Monatliches Archiv für Mai, 2010

Pro NRW: Der Kreuzzug wird vertagt

Autor: Michael Lausberg

Ein „poli­ti­sches Erd­be­ben an Rhein und Ruhr“ und einen Tag der Abrech­nung“ hatte die Par­tei Pro NRW ange­kün­digt. Bei der Land­tags­wahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai ver­fehlte sie deut­lich ihr selbst gesteck­tes Ziel von 5%+x. Trotz­dem redet sie sich das Ergeb­nis schön.

Auf dem „Pro­gramm­par­tei­tag“ von Pro NRW am 19.2.2010 im „Forum Lever­ku­sen“ ver­kün­dete ihr Vor­sit­zen­der Mar­kus Bei­sicht den Ein­zug in den Land­tag als leicht erreich­ba­res Ziel:

Eine Rüttgers-CDU, die schon Plan­spiele für eine schwarz-grüne Koali­tion macht, kann keine Alter­na­tive für kon­ser­va­tive und patrio­ti­sche Bür­ger die­ses Bun­des­lan­des mehr sein. Wir dage­gen fül­len das Vakuum zwi­schen den prin­zi­pi­en­lo­sen Alt­par­teien in der Mitte und abge­half­ter­ten Split­ter­grup­pie­run­gen im Rechts­au­ßen­be­reich. Wir machen eine Poli­tik für die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung im Stile unse­rer Part­ner­par­teien FPÖ und Vlaams Belang, die dafür in ihren Hei­mat­län­dern Wahl­er­geb­nisse von 20 % und mehr der Stim­men errei­chen. ‚Pro NRW: Der Kreuz­zug wird ver­tagt’ weiterlesen …

Vorankündigung: Rechte Diskurspiraterien

Vor­raus­sicht­lich im Okto­ber 2010 erscheint in der Edi­tion DISS im Unrast-Verlag der Band:

Mar­tin Diet­zsch / Hel­mut Kel­ler­s­hohn / Regina Wam­per (Hg.)
Rechte Dis­kurspi­ra­te­rien
Stra­te­gien der Aneig­nung lin­ker Codes, Sym­bole und Aktionsformen

ISBN: 978–3-89771–757-2
ca. 250 Sei­ten, ca. 20 Euro

In den letz­ten Jah­ren ist ein ver­stärk­tes Bemü­hen auf Sei­ten der extre­men Rech­ten zu beob­ach­ten, The­men, poli­ti­sche Stra­te­gien, Akti­ons­for­men und ästhe­ti­sche Aus­drucks­mit­tel lin­ker Bewe­gun­gen zu adap­tie­ren und für ihren Kampf um die kul­tu­relle Hege­mo­nie zu nut­zen. Dabei han­delt es sich kei­nes­wegs mehr nur um ein Ste­cken­pferd der intel­lek­tu­el­len Neuen Rech­ten, viel­mehr wird dies auch von NPD und mili­tan­ten Neo­na­zis prak­ti­ziert. Im Resul­tat hat sich die extreme Rechte eine Band­breite kul­tu­rel­ler und ästhe­ti­scher Aus­drucks­for­men ange­eig­net, indem sie sich am ver­hass­ten ‚Vor­bild’ der Lin­ken abge­ar­bei­tet hat. Man könnte auch sagen: Um über­zeu­gen­der zu wir­ken, hat sie kul­tu­relle Prak­ti­ken und Poli­tik­for­men der Lin­ken ‚ent­wen­det’ – aller­dings nicht, ohne sie mit den eige­nen Tra­di­tio­nen zu ver­mit­teln.
Sol­che Phä­no­mene sind kei­nes­wegs neu. Auch der Natio­nal­so­zia­lis­mus bediente sich der Codes und Ästhe­ti­ken poli­ti­scher Geg­ner und suchte Deu­tungs­kämpfe gerade ver­stärkt in die The­men­fel­der zu tra­gen, die als tra­di­tio­nell links besetzt gal­ten. Auch in den 1970er Jah­ren waren sol­che Stra­te­gien vor­han­den. Es stellt sich die Frage, warum und in wel­cher Form diese Dis­kurspi­ra­te­rien heute wie­der ver­stärkt auftreten.

