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Dokumentiert: Appell Sackgasse Afghanistan

 
 

Wir doku­men­tie­ren hier den von Jür­gen Link und Hart­mut Dreier initi­ier­ten Appell „Her­aus aus der Sack­gasse Afgha­nis­tan“. Nähere Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf dem Blog von Jür­gen Link: Ban­ge­ma­chen gilt nicht. Die hier doku­men­tierte Fas­sung basiert auf die­ser PDF-Datei.

APPELL:

HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!

Warum ist es nicht nur das Beste, son­dern das schlecht­hin Not­wen­dige, dass die Bun­des­wehr umge­hend und voll­stän­dig aus Afgha­nis­tan abzieht?

Weil die anfangs und seit­her gegen­über der Öffent­lich­keit für die­sen Krieg ange­führ­ten Dis­kurs­bla­sen sämt­lich längst geplatzt sind und weil die hin­ter der Dis­kurs­blase von der „gewach­se­nen deut­schen Ver­ant­wor­tung“ ver­heim­lich­ten tat­säch­li­chen Argu­mente fatal sind:

Die Dis­kurs­bla­sen von Demo­kra­tie, Frau­en­eman­zi­pa­tion, Wohl­stand durch Bun­des­wehr­ein­sätze neh­men ihre Erfin­der selbst seit lan­gem nicht mehr ernst. „Unsere Sicher­heit am Hin­du­kusch? Die Ter­ror­quelle schlie­ßen? “ Offen­sicht­lich wurde sie durch diese Krieg­füh­rung erst rich­tig geöffnet.

Also die „gewach­sene deut­sche Ver­ant­wor­tung“: „Wir dür­fen uns nicht drü­cken“ usw. Dahin­ter steckt ein ganz und gar irra­tio­na­ler und ange­sichts der deut­schen Geschichte fata­ler Anspruch auf einen Platz unter den füh­ren­den Welt­mäch­ten. Deutsch­land ist nach sei­ner Bevöl­ke­rungs­zahl augen­blick­lich das 16. Land im Welt­ran­king, mit 1,2 % der Welt­be­völ­ke­rung. In weni­gen Jah­ren wird es etwa genau 1% der Welt­be­völ­ke­rung umfas­sen – soll die Bun­des­wehr auf die­ser Basis Welt­gen­darm für die 99% spie­len? Die Mit­glied­schaft in der G7/G8, der Anspruch auf einen stän­di­gen Sitz im Sicher­heits­rat der UNO usw. erklä­ren sich rein aus der jetzt noch gege­be­nen rela­ti­ven wirt­schaft­li­chen Stärke. Dar­aus folgt kei­nes­wegs ein Anspruch auf eine ent­spre­chende poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Welt­macht­po­si­tion. Ein sol­cher Auto­ma­tis­mus wäre höchst unde­mo­kra­tisch. Sollte Deutsch­land in die Rolle eines der füh­ren­den Mit­glie­der in einer Art infor­mel­ler mili­tä­ri­scher „Welt-Junta“ aber bloß absichts­los hin­ein­ge­rutscht sein, so gilt es jetzt, zu einer sol­chen Rolle ver­nünf­tig nein zu sagen.

Der Afgha­nis­tan­krieg ist dabei der Lackmustest.

Die­ser Krieg wird von sei­nen Stra­te­gen als „Krieg gegen den Ter­ror“ („War on Ter­ror“) bezeich­net. Dahin­ter ver­birgt sich ein Anti-Guerilla-Krieg von Typ Viet­nam, der außer­halb des Völ­ker­rechts geführt wird, weil die Feinde weder als Kom­bat­tan­ten noch als Ver­bre­cher defi­niert sind: Wären sie Kom­bat­tan­ten, müss­ten sie als Gefan­gene in offen zugäng­li­chen Lagern inter­niert wer­den – wären sie (mut­maß­li­che) Ver­bre­cher, dürf­ten sie auf kei­nen Fall ohne Anklage, Pro­zess und Urteil ein­fach auf Ver­dacht und prä­ven­tiv „gezielt getö­tet“ und „eli­mi­niert“ werden.

