Netzfundstück: Podcast über das DISS-Colloquium

Auf dem Semiosisblog veröffentlichte Sebastian Reinfeldt einen Podcast über das diesjährige DISS-Colloquium.

Autoritäre Zuspitzung – oder: Die Rückkehr in die Provinz

Gleich ob in Deutschland, in Frankreich, in Polen, in Ungarn, in Österreich, in Tschechien, in Schweden, in Dänemark oder Norwegen, in Großbritannien oder in den USA: Themen, Schlagworte und Redeweisen rechter populistischer Parteien und ihrer Politikerinnen und Politiker geben den Ton in der Politik an. Nicht nur, dass sie in Wahlen deutlich an Stimmen gewinnen, dass sie die Regierung des Landes stellen oder an ihnen beteiligt sind. Sie beherrschen zudem das öffentliche Gerede über Politik.

Dabei sind „Flüchtlinge“ und Migration das bestimmende Thema. In diesem Kontext wird die Rückkehr in eine bessere Zeit versprochen – in eine Zeit nämlich, in der die sozialen Beziehungen noch intakt gewesen seien. Somit „verschieben und verdichten“ sich praktisch alle gesellschaftlichen Fragen in die rechtspopulistischen Redeweisen: Man spricht die Sprache der rechten Populisten, man denkt in ihren Kategorien – und man nimmt die Welt mithilfe ihrer verfälschten Bilder wahr.
Ihre strategischen politischen Mehrheiten bei Wahlen erzielen diese Parteien und Gruppen dabei durchwegs in der Provinz: In den ländlichen Regionen und in den kleinen und mittleren Städten, die am Rande der – oder zwischen den – urbanen Zentren liegen. Das diesjährige Jahrescolloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung im Tagungshaus auf der Frankenwarte in Würzburg beleuchtete diese Situation in vielen Aspekten. Um jenseits der gängigen Schlagwörter in den Medien zu verstehen, was in dieser Autoritären Zuspitzung (so der Titel der Novembertagung) vor sich geht, werden wir uns also auf den Weg in die Provinz machen müssen.

Lesen Sie den kompletten Beitrag und hören Sie den Podcast unter:

Autoritäre Zuspitzung – oder: Die Rückkehr in die Provinz

Brasilianisches Jahrbuch zur Diskursanalyse mit DISS-Beitrag von Jobst Paul

Unter dem Titel Estudos críticos do discurso e realismo crítico: contribuições e divergências (Kritische Diskursanalyse und Kritischer Realismus – Beiträge und Unterschiede) ist jetzt an der Universität Cuiabá, Provinz Mato Grosso in Brasilien, das umfangreiche Online-Jahrbuch Polifonia erschienen, das von den beiden Professorinnen Solange Maria de Barros und Viviane de Melo Resende betreut wurde. Frau Prof. Resende von der Universität Brasilia besuchte das DISS im Jahr 2014 zu einem eingehenden Forschungsgespräch zu Fragen der Kritischen Diskursanalyse.

Der Band enthält neben portugiesisch-sprachigen Beiträgen u.a. auch einen englisch-sprachigen Beitrag unseres Mitarbeiters Jobst Paul unter dem Titel Reading the code of dehumanisation: the animal construct deconstructed. Darin stellt Paul erstmals in internationalem Rahmen seine Analyse des binären Codes der Herabsetzung (‚Tier‘-Konstrukt) vor, ergänzt um weitere, inzwischen erarbeitete Analyseteile. Besonderer Schwerpunkt ist dabei die Betrachtung des im westlichen Moraldiskurs dem ‚Tier‘ entgegengesetzten Konstrukts vom ‚zivilisierten Menschen‘.

Angesichts der aktuellen, massiven Rückschläge in der brasilianischen Demokratie trifft derzeit nicht allein die engagierte Analyse herabsetzender Rhetorik auf breites Interesse in Brasilien, sondern auch die umfassende Kritik an einer binär strukturierten, d.h. auf Herrschaft und Herabsetzung aufgebauten Kultur. Dass das neueste Jahrbuch von Polifonia mit den Stichworten Kritische Diskursanalyse und Kritischer Realismus diesen Nerv getroffen hat, zeigt sich daran, dass dieses fachwissenschaftliche Jahrbuch bereits in 5 Tagen seit dem Erscheinen (am 1. Juli 2016) von brasilianischen Lesern über 2000 Male (weltweit über 500 Male) heruntergeladen wurde.

