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Johann Jacoby, Bürgerrechtler

 
 

DISS-Vortrag in Hattingen

Fast auf den Tag zum 205. Geburts­tag, am 2. Mai 2010, erin­nerte Jobst Paul (DISS) in einem Vor­trag in Hat­tin­gen an die denk­wür­dige Bio­gra­phie des Königs­ber­ger Arz­tes, Publi­zis­ten und Bür­ger­recht­lers Johann Jacoby (1805–1877). Jacoby, der zwi­schen 1840 und 1870, also über Jahr­zehnte für soziale Gerech­tig­keit, aber auch für Frei­heits­rechte kämpfte und zeit­weise zum per­sön­li­chen Gegen­spie­ler Bis­marcks wurde, wollte zwar als nicht-religiöser Jude ver­stan­den wer­den, ori­en­tierte sich aber gleich­wohl an den kon­se­quen­ten Gleich­heits­theo­re­men der jüdi­schen Sozi­al­ethik. Ruth Jacoby, die schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin in Ber­lin und Ver­wandte Johann Jaco­bys, war in Hat­tin­gen anwe­send.1

Johann Jacoby – Bürgerrechtler

Johann Jacoby hat sich zeit­le­bens extreme mensch­li­che und poli­ti­sche Span­nun­gen zuge­mu­tet, oder bes­ser: er hat sich oft kom­pro­miss­los in die Span­nun­gen sei­ner Zeit hin­ein­ge­wor­fen. Es ist des­halb kein Wun­der, wenn diese Span­nun­gen auch noch ganz am Schluss, näm­lich bei Jaco­bys Begräb­nis am 11. März 1877, aufbrachen:

Schon Mit­tags – so ein Augen­zeuge — war das Volk von Königs­berg auf dem Uni­ver­si­täts­platze und in den umlie­gen­den Stra­ßen in unzäh­li­gen Mas­sen erschie­nen; Deputa­tionen der socia­lis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, der Arbei­ter Ber­lins, Bres­laus, Ham­burgs, Cölns, Braun­schweigs und ande­rer Städte, der Arbeiter­frauen Ber­lins, der „Ber­li­ner Freien Presse“, der „Frank­fur­ter Zei­tung“, sowie Abge­sandte der demo­kratischen Ver­eine von Ber­lin und von Frank­furt a. M., vom Königs­ber­ger Hand­wer­ker­ver­ein, von der schwäbi­schen Volks­par­tei u. s. w., u. s. w. hat­ten sich vor dem Hause Jacoby’s auf­ge­stellt und hiel­ten rie­sige Lor­beer­kränze in den Händen.“

Berich­tet wird von 5000 Trau­er­gäs­ten allein in Königs­berg (Gedenk­ver­an­stal­tun­gen gab es auch in ande­ren deut­schen Städ­ten). Ursprüng­lich plan­ten die Ver­tre­ter der „Fort­schritts­par­tei“ eine Art Kund­ge­bung am Grab. Da aber die jüdi­sche Gemeinde dort nur kurze Erklä­run­gen dul­dete, dräng­ten sie sich schon zuvor, näm­lich „hin­ter dem Lei­chen­wa­gen mög­lichst auf­fäl­lig in den Vordergrund.“

Die jüdi­sche Gemeinde befürch­tete aber auch eine innere Zer­reiß­probe. Jacoby hatte sich stets als nicht-religiös posi­tio­niert. Wie sollte sich Rab­bi­ner Isaac Bam­ber­ger in sei­ner Anspra­che dazu stel­len? Es kam alles ganz anders: Rab­bi­ner Bam­ber­ger fand sehr ver­bind­li­che Worte, wäh­rend letzt­lich alle Ver­tre­ter der vie­len Ver­bände nicht kurze Erklä­run­gen abga­ben, son­dern Anspra­chen hiel­ten und dabei Jacoby poli­tisch jeweils für sich reklamierten.

Eine knappe Skizze und doch drän­gen sich bereits Fra­gen auf. Wobei wir die wich­tigste nur andeu­ten wol­len: Wie kann es sein, dass Johann Jacoby, offen­bar eine der zen­tra­len Gestal­ten, ja eine Ikone sei­ner Zeit und dies über Jahr­zehnte hin­weg – wie kann die­ser Mann heute ver­ges­sen sein? Bli­cken wir zunächst noch ein­mal auf die geschil­derte Epi­sode, um viel­leicht eini­ges, für Jacoby Typi­sches gleich in Worte – und in The­sen – zu fas­sen. Von dort wer­fen wir in aller Kürze einen Blick auf Jaco­bys Biographie.

Auf­fäl­lig sind z.B. die unter­schied­li­chen poli­ti­schen Lager und Orga­ni­sa­tio­nen. Jacoby erscheint als Inte­gra­ti­ons­fi­gur, nicht als Beken­ner für eine ideo­lo­gisch genau ver­ort­bare Mei­nung, auch nicht als Anfüh­rer (der Sozi­al­de­mo­kra­tie schloss er sich erst wenige Jahre vor sei­nem Tod an). Viel­mehr unter­stützt oder schmie­det er Alli­an­zen, mit Blick auf die zu stür­zende, in Deutsch­land, vor allem in Preu­ßen im Sat­tel sit­zende Autokratie.

