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Was tun gegen rechte Diskurspiraten

 
 

Auto­rin: Regina Wam­per / Arbeits­kreis Rechts des DISS

Ent­wen­dungs­ver­su­che der extre­men Rech­ten fin­den auf drei Ebe­nen statt (die natür­lich nur ana­ly­tisch trenn­bar sind):

1. auf inhalt­li­cher Ebene

2. auf (sub)kultureller Ebene

3. auf tak­ti­scher Ebene

1. Inhalt­li­che Interventionen

Von „inhalt­li­chen Ent­wen­dun­gen“ zu spre­chen, heißt nicht, The­men­fel­der „für sich“ zu pro­kla­mie­ren. Ver­schie­dene The­men wer­den aus ver­schie­de­nen poli­ti­schen Per­spek­ti­ven gedeu­tet, nie­mand hat „Copy­right“ auf Diskurse.

Die extreme Rechte for­ciert in den letz­ten Jah­ren einen Deu­tungs­kampf um The­men, die als Gegen­dis­kurse (zu hege­mo­nia­len Dis­kur­sen) tra­di­tio­nell von links besetzt sind, so Femi­nis­mus, Anti­ka­pi­ta­lis­mus, die soziale Frage, Anti­mi­li­ta­ris­mus, Ökolo­gie etc.1 The­men­fel­der des­halb auf­zu­ge­ben, weil die extreme Rechte sich mit die­sen befasst, hieße, nicht in diese Deu­tungs­kämpfe ein­zu­stei­gen, die Deu­tung der extre­men Rech­ten zu über­las­sen. Darum kann es nicht gehen. In Kämpfe um Deu­tung ein­zu­stei­gen, hieße dem ent­ge­gen, a) eine Inten­si­vie­rung die­ser The­men vor­zu­neh­men und inhalt­lich „genauer“ zu argu­men­tie­ren (und damit auch je eigene Denk­tra­di­tio­nen zu reflek­tie­ren), b) dis­kur­sive Anschluss­stel­len für Rechte zu ver­mei­den und c) rechte Inter­pre­ta­tio­nen zu ana­ly­sie­ren und zu dekonstruieren.

Bei­spiel Ökono­mie­kri­tik:

Neo­na­zis­ti­sche Bewe­gun­gen bedie­nen sich (wie­der) anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Rhe­to­rik. Dabei ist ihr Ver­ständ­nis von Kapi­ta­lis­mus zen­tral als per­so­na­li­sierte, gesteu­erte Macht zur Zer­stö­rung völ­ki­scher Ein­heit durch die Imple­men­tie­rung von Klas­sen­kämp­fen und Migra­tion. So kann völ­ki­sche Kapi­ta­lis­mus­kri­tik mit dem Fokus auf Prin­zi­pien der Volks­ge­mein­schaft ein Ende klas­sen­kämp­fe­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung bei gleich­zei­ti­ger Bei­be­hal­tung ökono­mi­scher Ungleich­heit pro­kla­mie­ren. Der völ­ki­sche Anti­ka­pi­ta­lis­mus will nicht die ökono­mi­schen Ver­hält­nisse ins­ge­samt antas­ten, son­dern eine ideo­lo­gi­sche Neu­be­stim­mung beste­hen­der sozia­ler Ungleich­hei­ten im Sinne des Wohls der „Volks­ge­mein­schaft“ errei­chen. Er behaup­tet, er könne den Gegen­satz von Lohn­ar­beit und Kapi­tal auf­he­ben, indem er das Kapi­tal in pro­duk­ti­ves und spe­ku­la­ti­ves teilt. Wo zuvor Lohn­ar­beit ver­sus Kapi­tal galt, gilt nun „schaf­fende Arbeit“ und „pro­duk­ti­ves Kapi­tal“, befrie­det in der Volks­ge­mein­schaft ver­sus spe­ku­la­ti­ves Kapi­tal, i.d.R. iden­ti­fi­ziert im Judentum.

a+b) Pro­gres­sive Kapi­ta­lis­mus­ana­lyse und –kri­tik, die keine Anschluss­stel­len für extrem rechte Dis­kurse bie­ten will, sollte ein nicht per­so­na­li­sier­tes Ver­ständ­nis von Kapi­ta­lis­mus in den Vor­der­grund stel­len, das Kapi­ta­lis­mus als gesell­schaft­li­che Tota­li­tät, als Struk­tur begreift, das die Bestim­mung der Gesell­schaft durch Waren­pro­duk­tion, durch das Kapi­tal­ver­hält­nis berück­sich­tigt. Ein Ver­ständ­nis, das eine Kri­tik an Tausch­wert und Pri­vat­ei­gen­tum, an Dis­zi­pli­n­ar­tech­ni­ken, an Kon­zep­ten der Bio-Macht, an den dem Kapi­ta­lis­mus imma­nen­ten antie­ga­li­tä­ren Herr­schafts– und Gewalt­ver­hält­nis­sen, an Prin­zi­pien der Kon­kur­renz, der Leis­tung, der Aus­beu­tung, an der Ver­tei­lung von Reich­tum, an den bür­ger­li­chen Logi­ken von Fort­schritt und Effi­zi­enz und schließ­lich am kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­be­griff impliziert.

