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Begeisterung bei Diskurswerkstatt — trotz Hochschulreform (Rom 2011)

Autor: Jörg Senf 

Wie in Deutsch­land, so macht sich der­zeit auch in Ita­lien die Hoch­schul­re­form spe­zi­ell im geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Lehr­be­trieb nach­tei­lig bemerk­bar. Die nun­mehr in Kraft getre­tene Riforma Gel­mini (Mari­as­tella Gel­mini, Minis­te­rin für Bil­dung, Uni­ver­si­tät und For­schung) — gegen die im November-Dezember 2010 erst­ma­lig seit vie­len Jah­ren wie­der mas­sive Stu­den­ten­de­mons­tra­tio­nen statt­ge­fun­den hat­ten, von den Berlusconi-Medien sogleich gründ­lich umdis­kur­si­viert durch gezielte Feind­bild– und Kri­sen­kon­struk­tion („Stu­den­ten poten­zi­elle Mör­der“) — hat einen Abbau beson­ders der disci­pline uma­nisti­che noch ver­schärft, wie er bereits seit Ein­füh­rung des euro­päi­schen Bachelor-Master-Systems zu beob­ach­ten ist. Stu­die­rende wie Lehr­per­so­nal sehen sich in einer fort­schrei­tend pre­kä­ren Lage: Seit Jah­ren weiß nie­mand, was die Stu­di­en­ord­nung im jeweils nächs­ten Semes­ter brin­gen wird. Die Moti­va­tion zum Stu­dium redu­ziert sich ent­spre­chend auf ein recht lust­lo­ses Abha­ken der erfor­der­li­chen Kre­dit­punkte, wo mög­lich über den Weg des gerings­ten Wider­stan­des.
Umso bemer­kens­wer­ter, ja nahezu ver­wun­der­lich, erscheint es da, wenn sich Stu­die­rende — trotz (oder gerade wegen?) die­ses wenig anre­gen­den Kli­mas – mit mani­fes­ter Begeis­te­rung ihren (kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen) Stu­dien und Recher­chen wid­men. Gerade dies ist nun in der dies­jäh­ri­gen Dis­kurs­werk­statt an der römi­schen Uni­ver­si­tät „Sapi­enza“ gesche­hen! Ein Enthu­si­as­mus, eine kon­struk­tive Mit– und Zusam­men­ar­beit, wie ich sie in mei­ner 20jährigen Lehr­tä­tig­keit in  die­sem Aus­maß bis dahin nur sel­ten ange­trof­fen hatte.
Die Dis­kurs­werk­statt, die ich in Rom seit drei Jah­ren als Fortgeschrittenen-Seminar anbiete, fand dies­mal im refor­mier­ten Fach­be­reich Studi Poli­tici im Rah­men der Wahl-Lehrveranstaltung „Wei­tere Sprach­kennt­nisse Deutsch“ statt: 4 Kre­dit­punkte, Note nicht vor­ge­se­hen (ledig­lich der Ver­merk „erfolg­reich teil­ge­nom­men“).  Recht geringe Aus­sicht auf abre­chen­ba­ren Pro­fit also, was die 5–6 teil­neh­men­den Stu­die­ren­den jedoch kei­nes­wegs daran hin­derte, mit Begeis­te­rung bei der Sache zu sein.
Zur theoretisch-methodischen Ein­füh­rung in die Dis­kurs­werk­statt wur­den zunächst die Grund­li­nien der Duis­bur­ger KDA vor­ge­stellt1, wobei die reich­li­che Lek­türe authen­ti­scher DISS-Texte dem Anspruch eines fort­ge­schrit­te­nen uni­ver­si­tä­ren Deutsch-als-Fremdsprache-Kurses beson­ders in ter­mi­no­lo­gi­scher Hin­sicht (Fachsprachen-Kompetenz) för­der­lich war.
Gleich­zei­tig begann die kon­kret aktive Werkstatt-Arbeit, aus­ge­hend von der Wahl eines bri­san­ten Dis­kurs­stran­ges, der nicht nur zum Kurs­be­ginn, März 2011, aktu­ell war son­dern die ita­lie­ni­schen Medien noch vor­aus­sicht­lich bis Mai beschäf­ti­gen sollte. Zwei kamen in die nähere Wahl: Immi­gra­zione (anhal­tende Medi­en­be­richte zur Immi­gra­tion aus Nord­afrika, auf nicht sel­ten ver­sin­ken­den Boo­ten) und Ruby­gate (fort­dau­ernde Bericht­er­stat­tung und Kom­men­tare zur Minderjährigen-Affäre des Pre­miers Ber­lus­coni). Die Teil­neh­mer ent­schie­den sich mehr­heit­lich für letz­te­res Thema, das ja bereits in der Dis­kurs­werk­statt des Vor­jah­res ansatz­weise the­ma­ti­siert wor­den war2 und das – beson­ders rele­vant an einer Facoltà di Sci­enze Poli­ti­che, Socio­lo­gia e Com­u­ni­ca­zione – in den kom­men­den Mona­ten noch wei­tere inter­es­sante Ver­schrän­kun­gen zu Dis­kur­sen um Zustand und Rolle der Insti­tu­tio­nen, Par­la­ments­mehr­heit und, all­ge­mein, poli­ti­sche Ethik ver­sprach.
In zwei Arbeits­grup­pen­grup­pen sam­mel­ten die Teil­neh­mer dar­auf hin über drei Monate hin­weg eif­rig Zei­tungs­ar­ti­kel, einer­seits aus der hege­mo­nia­len Berlusconi-Presse (ins­be­son­dere Il Gior­nale), zum ande­ren aus den links­li­be­ral oppo­si­tio­nel­len Blät­tern (insb. La Repubblica), um anschlie­ßend dann — Sieg­fried Jägers Werk­zeug­kiste an der Hand — die sprach­lich dis­kur­si­ven Merk­male der media­len Deu­tungs­kämpfe her­aus zu arbei­ten und in der Folge dis­kurs­ana­ly­tisch zu deu­ten.
Ende Mai leg­ten die Teil­neh­mer der Dis­kurs­werk­statt ihre schrift­li­chen Aus­ar­bei­tun­gen vor. Als Ergeb­nis einer ledig­lich etwa 25 Stun­den (plus inten­si­ver Haus­ar­beit) umfas­sen­den Lehr­ver­an­stal­tung kön­nen diese — über­dies in der Fremd­spra­che Deutsch ver­fass­ten — Ana­ly­sen sicher­lich noch keine aus­ge­reifte Wis­sen­schaft­lich­keit bean­spru­chen; doch die­ser Aspekt erscheint mir in vor­lie­gen­dem Fall auch eher zweit­ran­gig. Als prio­ri­tä­ren  „Lern­er­folg“ würde ich dage­gen die Tat­sa­che wer­ten, dass Stu­die­rende — trotz erschwe­ren­der Umstände gerade in den Geis­tes– und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten – (wie­der) Moti­va­tion und Lust zum Stu­dium an den Tag legen.
Der Ein­druck solch auto­te­li­scher (nicht pro­fit­ge­bun­de­ner) Begeis­te­rung fand dann auch Bestä­ti­gung in dem durch­weg posi­ti­ven expli­zi­ten Feed­back sei­tens der an der Dis­kurs­werk­statt teil­neh­men­den Stu­die­ren­den. Als Grund ihres so mani­fes­ten Eifers war unter ande­rem zu hören: „Wis­sen Sie, hier an der Fakul­tät  wer­den doch sonst nur alte Kamel­len gelehrt“.
Kri­ti­sche Ansätze und Metho­den, die wie die KDA aus­sichts­reich auf die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit appli­zier­bar sind, wer­den ganz offen­bar von der stu­die­ren­den Jugend der­zeit dank­bar auf­ge­nom­men. Könnte eine sol­che Deu­tung ver­all­ge­mei­ner­bar sein? Blei­ben der­glei­chen Epi­so­den auf das im immo­bi­lismo poli­tico ver­strickte Ita­lien beschränkt? Deu­ten sie mög­li­cher­weise auf eine poli­tisch soziale Auf­bruch­stim­mung (aus­ge­hend vom ara­bi­schen Früh­ling) im Mit­tel­meer­raum hin? Diese und ähnli­che Fra­gen möchte ich offen lassen.