Es ist eine bewusst akti­vis­ti­sche Hal­tung, die wir heute – die fried­li­che Revo­lu­tion von 1989 vor Augen – als die eines Bür­ger­recht­lers bezeich­nen wür­den und zu der sich Jacoby auch offen bekannt hat, als Rolle, die die Zeit erfor­derte und die ihm auf den Leib geschnit­ten schien.

Kein Wun­der, dass die spä­tere kon­ser­va­tive Geschichts­schrei­bung Preu­ßens, im Bewusst­sein ihres Sie­ges über alles, was mit Bür­ger­rech­ten zu tun hatte, nach Jaco­bys Tod zwei Cha­rak­ter­züge her­vor­hob, die ihn – ihrer Mei­nung nach — für einen Platz in den Anna­len dis­qua­li­fi­zierte. Ers­tens habe er nur oppo­niert und zwei­tens habe er von der Ver­eh­rung der brei­ten Mas­sen pro­fi­tiert, und all das sei nichts Kon­struk­ti­ves – man hört die juden­feind­li­chen Kli­schees her­aus. Kühl hält ihm Karl Wip­per­mann im Jahr 1881 in der All­ge­mei­nen Deut­schen Bio­gra­phie vor: Er sei völ­lig wir­kungs­los geblieben.

Jacoby wurde am 1. Mai 1805, also ges­tern vor 205 Jah­ren, als Sohn eines jüdi­schen Geschäfts­man­nes in Königs­berg gebo­ren, besuchte dort 1815–23 das Fried­richs­kol­leg und danach die Uni­ver­si­tät. Er ent­schied sich für Medi­zin – oder sah für sich als Juden nur diese Mög­lich­keit. Immer­hin focht er erfolg­reich gegen die Dis­kri­mi­nie­rung jüdi­scher Stu­den­ten. Jacoby pro­mo­vierte und legte 1828 das medi­zi­ni­sche Staats­ex­amen ab, im Jahr übri­gens, in dem die preu­ßi­sche Regie­rung Juden ver­bot, „christ­li­che“ Vor­na­men zu füh­ren. Bereits 1830, also im Alter von 25, prak­ti­zierte Jacoby als Arzt in Königsberg.

Dann folgte die Pari­ser Juli­re­vo­lu­tion von 1830, ein Pau­ken­schlag. Für eine ganze Gene­ra­tion, auch für Jün­gere wie Georg Büch­ner, schien plötz­lich eine epo­chale Wende zu Frei­heit und Demo­kra­tie in ganz Europa gekom­men, die reak­tio­nä­ren Mächte schie­nen für immer besiegt.

Was dann geschah, hat sich in den Bio­gra­phien vie­ler Tau­sen­der von jun­gen Leu­ten, auch in Johann Jaco­bys Bio­gra­phie, wie eine gemein­same Fie­ber­kurve nie­der­ge­schla­gen. Für die­ses ‚junge Deutsch­land’ ist die Phase von 1830 bis 1840 geprägt von offe­nem, opti­mis­ti­schen Wider­stand, dann — nach 1840 – schon vom ver­zwei­fel­ten Rin­gen mit den Obrig­kei­ten, ins­be­son­dere auch mit der preu­ßi­schen Ver­wal­tung. Der geschei­ter­ten Revo­lu­tion von 1849 folgt – bis 1858/59 – eine Phase des Rück­zugs und gleich­zei­tig der ökono­mi­schen Eman­zi­pa­tion des städ­ti­schen, auch jüdi­schen Bür­ger­tums. Und nicht zu ver­ges­sen: Viele der fähigs­ten Leute schmach­ten – auf­grund von Urtei­len nach 1848/49 — jah­re­lang in den Ver­lie­sen, oder sind — oft nach Über­see — geflohen.

Nicht wenige von ihnen keh­ren zurück und viele Akti­vis­ten von 1848/49 tre­ten erneut an, als sich zwi­schen 1858 bis 1866 in Deutsch­land eine exzel­lent orga­ni­sierte Demo­kra­tie­be­we­gung nach dem Vor­bild Gari­bal­dis for­miert, mit dem Fürs­ten von Coburg-Gotha als Anfüh­rer, der mit vie­len euro­päi­schen Fürs­ten­häu­sern ver­wandt ist. Im Jahr 1866, mit dem Schlag gegen Öster­reich, zer­schlägt Preu­ßen auch diese Bewe­gung. Dies war ein bru­ta­ler Will­kür­akt und es blieb ein schwe­rer Makel der Reichs­grün­dung und des Kai­ser­reichs ins­ge­samt. Jacoby ist übri­gens einer der ganz weni­gen ‚Bür­ger­recht­ler’, die sich nach 1866 nicht zurück­zo­gen. Bis heute sind, abge­se­hen vom Revo­lu­ti­ons­jahr 1848, die zwei his­to­ri­schen Pha­sen eines Auf­bruchs von unten, zwi­schen 1830 und 1840, und zwi­schen 1858 bis 1866, als sich der deut­sche Natio­nal­ver­ein eta­blierte, im his­to­ri­schen Bewusst­sein der Deut­schen kaum präsent.