Aus dem Inhalt:

Hel­mut Kel­ler­s­hohn / Mar­tin Diet­zsch
Aktu­elle Stra­te­gien der extre­men Rech­ten in Deutschland

Sabine Kebir
Gramscis­mus von rechts?

Vol­ker Weiss
Sozia­lis­mus­be­griff bei Moel­ler van den Bruck und Oswald Spengler

Volk­mar Woelk
Stras­se­ris­mus und Nationalbolschewismus

Renate Bitzan
Femi­nis­mus von rechts?

Richard Geb­hardt
Völ­ki­scher Antikapitalismus

Fabian Vir­chow
Antikriegs-Rhetorik von rechts

Hel­mut Kel­ler­s­hohn
Das Insti­tut für Staats­po­li­tik und die Konservativ-subversive Aktion

Lenard Suer­man
Auto­nome Nationalisten

Regina Wam­per / Britta Michel­kens
Gegenstrategien

Jens Zim­mer­mann
Kri­tik des Rechtsextremismusbegriffs

Netzfundstück: Neue Publikation zur Rassismusforschung

Das Infor­ma­ti­ons– und Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum für Anti­ras­sis­mus­ar­beit in NRW (IDA-NRW) weist auf eine inter­es­sante Neu­er­schei­nung im Bie­le­fel­der tran­script Ver­lag hin:

Anne Bro­den, Paul Meche­ril (Hg.)
Ras­sis­mus bil­det
Bil­dungs­wis­sen­schaft­li­che Bei­träge zu Nor­ma­li­sie­rung und Sub­jek­ti­vie­rung
in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft
Mai 2010, 294 S., kart., 28,80 €
ISBN 978–3-8376–1456-5

Aus dem Werbetext:

Ras­sis­mus bil­det! Die­ses Buch ver­sam­melt Stu­dien, die sich kri­tisch mit der Bil­dungs­di­men­sion ras­sis­ti­scher Nor­ma­li­tät aus­ein­an­der­set­zen. Ras­sis­ti­sche Ord­nungs­prin­zi­pien des macht­vol­len Unter­schei­dens wir­ken nicht allein als ‚äußer­li­che’ Ver­tei­lung von Res­sour­cen, son­dern sind auch in dem Sinne pro­duk­tiv, als sie auf Selbst-, Gegen­stands– und Welt­ver­ständ­nisse ein­wir­ken.
Die Bei­träge des Ban­des unter­su­chen als üblich gel­tende – und dadurch kul­tu­rell selbst­ver­ständ­li­che – insti­tu­tio­nelle und inter­ak­tive Pra­xen der Fremd– und Selbst­po­si­tio­nie­rung in for­mel­len und infor­mel­len Bil­dungs­zu­sam­men­hän­gen. Es wird gezeigt, wie die Gewöhn­lich­keit sol­cher, an ras­sis­ti­sche Tra­di­tio­nen anschlie­ßen­den, Unter­schei­dungs­pra­xen ihre Wirk­sam­keit ausmacht.

Das Buch wurde im Auf­trag des IDA-NRW von Anne Bro­den und Paul Meche­ril her­aus­ge­ge­ben und gedruckt mit freund­li­cher Unter­stüt­zung des Minis­te­ri­ums für Gene­ra­tio­nen, Fami­lie, Frauen und Inte­gra­tion des Lan­des Nordrhein-Westfalen. Es ist im Buch­han­del erhältlich.

Einen Rea­der zum Thema kann man auf der Web­site von IDA-NRW als PDF-Datei abru­fen: Fach­ge­spräch „Ras­sis­mus bil­det“. Bil­dungs­per­spek­ti­ven unter Bedin­gun­gen ras­sis­ti­scher Nor­ma­li­tät, 5./6. Dezem­ber 2008, Bonn, 199 Sei­ten / 749 KB .