Wenn pro­gres­si­ver Anti­ka­pi­ta­lis­mus die Ver­wo­ben­heit gesell­schaft­li­cher Herr­schafts­ver­hält­nisse aner­kennt, und das bedeu­tet, nicht ein­fach nur die Auf­he­bung des Haupt­wi­der­spruchs, son­dern die Ver­flech­tun­gen von Herr­schafts­for­ma­tio­nen, also bei­spiels­weise die kapi­ta­lis­ti­sche Nutz­bar­ma­chung von Ras­sis­mus und Patri­ar­chat, zu unter­su­chen2 und den Zusam­men­hang von Staat­lich­keit, Natio­na­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus berück­sich­tigt3, müsste die extreme Rechte zunächst diese Kapi­ta­lis­mus­be­stim­mung deco­die­ren, um Anti­ka­pi­ta­lis­mus natio­na­lis­tisch reco­die­ren zu kön­nen, will sie an diese Dis­kurse anknüp­fen4. Dis­kur­siv sollte pro­gres­si­ver Anti­ka­pi­ta­lis­mus Anschluss­stel­len für rechte Ideo­lo­gien ver­mei­den. Das gilt m.E. vor allem bei der Per­so­na­li­sie­rung struk­tu­rel­ler Gege­ben­hei­ten. Diese kann Anschluss­stel­len für anti­se­mi­ti­sche Dis­kurse bie­ten, die kon­sti­tu­tiv für völ­ki­schen Anti­ka­pi­ta­lis­mus waren und sind5. Zudem sollte diese Schär­fung der Begriff­lich­kei­ten und des Ver­ständ­nis­ses von Kapi­ta­lis­mus als Gesell­schafts­for­ma­tion nicht dazu füh­ren, dass pro­gres­si­ver Anti­ka­pi­ta­lis­mus durch die Abgren­zung nach rechts hand­lungs­un­fä­hig und/oder sprach­los wird, indem bei­spiels­weise keine Funk­ti­ons­trä­ge­rIn­nen mehr benannt wer­den kön­nen. Die Ver­mei­dung der Per­so­na­li­sie­rung von Struk­tur heißt nicht, keine Akteu­rIn­nen und keine Ver­ant­wort­lich­kei­ten mehr zu ken­nen, son­dern anzu­er­ken­nen, dass „der Kapi­ta­lis­mus“ nicht von eini­gen weni­gen geplant und umge­setzt wird, kein Plan, keine Stra­te­gie ist, auch nicht schlicht eine Pro­duk­ti­ons­weise, son­dern ein gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis, ein Ord­nungs­sys­tem, ein Axiom, das kein Außen kennt, in dem alle re-produzieren.

c) Eine Ana­lyse von völ­ki­schem „Anti­ka­pi­ta­lis­mus“ kann die­sen als ras­sis­ti­schen und völ­ki­schen Kor­po­ra­tis­mus ent­lar­ven. Denn der völ­ki­sche Anti­ka­pi­ta­lis­mus befin­det sich nicht im Wider­spruch zu kapi­ta­lis­ti­scher Ver­ge­sell­schaf­tung, es geht ihm viel­mehr darum, auf die Ent­frem­dung mit einer ideo­lo­gi­schen Neu­be­stim­mung des Kapi­ta­lis­mus zu antworten.

Unter allen faschis­ti­schen Regi­men bestand immer eine „inte­grale Ver­zah­nung und Bedingt­heit von Faschis­mus und Kapi­ta­lis­mus“6. Renate Bitzan schreibt:

Das Hand-in-Handgehen drückte sich kon­kret in etli­chen Aspek­ten aus: Die För­de­rung faschis­ti­scher Bewe­gun­gen durch Indus­tri­elle; die Liqui­die­rung klas­sen­kämp­fe­ri­scher Kräfte durch den faschis­ti­schen Repres­si­ons­ap­pa­rat; die wirt­schafts­po­li­ti­sche Koope­ra­tion; die Pro­fite, die aus Zwangs­ar­beit und ‚Ver­nich­tung durch Arbeit’ gezo­gen wur­den; die ökono­mi­schen Vor­teile, die die Parole von der ‚Volks-’ und ‚Betriebs­ge­mein­schaft’ mit sich brachte; der expan­sio­nis­ti­sche Krieg und vie­les mehr.“7

Gerade in der Aus­ein­an­der­set­zung um die „soziale Frage“ sollte diese faschis­ti­sche Pra­xis her­vor­ge­ho­ben wer­den. Zwangs­ar­beit als Alter­na­tive zu Hartz IV dürfte der NPD nicht allzu viele Sym­pa­thien unter ökono­misch und sozial Deklas­sier­ten ein­brin­gen8.

Bei­spiel Femi­nis­mus:

Auch wenn wir Faschis­mus als patri­ar­chale Ideo­lo­gie anse­hen, kön­nen wir nicht leug­nen, dass es natio­nalfe­mi­nis­ti­sche Ansätze inner­halb faschis­ti­scher Ideo­lo­gien gab und gibt. Dass femi­nis­ti­sche Theo­rien, die ledig­lich sexis­ti­sche Aus­wir­kun­gen patri­ar­cha­ler Gesell­schaft kri­ti­sie­ren, Anschluss­stel­len für eine extreme Rechte bie­ten kön­nen, ist ebenso ein­sich­tig, wie das Gen­der Main­strea­ming für neo­li­be­rale Dis­kurse tut. Einige Strö­mun­gen der extre­men Rech­ten bezie­hen sich in ihrer Rhe­to­rik posi­tiv auf die „Befrei­ung der Frauen“, um Ras­sis­mus und Isla­mo­pho­bie zu legi­ti­mie­ren. Die­ses Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter fin­det sich frei­lich auch in kon­ser­va­ti­ven Dis­kur­sen. Gemein­sam ist ihnen, dass sie bei der Bezug­nahme auf femi­nis­ti­sche Dis­kurse gleich­zei­tig jede pro­gres­sive femi­nis­ti­sche Ana­lyse negieren.

a+b) Zum Ver­ständ­nis „des Femi­nis­mus“: Durch das Auf­grei­fen von dekon­struk­ti­vis­ti­schen femi­nis­ti­schen Theo­rien, die Iden­ti­tät nicht als star­res Kon­zept anse­hen, Dua­lis­men in Frage stel­len, Homo­ge­ni­sie­rung ableh­nen und eine Ver­wo­ben­heit von gesell­schaft­li­chen Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men (class, gen­der, race etc.) anneh­men und zudem ein „etwas wei­ter­ge­hen­des“ Ver­ständ­nis von patri­ar­cha­len Welt­bil­dern haben (für Logo­zen­tris­mus, Dua­lis­mus, Hier­ar­chi­sie­rung von Dif­fe­renz, Mili­ta­ris­mus, Impe­ria­lis­mus etc. sind hier patri­ar­chale Struk­tu­ren unab­ding­bar), wür­den Anschluss­stel­len für extrem rechte Ideo­lo­gien erschwert9. Post­struk­tu­ra­lis­ti­sche Annah­men des Dif­fe­renz­den­kens, der Nicht-Identität von Grup­pen und Sub­jek­ten, die Ableh­nung von ver­ein­heit­li­chen­den Iden­ti­täts­vor­stel­lun­gen, von Homo­ge­ni­sie­rung, For­mie­rung, das gene­relle Anzwei­feln von Ganz­hei­ten, die Ori­en­tie­rung an Mino­ri­tät statt Majo­ri­tät ste­hen faschis­ti­schen Ord­nungs­mo­del­len entgegen.