Link zum Jahrbuch: http://periodicoscientificos.ufmt.br/ojs/index.php/polifonia/issue/view/271/showToc

Link zum Artikel von Jobst Paul: http://www.periodicoscientificos.ufmt.br/ojs/index.php/polifonia/article/viewFile/3861/pdf

Tagung 12.3.2016: Stimmungsmache gegen Roma – Das Beispiel Duisburg

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Stimmungsmache gegen Roma – Das Beispiel Duisburg

Strategien und Konzepte gegen Antiziganismus

Wann:
12. März 2016
11 bis 18 Uhr

Wo:
Treffpunkt Stollenpark,
Bergmannstr. 51, Dortmund

 

 

Duisburg inszeniert sich als Problemstadt statt als Ankunftsstadt.
Oberbürgermeister Sören Link äußerte im Herbst 2015: „Ich hätte gerne
das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte.“

Link ließ zwar offen, wer mit der Bezeichnung „Osteuropäer“ gemeint war.
Durch den vorangegangenen Mediendiskurs war die Duisburger
Öffentlichkeit aber so geprägt, dass nur „Roma aus den Balkanländern“
verstanden werden konnte.

Die Ressentiments gegen in Duisburg lebende Roma sind stärker als die
gegen jede andere Bevölkerungsgruppe. Sie werden behandelt als Menschen
dritter Klasse. Ausgrenzung, Diskriminierung und Ausbeutung prägen ihren
Alltag. Vermieter_innen, Arbeitgeber_innen, Behörden, Medien und Polizei
reaktualisieren und verstärken die jahrhundertealten Stereotype und
Vorurteile. Die Stimmungsmache gegen Roma radikalisiert den ohnehin
schon weit verbreiteten Alltagsrassismus in beträchtlichen Teilen der
Duisburger Bevölkerung. Die extreme Rechte ist Nutznießerin dieser
Entwicklung und trägt ihren Teil dazu bei, die Lage zuzuspitzen.

Doch was kann das „Andere Duisburg“, das es ja zweifellos auch gibt,
tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Dieser Frage wollen wir im Rahmen unserer Tagung nachgehen.

Programm

11:00 Grußwort von Wilhelm Solms (GfA)

11:20 Martin Dietzsch, Alexandra Graevskaia (DISS):
Vorstellung der Ergebnisse der Broschüre „Stimmungsmache“ und neuer
Entwicklungen in Duisburg seit ihrem Erscheinen

12:00 Zakaria Rahmani (DISS):
Die Migration aus Osteuropa in regionalen und lokalen Medien

13:00 Mittagspause

14:00 Elizabeta Jonuz (GfA):
Was die Städte eigentlich machen müssten. Kritik und Alternativen zu den
Handlungskonzepten der Städte in Bezug auf Einwanderung aus Südosteuropa

14:40 Ismail Küpeli (freier Journalist):
Antirassismus und die Linke

15:20 Ismeta Stojkovic:
Wie können Selbstorganisationen,
Zivilgesellschaft und Wissenschaft zusammen gegen Antiziganismus agieren?

16:00 Kaffeepause

16:30 Podiumsdiskussion: Strategien
und Konzepte gegen Antiziganismus mit:
Tülin Kabis-Staubach (Planerladen Dortmund)
N.N. (ARIC NRW)
Ismeta Stojkovic (Terno Drom)

18:00 Ende der Veranstaltung

Leitung: Alexandra Graevskaia(DISS) und Elizabeta
Jonuz (GfA)

Moderation: Udo Engbring-Romang (GfA)

 

 

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu
machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen
angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der
Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder
sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind,
den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser
auszuschließen. (§ 6 VersammlG)

Die Tagung wird ausgerichtet von:

Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

Gesellschaft für Antiziganismusforschung

Rosa Luxemburg Stiftung NRW

Terno Drom

Die Teilnehmer_innenzahl ist begrenzt.
Bitte melden Sie sich kostenlos an über:

RLS Nordrhein-Westfalen
Hedwigstr. 30 – 32
47058 Duisburg
Telefon: 0203 3177392
E-Mail: post@rls-nrw.de

Ein Online-Formular zur Anmeldung finden Sie hier:
http://www.nrw.rosalux.de/event/54851/stimmungsmache-gegen-roma-das-beispiel

Den Flyer zur Tagung finden Sie HIER als PDF-Datei

DISS-Colloquium 2015: Rechte Wutbürger im Kulturkampf

coll2015Die Gesellschaft für Politische Bildung e.V. veranstaltet in Kooperation mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V. (DISS) vom 6. bis 8. November 2015 in die Akademie Frankenwarte Würzburg ein zum Thema „Rechte Wutbürger im Kulturkampf“.