Neuerscheinung: Lexikon Kritische Diskursanalyse

Der neuste Band in der Edi­tion DISS im Unrast Ver­lag ist ab sofort lieferbar:

Sieg­fried Jäger / Jens Zim­mer­mann (Hg.) in Zusam­men­ar­beit mit der Dis­kurs­werk­statt im DISS
Lexi­kon Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse
Eine Werk­zeug­kiste

ISBN: 978–3-89771–755-8
Aus­stat­tung: br., 144 Sei­ten
Preis: 16.00 Euro
Edi­tion DISS Band: 26

Das Lexi­kon Kri­ti­sche Dis­kurs­ana­lyse führt mit annä­hernd zwei­hun­dert Begrif­fen in die theo­re­ti­schen und metho­di­schen Grund­la­gen der Kri­ti­schen Dis­kurs­ana­lyse (KDA) ein. Dar­über hin­aus will diese „Gemein­schafts­ar­beit“ der Dis­kurs­werk­statt auch zen­trale Gedan­ken­gänge dis­kurs­ana­ly­ti­schen und dis­kurs­theo­re­ti­schen Arbei­tens ver­mit­teln. Ein­ge­lei­tet wird der hun­dert­sei­tige Lexi­ko­n­ap­pa­rat durch einen Ein­füh­rungs­auf­satz, der das begriff­li­che Netz der KDA ent­fal­tet und so die Ein­ord­nung der Lexi­kon­ar­ti­kel in den theo­re­ti­schen Gesamt­kon­text erleich­tert. Es kann somit kom­ple­men­tär zur „Kri­ti­schen Dis­kurs­ana­lyse. Eine Ein­füh­rung“ gele­sen wer­den und so ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der Theo­rie­ar­chi­tek­tur und des metho­di­schen Vor­ge­hens ermög­li­chen.
Das Lexi­kon rich­tet sich neben Stu­den­tIn­nen und Leh­ren­den an „poli­tisch Prak­ti­zie­rende“ und ver­sucht, für dis­kurs­ana­ly­ti­sche Per­spek­ti­ven auf Poli­tik zu sen­si­bi­li­sie­ren. Die KDA stellt dabei das Rüst­zeug zur Ana­lyse gesell­schaft­li­cher Kon­struk­tio­nen wie z.B. „Gen­der“ oder „Eth­nie“ sowie hege­mo­nia­ler Iden­ti­tä­ten und Poli­tik­for­men zur Ver­fü­gung. Durch das auf diese Weise gewon­nene Ver­ständ­nis dis­kur­si­ver Pro­zesse kön­nen poli­ti­sche Akti­ons– und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men offen­ge­legt und — wo es Not tut — kri­ti­siert wer­den. Als ange­wandte Dis­kurs­theo­rie kann Dis­kurs­ana­lyse sich inter­dis­zi­pli­när kri­tisch mit gesell­schaft­li­chen Deu­tungs– und Wirk­lich­keits­pro­duk­tio­nen aus­ein­an­der­set­zen und es ermög­li­chen, Gegen­stra­te­gien zu hege­mo­nia­ler Poli­tik zu formulieren.

Netzfundstück: Rezension des Schobert-Bandes

Sebas­tian Fried­rich ver­öf­fent­lichte auf der Web­site der Statt­zei­tung für Süd­ba­den eine aus­führ­li­che Rezen­sion des Ban­des Alfred Scho­bert: Ana­ly­sen und Essays.

Brecht bezeich­nete jene Intel­lek­tu­elle, die sich aus Prag­ma­tis­mus an feti­schi­sier­ten Sach­zwän­gen ori­en­tier­ten und damit ihre poli­ti­sche Eman­zi­pa­tion auf­ga­ben, als „Kopf­lan­ger“ der herr­schen­den Klasse. Bei der Betrach­tung gegen­wär­ti­ger Debat­ten fällt auf, dass Brechts Beschrei­bung – nicht nur in Bezug auf Slo­ter­dijk – aktu­ell ist. Mal abge­se­hen von der Frage, was Intel­lek­tu­elle zu Intel­lek­tu­el­len macht, trifft sie jedoch nicht auf alle zu. Man­che “Intel­lek­tu­elle“ han­deln wider ver­meint­li­cher Wahr­hei­ten, spre­chen gewis­ser­ma­ßen gegen den Strich. Einer von ihnen war Alfred Scho­bert (1963–2006). Beim Unrast Ver­lag (Edi­tion DISS) erschien kürz­lich ein Sam­mel­band von 30 aus­ge­wähl­ten Tex­ten aus dem ful­mi­nan­ten Fun­dus von etwa 500 Ver­öf­fent­li­chun­gen Schoberts.[…]