Johann Jaco­bys wei­tere Bio­gra­phie, die sich vor die­sem Hin­ter­grund ent­fal­tet, kann man nicht in weni­gen Sät­zen zusam­men­fas­sen. Man meint in der Tat je einem ande­ren Men­schen zu begeg­nen, wenn man Lebens­be­schrei­bun­gen liest, die Jacoby schwer­punkt­mä­ßig als Medi­zi­ner, als Publi­zis­ten, als Rechts– oder Sozi­al­po­li­ti­ker, als Par­la­men­ta­rier, Pazi­fis­ten und Inter­na­tio­na­lis­ten, als Mora­lis­ten oder Akti­vis­ten, oder auch als Brief­schrei­ber und Rhe­to­ri­ker vor­stel­len. Ich will nur kurz anrei­ßen, was ihn bei brei­ten Bevöl­ke­rungs­schich­ten zum Hel­den machte:

Seine poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung, die Aus­bil­dung sei­ner klar urtei­len­den poli­ti­schen Rhe­to­rik ist datier­bar. Zwi­schen 1830 und Som­mer 1840 kri­ti­siert Jacoby das preu­ßi­sche Regime vor allem als Medi­zi­ner — er kämpft für fach­li­che Alter­na­ti­ven, etwa was die Cho­lera in Polen und die Hygiene an Schu­len betrifft. Und genau mit dem Macht­an­tritt des neuen preu­ßi­schen Königs Fried­rich Wil­helm IV., des per­so­ni­fi­zier­ten Mit­tel­al­ters auf dem Thron, wird Jacoby zum poli­ti­schen Akti­vis­ten. Und das sind für ihn die Folgen:

1841–43 Pro­zess wegen Hoch­ver­rats. Grund ist die anonyme Flug­schrift »Vier Fra­gen beant­wor­tet von einem Ost­preu­ßen« von 1841. 1842 Urteil auf zwei­ein­halb Jahre Fes­tung, 1843 Freispruch.

1845–47 Pro­zess wegen Majes­täts­be­lei­di­gung und fre­chen Tadels der Lan­des­ge­setze wegen der Denk­schrif­ten »Das könig­li­che Wort Fried­rich Wil­helms III.« und »Preu­ßen im Jahre 1845« — beide 1845. 1846 Urteil auf zwei­ein­halb Jahre Fes­tung, 1847 Freispruch.

Okt.-Dez. 1849 Pro­zess in Königs­berg wegen Teil­nahme am Stutt­gar­ter Rumpf­par­la­ment, Flucht nach Genf, ein­ein­halb Monate Haft in Königs­berg, Frei­spruch im Dezem­ber 1849; danach Polizeiaufsicht.

1863–65 Pro­zess wegen Ehr­furchts­ver­let­zung gegen­über dem König, Auf­ruf zum Unge­hor­sam gegen die Steu­er­ge­setze und Belei­di­gung des Staats­mi­nis­te­ri­ums. Grund ist eine Rede von 1863. 1864 Urteil auf sechs Monate Gefäng­nis. Abbü­ßung im Königs­ber­ger Stadtgefängnis.

danach:

1865: 50 Taler Geld­strafe wegen ver­leum­de­ri­scher Belei­di­gung Bismarcks.

1865: Vier­zehn Tage Gefäng­nis wegen Beam­ten– und Behördenbeleidigung.

1870: fünf Wochen Fes­tungs­haft wegen Pro­tests gegen die Anne­xion Elsaß-Lothringens.

Das alles ist natür­lich spek­ta­ku­lär und gewiss hat Jacoby mit sei­nen demons­tra­tiv öffent­li­chen Pro­vo­ka­tio­nen zumin­dest bis 1849 auch die Öffent­lich­keit als Schutz in Anspruch genom­men – zum Schutz gegen recht­li­che und obrig­keits­staat­li­che Will­kür. Aber ich denke, sein eigent­li­ches Ziel war ein ande­res, und viel­leicht wird dies deut­li­cher, wenn ich die Epi­sode hin­zu­füge, die Jacoby 1848 voll­ends zum Volks­hel­den machte, nach­dem er der Obrig­keit bereits zwei­mal einen Frei­spruch abge­trotzt hatte.

Eine Depu­ta­tion der preu­ßi­schen Natio­nal­ver­samm­lung, der Jacoby ange­hörte, wollte dem preu­ßi­schen König — es ist natür­lich immer noch Fried­rich Wil­helm IV. — im Novem­ber 1848, also mit­ten im Revo­lu­ti­ons­ge­sche­hen, eine Note über­rei­chen, um ihn zu einer Regie­rungs­um­bil­dung zu drän­gen. Der König las kurz die Adresse und wandte sich dann bereits zum Gehen. Jacoby redete ihn an: „Wol­len Ew. Maj. uns nicht wei­te­res Gehör schen­ken?“ Der König: ‚Nein’, dar­auf Jacoby: „Das eben ist das Unglück der Könige, dass sie die Wahr­heit nicht hören wol­len!“ Meh­rere Kol­le­gen bezich­ti­gen ihn empört der Respekt­lo­sig­keit, doch wenige Tage spä­ter ver­sam­meln sich Tau­sende vor der preu­ßi­schen Natio­nal­ver­samm­lung (in der Ber­li­ner Tau­ben­straße) und fei­ern Jacoby.

