Landesregierung und Stifterverband unterstützen Dialog zwischen Judentum und Öffentlichkeit

Pressemitteilung zum Symposium „Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft“ am 21.02.2011 in der „Alten Synagoge“ Essen

Duisburger Institute legen Grundlagenwerke zur jüdischen Sozialethik vor: „Grundlage für die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit“.

Im Rahmen der Projektkooperation zwischen dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und dem Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte (Duisburg) fand am 21.02.2011 in der Alten Synagoge Essen ein Symposium zur Edition Deutsch-jüdische Autoren im 19. Jahrhundert. Schriften zu Staat, Nation und Gesellschaft statt.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Dr. Angelica Schwall-Düren, Prof. Dr. Siegfried Jäger, Prof. Dr. Michael Brocke, D. Jobst Paul

Dr. Angelica Schwall-Düren (Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes NRW) hob in ihrem Geleitwort die Bedeutung des Projekts für die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Debatten hervor. Die sozialethischen Grundpfeiler des Judentums, ohne die auch das Christentum nicht denkbar wäre, seien eine „das Humanum in den Blick nehmende Vorstellung von unschätzbarem Wert.“ Gerade jene Traditionen des Judentums, welche die Fähigkeit zur Selbstkritik und intellektuellen Freiheit gestärkt haben, können heute als Vorbild für gesellschaftliches Engagement gelten. Die Edition könne auch der Beginn des so lange verweigerten Dialogs zwischen der christlichen Mehrheitsgesellschaft und ihren jüdischen Mitbürgern sein.

Prof. Dr. Andreas Schlüter (Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft) betonte, wie wichtig es für private Stiftungen sei, gerade transdisziplinäre Projekte aus dem Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu fördern und so eine für die Gesamtgesellschaft wichtige Transferleistung von Wissen zu ermöglichen. Die Arbeiten der beiden Institute zur deutsch-jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts stünden für diese Bemühungen. Die Publikationen könnten als Impulsgeber für neue Forschungsräume und auch als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und Selbstpositionierung sowie für die „deutsch-jüdische Zukunft“ stehen.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Dr. Jobst Paul, Dr. Angelica Schwall-Düren, Prof. Dr. Siegfried Jäger

Prof. Dr. Michael Brocke (Steinheim-Institut) und Prof. Dr. Siegfried Jäger (DISS), die Leiter der kooperierenden Institute, würdigten die intensiven Analysen der Mitarbeiter-Teams und deren Begeisterung bei der anspruchsvollen Textarbeit. Prof. Brocke unterstrich die Dringlichkeit, den Blick auf das Judentum und die Analyse des Antisemitismus zu trennen. Prof. Dr. Siegfried Jäger wies insbesondere auf den Zusammenhang von Judaistik und Diskurstheorie hin. Über die vollständige Erfassung des Kerns des Diskurses der deutschjüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert könnten über Analysen weit reichende Akzente für vielfältige gegenwärtige Forschungen gesetzt werden.

Dr. Jobst Paul, der wissenschaftliche Koordinator des Gesamtprojekts, skizzierte anschließend die „Landkarte einer kontinuierlichen, breit und engagiert geführten publizistischen Auseinandersetzung“ deutscher Juden im 19. Jahrhundert zu Recht, Politik und Kultur. Das interdisziplinär angelegte Projekt erlaube einen ganz neuen, innovativen Blick auf diese Landkarte. Viele deutsch-jüdische Autoren hätten die künftige Bedeutung des Judentums in Deutschland und Europa in seiner Rolle „als Moderator und als Bewahrer der den drei monotheistischen Religionen gemeinsamen Ethik“ gesehen und große Hoffnungen in die Zukunft gesetzt.

Foto: Symposium am 21.02.2011 - Podium

Ein Podium erörterte danach die Frage, welche Bedeutung die deutsch-jüdisch Debatte des 19. Jahrhunderts um Sozialethik und Gerechtigkeit für heutige Gesellschaftsentwürfe hat und welchen Beitrag das Projekt zu gegenwärtigen Debatten um Mehrheit und Minderheit, zu Diskriminierung und Integration leisten könne.

Prof. Dr. Dr. Daniel Krochmalnik (Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg) wies darauf hin, dass die vorliegende Edition neue Perspektiven auf die insgesamt 150jährige Geschichte des deutschen Judentums (1783-1933) zuließe und so eine Gedankenwelt erschließe, die noch in der ganzen Breite erst ausgelegt werden muss.

Prof. Dr. Christian Wiese (Martin-Buber-Professor für Jüdische Religionsphilosophie, Frankfurt) machte in seinem Redebeitrag zwei wichtige Impulse des Projektes aus. Der deutsch-jüdische Diskurs des 19. Jahrhunderts sei alleine durch eine Fokussierung auf religiöse Dimensionen nicht begreifbar, sondern müsse durch machtanalytische Elemente erweitert werden. So können dann auch in interreligiösen Diskursen spezifische Sprecherpositionen und Machtgefälle in der öffentlichen Diskussion ausgemacht werden. Die Dialogverweigerung der christlichen Mehrheitsgesellschaft gegenüber der deutsch-jüdischen Minderheit sei dafür ein Beispiel. Als zweite Perspektive schlug Wiese vor, die Texte deutsch-jüdischer Autoren als Selbstbehauptungsversuche einer Minderheit zu lesen, die um kulturelle und gesellschaftliche Emanzipation rang. In diesen Versuchen verschränken sich sowohl die Forderung nach Akzeptanz der kulturellen und religiösen Eigenständigkeit als auch der Wunsch nach Integration unter dem Begriff des Pluralismus.