Prof. Jörg Senf
Uni­ver­sità di Roma “Sapi­enza”
Facoltà di Sci­enze Poli­ti­che, Socio­lo­gia, Com­u­ni­ca­zione
Dipar­ti­mento di Studi Poli­tici
P.le Aldo Moro 5 — 00185 Roma
E-Mail: jorg.senf@uniroma1.it

  1. Unter ande­rem nach SENF, J. (in Vor­be­rei­tung) Ana­lisi cri­tica del dis­corso. Approc­cio lin­gu­is­tico didat­tico a un testo di S. Jäger []
  2. Siehe hierzu SENF, J. (2011) Das Ende der Berlusconi-Ära Deu­tungs­kämpfe und Sag­bar­keits­fel­der in den ita­lie­ni­schen Medien in Rolf van Raden/ Sieg­fried Jäger (Hg.): Im Griff der Medien. Kri­sen­pro­duk­tion und Sub­jek­ti­vie­rungs­ef­fekte, Müns­ter: Unrast-Verlag []
 

Denn das Reich der Freiheit wird erstehen…“

In der aktu­el­len Aus­gabe 89 (Juli 2011) der öster­rei­chi­schen jüdi­schen Kutur­zeit­schrift David erschien fogen­der Bei­trag von DISS-Mitarbeiter Jens Zim­mer­mann, der im Zusam­men­hang mit unse­rem For­schungs­pro­jekt zur deutsch-jüdischen Publi­zis­tik des 19. Jahr­hun­derts entstand.

 

„Denn das Reich der Frei­heit wird erste­hen…“ -
Anmer­kun­gen zur poli­ti­schen Publi­zis­tik Leo­pold Zunz‘

Autor: Jens ZIMMERMANN

Das Eman­zi­pa­ti­ons– und Glücks­ver­spre­chen, das die bür­ger­li­che Gesell­schaft den Indi­vi­duen in Aus­sicht gestellt hat, blieb im his­to­ri­schen Ver­lauf wirk­mäch­tige Fik­tion. Nichts gibt dar­über mehr Aus­kunft als der von der deut­schen Öffent­lich­keit des 19. Jahr­hun­derts abge­lehnte Ver­such deutsch-jüdischer Auto­ren, in die poli­ti­schen Debat­ten über Demo­kra­tie, Staats­bür­ger­schaft und Natio­nal­be­griff publi­zis­tisch einzugreifen.1 Die an den eige­nen Eman­zi­pa­ti­ons­wunsch geknüpfte Hoff­nung deut­scher Juden, einen eige­nen Bei­trag zur Kon­sti­tu­tion eines republikanisch-demokratischen Deutsch­lands zu leisten2, wurde in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts einer­seits durch Igno­ranz der poli­ti­schen Öffent­lich­keit, ande­rer­seits durch den viru­len­ten Anti­se­mi­tis­mus der Mehr­heits­ge­sell­schaft zunichte gemacht.

Trotz die­ser Ableh­nung kon­sti­tu­ierte sich im Vor-Kaiserreich eine vitale und umfang­rei­che Publi­ka­ti­ons­land­schaft deutsch-jüdischer Auto­ren, in wel­cher um Staats­bür­ger­schaft und demokratisch-rechtsstaatliche Ideen aus einer spe­zi­fisch deutsch-jüdischen Per­spek­tive dis­ku­tiert und gestrit­ten wurde. Leo­pold Zunz (1794–1886) kann — neben Gabriel Ries­ser und Johann Jacoby — als einer der enga­gier­tes­ten Strei­ter für Rechts­staat­lich­keit und Demo­kra­tie inner­halb die­ses Dis­kur­ses ange­se­hen wer­den. Seine Posi­tio­nie­rung als „öffent­li­cher Gelehr­ter“, der seine Intel­lek­tua­li­tät als Ver­ant­wor­tung für die Gesell­schaft ver­stand, kann retro­spek­tiv als die cha­rak­te­ris­ti­sche Facette sei­nes publi­zis­ti­schen Wir­kens ange­se­hen wer­den, was vor allem durch seine zahl­rei­chen öffent­li­chen Reden und Vor­träge unter­stri­chen wird. Dabei schrieb und redete Zunz als jüdi­scher Intel­lek­tu­el­ler — 1819 grün­dete er in Ber­lin den Ver­ein für Cul­tur und Wis­sen­schaft der Juden, dem auch Hein­rich Heine angehörte.