Respekt­lo­sig­keit? Oder nicht ein­fach ein Ver­hal­ten ‚auf Augen­höhe’? Darin – so meine These – wird der mora­li­sche Kern des poli­ti­schen Agie­rens von Johann Jacoby erkenn­bar: Jacoby stellte sich mit einer – buch­stäb­lich – ent­waff­nen­den Selbst­ver­ständ­lich­keit den so genann­ten Mäch­ti­gen als ein fak­tisch Glei­cher gegenüber.

Aber nicht er erklomm dabei die Höhe der Macht (die es für ihn nicht gibt), son­dern er sprach die Macht auf sei­ner, Jaco­bys Augen­höhe an — eine Hal­tung, die eine gewal­tige Wir­kung gehabt haben dürfte, nicht nur auf die Öffent­lich­keit, son­dern auch auf die Büro­kra­tien, die nicht wuss­ten, wie sie damit umge­hen soll­ten. Dafür zeu­gen Begriffe wie „Ehr­furchts­ver­let­zung“, „fre­cher Tadel“, „öffent­li­che Belei­di­gung“ usw.

Ich will auch gleich auf den zwei­ten Teil mei­ner These zusteu­ern, denn hin­ter Jaco­bys – wie wir heute viel­leicht sagen wür­den – ‚bür­ger­recht­li­cher’ Hal­tung steht offen­bar keine Auf­klä­rungs­lehre oder irgend­ein phi­lo­so­phisch her– oder abge­lei­te­ter Lehr­satz. Sein unmit­tel­ba­res, erup­ti­ves Ver­ständ­nis von Gleich­heit und Gerech­tig­keit ist eher und wohl voll­stän­dig geprägt von den Grund­sät­zen der jüdi­schen Sozialethik.

Las­sen Sie mich an die­ser Stelle zwei Bemer­kun­gen ein­fü­gen. Jacoby gehörte der Konvergenz-Bewegung sei­ner Zeit an, gebil­det von jun­gen christ­li­chen Dis­si­den­ten und jun­gen libe­ra­len Juden, die glaub­ten, die Zeit für die eine jüdisch-christliche Alli­anz auf Basis der gemein­sa­men jüdi­schen Sozi­al­ethik sei gekom­men. Jacoby erwar­tet wie viele andere, dass sich die Mensch­heit der­einst (eigent­lich : sehr bald) in die­sem rei­nen Deis­mus ver­ei­ni­gen wird, dass es aber — bis zu des­sen „All­ge­mein­wer­den“ – die „Bestim­mung des Juda­is­mus“ sein wird, „dem über­hand­neh­men­den Gefühls­schwin­del des Chris­ten­tums auf alle mög­li­che Weise ent­ge­gen­zu­ar­bei­ten“. Das sahen viele der kir­chen­kri­ti­schen christ­li­chen Dis­si­den­ten übri­gens auch so und es ist völ­lig in Ver­ges­sen­heit gera­ten, dass diese städ­ti­sche Bewe­gung – mit ihren Revol­ten gegen die Amts­kir­chen – auch die haupt­säch­li­chen Trä­ger der Revo­lu­tion von 1848 war. Um die­ser Bewe­gung wil­len, die gerade in Königs­berg einen Schwer­punkt hatte, hat Jacoby eine allzu große Nähe zur Königs­ber­ger jüdi­schen Gemeinde ver­mie­den – aber um so ent­schie­de­ner die Grund­sätze der jüdi­schen Sozi­al­ethik verfochten.

Zwei­tens: Die Revo­lu­tion von 1848 schei­terte nicht nur am preu­ßi­schen Macht­wil­len. Es gab auch eine tra­gi­sche Bruch­li­nie inner­halb der Oppo­si­tion selbst: Wäh­rend die jüdi­sche Seite hoffte, die christ­li­chen Freunde hät­ten nun end­lich das Andere am Juden­tum, die reli­giöse, fun­da­men­tale Bedeu­tung des Gleich­heits­grund­sat­zes näm­lich, ver­stan­den, bekämpf­ten viele christ­li­che Dis­si­den­ten nur ihre eige­nen kirch­li­chen Insti­tu­tio­nen, reflek­tier­ten aber nicht ihr loses Ver­hält­nis zum Gleich­heits­grund­satz, z.B. ihre pater­na­lis­ti­schen oder gar juden­feind­li­chen Atti­tü­den. Die inhalt­li­chen, nicht nur reli­giö­sen Gründe, warum die jüdi­sche Seite viele der christlich-metaphysischen Axiome ablehnte, wur­den ein­fach überhört.

In der Tat durch­zieht das Thema der Unver­ein­bar­keit zwi­schen der christlich-philosophisch-hellenistischen Meta­phy­sik und der jüdi­schen Offen­ba­rungs­lehre — und der unab­seh­ba­ren Fol­gen für die Ethik – wie ein Con­tra­punkt die gesamte deutsch-jüdische Publi­zis­tik des 19. Jahrhunderts.