c) Zum Zusam­men­hang von Faschis­mus und Andro­zen­tris­mus: Dass faschis­ti­sche Ideo­lo­gie antise­xis­ti­sche Aus­sa­gen zulässt, ist zwar prin­zi­pi­ell mög­lich. Fak­tisch, also inner­halb faschis­ti­scher Herr­schafts­sys­teme, wur­den aber patri­ar­chale und sexis­ti­sche Struk­tu­ren umge­setzt (ähnlich der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Rhe­to­rik faschis­ti­scher Bewe­gun­gen bei gleich­zei­ti­ger Pro­te­gie­rung faschis­ti­scher Sys­teme und Par­teien durch Indus­tri­elle10). Inso­fern gilt es hier, die Dis­kre­panz auf­zu­zei­gen zwi­schen faschis­ti­scher Bewe­gungs­rhe­to­rik und faschis­ti­scher insti­tu­tio­nel­ler Politik.

Wenn wir von rech­ten Inter­ven­tio­nen in Gegen­dis­kurse spre­chen, ist nicht nur eine dis­kur­sive Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen pro­gres­si­ven und rech­ten Deu­tungs­mus­tern gemeint. Der Extremismus-Theorie bie­ten diese Phä­no­mene eine gewisse schein­bare Plau­si­bi­li­tät, sowohl pro­gres­sive als auch rechte Welt­bil­der wer­den von ihr im Sinne eines binä­ren Reduk­tio­nis­mus als ver­wandt zurück­zu­wei­sen. Zwei Pro­bleme stel­len sich hier: Neben dem „Eigen­in­ter­esse“ der Extremismus-Forschung, eine gesellschaftlich-politische Mitte zu kon­stru­ie­ren, sich selbst in die­ser zu ver­or­ten, in einer Mitte, die frei sei von Aus­gren­zungs­dis­kur­sen wie Ras­sis­mus, Sexis­mus, Natio­na­lis­mus etc., kön­nen so rechte Deu­tungs­mus­ter nicht erfasst und damit nicht zurück­ge­wie­sen wer­den, da ledig­lich die Aus­drucks­form erfasst wird, nicht aber das Aussagen-Geflecht, das „Wis­sen“, das die­ser Aus­drucks­form zu Grunde liegt.

Dis­kurs­ana­ly­ti­sche Ansätze bie­ten hin­ge­gen gute Mög­lich­kei­ten, extrem rechte Inter­ven­tio­nen in Gegen­dis­kurse zu dekon­stru­ie­ren, da sie hohen Wert auf die Ana­lyse dis­kur­si­ver Ein­bet­tun­gen legen, also auf Kon­texte, aus denen und in die gespro­chen wird. Dis­kurs­ana­lyse kennt Unter­schiede (und ist im Stande diese her­aus­zu­ar­bei­ten) zwi­schen Aus­sage und Äuße­rung. So ist aus dis­kurs­theo­re­ti­scher Sicht die linke Parole „Kapi­ta­lis­mus abschaf­fen“ der rech­ten wort­glei­chen Parole nicht iden­tisch11. Die glei­che Äuße­rung lässt sich zu je zwei dif­fe­ren­ten Aus­sa­gen ver­dich­ten. Was die Extremismus-Theorie als iden­ti­sche Äuße­rung wer­ten muss (weil sie ein linea­res, dua­lis­ti­sches Ver­ständ­nis von Gesell­schaft pflegt, Kon­texte, aus denen gespro­chen wird, nicht ent­spre­chend in Ana­lyse mit ein­be­zieht und statt­des­sen einen Ver­gleich von sprach­li­chen Per­form­an­zen vor­nimmt ohne Wis­sens­ord­nun­gen zu berück­sich­ti­gen), gilt der Dis­kurs­ana­lyse als viel­schich­ti­ger Deu­tungs­kampf. So ist sie metho­disch in der Lage, auch rechte „Ein­brü­che“ in hege­mo­niale Dis­kurse auf­zu­spü­ren und als Dis­kurse der Aus­gren­zung zurückzuweisen.