Seine poli­ti­sche Publi­zis­tik zwi­schen den 1840er und 1860er Jah­ren plä­diert für die Rea­li­sie­rung bür­ger­li­cher Frei­heit und Gleich­heit, an die er gleich­zei­tig eine jüdi­sche Eman­zi­pa­ti­ons­hoff­nung knüpft, wel­che durch das Gesetz gestützt wer­den soll: „Ein Recht besit­zen heisst, die Frei­heit es aus­zu­üben haben, und glei­ches Recht für Jeder­mann, dem­nach glei­che Frei­heit: so ist der Rechts­staat zugleich der Staat der Frei­heit. Fort mit ein­ge­bil­de­ten Unterschieden!„3 Auch wäh­rend der revo­lu­tio­nä­ren poli­ti­schen Wir­ren der Jahre 1848/49, die Zunz in Ber­lin erlebte, pos­tu­lierte er immer wie­der die Grund­sätze einer demo­kra­tisch ver­fass­ten poli­ti­schen Gemein­schaft. In zahl­rei­chen poli­ti­schen Reden argu­men­tierte Zunz lei­den­schaft­lich für die aus sei­ner Sicht zwin­gende Sym­biose von Staat, Nation und demokratisch-rechtsstaatlichen Ver­fas­sungs­nor­men: „Denn das Reich der Frei­heit wird erste­hen: das auf Natio­nal­wil­len gegrün­dete Gesetz, die in frei­wil­li­gem Gehor­sam beste­hende Ord­nung, die Aner­ken­nung des Men­schen unbe­hel­ligt vom Unter­schiede der Sek­ten und Stände, die Herr­schaft der Liebe als Zeug­niss der Erkennt­nis Gottes.„4

Auch nach dem Schei­tern der Revo­lu­tion, dem Rück­zug vie­ler Juden aus dem öffentlich-politischen Bereich und der daran anschlies­sen­den auto­ri­tä­ren Restau­ra­tion wird Leo­pold Zunz nicht müde, von der Sou­ve­rä­ni­tät des poli­ti­schen Vol­kes zu reden und sich dabei auf den in Deutsch­land so ver­hass­ten Jean-Jacques Rous­seau und des­sen con­tract social zu bezie­hen. „Fort­schritt, Frei­heit und Wahr­heit“ bil­den dabei für Zunz den unhin­ter­geh­ba­ren Kern der „Ver­fas­sungs­seele“, den er auch gegen die poli­ti­sche Restau­ra­tion in Deutsch­land ver­tei­digte, die statt eines bür­ger­li­chen Natio­nal­ver­ständ­nis­ses die Nation als genea­lo­gi­sche Abstam­mungs– und kul­tu­relle Exklu­si­ons­ge­mein­schaft defi­nierte. Mit die­sem auf­klä­re­ri­schen Impe­tus pole­mi­sierte er in einer Wahl­rede in Ber­lin 1861 gegen die mäch­ti­gen Insti­tu­tio­nen des Mili­tärs und der Kir­che: „Das Wesen bei­der, als alter­erb­ter Ein­rich­tun­gen, sträubt sich noch in mehr als einer Rich­tung gegen das con­sti­tu­tio­nelle Gesetz.„5

Die Kon­se­quen­zen, die Zunz aus die­ser Fest­stel­lung zog, war die For­de­rung nach einer Tren­nung zwi­schen Staat und Kir­che sowie nach der politisch-rechtsstaatlichen Ein­he­gung des Mili­tärs. Zunz erkannte die gesell­schafts­po­li­ti­sche Spreng­kraft, die von einem mili­tä­ri­schen Appa­rat aus­ge­hen konnte, der „aus­ser­halb der Ver­fas­sung“ steht, und sah auch den im Kai­ser­reich auf­kei­men­den Kon­flikt zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und dem preus­si­schen Staat voraus.

Das politisch-publizistische Wir­ken Leo­pold Zunz’ schöpft seine Über­zeu­gungs­kraft aus dem bedin­gungs­lo­sen Ein­tre­ten für eine uni­ver­sa­lis­ti­sche poli­ti­sche Ethik und Staats­kon­zep­tion, in der keine kon­fes­sio­nel­len und sozia­len Schran­ken das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben regle­men­tie­ren sol­len — Staats­bür­ger­schaft und moderne Rechts­staat­lich­keit ver­kör­pern für ihn poli­ti­schen Fort­schritt. Seine viel­leicht radi­kalste Idee ist die der poli­ti­schen Demokratie:

Demo­kra­tie, d.h. das zur Gel­tung­brin­gen des all­ge­mein Mensch­li­chen, damit der ganze Staat, die ganze Nation das Bewusst­sein von sich bekomme, dass nur durch die gegen­sei­tige Gerech­tig­keit, durch die Gleich­heit, also durch die glei­che Berech­ti­gung der Frei­heit bestehe, und dass die Frei­heit das Mit­tel werde, dass die Nation, d.i. der Staat, Nie­man­den anders gehorcht, als sich selbst, weil sie selbst den sitt­li­chen Gesamt­wil­len hat.„6

Schon 1849 for­mu­liert Zunz die politisch-theoretischen Kern­ele­mente demo­kra­ti­scher Ver­fas­sun­gen, wie sie für Deutsch­land erst genau hun­dert Jahre spä­ter, im Grund­ge­setz, fest­ge­hal­ten wer­den soll­ten. Das poli­ti­sche Den­ken Leo­pold Zunz‘, geprägt durch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion und die Ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung, steht dabei zugleich für die Ver­schrän­kung von poli­ti­scher und jüdi­scher Ethik. Der inner­jü­di­sche Dis­kurs des 19. Jahr­hun­derts deckte ein brei­tes Spek­trum an poli­ti­schen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Pro­blem­fel­dern ab, so etwa die The­men der bür­ger­li­chen Gleich­stel­lung, des Zusam­men­le­bens zwi­schen Juden und Chris­ten, aber auch von Regie­rungs­for­men und den damit ver­bun­de­nen universalistisch-kosmopolitischen Sou­ve­rä­ni­täts­kon­zep­tio­nen. Die­ser Dis­kurs, an den auch die viel­fäl­ti­gen Eman­zi­pa­ti­ons­hoff­nun­gen der deut­schen Juden geknüpft waren, wurde aller­dings kon­se­quent igno­riert und letzt­lich im Deut­schen Kai­ser­reich durch den sich for­mie­ren­den poli­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Anti­se­mi­tis­mus diffamiert.