Zusam­men­ge­fasst sieht der Kon­flikt so aus:

Aus jüdi­scher Sicht ist schon im Schöp­fungs­akt des ers­ten Men­schen­paa­res alles inbe­grif­fen, es bedarf kei­ner wei­te­ren Zuta­ten. Alle Men­schen sind gleich, alle haben die indi­vi­du­elle Pflicht zur Nach­ah­mung der gött­li­chen Voll­kom­men­heit — zwi­schen­mensch­lich die Pflicht (nicht das Mit­leid) dem Nächs­ten gegen­über, den Ande­ren gegen­über in Gesell­schaft und Staat, und schließ­lich in der Mensch­heit allen Men­schen gegenüber.

Wenn aber die Ethik – als Sozi­al­bin­dung — von der Pflicht des Ein­zel­nen her gedacht ist, so spie­len sich auch die Kämpfe um die eige­nen Gren­zen, um das Böse, aus­schließ­lich im Ein­zel­nen ab. Das ist ganz wich­tig, nicht nur hin­sicht­lich des jüdi­schen Ethos der Willensfreiheit.

Viel­mehr kann es dann auch nicht — hier — die ganz guten und — dort — die ganz bösen Men­schen geben, übri­gens auch keine Kol­lek­tive (wie „der Staat“, die „Nation“ u. ä.), die ein ethi­sches Son­der­recht außer­halb des ethi­schen Pflich­ten­ka­nons des Ein­zel­nen rekla­mie­ren könn­ten. Von daher fehlt z. B. nicht nur die Vor­aus­set­zung für ras­sis­ti­sche, dua­lis­ti­sche Argu­men­ta­tio­nen: Aus der Per­spek­tive der jüdi­schen Sozi­al­ethik fällt es auch schwer, sich das Soziale in unver­än­der­li­chen Ant­ago­nis­men, etwa als pure Gut/Böse-Zuordnungen zu den­ken oder auch – ich will es hier gleich nen­nen: von gott­ge­woll­ten Lagern wie Kapi­tal und Arbeit.

Die christlich-hellenistische Meta­phy­sik rankt sich dage­gen um die bis heute schwer begreif­li­che Ano­ma­lie, dass die christ­li­che Bewe­gung die jüdi­sche Ethik zwar in einer pas­to­ra­len Funk­tion über­nahm, aber danach das genaue Gegen­teil, den hel­le­nis­ti­schen Idea­lis­mus und – seit Tho­mas von Aquin – beson­ders einen heid­ni­schen Phi­lo­so­phen, näm­lich Aris­to­te­les, oben drauf setzte und des­sen Anthro­po­lo­gie zum christ­li­chen Dogma machte.

Wie bekannt, jon­glierte die­ser mit kru­den Ana­lo­gien: Stein, Pflanze, Tier und Mensch ent­sprä­chen im Men­schen der Mate­rie, dem Kreis­lauf, dem Ner­ven­sys­tem und dem Geist. Ergo sei der Mensch nur als Geist Mensch, ansons­ten Tier, Pflanze und Mate­rie. Aber dabei beließ es Aris­to­te­les nicht und fol­gerte wei­ter: Men­schen, die sich nicht – wie die Phi­lo­so­phen – im Geist erschöpf­ten, könn­ten auf die Stufe der Tiere, ja der Pflan­zen (wir ken­nen den Begriff: vege­tie­ren) ‚herab sin­ken’. Es ist die Geburts­stunde der Bar­ba­ren, der Frem­den, der mensch­li­chen ‚Bes­tien’, des ‚ani­ma­li­schen’ Men­schen, oder all­ge­mein: der gut/böse-Antagonismen, der ‚guten’ und ‚bösen’ Kol­lek­tive, die spä­ter die Geis­tes­ge­schichte des Abend­lan­des so schreck­lich prä­gen sollten.

Auch wenn die mit­tel­al­ter­li­che Rezep­tion des Aris­to­te­les — etwa bei Mai­mo­ni­des – auch auf jüdi­scher Seite Spu­ren hin­ter­las­sen hat, rief doch der jüdi­sche Reli­gi­ons­phi­lo­soph Jehuda Halevi etwa um 1100 aus: „Nicht ist der Gott des Aris­to­te­les der Gott Abra­hams“ – und mit ebenso gutem Grund heißt es bei einem der wich­tigs­ten katho­li­schen Dog­ma­ti­ker der ver­gan­ge­nen Jahr­zehnte: „Der Gott des Aris­to­te­les und der Gott Jesu Christi ist ein und derselbe.“

Ich habe dies so poin­tiert dar­ge­stellt, weil Jacoby in sei­nem soge­nann­ten ‚sozia­len Bekennt­nis’ die­sen Kon­flikt fron­tal auf­greift. Es han­delt sich um seine Rede Das Ziel der Arbei­ter­be­we­gung vom 20. Januar 1870. Im Rah­men unse­res For­schungs­pro­jekts, bei dem wir einige Hun­dert Schrif­ten deutsch-jüdischer Publi­zis­ten ana­ly­sier­ten, fiel uns diese Schrift beson­ders auf. Aber erst viel spä­ter wurde uns bekannt, dass diese Rede auch zu Jaco­bys Zeit beson­de­res Auf­se­hen erregte: Sie ist in viele Spra­chen über­setzt wor­den und ist wohl der am häu­figs­ten gedruckte Text Jacobys.