In Deutschland sind Protestbewegungen von rechts laut und deutlich geworden, sichtbar bei den „Pegida“-Demonstrationen und poli-tisch in Verbindung mit der neuen Partei AfD. Das Seminar widmet sich den Wurzeln der Protestbewegungen und der Fragestellung, wie man die aktuellen Konturen eines Kulturkampfes von rechts umreißen kann und inwieweit es hegemoniefähige Gegenkonzepte von links gibt.

Geplante Vorträge:

  • Neoliberalismus, politische Romantik und völkischer Nationalismus
    Wolfgang Kastrup, Helmut Kellershohn
  • Rechte Wutbürger und die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft
    Lars Geiges
  • Sächsische Verhältnisse. Pegida, AfD und die Linke
    Kerstin Köditz
  • Zur Lage der AfD im Vorfeld der Landtagswahlen 2016 und der Bundestagswahlen 2017
    Alexander Häusler
  • Die Identitären. Nationale und inter-nationale Kontexte einer neurechten Jugendbewegung
    Natascha Strobl
  • Putin hilf! Russlandbilder zwischen politischer Romantik und geopolitischem Kalkül
    Helmut Kellershohn
  • Lügenpresse. Über ein massenwirksames verschwörungstheoretisches Konstrukt
    Rolf van Raden
  • Christlich-Fundamentalistischer Aufstand in Baden-Württemberg. Der Kampf gegen reproduktive Rechte
    Andreas Kemper
  • Das Dilemma der Islamdebatte
    Floris Biskamp
  • Migration als umkämpftes Feld
    Inva Kuhn
  • Abschlussdiskussion
    Was tun angesichts einer drohenden Machtverschiebung nach rechts?

WDR-Beitrag über das DISS-Archiv

WDR Lokalzeit aus Duisburg, 10.9.2015
WDR Lokalzeit aus Duisburg, 10.9.2015

Die Lokalzeit aus Duisburg des WDR brachte am 10. September einen dreiminütigen Beitrag über das DISS-Archiv zur extremen Rechten. Das Video ist noch einige Tage lang in der ARD Mediathek abrufbar unter:

Archiv zum Thema Rechtsextremismus

 

Ministerin Svenja Schulze im DISS-Archiv

Am 22. Mai 2015 besuchte die Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Svenja Schulze, das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Sie besichtigte das dortige Archiv zur extremen Rechten, das seit Anfang 2015 eine öffentliche Förderung erhält.

Die WDR-Lokalzeit Duisburg berichtete in ihrem Nachrichtenblock über diesen Besuch. Das Video ist abrufbar (14:17 bis 15:15) in der ARD-Mediathek.

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Statement von Svenja Schulze:

„Deswegen ist sowohl das Archiv, das hier ist, als auch die wissenschaftliche Arbeit, die hier geleistet wird, wichtig. Rechtsextremismus, das sind nicht alles Leute, die nicht wissen was sie tun, sondern dahinter steckt eine Ideologie und die muss man auch erforschen und verstehen, weil ansonsten kann man nicht politisch dagegen vorgehen.“

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 (Bildschirmfotos WDR Lokalzeit Duisburg, 22.5.2015)

 

DISS Jahrescolloquium zum Thema NSU

Die Gesellschaft für Politische Bildung e.V. veranstaltet in Kooperation mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V. (DISS) vom 14.11. – 16.11.2014 in der Akademie Frankenwarte in Würzburg ein Seminar zum Thema:

Der NSU im gesellschaftlichen Kontext: Hintergründe, Reaktionen und Konsequenzen

Als im November 2011 bekannt wurde, dass eine neonazistische Gruppe unter dem Namen National-sozialistischer Untergrund (NSU) neun Menschen aus rassistischen Gründen und eine Polizistin ermordet hatte, werteten die Ermittlungsbehörden diese Morde allesamt als Taten im Bereich der Organisierten Kriminalität im „migrantischen Milieu“. In keinem der Fälle wurde ernsthaft in Richtung rassistischer Motive ermittelt. Wie konnte das geschehen? Und: Welche Lehren sind bislang aus diesen „Fehlwahrnehmungen“ gezogen worden?