Es ist kein Zufall, dass mit der Ver­wei­ge­rung die­ses Dia­logs und der damit ver­bun­de­nen kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Exklu­sion des deut­schen Juden­tums auch die zag­haf­ten Bestre­bun­gen nach einer demo­kra­ti­scher Regie­rungs­form und einem uni­ver­sa­lis­ti­schem Staats­bür­ger­ver­ständ­nis in Deutsch­land kein Gehör mehr fan­den und die poli­ti­sche Kul­tur des Kai­ser­reichs zuneh­mend auto­ri­täre Züge annahm.

Leo­pold Zunz, Grün­dungs­va­ter der „Wis­sen­schaft des Juden­tums“, ist einer der expo­nier­tes­ten Ver­tre­ter deutsch-jüdischer Publi­zis­tik des 19. Jahr­hun­derts, wel­che die jüdi­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen, die wis­sen­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit den Grund­la­gen des Juden­tums sowie die Pro­pa­gie­rung repu­bli­ka­ni­scher Poli­tik­for­men in Ein­klang brachten.

1  Vgl. Bro­cke, Michael/Jäger, Margarete/Jäger, Siegfried/Paul, Jobst/Tonks, Iris (2009): Visio­nen der gerech­ten Gesell­schaft. Der Dis­kurs der deutsch-jüdischen Publi­zis­tik im 19. Jahr­hun­dert, Köln u.a.: Böhlau.

2  Zahl­rei­che Texte die­ser Auto­ren sind online unter http://www.deutsch-juedische-publizistik.de/ abrufbar.

3  Zunz, Leo­pold (1976): Gesam­melte Schrif­ten, 3 Bände in einem Band, Hildesheim/New York: Olms, 320.

4  Zunz, 302.

5  Zunz, 322.

6  Zunz, 303.

 
Rezension: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941

Rezension: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941

Autor: Anton Maegerle

Am 20. Juni jährt sich zum 70. Mal der Über­fall Deutsch­lands  auf die Sowjet­union. Der Karls­ru­her His­to­ri­ker Wig­bert Benz doku­men­tiert in sei­ner Mono­gra­fie „Der Hun­ger­plan im ‚Unter­neh­men Bar­ba­rossa’ 1941“, dass bei die­sem NS-Großverbrechen „zig Mil­lio­nen Men­schen“ in den besetz­ten Gebie­ten der UdSSR ver­hun­gern soll­ten, um Nah­rungs­mit­tel für die Wehr­macht und deut­sche Bevöl­ke­rung frei zu machen.

Dem von der poli­ti­schen, mili­tä­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Elite des NS-Staates im Rah­men des Eroberungs-, Aus­beu­tungs– und Ver­nich­tungs­krie­ges gegen die Sowjet­union prak­ti­zier­ten Kon­zepts des geziel­ten Mas­sen­mor­des durch Hun­ger, fie­len min­des­tens vier Mil­lio­nen Men­schen in den besetz­ten Gebie­ten und mehr als zwei Mil­lio­nen sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gene zum Opfer. Da der größte Ver­nich­tungs­krieg in der Geschichte nicht plan­mä­ßig ver­lief und der Hun­ger­plan so nicht in vol­lem Umfang in die Tat umge­setzt wer­den konnte, wurde die von den NS-Machthabern ein­kal­ku­lierte Zahl von „zig Mil­lio­nen“ Hun­ger­op­fern jedoch nicht erreicht.

Buchcover: Wigbert Benz: Der Hungerplan

Im ers­ten Teil sei­ner Stu­die ana­ly­siert Benz die im Auf­trag Her­mann Görings  in den für die Kriegs­wirt­schaft zustän­di­gen Dienst­stel­len erfolg­ten Pla­nun­gen, beim soge­nann­ten Russ­land­feld­zug „zig Mil­lio­nen Men­schen ver­hun­gern“ zu las­sen, um die Ernäh­rung im Deut­schen Reich und die der Wehr­macht in den besetz­ten Gebie­ten der Sowjet­union zu sichern. Göring wurde, heute ist dies selbst in His­to­ri­ker­krei­sen ver­ges­sen, expli­zit auch wegen sei­ner Ver­ant­wor­tung für die­ses Hun­ger­vor­ha­ben bei den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen zum Tod ver­ur­teilt. Im zwei­ten Teil skiz­ziert Benz die Ent­wick­lung des For­schungs­stan­des zum Ver­nich­tungs­cha­rak­ter des  „Feld­zu­ges“, des­sen Zusam­men­hang mit den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kriegs­zie­len sowie den Grund­zü­gen der Krieg­füh­rung und Besat­zungs­pra­xis des Regimes, in deren Rah­men das Hun­ger­pro­jekt geschicht­lich zu ver­or­ten ist und sich des­sen zen­trale Fra­ge­stel­lun­gen erschlie­ßen las­sen. Die Kon­zep­tion des „Hun­ger­plans“ sieht Benz im „Kern“ des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­bil­des, der Ein­tei­lung der Völ­ker in wert­volle und min­der­wer­tige, begrün­det. Die wert­vol­len, an der Spitze die Deut­schen, haben das Recht, auf Kos­ten der min­der­wer­ti­gen bes­ser zu leben, ja „Lebens­raum“ und Wirt­schafts­raum im Osten zu erobern. Die sowje­ti­schen Gebiete sol­len um unnütze Esser berei­nigt werden.