Jacoby beginnt mit dem denk­wür­di­gen Hin­weis, Aris­to­te­les selbst habe die von ihm pos­tu­lierte ‚Not­wen­dig­keit’ des Bar­ba­ren– und Skla­ven­stan­des ökono­misch begrün­det: Ohne des­sen bil­lige Arbeits­leis­tung wären näm­lich die ‚Geist tra­gen­den’ Schich­ten zur Arbeit, und das heißt: zur ‚Ein­schrän­kung ihres Mensch­seins’ gezwun­gen. Wie nun aber, so Jacoby wei­ter, wenn das von Aris­to­te­les in einem Neben­satz eben­falls Ange­dachte tat­säch­lich ein­träfe? Wenn ‚unbe­seel­tes Arbeits­werk­zeug’ die Skla­ven­ar­beit über­nähme? Wäre dies nicht der Beginn einer Gesell­schaft der Gleichen?

Jacoby muss nur auf seine eigene Zeit ver­wei­sen, um das Gegen­teil zu kon­sta­tie­ren: Der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt, mit dem Ziel der „unbe­schränk­ten Herr­schaft über die Natur“, hat die Ungleich­heit ver­schärft und nun ein „Arbeiter-Proletariat“ geschaffen.

Es fällt uns heute – vor dem Hin­ter­grund der ökolo­gi­schen Debatte – leicht, Jaco­bys Kri­tik der Fort­schritts­men­ta­li­tät nach­zu­voll­zie­hen, aber ich möchte zusätz­lich dar­auf hin­wei­sen, dass sich für Jacoby diese Men­ta­li­tät fest an eine Ideo­lo­gie der mensch­li­chen Ungleich­heit anlehnt. Fort­schritt, das Signum der Moderne, ist danach pro­gram­ma­tisch, und nicht bei­läu­fig daran geknüpft, dass dafür Men­schen zu opfern sind. Man denkt hier – nun schon vor dem Hin­ter­grund der Shoah – an Horkheimer/Adorno’s Dia­lek­tik der Auf­klä­rung oder an Zyg­munt Bau­mans Fun­da­men­tal­kri­tik der christlich-abendländischen Moderne.

Doch zurück zu Jacoby, der für seine Gegen­wart zwei Mög­lich­kei­ten an die Wand malt: Ent­we­der werde sich das Mas­sen­elend durch den viel­tau­send­fa­chen Hun­ger­tod von selbst erle­di­gen, oder eine gewalt­same ‚Umkehr’ der Ver­hält­nisse wird her­auf­be­schwo­ren, d. h. die Fort­set­zung des Macht­spiels, nun eben mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen. Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion habe zwar, was nie­mand rück­gän­gig machen wolle, die recht­li­che Frei­heit der Indi­vi­duen und des Kapi­tals pro­kla­miert, aber die kul­tu­rell über­kom­mene Logik der sozia­len Ungleich­heit nicht angetastet.

Wie also kann auf fried­li­chem Weg die gerechte Ver­tei­lung des Volks­ein­kom­mens erreicht wer­den? Für Jacoby lau­tet das Mit­tel: Abschaf­fung des Lohn­sys­tems und Übergang zur freien gleich­be­rech­tig­ten Genos­sen­schafts­ar­beit, übri­gens durch „ein­mü­ti­ges Zusam­men­wir­ken aller dabei betei­lig­ten sozia­len Kräfte“, der Arbei­ter, der Arbeit­ge­ber und des Staa­tes. Jacoby erwähnt – als For­de­run­gen – eine ganze Reihe der uns heute ver­trau­ten Insti­tu­tio­nen der Mit­be­stim­mung, der Gewinn­be­tei­li­gung der Arbeit­neh­mer und des Sozi­al­staats. Doch ins­ge­samt geht er – ich deute das nur an — dar­über weit hin­aus. Man denkt an die Sozi­al­mo­delle des Zio­nis­mus, etwa an die Kibbuz-Bewegung.

Aber wie möchte Jacoby die Bas­tio­nen der Macht, die Unter­neh­mer und den Staat, die in Preu­ßen noch durch eine pro­tes­tan­ti­sche Staats­kir­che umklam­mert sind, zur Abgabe ihrer Macht bewe­gen? Was hat denn die breite Bevöl­ke­rung – von der Revo­lu­tion abge­se­hen — selbst in der Hand?

Gegen Ende sei­ner Rede nennt Jacoby „Bil­dung und Unter­richt“ als jenes Mit­tel, über wel­ches sich das Volk selbst­stän­dig Macht aneig­nen könne. Wie aber ver­kauft man etwas der­art Sub­ver­si­ves den preu­ßi­schen Macht­eli­ten? Jacoby ver­fällt auf das wahr­haf­tig aben­teu­er­li­che Ver­spre­chen, „auch der Krie­ger“ werde schließ­lich durch Bil­dung „geschick­ter zu sei­nem Werke“. „Ein Unter­richts­mi­nis­ter, der sein Hand­werk ver­steht, — so heißt es wei­ter — ist zugleich der beste Kriegs– und Finanz­mi­nis­ter.“ Doch Jacoby ist nicht gerade ein Meis­ter der Über­re­dung und viel­leicht war auch Sar­kas­mus im Spiel. Gerade hatte er näm­lich — nach Gari­bal­dis Vor­bild — den Ersatz der Sol­da­ten­heere durch ein Volks­heer und dann die Hal­bie­rung der Rüs­tungs­aus­ga­ben gefor­dert, übri­gens zuguns­ten von Bil­dung und Unter­richt. Und am Schluss der Rede gei­ßelt er auch noch die „Blut– und Eisen­po­li­tik“ Bis­marcks und den „Waf­fen­lärm unse­rer Tage“. Die Bil­dung, die eine sol­che Kri­tik her­vor­bringt, taugt nicht zum Mili­ta­ris­mus – im Gegen­teil, Jacoby for­dert eine kri­ti­sche, und man darf ergän­zen: auch sprach­kri­ti­sche Bil­dung, die sich poli­tisch ein­brin­gen soll.

