Tagungsbericht DISS Colloquium 2009

DISS – Colloquium 2009

Rechte Diskurspiraterien

Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole, Aktionsformen

Ein Tagungsbericht von Jan-Henning Kromminga und Marianne Heinze

Das 22. Colloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) fand in Kooperation mit der Gesellschaft für Politische Bildung e.V. vom 27.11. bis zum 29.11.2009 in der Akademie Frankenwarte in Würzburg, statt. Die Tagungsleitung hatten Helmut Kellershohn (Duisburg) und Regina Wamper (Aachen) inne.

Das Thema war die aktuelle Strategie extrem Rechter, als links codierte Ästhetiken, Codes, Symboliken zu adaptieren, verstärkt in Diskurse zu intervenieren, in denen politische Gegnerinnen bisher eine gewisse Deutungshoheit behaupten können und sich politische Praktiken der Linken anzueignen.

Einen kontextualisierenden Überblick über die extreme Rechte in Deutschland und deren strategische Optionen gaben Helmut Kellershohn (Duisburg) und Martin Dietzsch (Duisburg) im Eröffnungsreferat. Sie gingen im Wesentlichen auf den Jungkonservatismus und den Neonationalsozialismus ein. Unter dem Titel Aktuelle Strategien der extremen Rechten in Deutschland kartierten sie die extrem rechten Spektren, in denen Adaptionsbestrebungen zu verorten sind.

Um zu verdeutlichen, dass diese Strategien keinesfalls ein Novum sind, fand im ersten Block des Colloquiums eine historische Kontextualisierung statt.

Volker Weiß (Hamburg) referierte zu Ideengeschichtlichen Voraussetzungen: Sozialismus bei Arthur Moeller van den Bruck und Oswald Spengler. Er stellte heraus, wie die beiden Jungkonservativen den Marx’schen Sozialismusbegriff mit dem Entwurf eines ‚national protegierten’ Sozialismus zu recodieren suchten und so die Voraussetzungen für Vorstellungen eines Kriegssozialismus, eines Sozialismus des Schützengrabens, schufen. Die semantische Piraterie, mit der sie eine Amalgamierung der sozialen Frage mit der Nation anstrebten, ist auch in heutiger jungkonservativer Ideologie Praxis.

Volkmar Wölk (Leipzig) begab sich folgend auf die Suche nach einer ‚unmöglichen Synthese’. Er sprach zu Widerschein des Nationalbolschewismus, zu seiner Entstehung und seinem heutigen Stellenwert. Der Nationalbolschewismus sei die deutsche Version des Faschismus gewesen und habe seinen theoretischen Höhepunkt bereits vor dem 1. Weltkrieg gehabt. Ob aber vorhandene nationalbolschewistische Töne im aktuellen Jungkonservatismus von Dauer seien oder nur kurzzeitig theoretisch abgehandelt würden, sei fraglich. Die NPD hingegen vertrete auch praktisch einen nationalen deutschen Sozialismus.

Im Anschluss an diese aktuellen und historischen Kontextualisierungen beschäftigte sich Jens Zimmermann (Duisburg) mit dem Phänomen der Extremismusthese, der die Adaptionsbestrebungen der extremen Rechten immer wieder diskursiven Vorschub leisten. Er referierte zur Kritik der Extremismusforschung und der Begründung einer alternativen Forschungspraxis. Dem binären Reduktionismus extremismustheoretischer Ansätze stellte er eine kritische Erforschung von Phänomenen entgegen, die als ‚extrem’ in Erscheinung treten mögen. Ein methodisches Refugium stelle hier die Kritische Diskursanalyse dar, die nicht auf der Ebene sprachlicher Performanzen verharre, sondern in der Lage sei, Kontextbezüge ‚linker’ und ‚rechter’ Äußerungen herzustellen.

Als erste Ebene der Adaptionen von Rechts wurden Deutungskämpfe in Gegendiskursen erörtert. Renate Bitzan (Kassel) beschrieb unter dem Titel Feminismus von rechts? das Spannungsfeld, in dem ein rechter Antifeminismus positive Rückgriffe auf Feminismen vornimmt. Die Thematisierung von Geschlechterkategorien sei gegenüber denen der ‚Volksgemeinschaft’, ‚Rasse’ und ‚Nation’ zwar nachgeordnet, doch finde sich durchaus eine gewisse Bandbreite geschlechtertheoretischer Positionen bei extrem rechten Frauenorganisationen. Eine Wechselwirkung von linken und bürgerlichen feministischen Diskursen und extrem Rechten Bezügen lasse sich ebenso konstatieren, wie eine Zunahme des Selbstbewusstsein extrem rechter Frauen. Vor diesem Hintergrund plädierte Renate Bitzan für einen herrschaftskritischen Feminismusbegriff, der verschiedene Formen der Ausbeutung und Diskriminierung gleichsam ausschließt.