Prof. Dr. Itta Shedletzky (Hebrew University of Jerusalem) wies darauf hin, dass das Judentum im 19. Jahrhundert jenseits des Religionsunterrichts Zugänge zur nicht-jüdischen Öffentlichkeit suchte. Da der Mainstream der Juden in Deutschland sich als deutsch und jüdisch verstand, könne in Bezug auf das Judentum nicht von Assimilation gesprochen werden. Diese Aspekte zeigten, dass es letztlich um die Fragen ging und geht, wie Mehrheit und Minderheit in einen Dialog kommen.

PD Dr. Dirk Halm (Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, Essen) fragte, was aus den Texten der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert über interreligiöse Debatten gelernt werden könne. Bei der Übertragung der Konzepte und Lösungen aus den Texten auf die in Deutschland lebenden Muslime heute sei jedoch größte Vorsicht geboten, da zum einen die Shoa unvergleichbar sei und es sozialstrukturelle Unterschiede gebe. Trotzdem gebe es bei Fragen der Integration Parallelen zwischen der Situation der Jüdinnen und Juden im 19. Jahrhundert und Muslimen gegenwärtig. Diese Gemeinsamkeiten tauchten beim Umgang mit Minderheiten insgesamt, den Machtpositionen einzelner Sprecher, der Ähnlichkeit der zugeschriebenen Fremdbilder und Überlegenheitsgefühlen auf.

Prof. Dr. Michael Brocke (Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Duisburg) verwies auf die jüngste Debatte um das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und den Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie und meinte, dass der Vergleich trotz aller Unvergleichbarkeit nützlich sein könnte, um Differenzen und Überschneidungen zum Verhältnis der Mehrheits- und der Minderheitsgesellschaft herausarbeiten zu können. Auch die zurückliegende Integrationsdebatte mit dem Begriff der deutsch-jüdischen Tradition belege die Notwendigkeit, sich einerseits gegen den Ausschluss des Islam und andererseits gegen das Herausdrängen des Jüdischen zu wehren.

Einig waren sich die anwesenden Vertreterinnen aus Politik und Wissenschaft, dass die begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung unbedingt fortgesetzt werden müsse.

Johann Jacoby, Bürgerrechtler

DISS-Vortrag in Hattingen

Fast auf den Tag zum 205. Geburtstag, am 2. Mai 2010, erinnerte Jobst Paul (DISS) in einem Vortrag in Hattingen an die denkwürdige Biographie des Königsberger Arztes, Publizisten und Bürgerrechtlers Johann Jacoby (1805-1877). Jacoby, der zwischen 1840 und 1870, also über Jahrzehnte für soziale Gerechtigkeit, aber auch für Freiheitsrechte kämpfte und zeitweise zum persönlichen Gegenspieler Bismarcks wurde, wollte zwar als nicht-religiöser Jude verstanden werden, orientierte sich aber gleichwohl an den konsequenten Gleichheitstheoremen der jüdischen Sozialethik. Ruth Jacoby, die schwedische Botschafterin in Berlin und Verwandte Johann Jacobys, war in Hattingen anwesend.1

Johann Jacoby – Bürgerrechtler

Johann Jacoby hat sich zeitlebens extreme menschliche und politische Spannungen zugemutet, oder besser: er hat sich oft kompromisslos in die Spannungen seiner Zeit hineingeworfen. Es ist deshalb kein Wunder, wenn diese Spannungen auch noch ganz am Schluss, nämlich bei Jacobys Begräbnis am 11. März 1877, aufbrachen:

Schon Mittags – so ein Augenzeuge – war das Volk von Königsberg auf dem Universitätsplatze und in den umliegenden Straßen in unzähligen Massen erschienen; Deputa­tionen der socialistischen Partei Deutschlands, der Arbeiter Berlins, Breslaus, Hamburgs, Cölns, Braunschweigs und anderer Städte, der Arbeiter­frauen Berlins, der „Berliner Freien Presse“, der „Frankfurter Zeitung“, sowie Abgesandte der demo­kratischen Vereine von Berlin und von Frankfurt a. M., vom Königsberger Handwerkerverein, von der schwäbi­schen Volkspartei u. s. w., u. s. w. hatten sich vor dem Hause Jacoby’s aufgestellt und hielten riesige Lorbeerkränze in den Händen.“

Berichtet wird von 5000 Trauergästen allein in Königsberg (Gedenkveranstaltungen gab es auch in anderen deutschen Städten). Ursprünglich planten die Vertreter der „Fortschrittspartei“ eine Art Kundgebung am Grab. Da aber die jüdische Gemeinde dort nur kurze Erklärungen duldete, drängten sie sich schon zuvor, nämlich „hinter dem Leichenwagen möglichst auffällig in den Vordergrund.“

Die jüdische Gemeinde befürchtete aber auch eine innere Zerreißprobe. Jacoby hatte sich stets als nicht-religiös positioniert. Wie sollte sich Rabbiner Isaac Bamberger in seiner Ansprache dazu stellen? „Johann Jacoby, Bürgerrechtler“ weiterlesen

  1. Vgl. auch: Der Westen: Johannes-Gemeinde.  Schwedische Botschafterin zu Besuch, Hattingen, 03.05.2010, Hendrik Steimann []