­sche Spie­ler­ver­mitt­ler Pin­has Zahavi in anti­se­mi­ti­scher Manier als „Strip­pen­zie­her“ auf dem glo­ba­len Trans­fer­markt beschrie­ben. Zahavi ist aus Des­saus Sicht der Nutz­nie­ßer aus der Glo­ba­li­sie­rung des Sports, vor allem aus dem Bosmann-Urteil1, das „Über­frem­dung Tür und Tor“ öffnete. Der Arti­kel ver­bin­det klas­si­sche anti­jü­di­sche Ste­reo­ty­pen des „Kapi­ta­lis­ten“, „Zer­set­zers“ und „Ver­schwö­rers“ mit einer anti­se­mi­ti­schen Deu­tung gegen­wär­ti­ger Pro­zesse des Pro“ sports.

Sport im All­ge­mei­nen und Fuß­ball im Beson­de­ren sind nicht a-politisch, son­dern ein­ge­bet­tet in gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren und Dyna­mi­ken. Sport­kul­tu­ren lie­fern affek­tu­ell stark auf­ge­la­dene Iden­ti­täts­kon­struk­tio­nen mit hoher Bin­dungs­kraft zwi­schen Ver­ein und Fan. Dar­über hin­aus ver­knüp­fen diese inter­dis­kur­siv kon­stru­ier­ten Appli­ka­ti­ons­vor­la­gen (nicht nur sym­bo­lisch) die Dis­kurs­ebe­nen der Poli­tik, Gesell­schaft und des Sports. Sport– und Ver­eins­kul­tu­ren kön­nen dem­ent­spre­chend Foren dis­kur­si­ver Aus­gren­zung aber auch der Inte­gra­tion neuer Iden­ti­tä­ten sein und so auch Ide­en­ge­ber für eine plu­rale Gesell­schaft werden.

  1. Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes aus dem Jahr 1995, nach der unter ande­rem die Beschrän­kung für aus­län­di­sche Spie­ler in den Mann­schaf­ten auf­ge­ho­ben wurde. []

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