2. (Sub-)Kulturelle Entwendungen

Geht es um kul­tu­relle „Ent­wen­dun­gen“ von rechts, also um die Über­nahme von Codes, Sym­bo­lik und Ästhe­tik poli­ti­scher Geg­ne­rIn­nen, um die Inter­ven­tion in (sub)kulturelle Berei­che, ist damit der so genannte „vor­po­li­ti­sche Raum“ ange­spro­chen12. Auf die­ser Ebene besteht ein Bedarf an der Ent­wick­lung von Gegen­stra­te­gien. Viele ursprüng­lich pro­gres­sive Gegen­kul­tu­ren (Punk, Hard­core, Hip-Hop etc.) kön­nen auf eine lange Geschichte der Ver­ein­nah­mun­gen zurück­bli­cken13. Zei­chen­spiele (Codie­rung, Deco­die­rung, Ver­schie­bung, Reco­die­rung usw.), die Zei­chen aus ihrem ursprüng­li­chen Bedeu­tungs­zu­sam­men­hang neh­men und in andere Kon­texte ein­fü­gen, dürf­ten in die­sen Gegen­kul­tu­ren nicht allzu neu sein. So wurde diese Methode doch in etli­chen Sze­nen selbst ange­wandt. Ein Bei­spiel dürf­ten die Riot-Grrrls sein, eine femi­nis­ti­sche sub­kul­tu­relle Bewe­gung, die die Hard­core und Punk Szene mit dem Slo­gan „I don’t want to play girl to your boy no more“ kon­fron­tierte und durch Über­zeich­nung und Affir­ma­tion sexis­ti­scher Codes, durch „sub­ver­sive Wie­der­ho­lung des patri­ar­cha­len Blicks“ die­sen inner­halb der Sze­nen zu ver­schie­ben suchte14. Die Geschichte die­ser Bewe­gung kann Auf­schluss geben über die Tücken die­ses „semiotische[n] Guerillakrieg[es]“15. Wäh­rend ein Teil der Bewe­gung mit „Lady­fes­ten“ auch die inhalt­li­che Bestim­mung der eige­nen Posi­tion trans­pa­ren­ter bzw. ver­mit­tel­ba­rer machte, wurde ein ande­rer Teil der „Grrrls“ von MTV&Co ver­ein­nahmt, zu „Gir­lies“ umco­diert und ihrer sub­ver­si­ven, anti­pa­tri­ar­cha­len Kraft weit­ge­hend beraubt16. Die Sub­ver­sion der Riot Grrrls wurde zur kapi­ta­lis­ti­schen Mög­lich­keit, wurde pro­duk­tiv inte­griert. Dem Her­aus­bre­chen von Zei­chen aus ihren ursprüng­li­chen Sys­te­men folgte keine nach­hal­tige sub­ver­sive Ver­schie­bung die­ser Zei­chen. Oder all­ge­mei­ner for­mu­liert: Wer­den Codes adap­tiert, müs­sen sie an ande­rer Stelle mit neuen Inhal­ten besetzt und diese Inhalte gefes­tigt wer­den. In Bezug auf die „Ent­wen­dungs­stra­te­gien“ der extre­men Rech­ten auf der Ebene von Zei­chen, Codes, Sym­bo­li­ken, heißt das, dass diese Stra­te­gie lang­fris­tig nur auf­ge­hen kann, wenn es der extre­men Rech­ten gelingt, diese Codes inhalt­lich neu zu beset­zen17. Dies mag davon abhän­gig sein, wie eng die Kopp­lung von Inhalt und Aus­druck zuvor war. Für Gegen­stra­te­gien heißt das frei­lich, dass auch „sub­kul­tu­relle Poli­tik“ die eige­nen poli­ti­schen pro­gres­si­ven Inhalte stär­ker beto­nen muss, dass Inhalte sich in den Aus­drucks­for­men wie­der­fin­den las­sen müs­sen. Das schützt sicher­lich nicht vor Ver­ein­nah­mun­gen und Umdeu­tun­gen (vor denen es letzt­end­lich kei­nen Schutz gibt), macht diese (zumin­dest die Re-Codierung) aber deut­lich schwie­ri­ger. Auf die­ser Ebene haben wir es also eben­falls mit Deu­tungs­kämp­fen zu tun.

M.E. ist die Exis­tenz anti­fa­schis­ti­scher „Gegen­kul­tu­ren“ von zen­tra­ler Bedeu­tung, wenn es um ein Zurück­drän­gen extrem rech­ter Jugend­kul­tur geht. Räume, die poli­tisch nicht besetzt sind, bie­ten extrem Rech­ten Hand­lungs­spiel­räume. Das gilt für Fuß­ball­kul­tur ebenso wie für Pop­kul­tur und Underground.

3. Die Über­nahme von Aktionsformen

Wenn von einer Über­nahme von Akti­ons­for­men durch die extreme Rechte die Rede ist, wird momen­tan meist auf den „Schwar­zen Block“ bei Demons­tra­tio­nen Bezug genom­men. Von der auto­no­men Bewe­gung abge­kup­fert, erfreut sich die­ser bei den so genann­ten „auto­no­men Natio­na­lis­ten“18 gro­ßer Beliebt­heit, wäh­rend andere Teile der extre­men Rech­ten unter dem Slo­gan „Unsere Fah­nen sind schwarz, unsere Blö­cke nicht“ diese Akti­ons­form inklu­sive ihrer Ästhe­tik strikt ablehnen.

Zudem macht sich ein Trend bemerk­bar, dass Demons­tra­tio­nen poli­ti­scher Geg­ne­rIn­nen gestört und ange­grif­fen wer­den, ob diese nun von Gewerk­schaf­ten oder anti­fa­schis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen aus­ge­rich­tet sind. Hand­lungs­spiel­räume poli­ti­scher Geg­ne­rIn­nen sol­len so ein­ge­schränkt wer­den. Der von der NPD pro­kla­mierte „Kampf um die Straße“ wird von die­sen Grup­pen umge­setzt19.

Anders, als in natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren, natio­nal­an­ar­chis­ti­schen oder natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Grup­pie­run­gen, geht es den „auto­no­men Natio­na­lis­ten“ nicht darum, so genannte Quer­front­stra­te­gien zu ent­wi­ckeln. So wird der poli­ti­sche Geg­ner zwar auf ästhe­ti­scher und stra­te­gi­scher Ebene adap­tiert, gleich­zei­tig rich­tet sich die Gewalt der „auto­no­men Natio­na­lis­ten“ vor allem gegen poli­ti­sche Geg­ne­rIn­nen. Und anders als bei oben genann­ten Grup­pen wer­den keine inhalt­li­chen Posi­tio­nen poli­ti­scher Geg­ne­rIn­nen über­nom­men und natio­na­lis­tisch refor­mu­liert20.