Genau das aber ist der stra­te­gi­sche Kern die­ses Krie­ges, der daher exter­mi­nis­ti­schen Cha­rak­ter hat.

Das von der Bun­des­wehr zu ver­ant­wor­tende „Mas­sa­ker“ (Jür­gen Toden­hö­fer) von Yakob Baj am 4.9.2009 signa­li­sierte gera­dezu sym­bo­lisch, dass die Bun­des­wehr, falls sie nicht abzieht, genau die­ser exter­mi­nis­ti­schen Stra­te­gie ver­pflich­tet ist und wei­ter sein wird.

Es ist also ein Krieg, des­sen ent­schei­dende tak­ti­sche Mit­tel „Droh­nen“ im wört­li­chen und über­tra­ge­nen Sinne sind: auto­ma­ti­sche oder von Men­schen geflo­gene Luft­an­griffe als „gezielte Tötun­gen“, bei denen zuge­ge­be­ner­ma­ßen „unschul­dige“ Opfer in erschre­cken­dem Umfang bereits in einem vor­he­ri­gen CDE = Col­la­te­ral Damage Esti­mate akzep­tiert wer­den, sowie „gezielte Tötun­gen am Boden“, eben­falls mit durch­schnitt­lich hohen zivi­len Opfern („Taliban-Jagden“ genannt) durch Elite-Einheiten wie das KSK. Wie sol­len junge Män­ner ohne Sprach– und Kul­tur­kennt­nisse einen (von vorn­her­ein immer „des Todes schul­di­gen!?“) „Tali­ban“ von einem „Unschul­di­gen“ unterscheiden?

Sie müs­sen sich auf die Infor­ma­tio­nen und Befehle ihrer Vor­ge­setz­ten ver­las­sen, die eben­falls sprach– und kul­tur­un­kun­dig sind und sich ein­fach auf die Denun­zia­tion von „Infor­man­ten“ ver­las­sen. Der Kern die­ser Stra­te­gie besteht also darin, Ter­ror mit Gegen-Terror zu bekämp­fen und sich auf diese Weise an den ter­ro­ris­ti­schen Geg­ner anzu­glei­chen. Kein Wun­der, dass die­ser wahr­haft schmut­zige Krieg es in nun fast zehn Jah­ren nicht erreicht hat, die „ter­ro­ris­ti­schen Tali­ban“ zu „eli­mi­nie­ren“ – dass er sie viel­mehr offen­sicht­lich ver­mehrt hat.

Das letzte Argu­ment gegen den Abzug ist also die Dro­hung mit den Fol­gen: „Gnade uns Gott, wenn die Tali­ban zurück­kom­men!“ Als ob sie nicht längst zurück wären und als ob nicht die über­wäl­ti­gende Mehr­heit auch der Taliban­geg­ner in Afgha­nis­tan die eine oder die andere Spiel­art von Islam/„Islamismus“ ver­trä­ten. Da „Tali­ban“ ein Plas­tik­wort ist, wird jede Art von Reni­tenz zu „Tali­ban“ – und auch dadurch wer­den es immer mehr. Die jet­zige Situa­tion ist eben die Kon­se­quenz der „Terrorkrieg-Strategie“ und gänz­lich von deren Befür­wor­tern zu ver­tre­ten. Von den Kri­ti­kern die­ser Stra­te­gie nun das Wun­der einer sofor­ti­gen alter­na­ti­ven Ide­al­lö­sung ein­zu­for­dern, ist ein Gip­fel unfai­ren Diskussionsstils.