Folgende Vorträge sind geplant:

  • Der gesellschaftliche Umgang mit der extremen Rechten in Deutschland
    Sebastian Friedrich, Regina Wamper, Jens Zimmermann
  • Rechtsextremismus/terrorismus in Deutschland
    Eike Sanders, Berlin
  • Kontinuitäten und Brüche im Einwanderungsdiskurs
    Margarete Jäger, Duisburg
  • Veränderung des Rassismus ab 2000 und die Reaktionen des militanten Rassismus
    Juliane Karakayalý, Berlin
  • Juristische Auseinandersetzung mit dem NSU. Prozess, Untersuchungs-ausschüsse, staatliche Reaktionen
    Friedrich Burschel
  • Die Sicht der extremen Rechten auf den NSU
    Felix Hansen
  • Die Rolle der Medien während der Aufarbeitung zum NSU
    Derya Gür-Seker
  • Auseinandersetzung mit Rassismus nach und im Zusammenhang mit dem NSU
    Vassilis S. Tsianos
  • Perspektiven für die kritische Forschung und Praxis Diskussion zu den Schlussfolgerungen für eine Rechtsextremismus- und Rassismusforschung sowie eine antifaschistische und antirassistische Praxis
    Podiumsdiskussion und Impulsreferate Friedrich Buschel, Eike Sanders, Vassilis S. Tsianos, Koray Yýlmaz-Günay

Programm (PDF)
Anmeldung (via Akademie Frankenwarte)

Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach

Rede von DISS-Mitarbeiter Dr. Jobst Paul auf der Gedenkfeier anläßlich der Pogromnacht vom 9. November 1938 am Donnerstag, 7. November 2013, Ratssitzungssaal des Duisburger Rathauses

 

צדק צדק תרדף
(Dtn 16, 20) –

Zedek zedek tirdof

(…)

 

In diesen Tagen jährt sich die Pogromnacht 1938 zum 75. Mal.

Doch bedeutet diese Zahl, dass es eine besondere, ja eine hervorgehobene Wiederkehr dieses Tages geben könnte? Verhilft uns ein solcher Jahrestag allein schon zu einer inhaltlichen Orientierung? Offenbar ist eher das Gegenteil richtig – ein solcher Tag fordert besonders dazu heraus, die Inhalte von Gedenken und Erinnerung erneut zu bestimmen. Sie fußen in der Vergangenheit, reichen aber in die Zukunft.

Richten wir mit dieser Absicht unsere Vorstellung zunächst auf die Duisburger Novembertage des Jahres 1938, auf das Räderwerk der NS-Partei, auf parteilastige Verwaltungen und Dienste, auf die hier und dort, wie überall in Deutschland, zuschlagenden Trupps kräftiger Männer. Die Frage ist müßig, wie genau oder wie wenig das alles im Einzelnen geplant war. Die materielle Ausstattung der Trupps reichte jedenfalls zum Zerstörungswerk, das am 9. November 1938 um Mitternacht in Duisburg, Ruhrort und Hamborn begann und sich bis zum 11. November hinzog.

Wir sehen das Inferno des Brandes, hören das Klirren von Scheiben, das Zersplittern von Möbeln auf den Straßen der Stadt (einer der Verfolgten wird in dieser Nacht getötet). Und wir ahnen, wie viele Zeugen, Bürgerinnen und Bürger von Duisburg, es gegeben haben muss.

Ihnen gegenüber steht die nur noch kleine jüdische Gemeinschaft Duisburgs. Viele sind bereits geflohen oder emigriert. Und erst Tage zuvor ist die gesamte Gemeinde der jüdisch-osteuropäischen Einwanderer aus der Stadt deportiert worden. Der Terror vom 9. November zielt also auf die letzte Demütigung der verbliebenen Gruppe.

Und während die Synagoge an der Junkernstraße niederbrennt, drängen sich Mitglieder der restlichen Gemeinde um Rabbiner Neumark in dessen Wohnung in der Fuldastraße, um dort einen Gottesdienst zu halten. So beschreibt es später der Sohn Jehoschua Amir aus der Erinnerung.