Dass Neo­na­zis mit Wind­brea­kern statt Braun­hem­den auf ihre Demons­tra­tio­nen gehen, ist kein allzu gro­ßes Pro­blem. Bedenk­li­cher ist dann schon die Pro­jek­ti­ons­flä­che, die dies für Extre­mis­mus­theo­rien dar­stellt. Es ent­steht ein Bild von „Rechts– und Links­au­to­no­men“, deren gemein­sa­mer Nen­ner die Ran­dale sei. Hier ist sicher­lich zum einen die kri­ti­sche For­schung gefragt, Extre­mis­mus­theo­rien wis­sen­schaft­lich zurück­zu­wei­sen21. Gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­bleme wie Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus, Homo­pho­bie, Natio­na­lis­mus und andere Aus­gren­zungs­dis­kurse kön­nen von die­ser nicht erfasst und somit nicht zurück­ge­drängt wer­den. Diese Dis­kurse der Aus­gren­zung spie­len sich in der Mehr­heits­ge­sell­schaft ab und bie­ten der extre­men Rech­ten ein Ein­lass­tor zur Radi­ka­li­sie­rung von Herr­schafts­dis­kur­sen. Zum ande­ren ist die poli­tisch Linke gefragt, ihre Inhalte zu schär­fen, trans­pa­ren­ter zu gestal­ten und in den For­men poli­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung wie­der­er­ken­nen zu las­sen. In die­sem Sinne kön­nen Stra­te­gien der Adap­tion von rechts auch eine Chance der poli­ti­schen Kul­tur dar­stel­len. Denn sie erfor­dern eine tat­säch­li­che breite gesell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit extrem rech­ter Ideo­lo­gie, mit faschis­ti­schen Iden­ti­täts­bil­dun­gen und Sub­jek­ti­vie­rungs­for­men. Wenn Neo­na­zis nicht mehr an ihrem Äuße­ren zu erken­nen sind (was sie so schlicht noch nie waren), so bedarf es einer inhalt­li­chen Auseinandersetzung.

Fazit

Allen Ebe­nen, auf denen diese Adap­tio­nen statt­fin­den, ist gemein, dass es sich um Deu­tungs­kämpfe han­delt. Geht es um eine Abwehr faschis­ti­scher Ideo­lo­gi­sie­rung und um ein Zurück­drän­gen gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Unter­drü­ckungs­dis­kurse, müs­sen Gegen­stra­te­gien auf ver­schie­de­nen Ebe­nen ansetzen.

Für die poli­ti­sche Linke heißt das zum einen, die eige­nen Inhalte zu schär­fen, The­men­fel­der wie die soziale Frage nicht auf­zu­ge­ben, dis­kur­sive Anschluss­stel­len für extrem Rechte zu ver­mei­den, poli­ti­sche Inhalte in poli­ti­schen Akti­ons­for­men trans­pa­rent wer­den zu las­sen und gesell­schaft­li­che Räume poli­tisch wie kul­tu­rell zu beset­zen und damit Refe­renz­punkte zu schaf­fen. Zudem muss eine stär­kere Kopp­lung von Ästhe­ti­ken, Sym­bo­li­ken, von Kul­tur an poli­ti­sche Inhalte statt­fin­den. Und schließ­lich müs­sen extrem rechte Ideo­lo­gien als Ganze zurück­ge­wie­sen wer­den. Das heißt nicht zuletzt, Unter­drü­ckungs– und Aus­gren­zungs­dis­kurse nicht gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len oder aus­spie­len zu las­sen22. Eine Zurück­wei­sung von Ras­sis­mus wird es nicht ohne die Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus geben, Mili­ta­ris­mus wird nicht ohne eine Dekon­struk­tion patri­ar­cha­ler Dis­kurse abge­schafft usw. Allzu oft wer­den eman­zi­pa­tive Dis­kurse von der extre­men Rech­ten auf­ge­grif­fen, um Unter­drü­ckungs­dis­kurse zu legi­ti­mie­ren. Wenn die dis­kur­si­ven Kopp­lun­gen von exklu­die­ren­den Aus­sa­gen nicht ernst genom­men wer­den, bie­tet das der extre­men Rech­ten die Mög­lich­keit, sich selbst als Ver­tei­di­ge­rIn­nen von Frei­heits­rech­ten zu präsentieren.

Vor­aus­set­zung für eine stär­kere inhalt­li­che Schär­fung und das Ver­mei­den von Anschluss­stel­len ist zum ande­ren die Kennt­nis und Aus­ein­an­der­set­zung mit Grund­la­gen faschis­ti­scher Ideo­lo­gie, Sub­jek­ti­vie­rung und faschis­ti­scher Iden­ti­täts­bil­dung und nicht zuletzt die Ana­lyse der Zusam­men­hänge von Natio­na­lis­mus, Eta­tis­mus, Auto­ri­ta­ris­mus, patri­ar­cha­len Welt­bil­dern und neo­fa­schis­ti­scher Ideologisierung.

An die­sem Punkt ist auch die For­schung gefragt. Einer kri­ti­schen Wis­sen­schaft kann es nicht nur darum gehen, faschis­ti­sche Struk­tu­ren und Dis­kurse zu ana­ly­sie­ren, also Struk­tur­prin­zi­pien faschis­ti­scher Ideo­lo­gi­sie­rung her­aus­zu­ar­bei­ten, son­dern auch darum, diese Struk­tur­prin­zi­pien sowie Dis­kurse der Aus­gren­zung in der „Mitte der Gesell­schaft“ auf­zu­spü­ren und zu benen­nen, dis­kur­sive Schnitt­stel­len zur extre­men Rech­ten her­aus­zu­ar­bei­ten und Wech­sel­wir­kun­gen zu benen­nen. Jede Extre­mis­mus­theo­rie, die auf der Ebene sprach­li­cher Per­form­an­zen ver­harrt, die Genese und Kon­text negiert, muss poli­tisch und wis­sen­schaft­lich zurück­ge­wie­sen werden.