„zig Mil­lio­nen Men­schen verhungern“

Im Fokus der Ana­lyse des drit­ten Kapi­tels ste­hen die  zen­tra­len Doku­mente des Hun­ger­vor­ha­bens. Der Plan, „zig Mil­lio­nen Men­schen ver­hun­gern“ zu las­sen, wurde im Pro­to­koll der Bespre­chung des Chefs des Wehr­wirt­schafts– und Rüs­tungs­am­tes im Ober­kom­mando der Wehr­macht (OKW), Gene­ral der Infan­te­rie Georg Tho­mas, mit den Staats­se­kre­tä­ren aller wirt­schafts– und sozi­al­po­li­tisch wich­ti­gen Res­sorts am 2. Mai 1941 fest­ge­hal­ten. Das Pro­to­koll, so Benz, zeigt das „extreme Hun­ger­kal­kül“ der deut­schen Kriegs­pla­ner für die Besat­zungs­po­li­tik in der UdSSR. Wei­tere Eck­pfei­ler des Hun­ger­plans bil­den die wirt­schafts­po­li­ti­schen Richt­li­nien der Wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion Ost, Gruppe Land­wirt­schaft, im Vier­jah­res­plan vom 23. Mai 1941 sowie Görings soge­nannte „Grüne Mappe“ vom 1. Juni 1941, die als Richt­li­nien für die Füh­rung der Wirt­schaft die Ziele und Metho­den zur wirt­schaft­li­chen Aus­beu­tung der zu beset­zen­den Ost­ge­biete festlegten.

Am Rande sei­ner Mono­gra­fie stellt  Benz ein für alle mal  klar, dass die von rechts­ex­tre­men und geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Krei­sen immer wie­der bemühte Prä­ven­tiv­kriegsthese, wonach Hitler-Deutschland einem Über­fall Sta­lins auf das deut­sche Reich ledig­lich zuvor­kam, ins Reich der Legen­den und Mythen gehört. Mut­ma­ßun­gen über Angrif­f­ab­sich­ten Sta­lins, so Benz, sind „nicht nur unbe­wie­sen“, son­dern haben bei der  „Ent­schei­dungs­fin­dung der deut­schen poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Füh­rung an kei­ner Stelle eine Rolle gespielt.“ Ent­täuscht zeigt sich Benz am Ende sei­ner Bilanz, dass der NS-Terror der aktiv betrie­be­nen Hun­ger­po­li­tik bis­lang im deut­schen Sprach­raum nicht zu einem Thema gewor­den ist. Der His­to­ri­ker befürch­tet, dass viele Bun­des­bür­ger beim Begriff „Hun­ger­plan“ an einen Diät­plan zum Abspe­cken über­flüs­si­ger Pfunde den­ken, statt an das nach dem Holo­caust größte Mas­sen­ver­bre­chen des NS-Regimes. Die­sem Miß­stand end­lich ent­ge­gen­zu­wir­ken zu kön­nen, hat Benz mit sei­ner glän­zen­den Ana­lyse der doku­men­ta­ri­schen Grund­lage des Hun­ger­plans, ein­ge­bet­tet in die Fokus­sie­rung der Ergeb­nisse der inter­na­tio­na­len For­schung zu die­sem Thema, selbst einen ent­schei­den­den Schritt in die rich­tige Rich­tung getan.

Wig­bert Benz
Der Hun­ger­plan im „Unter­neh­men Bar­ba­rossa“ 1941
84 Sei­ten. Wis­sen­schaft­li­cher Ver­lag Ber­lin wvb. Ber­lin 2011.
ISBN 978–3-86573–613-0
16 Euro

Die­ser Bei­trag erschien in gekürz­ter Fas­sung zuerst auf vorwärts.de.

 
DISS-Journal 21 erschienen

DISS-Journal 21 erschienen

Titelseite DISS-Journal 21

Das DISS-Journal 21 (Juni 2011) ist erschie­nen und als PDF-Datei abrufbar.

 

Inhalt:

His­to­ri­sche Zei­ten­wende in der ara­bi­schen Welt
Moshe Zucker­mann

Dis­kur­si­ver Not­stand
Über „Die Panik­ma­cher“ von Patrick Bah­ners und die Reak­tio­nen
John Lüt­ten

Die Kri­tik an Sar­ra­zin:
Berech­tigt und den­noch im Kern dane­ben!
Sieg­fried Jäger

Die eli­mi­na­to­ri­sche Funk­tion von Ras­sis­mus
Sebas­tian Friedrich

Anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus in Öster­reich
Michael Laus­berg

Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der“
Bun­des­weite Kam­pa­gne for­dert volle Umset­zung der Kin­der­rechte
Heiko Kauff­mann

Auf ins Unge­wisse:
Jen­seits von Glau­ben, Wis­sen und Wahr­heit
Einige Über­le­gun­gen zu den wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen der Mög­lich­kei­ten von Kri­tik bei der Kri­ti­schen Dis­kurs­ana­lyse und über­haupt.
Ein befra­gen­der Essay
Sieg­fried Jäger

Voll­stän­dig­keit
Inter­es­sierte Anfrage zur Kri­ti­schen Dis­kurs­ana­lyse
Lars Allolio-Näcke hat eine „Bestands­auf­nahme“ dis­kurs­ana­ly­ti­scher Ansätze geschrie­ben und sich dabei über das Kon­zept der „Voll­stän­dig­keit“ aus­ge­las­sen, zumin­dest ein wenig
Sieg­fried Jäger

Die Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse und die Bil­der
Metho­do­lo­gi­sche und metho­di­sche Über­le­gun­gen zu einer Erwei­te­rung der Werk­zeug­kiste
Sebas­tian Fried­rich und Mar­ga­rete Jäger

Bio­macht und Bio­po­li­tik
Sieg­fried Jäger

Sicht­bar­keits­re­gime
Sieg­fried Jäger

Seid Sub­jekte!
‚Psy­cho­po­li­tik‘, Pro­filing und Bera­tung als Regie­rungs­wei­sen betrach­tet. Sam­mel­re­zen­sion
Niels Spil­ker

Öffent­lich­keit ent­steht, wenn der Kon­sens zusam­men­bricht“
Silke Wag­ner über poli­ti­sche Kunst und Repression

Die Sol­da­ten
Die Rea­li­tät des Kriegs und die Metho­den der Wis­sen­schaft
Jobst Paul

Lan­des­re­gie­rung und Stif­ter­ver­band unter­stüt­zen ver­stärk­ten Dia­log zwi­schen Juden­tum und Öffent­lich­keit
Pres­se­mit­tei­lung zum Sym­po­sium „Deutsch-jüdische Auto­ren im 19. Jahr­hun­dert. Schrif­ten zu Staat, Nation, Gesell­schaft“ am 21.02.2011 in der Alten Syn­agoge in Essen