Doch die Pogromnacht – das waren zwei Tage und Nächte. Da war die Entrechtung, der Entzug der Existenzgrundlagen der deutschen Juden schon fünf Jahre lang im Gang, Schritt für Schritt. Und die Transport- und Tötungsmaschinerie des NS-Staats sollte erst noch anlaufen.

Und doch beginnt hier nicht die Vergangenheit, die es zu erinnern gilt. Denken wir zum Beispiel an die besorgten Diskussionen in den Duisburger jüdischen Vereinen und Gemeinden schon 30 Jahre zuvor, etwa um 1904, als Mannaß Neumark hier in Duisburg sein Amt antrat, oder lesen wir in den Reden des Mülheimer Predigers Otto Kaiser zwischen 1901 und 1907: Ständiges Thema sind die immer neuen, nicht enden wollenden antisemitischen Kampagnen, die die Mitglieder der jüdischen Gemeinden und Vereine so schwer belasten.

Ja, sogar die Wahnvorstellung vom ‘Ritualmord’ ist um 1900 noch aktuell, die Beschuldigung nämlich, Juden raubten Christenkinder oder christliche Frauen, um an deren Blut zu kommen – fürs Pessach-Fest.

Oder gehen wir weitere 30 Jahre zurück, in die Jahre nach der Reichsgründung, nach dem Börsenkrach des Jahres 1873. Es sind keine verrückten Außenseiter, sondern politische, bürgerliche und wissenschaftliche Eliten, die sich in antisemitischen Parteien organisieren, um nun ‘den Juden’ den Kampf anzusagen. Verlage in Westfalen verschicken 100 000de antisemitischer Hetzbroschüren kostenlos nach Osteuropa, nach Ungarn und ins Österreichische. Die Namen August Rohling und Wilhelm Marr werden zum Synonym für den christlichen und den völkischen Vernichtungswillen dem Judentum gegenüber.

Blicken wir noch weiter zurück, stellen wir uns der deutschen Judenfeindschaft in und nach der deutschen Aufklärung, die in Gesetze und Verordnungen Dutzender deutscher Staaten gegossen war, eine Feindschaft, die Wissenschaft, Philosophie und Künste, ja die Alltagskultur beherrschte. Seit 1804 kommt es regelmäßig zu antijüdischen Hetz-Kampagnen, losgetreten von Literaten, Kirchenvertretern oder Staatsbeamten.

Aber nicht nur das – wir sehen eine jüdische Minderheit in Deutschland, die man seit 1800 – Generation um Generation – bis 1869 – um ihre Würde und rechtliche und politische Gleichberechtigung kämpfen lässt, um sie ihr – eigentlich immer – doch wieder vorzuenthalten. Es ist ein sehr, sehr böses Spiel über viele Jahrzehnte, meist im Namen der Doktrin vom christlichen Staat und aus Motiven, die oft genug auch ausgesprochen wurden, Neid und Habsucht.

All dies ist unserer Erinnerungsarbeit anheim gegeben, die tief eingeschriebene Judenfeindschaft in der Mitte der deutschen Gesellschaft – über einen Zeitraum von 1 ½ Jahrhunderten, vor der Pogromnacht 1938, vor der Shoah (von Mittelalter, Reformation und Gegenreformation ganz zu schweigen).

Dies ist die erste Form, wie wir das Wort aus der hebräischen Bibel Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach beherzigen und beglaubigen sollten: Gerechtigkeit den, d.h. allen Verfolgten gegenüber.

Aber dies ist nicht alles. Es ist nur die Hälfte. Die zweite Hälfte ist die Frage, wie man dieses unermessliche Unrecht Menschen deshalb antun konnte, weil sie sich zum Judentum bekannten.

Die einfache Antwort haben deutsche Juden im 19. Jahrhundert hundert- und tausendfach zu Papier gebracht: Nur dort, wo Lügen über das Judentum eine Chance haben, weil die Unkenntnis des Judentums kultiviert und die Kenntnis des Judentums diskreditiert wird, sind Judenfeindschaft und Antisemitismus möglich, oder sogar programmiert. Und tatsächlich gehörte es 150 Jahre lang – vor der Shoah, vor der Pogromnacht 1938 – zum kulturellen Selbstverständnis der Deutschen, in Schulen, Kirchen und Universitäten die herabsetzendsten Dinge über das Judentum zu lehren, – und darauf zu achten, dass deutsch-jüdische Sprecher und Autoren möglichst nicht zu Wort kamen oder gehört werden konnten.