Anmer­kun­gen:

  1. Das soll nicht hei­ßen, dass dies ein neues Phä­no­men ist, sowohl die Natio­nal­re­vo­lu­tio­näre der 20er Jahre, die der 70er Jahre und der NS selbst wid­mete sich auch The­men wie Anti­ka­pi­ta­lis­mus, Ökolo­gie (BluBo) etc. Das heißt auch, dass bei einer rech­ten Inter­ven­tion in diese Gegen­dis­kurse linke Posi­tio­nen oft Refe­renz­punkte waren bzw. sind. []
  2. Hier würde sich m.E. eine Rezep­tion der Mehr­fach­un­ter­drü­ckungs­these und der daran anschlie­ßen­den Inter­sek­tio­na­li­täts­for­schung emp­feh­len. []
  3. Betrach­ten wir das Zusam­men­spiel von Kapitalismus/Neoliberalismus und Nationalismus/Nationalstaatlichkeit/Rassismus his­to­risch wie auch aktu­ell, so kann nicht von einem binä­ren Gegen­satz von kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wer­tung und ras­sis­ti­scher wie natio­na­lis­ti­scher Aus­gren­zung gespro­chen wer­den, wie das die extreme Rechte in anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Dis­kur­sen behaup­tet. Soziale Dif­fe­ren­zie­rung schließt an ras­sis­ti­sche Klas­si­fi­ka­tion an, Neo­li­be­ra­lis­mus nutzt natio­na­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche, patri­ar­chale und klas­sis­ti­sche Kol­lek­tiv­sub­jekte. Vgl. zur Funk­tion des Ras­sis­mus für kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung Fou­cault, Michel 2001: In Ver­tei­di­gung der Gesell­schaft, Frankfurt/M, hier beson­ders S. 82–104, zum Ver­hält­nis von Kapi­ta­lis­mus und Staat­lich­keit: Kuhn, Gabriel 2005: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Ein­füh­rung in die poli­ti­sche Phi­lo­so­phie des Post­struk­tu­ra­lis­mus, Müns­ter, S. 129–138 und zum Ver­hält­nis von Natio­nal­staat und Glo­ba­li­sie­rung v.a. die Debat­ten um „Empire“ von Hardt/Negri (Hardt, Michael / Anto­nio Negri 2002: Empire, Frank­furt, bei­spiels­weise Hirsch, Joa­chim 2001: Glo­ba­li­sie­rung und Ter­ror, in: Prokla 125, 31. Jg., H. 4, S. 511–521. []
  4. Das soll nicht hei­ßen, dass die extreme Rechte in ihrer Kapi­ta­lis­mus­kri­tik auf lin­ken Anti­ka­pi­ta­lis­mus ange­wie­sen ist. Inso­fern ist der Begriff der „Ent­wen­dung“ sicher­lich irre­lei­tend. Rech­ter Anti­ka­pi­ta­lis­mus ist ein eigen­stän­di­ges Feld. Solange aber eine Linke Deu­tungs­he­ge­mo­nie inner­halb anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Gegen­dis­kurse hat, sind deren Inhalte zwangs­läu­fig Refe­renz­punkt auch für extreme Rechte, das heißt, letz­tere müs­sen sich bezie­hen, sich abgren­zen, Gegen­ak­zente set­zen. Sie wer­den um eine dis­kur­sive Aus­ein­an­der­set­zung nicht umhin­kom­men. Das ist z.B. zu beob­ach­ten, wenn Teile der extre­men Rech­ten linke Inhalte (wie etwa Posi­tiv­be­züge auf „Befrei­ungs­be­we­gun­gen“) auf­grei­fen und natio­na­lis­tisch refor­mu­lie­ren. Dies gilt umso mehr, solange es die Linke ist, die in Pro­teste und Wider­stände invol­viert ist, die prä­sent ist bei anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen (siehe G8-Proteste oder weite Teile der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um „Hartz IV“). []
  5. Wich­tig ist m.E. hier zu beach­ten, dass diese Anschluss­stel­len selbst nicht anti­se­mi­tisch sind, son­dern eben den Raum für Anti­se­mi­tis­mus eröff­nen kön­nen. []
  6. Renate Bitzan: Faschis­mus und Femi­nis­mus. Theo­re­ti­sche Über­schnei­dun­gen und Wider­stände in brü­chi­gen Tra­di­tio­nen, in: alaska, Nr. 216, Nov 1997, S. 4–8 []
  7. ebd. []
  8. Fabian Vir­chow beschreibt den Arbeits­be­griff der his­to­ri­schen wie aktu­el­len extre­men Rech­ten: „Wel­ches Ver­ständ­nis von ‚Arbeit’ dabei impli­ziert wird, lässt sich am Bei­spiel einer neo­na­zis­ti­schen Demons­tra­tion zum 1. Mai in Leip­zig im Jahre 2004 zei­gen, wo die Demons­trie­ren­den ein Trans­pa­rent mit sich führ­ten, auf dem es hieß: ‚Arbeit macht frei – Frei­heit für alle’. Die­ses Motto erin­nert zunächst an die schmie­de­ei­serne Schmuck­zeile über den Toren ver­schie­de­ner Kon­zen­tra­ti­ons– und Ver­nich­tungs­la­ger des deut­schen Faschis­mus […]. Ent­spre­chend hul­dig­ten zahl­rei­che völ­ki­sche Bewe­gun­gen in Deutsch­land, wie z. B. die bereits früh natio­nal­so­zia­lis­tisch domi­nierte Artam-Bewegung einem Arbeits­be­griff, der Arbeit als Opfer für und Dienst an Nation und Volks­ge­mein­schaft sah. Eine sol­che Natio­na­li­sie­rung der Arbeit wurde im Natio­nal­so­zia­lis­mus noch bio­lo­gis­tisch unter­füt­tert: Wer aus ras­si­schen Grün­den nicht zum Arbei­ten gebo­ren sei, ver­diente auch nicht zu leben. Der deut­sche Faschis­mus, des­sen Reichs­ar­beits­dienst die Tore sei­ner Lager mit der Parole ‚Arbeit adelt’ schmückte, bezeich­nete sich die­sem Ver­ständ­nis zufolge selbst als ‚Staat der Arbeit’“ (Vir­chow, Fabian 2007: Von der „anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sehn­sucht des deut­schen Vol­kes“. Zur Selbst­in­sze­nie­rung des Neo­fa­schis­mus als Anwalt der „klei­nen Leute“, in: UTOPIE krea­tiv, H. 198 (April 2007), S. 352–360). []