Eine Kul­tur der Bil­dung von unten, eine kri­ti­sche Brei­ten­bil­dung ist daher not­wen­dige Vor­aus­set­zung für soziale Gleich­heit und ökono­mi­sche Gerech­tig­keit. Jeder, der darin groß wird, — so mag Jaco­bys Hoff­nung sein — wird spä­ter ille­gi­time Hier­ar­chien bekämp­fen und keine Kor­rup­tion mehr dul­den, sei er dann auch selbst Staats­mann oder Unter­neh­mer. Vor allem aber bringt kri­ti­sche Bil­dung jene selbst­be­wuss­ten Bür­ger her­vor, die Jacoby so sehr herbeisehnte.

Das Volk muss bereit sein, selbst ein­zu­ste­hen für sein gutes Recht!“ – ruft er im Novem­ber 1863 aus: „Nicht Revo­lu­tion, nicht der red­lichste Wille frei­sin­ni­ger Fürs­ten, kann einem Volk die Frei­heit geben, ebenso wenig die Weis­heit von Staats­män­nern und Par­la­men­ta­ri­ern. Selbst den­ken, selbst han­deln, selbst arbei­ten muss das Volk, um eine papierne Ver­fas­sungs­ur­kunde zu einer leben­di­gen Ver­fas­sungs­wahr­heit zu machen.“

Diese kurze Skizze zur Rede Jaco­bys muss bereits genü­gen. Ich möchte abschlie­ßend ver­su­chen, die Grund­sätze Jaco­bys noch stär­ker her­aus­zu­stel­len, um dann Jaco­bys Bei­tritt zur Sozi­al­de­mo­kra­tie und um noch einen über­ge­ord­ne­ten Aspekt zu streifen.

Doch dies geht nicht, ohne zuvor Jaco­bys unglaub­li­che Zivil­cou­rage – und übri­gens auch seine außer­or­dent­li­che phy­si­sche Kraft — zu erwäh­nen: Wel­che per­so­nale Stärke muss er auf­ge­bracht haben, als er seine Posi­tio­nen — oft ganz allein – der gewalt­ori­en­tier­ten und mit ethi­schen Dop­pel­stan­dards jon­glie­ren­den Real­po­li­tik Bis­marcks ent­ge­gen­hielt, als er – letzt­lich völ­lig unge­schützt – als des­sen Gegen­spie­ler auf­trat? Jacoby ver­trat die Anschau­ung vom einen, unteil­ba­ren Ethos mit gutem Grund. Er durch­schaute Bis­marcks Prin­zip des gespal­te­nen Ethos: für drin­nen, für die aris­to­kra­ti­sche wie bür­ger­li­che Idylle der puri­ta­ni­sche Rigo­ris­mus, für drau­ßen die Ver­nich­tungs­men­ta­li­tät des Krie­ges. Diese ethi­sche Lebens­lüge musste frü­her oder spä­ter zum inne­ren Zusam­men­bruch füh­ren. Und wer die unteil­bare Ethik for­dert, ver­ur­teilt den Krieg.

Jaco­bys scharfe Kom­men­tare fül­len ein gan­zes Buch: Bismarck’s „ver­werf­li­ches Regie­rungs­sys­tem“ erschüt­tere „die recht­li­chen und sitt­li­chen Grund­la­gen des Staats auf’s Tiefste“, heißt es 1865. Das „eines selbst­be­wuss­ten Volks unwür­dige Sys­tem bure­au­kra­ti­scher Bevor­mun­dung“ Bis­marcks gei­ßelt er 1869. Und nach dem Feld­zug gegen Frank­reich, ent­ge­gen der pro­pa­gan­dis­tisch insze­nier­ten natio­na­len Eupho­rie, meint er, es sei „der barste poli­ti­sche Unver­stand, zu glau­ben, aus Unrecht und Gewalt­tat könne den Völ­kern irgend ein Heil erwachsen.“

Sol­che Aus­sa­gen bedeu­te­ten fast immer Ankla­gen, Haus­durch­su­chun­gen oder gar Haft. Dass Bis­marck Jacoby als Geg­ner ernst nahm, war nicht wirk­lich ein Trost: Viele Bekannte und gar die engste Freun­din Jaco­bys, Fanny Lewald, erla­gen Bis­marcks Kraft­meie­rei und ver­ur­teil­ten Jaco­bys Rigo­ro­si­tät – wie übri­gens auch Karl Marx. Die Geschichte der erbit­ter­ten Aus­ein­an­der­set­zung Jaco­bys mit Bis­marck ist atemberaubend.