Par­la­men­ta­ris­mus, Demo­kra­tie und Anti­se­mi­tis­mus:
Neue Per­spek­ti­ven zwi­schen Poli­tik­wis­sen­schaft und Jewish Stu­dies
Mat­thias Fal­ter und Sas­kia Stachowitsch

Oszil­lie­rende Befind­lich­kei­ten
„Anti­se­mit! — Ein Vor­wurf als Herr­schafts­in­stru­ment“
John Lüt­ten

Auto­nome Natio­na­lis­ten“:
Kulturell-ästhetische Moder­ni­sie­run­gen des Neo­na­zis­mus
Regina Wam­per

Die WAZ, die Juden und das Chris­ten­tum
Das Wun­der von Essen

 

 

 
Neuerscheinung über die Autonormalen Nationalisten

Neuerscheinung über die Autonormalen Nationalisten

Zum Thema „Auto­nome Natio­na­lis­ten“, einem Teil der mili­tan­ten Neo­na­zis­szene, erschien im Wies­ba­de­ner VS-Verlag ein sehr lesens­wer­ter Sammelband:

Jan Sched­ler, Alex­an­der Häus­ler (Hrsg.)
Auto­nome Natio­na­lis­ten
Neo­na­zis­mus in Bewegung

VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Wies­ba­den 2011
ISBN 978–3-531–17049-7

Buchcover: Autonome Nationalisten

 

Aus der Einleitung:

In den Medien hat die­ses neue Erschei­nungs­bild des Neo­na­zis­mus oft­mals zu ober­fläch­li­chen wie zugleich unsach­li­chen Gleich­set­zun­gen zwi­schen AN und lin­ken Auto­no­men geführt, die nach der schlich­ten Ana­lo­gie her­ge­lei­tet wur­den: Die sehen gleich aus, also sind sie auch gleich. Ähnli­che Reak­tio­nen sind auch in den poli­ti­schen Debat­ten über ‚Extre­mis­mus‘ im all­ge­mei­nen Sinne zu fin­den. Ein sol­cher ver­kürz­ter Blick auf das Phä­no­men der AN fin­det sich auch in den Schrif­ten­rei­hen der Extre­mis­mus­for­schung und der Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den: In der ana­ly­tisch unhalt­ba­ren Gleich­set­zung von Wesen und Erschei­nung wer­den dort sti­lis­ti­sche und bewe­gungs­prak­ti­sche Ähnlich­kei­ten links­ra­di­ka­ler und neo­na­zis­ti­scher Sze­nen zum Anlass genom­men, diese als ‚iden­ti­täre Pole‘ eines über­ge­ord­ne­ten ‚Extre­mis­mus‘ zu ver­or­ten. (wei­ter­le­sen …)

 
Von der freiwilligen Unterwerfung

Von der freiwilligen Unterwerfung

„Mädel­sa­che! Frauen in der Neonazi-Szene“

Eine Rezen­sion von Regina Wamper

Wie ein Krimi liest sich das neue Buch von Andrea Röpke und Andreas Speit. Ver­ständ­lich und span­nend geschrie­ben ver­mit­teln die Auto­rIn­nen ein viel­schich­ti­ges Bild von Frauen in der män­ner­do­mi­nier­ten Neo­na­zi­szene. Diese tre­ten seit eini­gen Jah­ren selbst­be­wuss­ter auf, prä­sen­tie­ren ihre Ideen in der Öffent­lich­keit und spie­len eine wich­tige Rolle bei der kom­mu­na­len Ver­an­ke­rung extrem rech­ter Strukturen.

Das Buch behan­delt Frauen in der NPD als Akteu­rin­nen im Wahl­kampf, die Neo­na­zior­ga­ni­sa­tio­nen „Ring Natio­na­ler Frauen“ und die „Gemein­schaft Deut­scher Frauen“ sowie die Rolle von Frauen in freien Kame­rad­schaf­ten und bei soge­nann­ten Auto­no­men Natio­na­lis­tIn­nen. Auch das Wir­ken von Ein­zel­ak­teu­rin­nen inner­halb brau­ner Netz­werke wird dar­ge­stellt, so bei­spiels­weise die Akti­vi­tä­ten der Holo­caust­leug­ne­rin Ursula Haverbeck.

Cover: Röpke/Speit: Mädelsache!Ein Kapi­tel wid­met sich zudem heidnisch-völkischen Sied­lungs­pro­jek­ten und zeigt zugleich die Schwer­punkt­set­zung von Frauen in der Neo­na­zi­szene auf, Brauch­tums­pflege und Kindererziehung.

Röpke und Speit nähern sich ihrem Unter­su­chungs­ge­gen­stand sen­si­bel. Sie beto­nen, dass extrem rechte Frauen und Mäd­chen sowohl radi­kal und aggres­siv auf­tre­ten, nicht min­der nazis­ti­sche Posi­tio­nen ver­mit­teln als ihre männ­li­chen Gesin­nungs­ge­nos­sen, jedoch „vor Ort, in Stadt­tei­len oder Gemein­den“ auch die­je­ni­gen sind, „die freund­lich und nett das Gespräch mit Nach­barn und Ver­eins­mit­glie­dern suchen, über Kür­zun­gen im sozia­len Bereich, Strei­chun­gen bei den kom­mu­na­len Ange­bo­ten oder Ein­schrän­kun­gen im pri­va­ten Umfeld reden wol­len“ (S. 8). Hier wird der sanfte Weg gewählt.

Neben dem Wer­ben für Mut­ter­schaft, Brauch­tum und völ­ki­scher Tra­di­tion ist ein wei­te­res inhalt­li­ches Feld das der sexua­li­sier­ten Gewalt gegen Kin­der, wel­ches Neo­na­zis­tin­nen für eine Kam­pa­gne zur Wie­der­ein­füh­rung der Todes­strafe instrumentalisieren.

