Rezension: Die kollektive Unschuld (Gunnar Schubert)

Autor: Jonathan Messer

Gunnar Schubert: Die kollektive Unschuld.
Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde

2009, 2. Auflage, Hamburg: Konkret-Verlag, 13 EUR
ISBN: 978-3-930786-47-3

In ihrem Essay Besuch in Deutschland schrieb die politische Theoretikern Hannah Arendt 1950 ihre Erfahrungen mit dem jüngst besiegten Nazideutschland nieder. Es ist der Text einer irritierten jüdischen Exilantin, die minutiös die Gleichgültigkeit der Deutschen gegenüber dem Geschehenen dokumentiert:

„Diese Gleichgültigkeit und die Irritation, die sich einstellt, wenn man dieses Verhalten kritisiert, kann an Personen mit unterschiedlicher Bildung überprüft werden. Das einfachste Experiment besteht darin, expressis verbis festzustellen, was der Gesprächspartner schon von Beginn der Unterhaltung an bemerkt hat, nämlich daß man Jude sei. Hierauf folgt in der Regel eine kurze Verlegenheitspause; und danach kommt – keine persönliche Frage, wie: ‚Wohin gingen Sie, als Sie Deutschland verließen?’, kein Anzeichen von Mitleid, etwa dergestalt: ‚Was geschah mit ihrer Familie?’ – sondern es folgt eine Flut von Geschichten, wie die Deutschen gelitten hätten (Was sicher stimmt, aber nicht hierher gehört); und wenn die Versuchsperson dieses kleinen Experiments zufällig gebildet und intelligent ist, dann geht sie dazu über, die Leiden der Deutsche gegen die Leiden der anderen aufzurechnen, womit sie stillschweigend zu verstehen gibt, daß die Leidensbilanz ausgeglichen sei und daß man nun zu einem ergiebigeren Thema überwechseln könne.“

Hannah Arendt ist mit ihrer Erfahrung der deutschen „Schuldaufrechnung“ nicht alleine. Auch Theodor W. Adorno stieß in seinem Gruppenexperiment immer wieder auf ähnliche Argumentationen. Die Konfrontation mit dieser spezifisch deutschen Abwehraggression schrieb er in seinem Essay Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit? nieder:

„Irrational ist weiter die verbreitete Auffassung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte. In der Aufstellung solcher Kalküle, der Eile, durch Gegenvorwürfe von der Selbstbesinnung sich zu dispensieren, liegt vorweg etwas Unmenschliches, und Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell überdies Coventry und Rotterdam hieß, sind kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.“

Das im postnazistischen Deutschland jene gesellschaftliche Irrationalität sich immer noch zu ihrem zweifelhaften Recht verhilft, zeigt Gunnar Schubert in seinem Buch Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde auf. Die Bombardierung Dresdens durch die alliierte Luftwaffe vom 13. bis 15. Februar 1945 kann als einer der großen „Wiedergänger“ der deutschen Vergangenheits-„überwältigung“ bezeichnet werden, dessen 65. Jubiläum vor der Tür steht. Um kaum ein anderes Datum des Zweiten Weltkrieges ranken sich so viele Geschichten und Geschichtchen wie um dieses. In seinem 167-seitigen Text hat sich der Konkret-Autor Gunnar Schubert auf die Spur jener „Geschichten“ gemacht und hat sich dabei als „Mythen-Jäger“ bewiesen. Angefangen bei der volkstümlichen Tradierung der Bombardierung über revisionistische Aufrechnerei und der jüngst wiederlegten „Tieffliegerlüge“ bis hin zur Vulgär-Parallelisierung von Dresden – Hiroshima –Auschwitz wird die Entstehungsgeschichte der einzelnen Mytheme rekonstruiert und seine Tradierung im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs nachgezeichnet. So beschreibt Schubert anschaulich die Praxis der von ihm genannten „Negationisten“, in dem er ihre Zitationsquellen und –kartelle ausfindig macht und ihre bewusste Verfälschung sichtbar werden lässt. Dabei wird deutlich, dass in der „Dresden“-Literatur nicht nach der Qualität und Genauigkeit der historischen Forschung gefragt wird, sondern Hauptsache ist, dass die Opferzahl ins eigene Gemüt passt (53). Als „Kronzeugen“ werden dann Konrad Adenauer und der Brockhaus von 1959 ins Feld geführt und aktuelle Forschungsergebnisse geflissentlich ignoriert.

