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DJ19: Arenen der Identität

Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­gabe 19 des DISS-Journal, die im Juni 2010 erschien. Hier fin­den Sie das kom­plette DISS-Journal 19 als PDF-Datei (8 MB)

Are­nen der Identität

Fuß­ball­kul­tur und Rassismus

Autor: Jens Zimmermann

Der 19-jährige Stür­mer von Inter Mai­land Mario Balo­telli ist das größte Talent, das der ita­lie­ni­sche Fuß­ball in den letz­ten Jahr­zehn­ten her­vor­ge­bracht hat. Doch wenn er den Platz betritt, dann dau­ert es meist nicht lang, bis ras­sis­ti­sche Gesänge und Rufe durch das Sta­dion hal­len – auch von den eige­nen Fans. Balo­telli ist der Sohn gha­nai­scher Ein­wan­de­rer und besitzt mitt­ler­weile die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Was die Fans von Juven­tus Turin davon hal­ten, konnte man beim Gast­spiel der Inte­risti laut­stark hören: „Es gibt keine schwar­zen Italiener.“In Ita­lien ist man, was ras­sis­ti­sche Fan-Ausfälle angeht, eini­ges gewohnt. Und auch auf dem Platz liegt die Hemm­schwelle nicht gerade hoch. So ent­bot der Stür­mer Paolo di Canio von Lazio Rom nach Toren regel­mä­ßig den faschis­ti­schen Gruß und zeigte dabei seine „Dux“-Tätowierung – und auch der ehe­ma­lige ita­lie­ni­sche Natio­nal­tor­hü­ter Chris­tian Abbiati plau­derte in der Gaz­zetta dello Sport offen über seine Bewun­de­rung für die faschis­ti­sche Ideologie.

Sol­che offe­nen Bekennt­nisse zu Ras­sis­mus und Faschis­mus kennt man hier­zu­lande von Bun­des­li­ga­stars und Natio­nal­spie­lern nicht. Hier bricht das Res­sen­ti­ment eher abseits der Kame­ras aus. DJ19: Are­nen der Iden­ti­tät’ weiterlesen …

Fratzen des Antisemitismus

Facebook-NutzerInnen pro­pa­gie­ren radi­kale Juden­feind­schaft auf neuem Niveau

Autor: Jona­than Messer

Die Mel­dung war am 31. Mai kaum aus dem Nach­rich­ten­ti­cker, da kom­men­tier­ten eif­rige Facebook-NutzerInnen schon den israe­li­schen Mili­tär­ein­satz gegen eine Schiffs­flotte mit Hilfs­gü­tern für den abge­rie­gel­ten Gaza-Streifen. Dass ein poli­ti­sches Ereig­nis in die Auf­merk­sam­keits­sphäre des inter­ak­ti­ven „sozia­len Netz­wer­kes“ gerät, ist schon eine Beson­der­heit. Zu Selbst­be­züg­lich agie­ren sol­che Grup­pen sonst. Die­ses mal jedoch gab es kein Hal­ten mehr – schließ­lich ging es um Israel. Und so ver­schlug es selbst den hart­ge­sot­te­nen Lese­rIn­nen den Atem, was dort auf den per­sön­li­chen Pro­fi­len der Nut­ze­rIn­nen gepos­tet wurde.

Gro­ßer Beliebt­heit erfreu­ten sich krude und ver­fälschte Hitler-Zitate. Dazu kamen unzäh­lige wei­tere Refe­ren­zen, die kei­nen Hehl dar­aus mach­ten, dass es der ein­zige Feh­ler Hit­lers war, nicht alle Juden umge­bracht zu haben. Das alles passte gut zur Über­zeu­gung man­cher Nut­ze­rIn­nen, dass der Holo­caust sicher keine unbe­grün­dete Sache gewe­sen sei, wie man an den aktu­el­len Ereig­nis­sen sehen könne, und er es im Grunde ver­diene, fort­ge­führt zu wer­den.1 Solch’ unver­blümte Affir­ma­tion von offe­nem Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­tis­mus würde an sich rei­chen, um vor Scham den Brow­ser zu schlie­ßen. Es grenzt so schon ans Uner­träg­li­che. Doch wenn es um Israel und Juden geht – das ist für die alle Prot­ago­nis­tInn­nen der Hetze selbst­re­dend das­selbe –, kennt der Wahn­sinn keine Gren­zen. In mus­kel­be­ton­ter Pose, locke­rem Out­fit oder flan­kiert vom Hoch­zeits­bild geben die selbst­er­klär­ten Exper­tIn­nen für Nah­ost­po­li­tik ihre Juden­feind­schaft zum Besten.