Gerechtigkeit dem Judentum gegenüber, das ist daher die zweite Form, in der das Bibelwort zum Appell wird – Gerechtigkeit einer ‘Religion der Gerechtigkeit’ gegenüber, die seit über 3000 Jahren von jedem Einzelnen, er sei an hoher oder tiefer Stelle, Liebe, Achtung und Respekt für den Nebenmenschen fordert. Einer Religion gegenüber, die es jedem zur Pflicht macht, für die friedliche Weltgesellschaft, für soziale und ökonomische Gerechtigkeit innerhalb der menschlichen Geschichte, also hier und jetzt, zu arbeiten.

Und was Deutschland betrifft: Wir sollten in uns aufnehmen, dass Immanuel Kants Kategorischer Imperativ, seine Vorstellung von der Pflicht dem Nächsten gegenüber, nicht ohne das Denken eines großen jüdischen Lehrers in Berlin möglich gewesen ist. Gemeint ist Moses Mendelssohn, der 1763 den 1. Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften gewann – mit der Schrift Über die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften.

Kant, der übrigens mit Sprüchen gegen ‘die Juden’ nicht geizte, erhielt damals nur den zweiten Preis. Danach faszinierte ihn Mendelssohns Selbstständigkeit, insbesondere seine naturrechtliche Begründung der Gewissensfreiheit, so sehr, dass er sogar auf eine Zusammenarbeit hoffte. Mendelssohns Werk ‘Jerusalem’ feiert er 1783 – Mendelssohn selbst gegenüber – als “Verkündigung einer großen bevorstehenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird.”

Das alles mitzubedenken ist wichtig, beim Blick auf Deutschland nach der Shoah, als eine ‘deutsche Kultur’ zu existieren aufgehört hatte, als kein Werte-Kompass fürs neue deutsche Grundgesetz mehr überdauert hatte – bis auf die Kant’sche Philosophie, d.h. bis auf ihr, von der deutsch-jüdischen Aufklärung inspiriertes Gleichheits-Ethos.

Denken wir auch daran, wie sehr sich die deutsche Tradition des Wohlfahrtsstaats der Energie verdankt, mit der viele starke, jüdische Frauen zu Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland für soziale Gerechtigkeit kämpften. Sie halfen, dem Bismarck-Reich etwas abzutrotzen, das ebenfalls seinen Weg ins deutsche Grundgesetz fand – als Sozialstaatsgebot. Und erinnern wir uns schließlich auch daran, wie sehr Ludwig Erhardts Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft von dessen jüdischem Lehrer, Franz Oppenheimer, inspiriert war.

Ich denke, diese wenigen Streiflichter genügen, um uns von unserer zweiten Deutung des Bibelworts, nämlich als Appell zur Gerechtigkeit dem Judentum gegenüber, zu einer dritten Deutung zu führen, nämlich zur Forderung, Gerechtigkeit zu üben unserer heutigen kulturellen Identität gegenüber.

Manche werden darin eine Forderung sehen, die erneut eine bloße Last beinhalten soll. Tatsächlich kann es für uns keine Identität geben, die nicht durch Verantwortung für die Vergangenheit geprägt bleibt.

Es gibt allerdings noch eine zusätzliche – und überraschende Antwort. Sie findet sich schon in den Aufsätzen, Predigten und Büchern deutsch-jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts wie Abraham Geiger, Ludwig Philippson, Gabriel Riesser oder Leopold Stein. Diese litten nicht nur unter ihrer unduldsamen Umwelt, sondern sie beklagten auch das Leiden, das sich diese Umwelt durch ihre eigene Unduldsamkeit selbst zufügte und damit ihre eigene intellektuelle und kulturelle Entwicklung blockierte – oder genauer: das Leiden, das sich diese Umwelt durch ihre Weigerung zufügte, sich zu einem Teil der eigenen Identität zu bekennen, nämlich zum jüdischen Teil ihrer christlichen Identität.

Die Lehre daraus für uns heute ist: Wir können der Verantwortung für die Vergangenheit gar nicht gerecht werden, wenn wir uns nicht zur eigenen Identität bekennen, und das heißt – übrigens für Christen und Muslime – zu einer im Judentum wurzelnden Identität.