Bei ihren „Kame­ra­den“ lösen sie mit selbst­be­wuss­tem Auf­tre­ten in den sel­tens­ten Fäl­len Wohl­ge­fal­len aus. Zwar wer­den Frauen gerne zum Zwe­cke des Wahl­kamp­fes von Män­nern „ein­ge­setzt“, die ver­spro­che­nen Pos­ten erhal­ten sie jedoch nur in Aus­nah­men. Zwar weiß man inzwi­schen um die Wir­kung, die Frauen bei der Ver­mitt­lung poli­ti­scher Inhalte erzie­len, doch wer­den männ­li­che Pri­vi­le­gien gegen Frauen inner­halb der szen­ein­ter­nen patri­ar­cha­len Hier­ar­chie strikt verteidigt.

In der Öffent­lich­keit löst das Wir­ken von Neo­na­zis­tin­nen im soge­nann­ten vor­po­li­ti­schen Raum immer wie­der Ver­wun­de­rung aus. Auch hier bestim­men nicht weni­ger sexis­ti­sche Kli­schees die Wahr­neh­mung. Frauen fal­len nicht auf, ihnen wer­den keine akti­ven Rol­len zuge­schrie­ben. Dies lässt ihnen dann auch den Frei­raum, von der Öffent­lich­keit wei­test­ge­hend unbe­ob­ach­tet agie­ren zu kön­nen. Umso wich­ti­ger ist die­ses Buch, das mit Hilfe von Gesprä­chen mit Aus­stei­ge­rin­nen und her­vor­ra­gen­der Recher­che die aktive Rolle von Frauen im Neo­na­zis­mus auf­zeigt und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten gegen die völ­ki­sche „Gras­wur­zel­ar­beit“ (S. 21) diskutiert.

Kei­nen Zwei­fel las­sen die Auto­rIn­nen daran, dass es sich bei Auf­stre­ben von Neo­na­zis­tin­nen nicht um anti­pa­tri­ar­chale Akte han­delt oder gar Posi­tiv­be­züge auf Femi­nis­men gezo­gen wer­den. Femi­nis­mus gilt rech­ten Frauen (wie Män­nern) nach wie vor als zer­set­zen­des Prin­zip. Viel­mehr han­delt es sich hier um einen offen­si­ven Kampf für die Rück­kehr von Frauen ins Pri­vate, in Fami­lie und Mut­ter­schaft. Binäre Geschlech­ter­ord­nun­gen wer­den ebenso ver­tei­digt wie Hete­ro­se­xis­mus und männ­li­che Domi­nanz, so wider­sprüch­lich das aktive Ein­tre­ten für die eigene Unter­wer­fung auch sein mag.

 

Andrea Röpke / Andreas Speit: Mädel­sa­che! Frauen in der Neonazi-Szene, Ch. Links Ver­lag, Ber­lin, 2011, 237 Sei­ten, 16,90 Euro, ISBN 978–3-86153–615-4

 

 

Dem Leben dienen?

Anmer­kun­gen zum »Staats­po­li­ti­schen Hand­buch« des »Insti­tuts für Staatspolitik«

Autor: Hel­mut Kellershohn

Nach dem im Novem­ber 2009 ver­öf­fent­lich­ten ers­ten Band »Leit­be­griffe« der drei­tei­li­gen Reihe »Staats­po­li­ti­sches Hand­buch« erschien nun das Fol­ge­werk. Die Her­aus­ge­ber prä­sen­tie­ren sich damit als Grals­hü­ter eines »wah­ren« Konservatismus.

Das »Staats­po­li­ti­sche Hand­buch« des »neu-rechten« »Insti­tuts für Staats­po­li­tik« (IfS) befasst sich in dem im Februar 2011 ver­öf­fent­lich­ten zwei­ten Teil mit den Schlüs­sel­wer­ken kon­ser­va­ti­ver Welt­an­schau­ung und han­delt auf etwa 250 Sei­ten 164 Werke von 133 Auto­ren ab, von Solons Eunomia-Gedicht bis hin zu – man höre und staune – Sar­ra­zins Pam­phlet über die angeb­li­che Selbst­abschaf­fung Deutsch­lands, dem die Her­aus­ge­ber offen­sicht­lich den Sta­tus eines kon­ser­va­ti­ven Meis­ter­werks zuwei­sen. Dabei behaup­tet doch Sar­ra­zin von sich im Brust­ton der Über­zeu­gung, alt­ge­dien­ter Sozi­al­de­mo­krat zu sein. Nun, auf das Pro­blem der Aus­wahl wird noch zu kom­men sein. Zunächst jedoch einige Anmer­kun­gen zum Anspruch, den die Her­aus­ge­ber im Vor­wort dem Leser gegen­über erheben.

Anspruch

Zu den rhe­to­ri­schen Mit­teln, derer zu bedie­nen die Her­aus­ge­ber sich nicht schä­men, gehört die ins Gran­diose gestei­gerte Selbst­ein­schät­zung ihres Hand­buchs, die von vorn­her­ein dem­je­ni­gen impo­nie­ren will, der sich der­art geschmei­chelt fühlt zum Kreis der Ein­ge­weih­ten zu gehö­ren, dass er sich das zu Her­zen nimmt, was hier ver­mit­telt wer­den soll. Das poli­ti­sche Den­ken der ande­ren Unglück­se­li­gen unter­liege, so Weiß­mann & Co., seit den 1960er Jah­ren einer unglaub­li­chen »Ver­wahr­lo­sung«, (wei­ter­le­sen …)

 

Pro-Bewegung: Die Reise nach Absurdistan — Teil III

Nach dem Schei­tern des „Anti-Islam-Kongresses“ 2008 und des „2. Anti-Islam-Kongresses“ 2009 geriet auch der von der Pro-Bewegung orga­ni­sierte „Marsch für die Frei­heit“ am 7.5.2011 in Köln zu einer Farce. Rea­li­täts­fern spricht die ras­sis­ti­sche Pro-Bewegung von einem „Erfolg“ und fei­ert sich selbst.