  9. Renate Bitzan spricht vom „anti­fa­schis­ti­schen Nut­zen der Dekon­struk­tion“ (Renate Bitzan: Faschis­mus und Femi­nis­mus. Theo­re­ti­sche Über­schnei­dun­gen und Wider­stände in brü­chi­gen Tra­di­tio­nen, in: alaska, Nr. 216, Nov 1997, S. 4–8). Gerade die Annahme der Mehr­fach­un­ter­drü­ckung schließt das Aus­spie­len von femi­nis­ti­schen Ansät­zen und anti­ras­sis­ti­schen Ansät­zen aus und lässt somit die popu­lis­ti­sche Wen­dung des Femi­nis­mus schwie­ri­ger erschei­nen. []
  10. Diese Dis­kre­pan­zen auf­grei­fend, ent­wi­ckelt Robert Pax­ton eine Defi­ni­tion in fünf Sta­dien der Ent­wick­lung von Faschis­mus. In der Bewe­gungs­phase wird ideo­lo­gisch durch­aus anders argu­men­tiert als dies nach der Macht­über­nahme durch faschis­ti­sche Par­teien prak­tisch umge­setzt wird. Siehe: Robert O. Pax­ton: Ana­to­mie des Faschis­mus. Deut­sche Verlags-Anstalt, Mün­chen 2006. Geht es um Gegen­stra­te­gien gegen rechte Ideo­lo­gi­sie­rung ist die­ser pra­xio­lo­gi­sche Ansatz gewinn­brin­gend: So kann neo­na­zis­ti­sche soziale Bewe­gungs­rhe­to­rik durch die Ana­lyse faschis­ti­scher Herr­schafts­pra­xis des­avou­iert wer­den. Denn die Rhe­to­rik faschis­ti­scher Bewe­gun­gen war stets weit­aus radi­ka­ler, als es faschis­ti­sche Regime fak­tisch waren. Die rhe­to­ri­sche Ableh­nung wirt­schaft­li­cher Eli­ten steht im Wider­spruch zur fak­ti­schen Zusam­men­ar­beit mit die­sen, soziale Rhe­to­rik ist unver­ein­bar mit Zwangs­ar­beit, Tod durch Arbeit und mit dem faschis­ti­schen Arbeits­ethos, die Rhe­to­rik der Mei­nungs­frei­heit steht im Gegen­satz zur mas­sen­haf­ten Ver­nich­tung von Oppo­si­tio­nel­len in deut­schen KZs und die Abschaf­fung sämt­li­cher Frei­heits­rechte in faschis­ti­schen Regi­men. Diese Dis­kre­pan­zen gilt es her­aus­zu­stel­len. Folgt man der Faschis­mus­de­fi­ni­tion Pax­tons, also dass Faschis­mus „eine Form des poli­ti­schen Ver­hal­tens [ist], das gekenn­zeich­net ist durch eine obses­sive Beschäf­ti­gung mit Nie­der­gang, Demü­ti­gung oder Opfer­rolle einer Gemein­schaft und durch kom­pen­sa­to­ri­sche Kulte der Ein­heit, Stärke und Rein­heit, wobei eine mas­sen­ba­sierte Par­tei von ent­schlos­se­nen natio­na­lis­ti­schen Akti­vis­ten in unbe­que­mer aber effek­ti­ver Zusam­men­ar­beit mit tra­di­tio­nel­len Eli­ten demo­kra­ti­sche Frei­hei­ten auf­gibt und mit­tels einer als erlö­send ver­klär­ten Gewalt und ohne ethi­sche oder gesetz­li­che Beschrän­kun­gen Ziele der inne­ren Säu­be­rung und äuße­ren Expan­sion ver­folgt“ (Pax­ton 2006, S. 319), so kön­nen etli­che Dis­kurse faschis­ti­scher Bewe­gun­gen, gemes­sen an faschis­ti­scher Pra­xis, als bloße Rhe­to­rik ent­larvt wer­den. []
  11. In ers­tem Fall sind damit For­de­run­gen nach Selbst­be­stim­mung, Eigen­ver­ant­wor­tung, Plu­ra­li­sie­rung der Lebens­stile, ein Ende von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung, von Ver­wer­tungs­lo­gi­ken und ein Appell an inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät impli­ziert, in zwei­ten Fall ist volks­ge­mein­schaft­li­che For­mie­rung, Unter­ord­nung, Homo­ge­ni­sie­rung, Aus­schluss und ggf. Ver­nich­tung von „Unwer­tem“, etc. ange­spro­chen. Dies sind inhalt­li­che Dif­fe­ren­zen, die grö­ßer kaum sein könn­ten. Wis­sen­schaft, die diese Unter­schiede der Wis­sens­ord­nun­gen über­sieht oder gar leug­net, sollte ihre Metho­den reflek­tie­ren. []
  12. der die­sem das Poli­ti­sche nicht abspre­chen soll. []
  13. Stich­wort: MTVi­sie­rung, kapitalistisch/neoliberale Ver­ein­nah­mun­gen. []
  14. Vgl.: Katja Sabisch: „Spiel­ar­ten des Post­fe­mi­nis­mus: Die ‚riot grrrl’- Bewe­gung“ (http://ladyshake.de/text1.htm). []
  15. ebd. []
  16. was den Ansatz, die Stra­te­gie nicht dis­kre­di­tie­ren soll. []
  17. Dies schützt natür­lich nicht vor der Tat­sa­che, dass mit einer rech­ten Inter­ven­tion in ver­schie­dene Gegen­kul­tu­ren die extreme Rechte ein brei­te­res Spek­trum von Jugend­li­chen anspre­chen kann und auf die­ser Ebene durch­aus Erfolge in der Mobi­li­sie­rungs­fä­hig­keit ver­bu­chen kann. Wie lange diese Men­schen aber in der extre­men Rech­ten orga­ni­siert blei­ben oder ob sie sich dort über­haupt orga­ni­sie­ren, dar­über sagen diese Mobi­li­sie­rungs­er­folge erst­mal nichts aus. Gerade bei dem Aus­blei­ben einer inhalt­li­chen Neu­be­stim­mung von Gegen­kul­tu­ren wird faschis­ti­sche Ideo­lo­gie mit ihren Homo­ge­ni­sie­rungs­pa­ra­dig­men der Plu­ra­li­sie­rung von Lebens­sti­len, wie sie bei­spiels­weise von den „auto­no­men Natio­na­lis­ten“ pro­kla­miert und prak­ti­ziert wird, ent­ge­gen­ste­hen. Es bleibt abzu­war­ten, ob eine radi­kale poli­ti­sche Bewe­gung eine sol­che Dis­kre­panz zwi­schen Poli­tik und All­tag aus­hal­ten kann.