Diese „Zahlenspiele“ sind aber nicht nur das finstere Treiben extrem rechter Publizisten, sondern werden auch munter in der FAZ, Bild, Focus, Welt u.a. mitgemacht (49-61). Nach der 94-seitigen Demontage des erinnerungspolitische Phänomens „Dresden“, bei der auch die hartnäckigsten Gerüchte – z.B. alliierte Kampfflieger hätten im Sturzflug Jagd auf einzelne Menschen(-gruppen) gemacht – in den Mülleimer „Geschichtsfälschung“ verfrachtet werden, muss man als LeserIn durchatmen. Denn was danach kommt, spiegelt die Arendt’sche und Adorno’sche Erfahrung en detail wieder.

Die teils durch seriöse historische Forschung bekannte Widerlegung offensichtlicher Fälschungen und Konstruktionen im Kontext des Mythos „Dresden“ bleibt gänzlich ohne Effekt auf den postnazistischen Erinnerungsdiskurs und seine kollektivpsychologischen Bedürfnisse. Auch (oder gerade?) die offizielle Gedenkkultur macht davor keinen Halt.

Als Beispiel kann dafür der CDU-Politiker und langjährige sächsische Landtagspräsident Erich Iltgen herhalten. Erinnerungsbewusst gab er im Parlament bekannt, dass wichtige Gedenktage vor der Tür stehen, die Befreiung des KZ Auschwitz und die Bombardierung Dresdens: „Deshalb ‚möchte ich sie alle auffordern und bitten, mit mir in würdiger Weise der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken, gleichviel durch welche Willkür und Gewaltmaßnahmen sie zu Schaden gekommen sind. (kursiv, JZ)“ (117) Man muss hier keinen philologischen Feinsinn an den Tag legen, um die Gleichsetzung von Auschwitz und Dresden, sowie die „Deutschen“ als Opfer des Nationalsozialismus nachzuvollziehen. Ähnliche Beispiele finden sich in Schuberts Buch zuhauf.

Auf jeder Seite stolpert der/die LeserIn über Aussagen des Iltgen’schen Kalibers und es wird noch „besser“. Dass im postnazistischen Geschichtsbewusstsein der Nationalsozialismus längst durch die DDR „Konkurrenz bekommt“ ist nichts neues, zumal die Publikationen der jeweiligen Landes- und der Bundeszentrale für politische Bildung ein reichhaltiges Sortiment an Literatur bereithalten. Schubert erweitert diesen Verdacht in Bezug auf die sächsische Vergangenheitspolitik am Beispiel der Arbeit des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT):

„Niemals ging es dem HAIT um einen Vergleich, gar um eine Gleichsetzung von ‚Drittem Reich’ und SBZ/DDR. Es ging um die Kennzeichnung ‚der zweiten Diktatur auf deutschem Boden’ als das absolute Böse. (…) Honecker war ursprünglicher als Hitler.“ (120)

Diese These erweitert Adornos und Arendts Überlegungen zur Gleichgültigkeit und Ignoranz der Deutschen gegenüber dem Schrecken, der vom deutschen Vernichtungskrieg ausgegangen ist, um die revisionistische Behauptung, dass der Nationalsozialismus nur der Prolog für die DDR war und damit „weniger schlimm“. Über diesen Gedanken Schuberts ist zu diskutieren – doch auch eigentlich nicht. Schon 2001 jubelte die Chemnitzer „Freie Presse“:

„Historiker der Leipziger Universität wagen den Regime-Vergleich zwischen nationalsozialistischer Herrschaft und SED-Diktatur. (…) Erste Ergebnisse zeigen, daß es womöglich mehr Gemeinsamkeiten (…) gibt, als die DDR-Propaganda glauben machen wollte. (…) Detailstudien legen die Vermutung nah, daß der Zugriff des SED-Regimes auf die Gesellschaft sogar noch stärker war als der der Nationalsozialisten. (…) Mit dem Leipziger Forschungsprojekt etabliert sich Sachsen endgültig zum deutschlandweit vielleicht wichtigsten Forschungsstandort der Totalitarismusforschung.“ (135f.)

Vielleicht ist gerade das Bedrückende der Lektüre, dass Schuberts Buch nur in Auszügen adäquat wiederzugeben ist, denn so vieles wird hier erfasst und demontiert. Gerade wenn man einigermaßen verdaut hat, was der Autor einem dort aus der deutschen „Erinnerungslandschaft“ präsentiert, wird direkt nachgeschenkt – und nicht zu knapp. Es sei nochmals erwähnt, dass Schubert fast ohne Rückgriff auf extrem rechte Quellen auskommt. Das braucht er auch gar nicht, denn schließlich liefert der hegemoniale „Dresden“-Diskurs genug Material, um den „zivilgesellschaftlichen Revisionismus“ in allen Facetten auszumalen.

Alles in allem ist es eine bedrückende Lektüre, die trotzdem jedem/jeder wärmstens empfohlen sei.

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