Doch nun zu den Grund­sät­zen. Im Zen­trum steht eine von unten gedachte Rechts– und Sozi­al­ord­nung, deren ethi­sche Maxi­men unteil­bar sind und die im Klei­nen wie im Gro­ßen gel­ten. Ziel des Han­delns ist die gerechte Gesell­schaft, die mit dem Recht des Ein­zel­nen stets ver­ein­bar ist. „Im Namen der Kir­che! Im Namen des Staa­tes! Im Namen der Gesell­schaft!“, so Jacoby, dürfe nie­mand ent­rech­tet oder der Herr­schaft ande­rer unter­wor­fen wer­den. Umge­kehrt sind die Inter­es­sen im Klei­nen, etwa in der Fami­lie, wich­tig, aber das Ethos der Gerech­tig­keit endet dort nicht: Auch die Neben­men­schen, die grö­ßere Gemein­schaft müs­sen in ihren Ansprü­chen auf Gerech­tig­keit berück­sich­tigt wer­den. Die Nation ist wich­tig, aber sie darf nie­mals dem noch höhe­ren Ziel — der gerech­ten Mensch­heit — zuwi­der­lau­fen — usw. usw.

Zu beach­ten ist auch: Ein Rechts– und Sozi­al­staat, der – wie ihn Jacoby for­dert — genos­sen­schaft­lich von unten auf­ge­baut und getra­gen wird, ist kein obrig­keits­staat­lich ver­wal­te­ter Wohl­fahrts­staat, wie ihn Bis­marck ein­führte. Er basiert viel­mehr auf dem Ethos indi­vi­du­el­ler Pflich­ten, auf der auf­merk­sa­men, sozia­len Sub­si­dia­ri­tät in der gan­zen Breite der Gesellschaft.

Einen zwei­ten Aspekt hatte ich bereits ange­deu­tet: Wie viele andere deutsch-jüdische Publi­zis­ten, etwa Gabriel Ries­ser oder Lud­wig Phil­ipp­son, konnte Jacoby das Soziale nicht getrennt vom Recht, d. h. vom Grund­satz „Glei­ches Recht für Alle“ den­ken, auch nicht in unver­än­der­li­chen Gut/Böse-Antagonismen wie Klas­sen oder wie Kapi­tal und Arbeit. Und das führt ihn – wie wir schon hör­ten — zur tie­fen Skep­sis gegen­über gewalt­sa­men Umwäl­zun­gen und Freund-Feind-Doktrinen. Dies zei­gen nicht zuletzt die Mei­nungs­kämpfe in den inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, denen Jacoby in den 60er und 70er Jah­ren angehörte.

Er hat im Ver­lauf sei­nes poli­ti­schen Lebens die Gewichte durch­aus unter­schied­lich gesetzt. Doch ab Mitte der 60er Jahre, so wird all­ge­mein berich­tet, näherte er sich sozia­lis­ti­schen, bzw. sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Posi­tio­nen. Seine Vor­liebe wäre zwar eine umfas­sen­dere radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Bewe­gung gewe­sen, aber sie gab es nicht und sie selbst zu grün­den, gelang Jacoby trotz eini­ger Anläufe nicht. Es war des­halb sehr typisch, dass er in jenem Moment öffent­lich der Sozi­al­de­mo­kra­tie bei­trat, in dem auch deren Füh­rer, Bebel und Lieb­knecht, wie zuvor Jacoby selbst, durch den Bismarck’schen Ver­fol­gungs­ap­pa­rat in die Rolle der Bür­ger­recht­ler gedrängt wur­den und vor dem Rich­ter lan­de­ten. Jacoby stellte sich bis zu sei­nem Tod der Sozi­al­de­mo­kra­tie in viel­fäl­ti­ger Weise bei Wah­len zur Ver­fü­gung, und wirkte umge­kehrt – sozu­sa­gen als elder sta­tes­man — in die junge Sozi­al­de­mo­kra­tie hin­ein. Eine bedeut­same Füh­rungs­rolle, die ihm oft mög­lich gewe­sen wäre, umging er immer wie­der. Und dann folgt die Moment­auf­nahme, die ich Ihnen zu Beginn schil­derte – am Grab.

Aber es fehlt noch etwas: Wenn es zutrifft, dass sich Jacoby in sei­ner unbe­ding­ten Vor­stel­lung von sozia­ler und recht­li­cher Gleich­heit auf die rei­che Tra­di­tion der jüdi­schen Sozi­al­ethik stützt, ist dies dann nicht eine reli­giöse Hal­tung? Tat­säch­lich unter­strei­chen viele andere deutsch-jüdische Auto­ren des 19. Jahr­hun­derts, dass Juden­tum und die Vision der gerech­ten Gesell­schaft, d. h. die indi­vi­du­elle Pflicht zur Gerech­tig­keit, eigent­lich ein und das­selbe seien, dass Reli­gion in die­sem Ethos (und in nichts sonst) ihre Bestim­mung habe. Johann Jacoby hat sich dazu bekannt, als er seine Schwes­ter bat, sich um ein reli­giö­ses Begräb­nis für ihn zu kümmern.

  1. Vgl. auch: Der Westen: Johannes-Gemeinde.  Schwe­di­sche Bot­schaf­te­rin zu Besuch, Hat­tin­gen, 03.05.2010, Hen­drik Stei­mann []

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