    []

  18. Die“autonomen Natio­na­lis­ten“ haben nichts mit dem Kozept der Auto­no­mie zu tun, wie es von der auto­no­men Bewe­gung ver­stan­den wird. Zu die­sem Ver­ständ­nis vgl. die 1994 revi­dierte Fas­sung eines Selbst­ver­ständ­nis­ses, das für ein Autonomie-Treffen im ita­lie­ni­schen Padua im Okto­ber 1981 for­mu­liert wurde und als eine Basis eines auto­no­men Selbst­ver­ständ­nis­ses gel­ten kann, in: O.A.: Der Stand der Bewe­gung. 18 Gesprä­che über links­ra­di­kale Poli­tik. Ber­lin: Selbst­ver­lag 1995, S. 274–281. []
  19. Kol­lek­tive poli­ti­sche Gewalt von rechts gab es auch schon lange vor den „auto­no­men Natio­na­lis­ten“. []
  20. Auch auf ande­ren Ebe­nen gibt es Adap­tio­nen von Stra­te­gien poli­ti­scher Geg­ne­rIn­nen. So refe­riert die konservativ-subversive Aktion (ksa) auf die situa­tio­nis­ti­sche „Sub­ver­sive Aktion“. Dass das IfS nichts mit den Ideen der Situa­tio­nis­tIn­nen zu tun hat, dürfte auf der Hand lie­gen. Was hier aber die intel­lek­tu­el­len Rech­ten beab­sich­ti­gen ist, mit direk­ten Aktio­nen gezielt in hege­mo­niale Dis­kurse zu inter­ve­nie­ren . In der Pra­xis waren das aber nicht mehr als ein paar läp­pi­sche Stö­run­gen von Ver­an­stal­tun­gen, Flug­blatt– oder Trans­pa­ren­tak­tio­nen. Neu an die­sem Phä­no­men ist ledig­lich der Name und das Label des „Sub­ver­si­ven“. Das aller­dings bleibt inhalts­leer. []
  21. Für eine his­to­ri­sche Ana­lyse, die Extre­mis­mus­theo­rien wider­legt, emp­fiehlt sich die Lek­türe der Arbei­ten von Zeev Stern­hell. Die Geschichte der Ent­ste­hung des euro­päi­schen Faschis­mus ent­zieht der Extre­mis­mus­these die Grund­lage. Stern­hell beschreibt die Kon­ti­nui­tät (die nie­mals Deter­mi­nis­mus bedeu­tet) von Natio­na­ler Revo­lu­tion um die Jahr­hun­dert­wende, die Revolte gegen die Auf­klä­rung zum euro­päi­schen Faschis­mus und Nazis­mus und wider­spricht so der These, einer Geschwis­ter­schaft von Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus. „Die Theo­rie, dass Faschis­mus und Kom­mu­nis­mus Zwil­lings­brü­der seien, Kom­pli­zen und zugleich Feinde, dass der Nazis­mus eine Nach­ah­mung des Sta­li­nis­mus gewe­sen sei, eine ver­ständ­li­che und gar natür­li­che Ant­wort auf die bol­sche­wis­ti­sche Gefahr, sowie ein ein­fa­ches Pro­dukt des Ers­ten Welt­krie­ges, stellt nicht nur eine Bana­li­sie­rung des Faschis­mus und Nazis­mus dar, son­dern vor allem eine völ­lige Ver­wi­schung der tat­säch­li­chen Natur der euro­päi­schen Kata­stro­phe die­ses Jahr­hun­derts“ (Stern­hell, Zeev 2001: Von der Auf­klä­rung zum Faschis­mus und Nazis­mus. Refle­xio­nen über das Schick­sal der Ideen im 20. Jahr­hun­dert, in Jäger, Siegfried/ Paul, Jobst (Hg.) 2001: „Diese Rechte ist immer noch Bestand­teil unse­rer Welt“. Aspekte einer neuen Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion. Duis­burg, S. 15–48, hier: S. 43). Sicher­lich hat­ten Kom­mu­nis­mus und Faschis­mus gemein­same Feinde, „aber die Bewe­gun­gen waren Geg­ner im Kampf auf Leben oder Tod, denn sie ver­tra­ten eine völ­lig unter­schied­li­che Kon­zep­tion des Men­schen und der Gesell­schaft“ (ebd.). Der große Unter­schied, so Stern­hell lag in den Zie­len: „Der Faschis­mus gehörte der his­to­ri­schen Tra­di­ti­ons­li­nie an, war das dra­ma­tischste und extremste Bei­spiel der Anwen­dung par­ti­ku­la­ris­ti­scher Prin­zi­pien […]. Der Kom­mu­nis­mus […] strebte danach, die Gesell­schaft zu ver­än­dern, indem er ihre ökono­mi­sche Struk­tur umge­stal­tete“ (ebd. S. 44f). []
  22. Ein aktu­el­les Nega­tiv­bei­spiel ist hier ein Arti­kel von Alice Schwar­zer in der rech­ten schwei­ze­ri­schen Zei­tung „Die Welt­wo­che“. Hier wird expli­zit Femi­nis­mus gegen Anti­ras­sis­mus aus­ge­spielt. Isla­mis­mus gilt Schwar­zer hier als der „Faschis­mus des 21. Jahr­hun­derts […] im Welt­mass­stab“. So wer­den in rech­ten Publi­ka­ti­ons­or­ga­nen ras­sis­ti­sche und bel­li­zis­ti­sche Dis­kurse mit femi­nis­ti­schen Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren legi­ti­miert (vgl. Alice Schwar­zer: Wir müs­sen han­deln. Die gezielte Unter­wan­de­rung mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten durch Isla­mis­ten muss gestoppt wer­den. In: Die Welt­wo­che, 14.10.2009, Aus­gabe 42/09). []

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