Autor: Michael Laus­berg
Bereits im Vor­feld der Kund­ge­bung wurde mit selbst­ge­rech­tem Pathos eine „inter­na­tio­nale Groß­de­mons­tra­tion für die Frei­heit“ ange­kün­digt: Auf einem eigens  ein­ge­rich­te­ten Blog hieß es:

In Köln, der Geburts­stadt der Pro-Bewegung, wird am 7. Mai mit die­sem Demons­tra­ti­ons­zug ein star­kes Zei­chen für mehr Demo­kra­tie gesetzt wer­den. Wir haben es ein­fach satt, dass uns tag­täg­lich von den Block­war­ten der Poli­ti­cal Cor­rect­ness vor­ge­schrie­ben wird, was man sagen darf und was nicht. Zur Demo­kra­tie gehört das auch für Frei­heit­li­che, Patrio­ten und Islam­kri­ti­ker das Recht auf Mei­nungs– und Ver­samm­lungs­frei­heit. Die­ses demo­kra­ti­sche Grund­recht wer­den wir am 7. Mai mit Freun­den aus der gan­zen Welt wahr­neh­men!“1

Wir stellen uns quer - Kein Rassismus bei uns in Köln

Die Pro-Bewegung sei das Opfer einer „bizar­ren Koali­tion aus Alt­par­teien, Gewerk­schaf­ten in trau­ter Ein­tracht mit offen ver­fas­sungs­feind­li­chen und latent gewalt­be­rei­ten links­ex­tre­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen“, die „Rechts­de­mo­kra­ten“ in „schlimms­ter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Tra­di­tion ele­men­tare Grund­rechte ver­wei­gern“ wür­den. Die­ses Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter ist Teil der Stra­te­gie der Pro-Bewegung. Sie behaup­tet, sie werde  in ihrer Mei­nungs­frei­heit beschränkt und von demo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen aus­ge­grenzt . Dabei insze­niert sie sich als Opfer der Medien, demo­kra­ti­scher Par­teien und anti­fa­schis­ti­scher Initia­ti­ven. Ihre poli­ti­schen Geg­ner wer­den durch die For­mel „Block­warte der Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ als Nazis und Zen­so­ren diffamiert.

Die Pro-Bewegung sprach im Vor­feld von min­des­tens 2.000  erwar­te­ten Teil­neh­mern am „Marsch für die Frei­heit“.2 Mar­kus Bei­sicht tönte:

Noch nie ist so erfolg­reich für eine öffent­lich­keits­wirk­same Ver­an­stal­tung der PRO-BEWEGUNG mobi­li­siert wor­den wie jetzt. (wei­ter­le­sen …)

  1. http://marschfreiheit.wordpress.com/marsch-fuer-die-freiheit/ []
  2. http://marschfreiheit.wordpress.com/marsch-fuer-die-freiheit/ []
 

Veranstaltungshinweis: Wissenschaftsmesse

Unter dem Motto „Wis­sens­wel­ten — regio­nal ver­an­kert – glo­bal ver­netzt“ fin­det 15. Juli 2011 die erste inter­na­tio­nale Wis­sen­schafts­messe des Wis­sen­schafts­fo­rums Ruhr statt. Dort wer­den sich mehr als 40 For­schungs­in­sti­tute aus der Region prä­sen­tie­ren, unter ande­rem auch das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach– und Sozi­al­for­schung (DISS).

Ter­min:
Frei­tag, 15. Juli 2011, 14.30 Uhr bis Mit­ter­nacht, in der Dort­mun­der DASA Arbeits­welt Ausstellung

Nähere Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf der Seite des Wis­sen­schafts­fo­rums Ruhr und im Pro­gramm­flyer (PDF-Datei).

 

 

Friedhofsschänder und Computerspezialist

Eine öster­rei­chi­sche Karriere

Autor: Anton Maegerle

Im Rah­men der Groß­raz­zia gegen die Betrei­ber, Akti­vis­ten und Hin­ter­män­ner der Neonazi-Website „alpen-donau.info“ wurde neben dem bekann­ten Neo­nazi Gott­fried Küs­sel auch ein zwei­ter Mann ver­haf­tet, der Com­pu­ter­ex­perte Wilhelm-Christian Anderle (Jg. 1971). Bei Anderle soll es sich um einen der Web­mas­ter des mili­tan­ten Neonazi-Netzwerks handeln.

Kon­takte ins neo­na­zis­ti­sche Milieu soll Anderle bereits 1990 — als 19jähriger — geknüpft haben. Dem­nach lernte er bei einer Sonn­wend­feier in Kirch­berg am Wech­sel Nor­bert Bur­ger, den Vor­sit­zen­den der 1988 wegen NS-Wiederbetätigung ver­bo­te­nen Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (NDP) ken­nen. In der Fol­ge­zeit nahm Anderle Ver­bin­dun­gen zu bekann­ten Neo­na­zis wie Franz Radl und Gerd Honsik sowie zu der Neonazi-Truppe Natio­na­lis­ti­sche Front (NF) auf, die 1992 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bo­ten wurde.

Im Visier der Sicher­heits­be­hör­den stand Anderle erst­mals 1991. Wegen „rechts­ex­tre­mer Äuße­run­gen“ im BTX-System des Gra­zer „Insti­tuts für Grund­la­gen der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung“ fiel er der Staats­po­li­zei auf. Bis 1994 konnte er dort den­noch unter den Pseud­ony­men „Mor­ris“, „Whi­te­knight“ und „Lan­ce­lot“ ras­sis­ti­sche und het­ze­ri­sche Paro­len veröffentlichen.

Am 18. Okto­ber 1992 kan­di­dierte Anderle, damals Mit­glied der FPÖ-Jugendorganisation „Ring Frei­heit­li­cher Jugend“ (RFJ), für die FPÖ bei der Gemein­de­rats­wahl im bur­gen­län­di­schen Stadt­sch­lai­ning auf dem zwei­ten Listenplatz.

Wenige Tage spä­ter, in der Nacht vom 30. zum 31. Okto­ber 1992, beschmierte Anderle gemein­sam mit einem Gesin­nungs­kum­pa­nen 88 Grab­steine auf dem Jüdi­schen Fied­hof in Eisen­stadt mit Haken­kreu­zen, „SS“-Runen und Paro­len wie „Sieg Heil“ und „Heil Hai­der“. An einem Grab­stein befes­tig­ten die Neo­na­zis ein Flug­blatt, in dem eine „Ras­sisch­so­zia­lis­ti­sche Ari­sche Wie­der­stands­be­we­gung“ (R.A.W.) unter dem Titel „Affen raus“ sich mit fol­gen­dem Text (wei­ter­le­sen …)

 
 
DISSkur­siv ist das Web­log des Duis­bur­ger Insti­tuts für Sprach– und Sozialforschung.

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