Auch das ansons­ten sehr beliebte Anony­mi­sie­ren durch Nick­na­mes ist des­halb nicht nötig: man bürgt mit sei­nem Namen. Die Daten­schutz­po­li­tik von Face­book, wel­che in den letz­ten Jah­ren immer mehr in die Kri­tik gera­ten ist, tut hier ihr übri­ges, um die Pos­tings öffent­lich zu machen.2 Viele Nut­ze­rIn­nen wer­den nicht wis­sen, dass ihr Pro­fil auch von Nicht-Mitgliedern ein­seh­bar ist und nicht nur „Freunde“ die Pos­tings lesen kön­nen. So reicht ein Such­ein­trag auf der Seite you­ro­pen­book, um die juden­feind­li­chen Äuße­run­gen auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert zu bekommen.

Blan­ker Hass scheint in Tei­len der Facebook-Gemeinschaft kein Tabu mehr zu sein – bewusst und offen ver­schafft man sei­nem Ver­nich­tungs­wunsch Luft. Auch aktu­ell reißt die Flut an anti­se­mi­ti­schen Pos­tings nicht ab – davon kann man sich leicht im Netz über­zeu­gen. Mitt­ler­weile – nach­dem unter ande­rem der öster­rei­chi­sche Stan­dard3 über die Vor­fälle berich­tete - mehrt sich jedoch auch die Gegen­wehr ande­rer Nut­ze­rIn­nen, die sich mit der Hetze nicht abfin­den wol­len. Doch als Mit­tel ste­hen ihnen kaum mehr als Gegen­pos­tings und Lösch­an­träge4 zur Ver­fü­gung, die anschlie­ßend von den Betrei­bern geprüft wer­den. Ein ins­ge­samt zeit­auf­wän­di­ges und müh­se­li­ges Ver­fah­ren, denn für bestän­di­gen Nach­schub an Ein­trä­gen scheint gesorgt zu sein. Die Aus­sicht auf Erfolg ist klein. Und so wird sich das per­pe­tuum mobile auf Face­book wei­ter dre­hen, zumal ver­mehrt anti­ara­bi­sche und anti­is­la­mi­sche Pos­tings als Kri­tik am Anti­se­mi­tis­mus miss­ver­stan­den werden.

Die aktu­el­len juden­feind­li­chen Aus­wüchse sind nicht als iso­lier­tes Phä­no­men miss­zu­ver­ste­hen. Ins­ge­samt scheint es sich um eine Ent­gren­zung des Anti­se­mi­tis­mus im Netz zu han­deln. Dafür spricht auch, dass ange­sichts der Finanz­krise im Jahr 2008 „jüdi­sche Spe­ku­lan­ten“ in zahl­rei­chen Inter­net­fo­ren als Ver­ant­wort­li­che für den Crash aus­ge­macht wur­den.5 Und auch im Zuge der israe­li­schen Kata­stro­phen­hilfe für die Erd­be­ben­op­fer auf Haiti kur­sierte das Gerücht, jüdi­sche Ärzte wür­den dort den Opfern Organe für den israe­li­schen Schwarz­markt ent­neh­men6. Das alles sind moder­ni­sierte Remakes klas­si­scher anti­se­mi­ti­scher Kli­schees, die auch in Zukunft das Inter­net zu genüge bevöl­kern werden.

  1. Ich ver­zichte bewusst auf eine Zita­tion und Ver­lin­kung der Aus­sa­gen, da ich ansons­ten direkt auf die Pro­file der Nut­ze­rIn­nen ver­wei­sen würde. Wer den­noch die Ori­gi­nal­zi­tate haben möchte, kann sie beim Autor anfra­gen. []
  2. Mehr Kon­trolle übers eigene Pro­fil, 27.5.2010 http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/mehr-kontrolle-bei-persoenlichen-daten/ []
  3. Gaza-Hilfsflotte: User toben sich auf Face­book anti­se­mi­tisch aus, 01. Juni 2010 http://derstandard.at/1271377916109/Gaza-Hilfsflotte-User-toben-sich-auf-Facebook-antisemitisch-aus []
  4. Lösch­an­träge müs­sen auf Face­book für jeden ein­zel­nen Ein­trag (!) ver­fasst wer­den. []
  5. vgl. DISS-Journal 18, 7 http://www.diss-duisburg.de/DISS-Journale/diss-journal-18–2009.pdf []
  6. Haiti und das anti­se­mi­ti­sche Nach­be­ben im Web http://www.hagalil.com/archiv/2010/01/20/haiti-2/ []

Netzfundstück: Chronik 2009 — rechte Gewalt/Antisemitismus

Netz­fund­stück
Autor: md

Die Arbeits­stelle Rechts­ex­tre­mis­mus und Gewalt (ARUG) bie­tet die Chro­nik rech­ter Gewalt 2009 und die Chro­nik Anti­se­mi­tis­mus 2009 zum Down­load, die von Anton Mae­gerle zusam­men­ge­stellt wurden.