Arbeitsschritte einer Edition

Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts.
Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft.

Was technisch dahinter steckt … Arbeitsschritte einer Edition

Autor: Jobst Paul
Deutsch-jüdische Autoren haben sich seit der Aufklärung und während des gesamten 19. Jahrhunderts zu zentralen politischen und ethischen Themenfeldern an die deutsche Mehrheitsgesellschaft gewandt. In der Tradition des Judentums skizzierten sie die sozialethischen Grundlagen, auf denen ein europäisches, weltoffenes Deutschland erstehen sollte. Ihre Bemühungen waren jedoch nahezu erfolglos.
Mit der Edition „Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ wollen die Herausgeber daher wichtige deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen lassen, in der Hoffnung auf eine heutige kulturelle und gesellschaftliche Aufnahme. Die Edition wird durch eine Online-Edition ergänzt, in der parallel wichtige kleinere Schriften veröffentlicht werden.
Die Edition basiert auf der interdisziplinären Kooperation zwischen dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen und dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung. Beide Institute werden bei der Auswahl der Texte von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat unterstützt.
Die Umsetzung des Vorhabens ist auch technisch eine Herausforderung, da die Werke in der Regel aus Frakturschrift in die heute übliche Antiqua-Schrift umgewandelt werden müssen. Um zum neuen Buch oder Online-Text zu gelangen, sind deshalb mehrere Arbeitsschritte zu gehen.
Sicherheitskopien werden im Papierarchiv abgelegt. Derzeit befinden sich dort die Kopien von ca. 2800 Schriften deutsch-jüdischer Autoren.
Nachdem die zum Teil sehr wertvollen Bücher und Broschüren aus deutschen und internationalen Bibliotheken vorliegen, werden sie zunächst Seite für Seite eingescannt oder mit hoher Auflösung abfotografiert. Sicherheitskopien der Werke werden in ein Papierarchiv eingestellt, während die Werke selbst in einer Datenbank dokumentiert und thematisch charakterisiert werden.
Datenbank
So können schnell und übersichtlich Dossiers zu spezifischen Themen und Unterthemen zusammengestellt werden. Selbstverständlich ist die Datenbank – nach Vereinbarung – der Forschung und allen Interessierten für Analysen zugänglich.
Das Problem der Texterkennung von Fraktur

Normalerweise ist eine elektronische Texterkennung heutzutage kein großes Problem mehr. Die Texterkennung (Optical Character Recognition = OCR) ist möglich, weil die gut zu unterscheidenden Antiqua- Lettern, die aus der lateinischen Tradition stammen und für die ‚lateinischen’ Sprachen schon immer maßgeblich waren, neben anderen Schrifttraditionen heute weltweit zur schriftlichen Verständigung dienen. Hinzu kommt, dass die heutigen Druckverfahren höchste Qualität erreicht haben. So müssen sich Erkennungsprogramme nicht mehr mit eigenwillig gestalteten oder von Druckerschwärze verwischten Drucklettern abmühen. Bei historischen Texten in Fraktur ist dies nicht der Fall.
Die Software ABBYY FineReader / Scripting Edition, die im Editionsprojekt genutzt wird, liefert im Rahmen des Möglichen eine befriedigende Rohfassung des Volltextes in Antiqua. Entscheidend für das Leseergebnis sind die Druck-, aber auch die Papierqualität der Vorlage.
Vorausgesetzt, die Scan-Vorlagen haben eine hohe Auflösung und sind frei von Stockflecken (u. ä.), sind mindestens drei Korrekturgänge erforderlich, um aus Frakturvorlagen fehlerfreie elektronische Volltexte herzustellen. Bei umfangreichen Werken kann sich der Korrekturvorgang (bei gelegentlich mehr als fünf Mitarbeitern) über viele Wochen erstrecken. Ziel ist es, eine mit dem Druck im Wortlaut identische Textfassung herzustellen. Häufig ist sie übrigens besser als die Vorlage: Offensichtliche Druckfehler werden stillschweigend korrigiert. Es folgt eine abschließende Bearbeitung des Text-Layouts.

Die letzten Schritte

Für viele unserer Vorlagen ist damit aber noch nicht die letzte Stufe der Bearbeitung erreicht: Da sich in ihnen häufig hebräische, gelegentlich auch griechische Einfügungen und Abschnitte befinden, sind nun unsere Spezialistinnen und Spezialisten gefordert. Sie überprüfen insbesondere die hebräischen Textanteile hinsichtlich ihrer sprachlichen Korrektheit und auch im Hinblick auf die Übereinstimmung mit den hebräischen Quellen.
Danach werden die hebräischen Textteile – gegen die übliche Schreibrichtung von rechts nach links – in die Volltexte eingefügt. In Absprache mit der Deutschen Nationalbibliothek sind wir in der Lage, die fertig konstituierten Volltexte unserer ausgewählten Druckwerke mit einer permanenten Internet- (URN-) Adresse zu versehen. Auf diese Weise können unsere Volltexte über das internationale Bibliothekssystem abgerufen werden. Homepage unserer Online-Edition: http://www.deutschjuedische-publizistik.de
Die Fraktur – mehr als ein geschichtliches Kuriosum
Der über viele Jahrhunderte reichende deutsche Sonderweg in Sachen Drucklettern ist mehr als ein geschichtliches Kuriosum. Während der deutsche Humanismus mit seiner Orientierung an der Antike versuchte, auch in Deutschland die Antiqua durchzusetzen, wurde jedoch seit 1600 die so genannte Fraktur (engl. gothic) zum Symbol einer gedachten deutschen Identität. Das ‚gebrochene’, d.h. Federstriche andeutende Design der Lettern spielte auf das christlich-mittelalterliche Europa unter der Führung deutscher Kaiser an und war deshalb für eine nationalistische Deutung anfällig. So wurde die Frakturschrift insbesondere im 19. Jahrhundert Ausdruck der politischen Hegemonie des ‚völkischen’ Nationalismus und einer ‚christlich-deutschen’ Ordnung, einer Ordnung, in der Juden und Judentum kein Platz zugedacht war.
Die Zuspitzung dieser Entwicklung ist untrennbar mit der Thronbesteigung des preußisch-protestantischen Königs Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1840 verbunden. Er war es z.B. auch, der die Wiederaufnahme und die Vollendung der Bauarbeiten am katholischen Kölner Dom vorantrieb, welcher 1880 (als Symbol der Reichsgründung) vom preußischen Kaiser Wilhelm I. eingeweiht wurde. Mit der Durchsetzung der Fraktur verbaute sich die deutsche Kulturdebatte allerdings nicht nur eine Rezeption im restlichen Europa, wo man in der Regel in Antiqua kommunizierte, sondern auch die kulturelle Kontinuität in die Zukunft.
Ausgerechnet das NS-Regime erkannte dies als Barriere für seine imperialen Pläne – im Januar 1941 dekretierte Hitler die Abschaffung der Fraktur, die er als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnete. In der Umsetzung hieß es freilich, dass die Fraktur „den deutschen Interessen im In- und Auslande schade, weil Ausländer, die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können.“
Die vollständige Fassung des Flyers, dem wir diesen Text entnommen haben, können Sie als PDF-Datei abrufen unter folgender Adresse:
http://www.boehlau.at/download/162036/978-3-412-20451-8_hintergrundinfo.pdf

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