Oder umgekehrt: Wenn dieser Akt des Erkennens, der An-Erkennung des Judentums weiterhin vertagt und wenn das ‘Jüdische’ in der beliebten Formel von der christlich-jüdischen Tradition ein unverstandenes oder gar – dem Christlichen gegenüber – ein zu vernachlässigendes Anhängsel bleibt, bleiben alle Gefahren latent, denen Juden und Judentum durch nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaften bisher ausgesetzt waren.

Es ist dieser Zusammenhang zwischen dem Nicht-Kennen und Nicht-Anerkennen des Judentums durch die nicht-jüdische Umwelt einerseits und Antisemitismus und Gewalt andererseits, der Generationen deutscher Juden seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1938 umtrieb. Nicht wenige sahen schon im frühen 19. Jahrhundert Tod und Vertreibung voraus, sollte es bei der Leugnung bleiben. Alle aber hofften auf die Zeit, da die christliche Kultur endlich von der Übertrumpfungshaltung ablassen und stattdessen das Judentum als ihre ethische Grundlage anerkennen würde. Dann würde sich diese Kultur sozusagen mit sich selbst versöhnen und könnte ‘heil’ werden und dann würde ein ungeahnter Aufbruch in der Menschheit möglich.

Wie gehen wir an diesem Tag damit um? Entscheiden wir uns dafür, vor allem die dunkle Mentalität der Antisemiten, die Macht der Gewalt zu beklagen, oder gedenken wir des Leidens der Verfolgten, indem wir den, allem zum Trotz, ungebrochenen Optimismus des Judentums in uns aufnehmen, die jüdische Friedens- und Gerechtigkeitsvision, die von der Gewalt vernichtet werden sollte?

In seinem großen Werk Das Wesen des Judentums, das er 1905 in Düsseldorf abschloss, schreibt Leo Baeck, der Gedanke der Zukunft sei ein “Eigenes der jüdischen Religiosität”. Eine “Spannung mit all ihrer Tragik” zwischen einem “Menschendasein” und der Ferne des Ziels. Diese Spannung, aber auch die Einheit von beiden, “das ist die Zukunft, wie sie im Judentum erfahren wird, das Messianische, das ihm eigen ist”. Es ist die Sehnsucht nach der “Einheit der Nationen” und der “Einheit der Zeiten”.

Und der Mülheimer Prediger Otto Kaiser fragt im gleichen Jahr 1905, warum wir die Hoffnung auf die “Vervollkommnung der Menschheit” aufgeben sollten? Das Vertrauen auf die Zukunft sei “das Lebenselixier” Israels – “weil das Judentum ohne den Mut der Zukunft, ohne das Vertrauen auf die Erhebung der Menschheit längst ein Raub der Zeiten, ein Raub der Verfolgungen, ein Raub des Elends, des Drucks und der Verachtung geworden wäre”.

Und 70 Jahre später, nach dem Völkermord, 1975 hier an dieser Stelle in Duisburg, sprach Yehoshua Amir, der Sohn Mannas Neumarks, vom “sengenden Feuer der Verwüstung”, das sich ins Gedächtnis dieser Stadt und dieses Landes eingeätzt habe. Doch zugleich möge auch die “göttliche Gegenwart” nicht verlöschen, in der “Menschen und Völker zu Brüdern werden”. Und ein Jahr später, in der Synagoge in Düsseldorf spricht er die Hoffnung aus, die Deutschen mögen die Fähigkeit wiedererlangen, ihres Volkes froh zu werden, denn nur “aus heilen Völkern” erbaue sich die “heilige Menschheit”.

Das ‘Heil-Werden’ aber – soviel wissen wir nun – führt über die Hinwendung zum jüdischen Teil unserer Identität. Versuchen wir daher, am heutigen Tag, beim Gang zur Gedenkstätte am Rabbiner-Neumark-Weg, neben der Trauer das Messianische zuzulassen, die lebendige Vision der Gerechtigkeit, die Sehnsucht nach der “Einheit der Nationen” und nach der “Einheit der Zeiten”.

Videomitschnitt Casa Pound Vortrag

Am 9.4.2013 referierte im DISS Saverio Ferrari von dem antifaschistischen Dokumentationszentrum «Osservatorio Democratico» in Mailand zum Thema «Casa Pound»: Italiens «Faschisten des 3. Jahrtausends».

Während dieser Veranstaltung wurde von einem der Zuhörer ein Video-Mitschnitt erstellt, der über YouTube abrufbar ist.

casa-pound-vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=yZtm_4tJmKM