Den­noch ist sicher: Weil Eska­la­tion in die Sack­gasse geführt hat, gibt es zur Dees­ka­la­tion keine Alter­na­tive. Wer in der Sack­gasse steckt, muss umkeh­ren und nicht stur wei­ter­mar­schie­ren. Mili­tä­ri­scher Rück­zug und Dees­ka­la­tion wer­den nicht umge­hend Wun­der wir­ken, wohl aber bis­her noch gar nicht ver­suchte Optio­nen öffnen. Das hat auch eine finan­zi­elle Kom­po­nente, die nicht ver­heim­licht wer­den darf: Der Krieg kos­tet täg­lich Unsum­men, von denen schon die Hälfte enorme fried­li­che Alter­na­tiv­po­ten­tiale eröff­nen könnte. Die starke Oppo­si­tion im Iran zeigt im übri­gen das Poten­tial eines inne­ris­la­mi­schen Plu­ra­lis­mus – würde die Welt-Junta auch dort mili­tä­risch inter­ve­nie­ren, so wür­den die Inter­ven­ten sofort zum all­ge­mei­nen Haupt­geg­ner und die Oppo­si­tion geschwächt wer­den. Die Weg­nahme des äuße­ren Drucks wird also mit­tel­fris­tig Schritte zu einem inne­raf­gha­ni­schen Aus­gleich und einer inne­raf­gha­ni­schen Befrie­dung auf jeden Fall erleich­tern. So viel ist sicher: Die Eska­la­tion des Krie­ges wird die schon gege­bene Kata­stro­phe noch kata­stro­pha­ler und noch aus­weg­lo­ser machen.

Damit steht Deutsch­land nun für alle sicht­bar am Schei­de­weg: Ent­we­der sich an die Mit­glied­schaft in der infor­mel­len mili­tä­ri­schen „Welt-Junta“ zu klam­mern und die exter­mi­nis­ti­sche Stra­te­gie eines „Terror-Kriegs“ bewusst zu akzep­tie­ren – oder ein ver­nünf­ti­ges Nein zu sagen und die Bun­des­wehr nach hause zu holen, wodurch nicht zuletzt auch die deut­schen Sol­da­ten aus Lebens­ge­fahr und der Gefahr von „Befehls­not­stän­den“ befreit wür­den. Ein sol­cher Schritt Deutsch­lands könnte auch meh­re­ren schon beste­hen­den Initia­ti­ven für eine Frie­dens­kon­fe­renz unter füh­ren­der Betei­li­gung von Ver­tre­tern aller Grup­pen der afgha­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft eine ent­schei­dende Unter­stüt­zung verleihen.

Selbst­ver­ständ­lich soll­ten leicht­fer­tige Ver­glei­che mit frü­he­ren deut­schen Krie­gen ver­mie­den wer­den, wohl aber soll­ten die Erfah­run­gen als Warn­schil­der die­nen. Die deut­sche Wehr­macht hatte im Zwei­ten Welt­krieg, obwohl sie und ihre Nach­fol­ger bekannt­lich bis heute für „sau­ber“ plä­die­ren, den berüch­tig­ten gehei­men „Kom­mis­sars­be­fehl“ zu ver­ant­wor­ten. Der bestand in nichts ande­rem als in „geziel­ten Tötun­gen“ von tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen akti­ven Kom­mu­nis­ten hin­ter der Ost­front auf bloße Denun­zia­tion hin. Heute häu­fen sich in Afgha­nis­tan Mel­dun­gen über „Vor­fälle“ mit inter­na­tio­na­len Eli­te­ein­hei­ten, die sehr ernste „Rutsch­ge­fah­ren“ signa­li­sie­ren. Auch wenn die Bun­des­wehr sel­ten direkt betei­ligt sein sollte, sitzt sie im glei­chen Boot. Abwei­chend von den Befür­wor­tern des Afgha­nis­tan­krie­ges ver­tre­ten wir die Ansicht, dass wir als Deut­sche auf­grund unse­rer mili­tä­ri­schen Geschichte sehr wohl fatale Eska­la­ti­ons­pro­zesse beson­ders auf­merk­sam beob­ach­ten und beson­ders kon­se­quent mei­den sollten.

Wir kön­nen ja nicht ein wei­te­res Mal auf eine neu­er­li­che „Gnade der spä­ten Geburt“ war­ten, weil wir ja sämt­lich schon längst gebo­ren sind.

Hart­mut Dreier für AMOS, Jür­gen Link für kultuRRevolution

Wir bit­ten um Unter­stüt­zung die­ses Appells zwecks Ver­öf­fent­li­chung (Unter­zeich­nung) bis zum 20.1.2010 (Name, Vor­name, Wohn­ort, Beruf/Funktion und/oder Titel). Herz­li­chen Dank!

Jetzt unter­zeich­nen: http://bangemachen.com/2010/heraus-aus-der-sackgasse-in-afghanistan/

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