Zum Thema Völkischer Antikapitalismus referierte anschließend Richard Gebhardt (Aachen). Er stellte heraus, wie sich die NPD als Interessenvertretung aller als dem deutschen Volk zugehörig definierten stilisiert. Bei der Untersuchung extrem rechter Ökonomiekritik lasse sich aber schnell die Doppelbödigkeit der antikapitalistischen Phraseologie erkennen. Neben dem Bekenntnis zum ‚freien und sozialverpflichteten Unternehmertum’ stünden antigewerkschaftliche Ideologeme und ein antisemitisches Weltbild: der vermeintliche Antikapitalismus beziehe sich allenfalls auf die Zirkulationsebene. Der eigene Beitrag der NPD zu Ökonomiediskursen sei die Rückkehr ins Vorindustrielle, zur ‚raumorientierten Volkswirtschaft’.

Als zweite Ebene rechter Adaptionen wurden kulturelle Vereinnahmungsstrategien beleuchtet. Diesbezüglich referierte Martin Langebach (Düsseldorf) zu den Themen DIY, SxE – „autonome“ Neonazis? Musik – rechte Popkultur: Hatecore. Er problematisierte die der These der Vereinnahmung implizite Vorstellung von Authentizität oder Originalität. Vor allem bei Jugendkulturen sei Authentizität nur schwer bis gar nicht auszumachen. Weder Punk noch Hardcore oder gar Darkwave seien in ihrer Entstehungsgeschichte genuin linke politische Bewegungen gewesen. Allein bei dem Phänomen der ‚Autonomen Nationalisten’ könne von ‚Piraterie’ gesprochen werden.

Als dritte Ebene der Entwendungsstrategien von rechts widmete sich das Colloquium Vereinnahmungen linker Protestformen durch die intellektuelle extreme Rechte. Helmut Kellershohn (Duisburg) analysierte die Politik des Instituts für Staatspolitik (IfS) und der Konservativ-subversiven Aktion (KSA) in dem Vortrag Widerstand und Provokation. Provokation werde im Jungkonservatismus zum festen Bestandteil eines bekennenden Lebens, zum ‚Mittel der Schwachen’ und zur politischer Kunstform. Die Ästhetik der KSA speise sich aus der Konstruktion eines Selbstverständnisses, das Bezügen zum ‚faschistischen Stil’ Armin Mohlers erkennen lasse. In der Ästhetik des ‚kalten Stils’ werde eine sinnliche Verhaltenslehre angeboten, die an die Stelle universalistischer Welterklärungssysteme und Moralvorstellungen der Moderne treten solle. Der Existentialismus nehme die Stelle des Idealismus ein, der Kampf werde zum Selbstzweck.

Sabine Kebir (Berlin) widmete sich schließlich dem Thema Gramscismus von rechts? Bereits Mussolini habe sich mit Antonio Gramsci inhaltlich auseinandergesetzt. Die aktuelle Rechte beziehe sich jedoch allein auf technische Aspekte der Theorien Gramscis, auf die These der kulturellen Vorbereitung eines politischen Wandels. Sabine Kebir plädierte für beständige Begriffsschärfungen und Aktualisierungen der Definitionen als Reaktion auf Diskurspiraterien von rechts. Eine ‚panische Abwehr’ solcher Entwendungen sei lediglich dem Bedürfnis nach einer ‚reinen’ Weltanschauung geschuldet.

Abgeschlossen wurde das Colloquium mit einem Vortrag von Regina Wamper (Aachen) zu Gegenstrategien. Wenn es um eine Abwehr faschistischer Ideologisierung und um ein Zurückdrängen hegemonialer Unterdrückungsdiskurse gehe, müssen Gegenstrategien auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Es könne weder darum gehen, diskursive Felder den Rechten zu überlassen, noch darum, sich auf ein ‚Copyright’ auf bestimmte Themen zurückzuziehen. Stattdessen müssten im Sinne der verstärkt zu führenden Deutungskämpfe progressive Positionen geschärft werden, um Anknüpfungspunkte für extrem rechte Inhalte zu vermindern. Diskurse der Ausgrenzung dürften dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden sondern müssten zueinander in Bezug gesetzt werden. Bei der Dekonstruktion rechter Denktraditionen könne es nicht nur darum gehen, diese innerhalb der extremen Rechten aufzuspüren, sondern auch in hegemonialen Diskursen. Strukturelle Wechselwirkungen müssten analysiert und benannt werden.

Für 2010 plant das DISS – gleichfalls in Kooperation mit der Gesellschaft für politische Bildung e.V. Würzburg – ein Colloquium zu Medien und Kritik. Es findet vom 12.11. bis 14.11. 2010 in der Frankenwarte in Würzburg statt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.