Den voll­stän­di­gen Text der Rezen­sion fin­den Sie HIER: stattweb-Rezension: ‚Ana­ly­sen und Essays’ von Alfred Schobert

1. Mai: PRO-Zirkus in Solingen

Autor: Mar­tin Dietzsch

Wir wer­den die letzte Wahl­kampf­wo­che mit einem Pau­ken­schlag in der Klin­gen­stadt Solin­gen eröff­nen.“ Die „zen­trale Wahl­kampf­kund­ge­bung von pro NRW“ sollte am 1. Mai in Solin­gen statt­fin­den und „die letzte und alles ent­schei­dende Woche des Land­tags­wahl­kamp­fes“ ein­läu­ten. Glaubt man den Ver­laut­ba­run­gen der Bewe­gung im Inter­net, schrei­tet sie von Erfolg zu Erfolg voran zum „Tag der Abrech­nung“, umju­belt von der begeis­ter­ten Bevölkerung.

Foto: 1.5.2010, Bus mit Aufschrift "Kreuzzug für das Abendland"

Mit einem „Keuz­zug für das Abend­land“ droht der Pro-Brinkmann-Bus. Für Juden und alle ande­ren Gott­lo­sen und Ket­zer hat diese Parole einen ganz beson­de­ren Klang. Im Heck­fens­ter: Rechts­ra­di­kale, die sich hin­ter einer Israel-Fahne verstecken.

Foto: 1.5.2010 PRO Solingen - Totale

Höhe­punkt des „ful­mi­nan­ten“ (M. Bei­sicht) Land­tags­wahl­kamp­fes. Die Poli­zei will 70 Teil­neh­mer gezählt haben, rea­lis­tisch wäre wohl eher die Zahl 40. PRO machte dar­aus beschei­den 150.

Foto: 1.5.2010 Solingen, Rouhs verteilt JF

Es ist genug für alle da! Der Vor­sit­zende von „Pro Deutsch­land“, Man­fred Rouhs (ex-JU, ex-JN/NPD, ex-REP, ex-DLVH), ver­teilt Frei­ex­em­plare der „Jun­gen Frei­heit“ an die Teilnehmer.


Foto: Solingen 1.5.2010

Patrik Brink­mann sitzt in sei­ner alber­nen Brinkmann-Jacke mit Brinkmann-Aufschrift auf einer Bank. Im Hin­ter­grund: Gegen­de­mons­tran­ten. Im Vor­der­grund: ein alter Bekann­ter, mal wie­der auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld.

Pro NRW“ ist wahr­lich eine Rechts­par­tei Neuen Typs. Die gesamte Par­tei passt in einen ein­zi­gen Rei­se­bus. Und die Gegen­de­mons­tran­ten wer­den genial zer­mürbt durch geringe eigene Teil­neh­mer­zah­len. In einem Punkt hat die vir­tu­elle PRO-Erfolgsberichterstattung aller­dings Recht. Die Solin­ger Bevöl­ke­rung beglei­tete den Abzug der PRO­ler mit fröh­li­chem, spon­ta­nem Bei­fall. Aller­dings erklang dabei im Chor der Ruf „Auf Nimmer-Wiedersehen!“

Am 9. Mai wer­den wir sehen, ob der „rechts­po­pu­lis­ti­sche“ Dum­men­fang und der Appell an die nied­rigs­ten Instinkte Erfolg hat und die PRO-Schulden aus Steu­er­mit­teln begli­chen wer­den müssen.

Wei­tere Berichte aus Solin­gen fin­den Sie hier: Mit Deutsch­land­flagge und Wurst­stulle auf Kreuz­zug für das Abend­land und hier: Brau­nes Kurz­gast­spiel im bun­ten Solin­gen.

Brau­nes Kurz­gast­spiel im bun­ten Solingen